Die Last des Amtes drückt nun auch auf die schmalen Schultern eines Hobby-Epidemiologen. Als hätte der nicht schon genug Verpflichtungen! Folgen wir Karl L. durch einen ganz gewöhnlichen Tag...
Es war noch finster draußen, als Karl schweißgebadet aus unruhigen Träumen erwachte. Wie üblich hatte er sich nur drei Stunden Schlaf gegönnt, und die Albträume, aus denen er hochgeschreckt war, waren wirklich furchtbar gewesen: Zunächst hatte er in Amerika in einer Podiumsdiskussion mit Prof. John Ioannidis gesessen und war vom Publikum schallend ausgelacht worden. Dann hatte er sich selbst dabei zugesehen, wie er sein Feldbett im Studio von Markus Lanz zusammenklappte und niedergeschlagen dem Ausgang zustrebte, den Blick aufs Smartphone gerichtet, doch es fand sich keine einzige Interviewanfrage im Mail-Ordner. Offenbar war die Pandemie vorbei. WTF?! Karls Herz klopfte schneller, ihm wurde heiß und kalt – dann das jähe Aufwachen. Karl tastete nach dem Radio und schaltete es ein. Die neuesten, sinnlosen Inzidenzzahlen als erste Meldung, Vergleiche zur Vorwoche. Das beruhigte ihn wieder. Als der Hit „Salt" angekündigt wurde, schüttelte er sich und schaltete rasch das Radio ab.
Noch auf der Bettkante sitzend, ging der frischgebackene Minister seinen Plan für die Woche durch: Heute war Montag, also musste er am Nachmittag zu Plasberg aufbrechen. Mittwoch Maischberger, Donnerstag Illner, Sonntag Anne Will, wie gehabt. Dazwischen musste er noch zweimal Lanz unterbringen, aber dafür ließ sich sicher der eine oder andere Termin absagen. Prioritäten, dachte Karl. So wichtig. Die Bekämpfung der Pandemie nahm ihn nunmehr seit fast zwei Jahren in Beschlag, er hatte sich im Überschwang nicht selten zu steilen Thesen verstiegen. Von Feinstaub, der sich im Gehirn ablagerte und zu schlechten Schulnoten führte. Von Aerosolen, die sich im Krankenhaus über die Toilettenspülung verbreiteten. Er musste aufpassen, war schon öfter in den Tüddel gekommen, hatte sich selbst ständig widersprochen, so manche unhaltbare Behauptung aufgestellt. „Diejenigen, die jetzt auf Intensivstationen behandelt werden, sind im Durchschnitt 47 bis 48 Jahre alt. Die Hälfte von denen stirbt. Viele Kinder verlieren ihre Eltern. Das ist eine Tragödie“, hatte er mal bei Illner gesagt – zugegeben, ohne jede empirische Grundlage – und hinterher zerknirscht eine „Fehleinschätzung“ einräumen müssen. Beim ersten Mal tat’s noch weh, danach gewöhnte er sich daran, wirr daherzureden, und das Publikum tat es auch. Nur gut, dass diese Pressefritzen stets lammfromm abnickten, was er da ins Blaue emittierte.
Sieben Prozent der Kinder entwickeln Long Covid-Symptome… Die UEFA ist für viele Tote verantwortlich… Ich muss eine Nacht im Club sein, um in drei Wochen an Covid zu sterben… Die Pharmafirmen werden mit Impfstoffen nicht reich… Solche Aussagen hätten die ihm früher um die Ohren gehauen. Vorbei, zum Glück. Seit Reichelt aus dem Spiel war, feierte ihn sogar die BILD. Da hatten sich die langen Zugfahrten, die vielen Abende in den Talkshows und das frühe Aufstehen für Interviews im Qualitätsfernsehen doch gelohnt! Noch knapp 15 Minuten übrigens, dann würde er im Morgenmagazin zugeschaltet. Bis dahin könnte er noch ein, zwei warnende Tweets absetzen und die neue, gut gemachte Studie aus Großbritannien überfliegen.
Parfümierte Briefe, nie beantwortet
Kurze Katzenwäsche im Bad. Zahnpflege wird auch überschätzt, dachte Karl. Die Pandemie überschattet nun mal alles. Zwar hatte ihm die Ernennung zum Gesundheitsminister durchaus geschmeichelt, andererseits musste er sich nun hin und wieder im Ministerium blicken lassen, das könnte ihm den ganzen Zeitplan zerschießen. Aber musste er sich denn um alles kümmern? Wozu gab es denn Staatssekretäre? Die konnten doch auch mal was tun für ihr Geld! Er hatte doch weiß Gott schon genug Verzicht geübt, auch im Privatleben, war nicht einmal dazu gekommen, die parfümierten Briefe zu beantworten, die ihm Verehrerinnen waschkörbeweise schickten. Einmal hatte er schon den Kugelschreiber in der Hand, doch dann rief Lanz an…
Noch vier Minuten bis zum moma-Interview. Was sollte er jetzt zur Impfpflicht sagen? Irgendwie musste doch halbwegs Stringenz rein in die Argumentation. „Ich glaube nicht, dass wir es ohne die Impfpflicht schaffen, sonst verlieren also immer wieder diejenigen, die sich haben impfen lassen, einen Teil ihres Impfschutzes und infizieren diejenigen, die noch ungeimpft sind, sodass wir erneut eine Welle haben“, hatte er neulich bei Phoenix geschwurbelt, verfluchter Freud, dafür war er wieder verhöhnt worden von den Hetzern in den asozialen Netzwerken. So ging das also nicht. Aber woher sollte er denn wissen, wie gefährlich die neue Mutation wirklich war? Vorsicht ist die Mutter also der Porzellankiste, dachte Karl. Das muss die Linie sein. Noch einmal einige Monate oder Jahre also die Maßnahmen befolgen und boostern, boostern, boostern, denn die Impfstoffe, die sehr gut wirken, verlieren, äh, also ihre Schutzwirkung nach einiger Zeit, deshalb müssen wir also… Oje, 5.52 Uhr, er musste auf Sendung. Karl seufzte.
Dental nicht so gut drauf
Irgendwie war es nicht gut gelaufen. Die Schnake im Studio hatte noch weniger Ahnung als er und stellte keine dummen Nachfragen, aber dennoch war Karl nicht zufrieden mit sich. Einerseits den zupackenden Macher zu geben, der die Pandemie in den Griff kriegen konnte, andererseits die Leute darauf vorzubereiten, ewig mit Masken und Gedöns zu leben, während andere Länder schon vor vielen Monaten ihren Freedom Day gefeiert haben – das war ein Spagat, den auch er nicht so einfach hinkriegen konnte. Selbst ihm wäre es zu blöd gewesen, zu behaupten, dass Omikron in verschiedenen Ländern ganz unterschiedlich wirkt, das hatte Dr. Drosten für ihn übernommen. Unter normalen Umständen hätte man Experten wie ihn längst in die Wüste gejagt, aber es waren eben ganz andere Zeiten, dachte Karl. Und er würde dafür sorgen, dass sich das so schnell nicht ändern würde.
Noch eine Viertelstunde, dann klingelte der Chauffeur, um ihn zum Ministerium zu kutschieren. Dieser Laden nervte Karl jetzt schon. Kurz überlegte er, sich krankzumelden, aber dann könnte er nicht am selben Abend putzmunter bei Plasberg aufkreuzen. Es war ein Elend. Karl räumte die Weinflaschen vom Abend weg und gönnte sich eine Tafel dunkler Schokolade und einen Kaffee. Diese Kombination hatte er in einem Video mal für seinen prekären dentalen Zustand verantwortlich gemacht, und mittlerweile glaubte er selbst daran. Es hatte sich so vieles verselbständigt, dachte er. Also jetzt mal rein aus epidemiologischer Sicht… – oh nein, jetzt kreuzten auch noch die eigenen Floskeln seine Gedankengänge! Ich sollte mehr also schlafen, murmelte Karl vor sich hin.
Die beiden Sitzungen im Ministerium saß er einfach aus. Obwohl nie ein großer Esser, war er erleichtert, als die Lunchzeit begann. Lachsfisch und andere fischvegetarische Gerichte, das war genau sein Ding. Danach ein Interview für BILD TV und später noch eines in „heute“. Zum Kaffee mit zwei, drei Riegeln dunkler Schokolade konnte er ja nochmal kurz in die neueste Studie aus Israel schauen. Dort kamen offenbar auch langsam Zweifel an der Wirksamkeit der Impfstoffe auf. Egal, das kann man nicht so einfach auf unsere Verhältnisse übertragen, sinnierte Karl. Wir warten weitere Studien ab, müssen erstmal also auf Sicht fahren…
Keine falsche Ausgewogenheit im Studio
15.24 Uhr. Berlin Hauptbahnhof. Diesmal wurde „hart aber fair“ in Köln aufgezeichnet, die längere Zugfahrt hatte ihm immerhin den vorzeitigen Feierabend im Ministerium ermöglicht. Nur 40 Minuten Verspätung, er hatte wirklich Glück. Fröstelnd wartete Karl am Bahnsteig, warnte kurz bei Twitter, scrollte zwischen Rolltreppe und Wagenstandsanzeiger durch eine neue, gut gemachte Studie aus Harvard. Dann die traditionelle Durchsage: geänderte Wagenreihung! Karl sprintete keuchend zum anderen Ende des Bahnsteigs, während der ICE bereits einrollte.
Als Plasbergs Büro anrief, hatte er sich vorsorglich erkundigt, wer denn noch eingeladen sei. Priesemann, Söder, Sascha Lobo, die Ethik-Büchse. Keine Gefahr also. Nicht, dass er befürchtet hatte, sich mit diesem Wolfgang Wodarg auseinandersetzen zu müssen, aber sicher war sicher. Man würde unter sich sein, den Abweichlern keine Bühne bieten. Keine false balance! Gut so! Mit seinem eigenen rheinischen Singsang wiegte er sich in ein verdientes Powernapping. Der Rest der Reise verging wie im Flug von Ursula von der Leyen von Wien nach Bratislava, die Schalte zum ZDF war ein Klacks. Im Taxi vom Kölner Hauptbahnhof zum WDR las Karl noch eine aktuelle Studie aus Neuseeland quer und kopierte sich aufs Geratewohl zwei Zitate raus, mit denen er bei Plasberg Eindruck schinden konnte.
22.02 Uhr. War der Rotwein im Bordrestaurant schuld? Er hatte mit schwerer Zunge allerlei krudes Zeug gelallt, willkürliche Zahlen aus dem Hut gezogen, gewarnt vor also einer gefährlichen Entwicklung, derer man nur also mit wöchentlichen, besser täglichen Auffrischungsimpfungen, Ganzkörperschutzanzügen und also strenger Einzelhaft für getestete und genesene Geimpfte UND Ungeimpfte würde Herr werden können, jedenfalls die nächsten – überschaubaren – acht bis zehn Jahre. Die anderen aber hatten nur zustimmend genickt. Und auch der „Faktencheck“ fiel gewohnt wohlwollend aus. Et hätt‘ noh emmer jotjejange…
Karl wankte aus dem Scheinwerferlicht. Draußen wartete das Taxi, das ihn erst ins Brauhaus Pütz, später ins Hotel bringen würde. Er schnallte sich seine FFP2-Maske vors Gesicht und strebte dem hellelfenbeinfarbenen Mercedes zu. Durchs Seitenfenster musterte ihn der gleichfalls maskierte Fahrer mit missmutigem, ja verächtlichem Blick. Er hat mich also gleich erkannt, dachte Karl.
Beitragsbild: Martin Kraft CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

Da will man einmal anständig frühstücken und dann ist der Wein alle.
Er hat viel Ähnlichkeit mit einer Katze, die faucht und buckelt, wenn sie ihr eigenes Spiegelbild sieht…
Wenn ich diesen unterbelichteten Selbstdarsteller sehe, wächst mir eine Feder am Hut. Bevor der Rest meiner Meinung der Zensur zum Opfer fällt, endet es hier.
Bitte eine Gabel zum Kitzeln!