Thomas Rietzschel / 03.03.2017 / 16:30 / 6 / Seite ausdrucken

Ein Volk, ein Bundeskanzler, ein Märchenprinz

Die Märchenprinzen sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren: Helden, wie sie die Kinderbücher einst zeigten, schlank, mit edlen Zügen unter dem Barett, vornehm angetan mit einem Samtwams und weißen Strumpfhosen zu pludrigen Hot Pants. Vorbei, Tempi passati, es war einmal. Heute verführen andere Typen, Mannsbilder wie Martin Schulz, bei dessen Einmarsch auf dem Vilshofener Aschermittwoch der SPD die Genossen grölten: „Ich bin der Märchenprinz, Ma Ma Ma Märchenprinz“.

Johlend stand das Parteivolk auf den Bänken. Fehlte nur noch, dass die Mädels ihrem Idol die Undies zuwarfen, wie weiland als Mike Jagger den Groupies ohrenbetäubend einheizte. Schon damals gerieten die Massen außer Rand und Band, je lauter die „Stones“ auf ihre Instrumente einschlugen.

Nun ist der Kanzlerkandidat der SPD gewiss kein Musiker, nicht einmal ein schlechter. Insofern hinkt der Vergleich, zugegeben. Wohl aber verfügt der Mann über die seltene Begabung, die Menge bis zur Besinnungslosigkeit in seinen Bann zu schlagen. Da kann er es mit den herausragenden Demagogen des 20. Jahrhunderts locker aufnehmen.

Er ist wieder da

Er ist einer aus dem Geschlecht der „Cipollas“, der Knollen, von denen Thomas Manns Novelle „Mario und der Zauberer“ handelt, einer, dem die Leute alles abnehmen, was er ihnen suggestiv einpeitscht. Und je mehr seine Stimme dabei vibriert, kreischend anschwillt, desto mehr vertrauen sie ihm, mag er noch so großen Blödsinn erzählen, Wohlstand auf Teufel komm raus verheißen und sinkende Abgaben zugleich oder die Durchsetzung dessen, was es längst schon gibt, kostenlose Bildung für jedermann zum Beispiel.

Er muss nur versprechen, was sich alle irgendwie wünschen, um spontan beklatscht zu werden. Mit dem energischen Auftritt bringt er das Volk hinter sich. Nicht der Sinn der Worte, der Ton macht die betörende Musik. Das Tremolo, das in den Bauch dringt, wirkt mitreißend, bis die Vernunft auf der Strecke bleibt. Das versuchen zwar die meisten Politiker ebenso. Aber keiner hierzulande verfügt derzeit über die hypnotische Begabung eines Martin Schulz. Was den Typ anlangt, kann man sagen: Er ist wieder da. Und die SPD darf sich glücklich schätzen, ihn in ihren Reihen zu haben. Dem Volk indes müsste es kalt den Rücken herunterlaufen.

Der gute Populist

Doch soweit sind wir noch nicht. Im Gegenteil, ist doch sogar Der Spiegel, das Sturmgeschütz im Kampf gegen den Populismus, vor diesem Zauberer eingeknickt. In einem langen Kommentar erklärte uns das Magazin dieser Tage, wie glücklich wir uns schätzen dürfen, dass der populistisch begnadete Martin Schulz demnächst die Führung des Landes übernehmen könnte. Denn „Demokratie braucht Populismus“: „Indem er vielschichtige Probleme vereinfacht darstellt und ein Wir-Gefühl erzeugt, hilft er, die Gesellschaft zusammenzuhalten und den Staat handlungsfähig zu machen.“

Ein Volk, ein Bundeskanzler, ein Märchenprinz. Martin Schulz ante Portal, wenn auch ohne Samtwams und weiße Strumpfhosen. 

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Leserpost (6)
Helmut Driesel / 04.03.2017

Na ja, am Aschmittwoch ist alles vorbei - normalerweise. Der Herr Schulz ist in meinen Augen kein guter Redner, manche der Passagen, die er in den letzten Wochen abgespult hat, könnte auch die AfD in ihrem Wahlkampf verwenden. Die große Tragik seiner Person ist bisher nicht zutage getreten. Er wird entweder der Frau Merkel zu ihrer vierten Kanzlerschaft in einer großen Koalition verhelfen. Damit macht er sich endgültig zum Totengräber seiner geliebten SPD. Oder er wird in einer rotrotgrünen Stillhalterkoalition zum Verantwortlichen für das größte Desaster in der deutschen Nachkriegsgeschichte aufsteigen. Egal ob mit oder ohne bürgerkriegsähnliche Zustände. Wir Deutschen sind ja nicht gerade berühmt dafür, im aufrührerischen Eifer die Verantwortlichen aus den Ämtern zu prügeln. Es wird alles irgendwie duckmäuserischer zugehen als in anderen Ländern. Aber es wird geschehen. Was da übrig bleibt ist Schrott und Schutt. Es sei denn, die CDU liebäugelt im Geheimen schon mit der AfD und es ist längst klar, dass Frau Merkel in der Stunde der Wahrheit bescheiden zurück tritt. Und selbst das wäre keine hoffnungsvolle Lösung. Aber das sind wohl märchenhafte Wahnvorstellungen senil gewordener Philosophen. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Burkhard Minack / 04.03.2017

Der Hype um Schulz hat wenig mit ihm selbst zu tun, mit seiner zugegebermaßen rhetorischen Be- (Ver-?)schlagenheit. Nein, die Mönschen sind die Merkel leid. Das ist das ganze Geheimnis. Genauso, wie es (auf der anderen Seite des Spektrums) keinen Rechtsruck, sondern eine Linksflucht gibt. Wir dürfen weiter gespannt sein.

Geert Aufderhaydn / 04.03.2017

Den Bock zum Gärtner gemacht. Es geht eine Träne auf Reisen.

Edgar Ramelow / 04.03.2017

Mich wundert immer wieder, wie weit man es in diesem Land ohne grundlegende berufliche Ausbildung oder einen ordentlich ausgeübten Beruf bringen kann. Selbst akademische Titel verlieren mehr und mehr an Aussagekraft über die jeweilige Qualifikation unserer politischen “Elite”. Das betrübliche daran ist, dass es genau diese Menschen sind, die glauben den “Stein des Weisen” zu besitzen und das Maß aller Dinge zu sein. Na dann “Prost” Herr Schulz und “Mahlzeit” an alle Wähler und Nichtwähler.

Sepp Kneip / 03.03.2017

Ach Herr Rietzschel, warten wir doch mal ab, wie lange diese euphorisierte Hypnose anhält. Zunächst ist da eine Partei, die ins Bodenlose abgerutscht war und plötzlich Morgenluft schnuppert, sich herausgerissen fühlt aus diesem Tief. Man fällt auf die Knie, betet und schreit: Der Retter ist da. Retter? Was will dieser Mann namens Schulz denn retten? War er nicht in vorderster Front an den “Rettungs”-Aktionen für Euro und Griechenland beteiligt? Was ist daraus geworden? Die Schuldenberge immer höher und der Crash kurz vor der Tür. Nur noch krampfhaft zurückgehalten durch die “Rettungs”-Milliarden von Draghi. Ja, Schulz ist der Schuldenverteiler, nicht Schuldenabbauer, in der Euro-Zone. Für Deutschland hat er das größte Schuldenstück parat. Und “Flüchtlinge” konnte er nicht genug bekommen. Er tönte mit Merkel: Wir schaffen das. Das momentane Hoch für Schulz resultiert aus dem Glauben, eine Alternative für Merkel gefunden zu haben. Die SPD mag in noch so großer Euphorie schwelgen, die Ernüchterung wird kommen, wenn die Bürger merken, dass Schulz auf den Feldern, auf die es ankommt, gar keine Alternative zu Merkel ist, sonder die gleiche Politik vertritt. Man hat die Wahl zwischen Pest und Cholera. Also wählt man was anderes -  wenn man klug ist.

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