Vera Lengsfeld / 13.08.2016 / 09:11 / Foto: Tim Maxeiner / 10 / Seite ausdrucken

Ein unheimliches Echo am heutigen Jahrestag des Mauerbaus

Heute ist der Jahrestag des Mauerbaus. Vom 13. August 1961 an trennte eine tödliche Grenze die beiden deutschen Teilstaaten. Tödlich nicht für die „Faschisten“, die vom „Antifaschistischen Schutzwall“ abgehalten werden sollten, in der DDR ihr Vernichtungswerk zu tun, sondern tödlich für die Menschen, die den sozialistischen Staat verlassen wollten. Als der damalige Partei- und Staatschef Honecker im Januar 1989 verkündete, dass die Mauer noch 100 Jahre stehen würde, gab es keinen hörbaren Widerspruch.

Bekanntlich kam es anders. Das Volk der DDR brachte das Monstrum zum Einsturz. Wie sich schnell herausstellte, war das auch das Ende der DDR, die ohne Schusswaffengebrauch gegen ihre eigenen Bürger nicht bestehen konnte. Das schmerzt die ehemaligen Machthaber noch heute. Unterstützt von Steuergeldern der verhassten „imperialistischen BRD“ kämpfen sie um die Deutungshoheit über die Geschichte.

So auch heute wieder. Am Brandenburger Tor findet eine Gedenkfeier statt, die an die Mauertoten erinnern soll. Ausgerichtet wird sie von der Gedenkstätte im ehemaligen Stasigefängnis Hohenschönhausen und der UOKG, einem Dachverband der Vereine der ehemaligen politischen Gefangenen der DDR. Eröffnen wird die Veranstaltung der ehemalige politische Häftling und heutige Politiker Dieter Dombrowski, reden wird unter anderen Roland Jahn, der Bundesbeauftragte für die Stasiunterlagen. Den Abschluss bilden Erlebnisberichte ehemaliger Häftlinge, die wegen des Vergehens der „Republikflucht“ zum Teil jahrelang inhaftiert waren.

Wiederbelebte DDR-Propaganda: „Schuld am Mauerbau war die BRD“

Dagegen macht ein Verein „Unentdecktes Land e.V. “ Front.  Er hat zu einer Demonstration anlässlich des „55. Jahrestages der Sicherung der Staatsgrenze der Deutschen Demokratischen Republik“ auf dem Pariser Platz aufgerufen. In dem Aufruf heißt es, die Grenze sei gebaut worden, um die Freiheit der „jetzt herrschenden Kriegstreiber und Verelender“ zu beschneiden. Mit einem Großtransparent will der Verein „gegen die Verhöhnung der Opfer des Mauerfalls und gegen die deutschen Kriege und Kriegstreiber“ protestieren. In einem ergänzenden Text zur Aktion wird behauptet: „Schuld am Mauerbau war die BRD.“

Der Verein wurde angeblich von drei „unbescholtenen Bürgern“ gegründet, die eine Aktion zum 25. Jahrestag des Mauerfalls auf dem Alexanderplatz planten und durchführten. Interessant ist, dass man die Namen dieser „unbescholtenen Bürger“ nirgends findet. Die Website des Vereins gibt keinerlei Informationen, wer seine Gründer und Aktivisten sind. Bei Veranstaltungen tritt als einer der Sprecher dieses Vereins Johannes Oehme auf, Sohn des Chefs des Eulenspiegel-Verlages Matthias Oehme. Vater und Sohn haben es sich zur Lebensaufgabe gemacht, das Andenken der DDR vor der Verschmutzung durch  „Imperialisten“ zu bewahren. Johannes ist der Herausgeber eines Buches „Neues vom Hauptfeind – Zur Entwicklung des deutschen Imperialismus nach 1945“. Darin wird die antiimperialistische Propaganda der DDR wieder belebt. Erstaunlich, wie ein junger Mann sich unkritisch zum willigen Wasserträger der Ewiggestrigen macht.

Man muss nicht lange suchen, um die Hintermänner von „Unentdecktes Land“ zu finden. In einer Eröffnungsrede zur „Alternativen Einheitsfeier“ 2015 des Ostdeutschen Kuratoriums von Verbänden e.V. bedankt sich dessen Präsident Dr. Werner nicht nur bei den Geldgebern, der Linken und der Rosa Luxemburg-Stiftung (Steuergelder!), sondern verkündet auch, dass der Verein „Unentdecktes Land“ ihr Anliegen auf die Straße tragen würde. 

Was ist ihr Anliegen? „Verteidigung der Wahrheit über die DDR gegen den imperialistischen Einheitsstaat“. Das „politische und kulturelle Erbe der DDR“ soll fortleben. Nach dem ersten gescheiterten Versuch „eine gerechte und kritische Welt zu gestalten“ soll im zweiten Versuch endgültig „die sozialistische Zukunft der Völker“ erkämpft werden.

Für die politischen Gefangenen der DDR, deren Leben vom ersten sozialistischen Großversuch schwer beschädigt und teilweise zerstört wurde, ist der Auftritt von „Unentdecktes Land“ am heutigen Tag vor dem Brandenburger Tor eine besonders unerträgliche Provokation. Es wäre interessant zu wissen, ob die Kahane-Stiftung die Aktion unterstützt als ein Projekt im Kampf gegen Rechts. Schließlich sind der Verein und die hinter ihm stehenden Verbände ehemaliger DDR-Machthaber ja astreine „Antifaschisten“.

Der Text erschien zuerst auf meinem Blog "Freedom is not free" 

Foto: Tim Maxeiner

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Leserpost

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Bernd Fischer / 14.08.2016

Werter Alexander Zeiler, da muss ich mal wiedersprechen was die Entnazifizierung nach 45 betrifft. Auch die ist nicht gelungen, weil nach 45 die Marke Persil immer noch der Weltmarktführer blieb , weil so viel “Persilscheine” ausgegeben wurden, im noch nicht geteilten Deutschland. Das im Jahr 2016 immer noch SS-Schergen aus den KZ’s gefunden werden , bestätigt doch meine These das da was nicht geklappt hat. Und das die kommunistischen Beutel*****n so fröhlich weiterfeiern können, liegt doch am “Einigungsvertrag” der federführend von der Bundesrepublik ausgehandelt wurde.

Alfons Winkelmann / 14.08.2016

Ich habe darüber mit Leuten gesprochen bzw. zu diskutieren versucht, die ich eigentlich sehr nett finde und für ziemlich intelligent halte und die in Berlin wohnen (ich selbst wohne nicht dort). Das lief, zusammengefasst, auf Folgendes hinaus: Was die Presse schreibt (über die Linken), stimmt sowieso alles nicht. Das Gute der DDR darf durchaus benannt werden. Wie, die wollen die Mauer verteidigen? Das kann nicht sein. Dann ging es nahtlos weiter zu den Hausbesetzungen: Die Autos, die angezündet werden, das machen die Faschisten (oder Nazis, je nach dem), die mit der Polizei unter einer Decke stecken. Die Polizei ist mit 400 Leuten angerückt, um u.a. auf kleine Kinder einzuprügeln. Die Hausbesetzer verteidigen sich nur gegen die Miethaie. Was letztere machen, ist schließlich illegal, das weiß man. Wenn die betreffenden Personen wählen könnten (keine deutsche Staatsangehörigkeit), würden sie die Linken wählen. Seitdem spreche ich politische Themen in deren Beisein nicht mehr an. Über einen gelungenen Apfelkuchen zu reden, ist ja auch ganz schön. Und irgendwo sind sie ja alle sehr nett.

Rudi Knoth / 14.08.2016

Sehr geehrte Frau Lengsfeld: Dies ist ja noch krasser, als die Thesens der DKP vor 40 Jahren. Diese Leute hatten ja nur behauptet, dass durch die Massenflucht die DDR ausgeblutet werde. Vor Allem waren unter den “Republikflüchtigen” viele Akademiker wie etwa Ärzte.

Rudolf Dietze / 13.08.2016

Ich fürchte, die Literatur des Parteilehrjahres der SED wird weiter gegeben. Die Parteilehrjahre, der Staatsbürgeruntericht und die einseitige Indoktrination scheinen tiefe Spuren in manchen Köpfen hinterlassen zu haben. @ Jens Richter: Die regierende FDJ Sekretärin war 1986 zu einem Studienaufenthalt an der UNI in Karlsruhe!!  1986 - NSW (nicht sozialistisches Wirtschaftsgebiet) Kader?  Das waren damals nur 1000% e.

Marion Köhler / 13.08.2016

Was sich innerhalb eines Jahres so alles ereignet hat, läßt politisch interessierte Menschen nicht zur Ruhe kommen. Besonders entsetzt kann man sein, wenn die gebildete Jugend der Utopie des Sozialismus auf der ganzen Welt entgegenfiebert und ihren vermeintlichen Feinden verbissen und voller Hass gegenübertritt. Sie sind gegen den Schutz von Grenzen, sie glauben, dass alle Menschen zum Gutsein bekehrt werden können, wenn es keine Waffen mehr gibt und jeder genug zu essen hat. So ist aber die Realität nun einmal nicht. Doch wenn man selbst in einem Elfenbeinturm von Kindesbeinen an gelebt hat, ist es schwer sich der Wirklichkeit zu stellen. Daher mißtraue ich aus Erfahrung diesen jungen Menschen , denn sie lassen sich manipulieren. Eine zweite DDR möchte ich nicht erleben.

Michael Scheffler / 13.08.2016

Herr Driesel, wenn Sie das bei jedem (Anti)-Nazi-Film, der im Fernsehen läuft, auch so denken, ist das in Ordnung. Aber leider wird relativiert, was die Diktaturen das 20. Jahrhunderts angeht. Und da sind Beiträge wie der von Frau Lengsfeld ganz wichtig.

Andreas Rochow / 13.08.2016

Man muss befürchten, dass die “endgültige sozialistische Weltrevolution 2.0”, ihren Ausgang von der ach so toleranten Bundesrepublik Deutschland ausgehen wird. Jeder Verstoß gegen Menschenrecht und jeder Mauertote ist nach Lesart des “Unentdecktes Land e.V.” ein Schritt in die richtige, weil linke Richtung? Wie krank ist eigentlich unser Vereinsrecht und wie lange soll sich der Steuerzahler das noch bieten lassen?

Jens Richter / 13.08.2016

Das “lebendige Andenken an die DDR” ist quicklebendig. Da braucht’s keinen Verein mehr. Es wird überall geschnüffelt und ausgespäht, die “richtige Gesinnung” wird überprüft, Abweichler werden sozial und beruflich vernichtet. Die SEDierung der Bundesrepublik hat längst stattgefunden. Ob Margot Honecker der regierenden FdJ-Sekretärin das Versprechen abgenommen hat, die BRD abzuschaffen und der DDR (II) zum Sieg zu verhelfen? Verschwörungsquark? Wahrscheinlich, aber was in Deutschland so abläuft, macht schon stutzig. Und zornig.

Helmut Driesel / 13.08.2016

Und ich habe gestern abend noch gedacht: Morgen ist 13. August, da kommt wieder Geschnetzeltes aus der Gefängnisküche, für das sich kein Schwein mehr interessiert. Die größte Gefahr ist offenbar, wenn jetzt ganz unbefangene junge Leute selber denken wollen, was sie von diesem oder jenem System halten wollen. Man muss einfach darauf vertrauen, dass die wissen, wie sehr man sie von allen Seiten manipulieren und vor den Karren spannen möchte. Erinnern Sie Sich doch mal, sehr geehrte Frau Lengsfeld, haben wir uns vor über 40 Jahren von Rentnern erklären lassen, was wir denken sollen?

Alexander Zeiler / 13.08.2016

Wenn das auf mich, als Anfang 40er, in der BRD sozialisierten, verstörend wirkt, wie muss ein solcher “politischer Aktivismus” erst auf die Opfer des Unmenschsystems DDR wirken? Die Idee und Durchführung der Entnazifizierung nach 45 hätte von der Grundidee her nach dem Mauerfall und der Wiedervereinigung auch auf DDR Täter Anwendung finden müssen. Dieses Versäumnis rächt sich heute, zwar nur als ein Versäumnis von vielen, aber wie hätte sich Deutschland in den letzten 25 Jahren entwickeln können? Dieses Versäumnis wäre wegweisend gewesen. Hätte, hätte Fahrradkette.

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