Eigentlich waren Christian die grünen Zausel zuwider. Aber jetzt saß er mit ihnen am Kabinettstisch. Und warum? Weil er sich mal wieder umentschieden hatte. Sein altes Problem.
Seit einer Viertelstunde stand Christian vor dem Spiegel. Er sah gut aus, wie immer. Wie aus dem Ei gepellt. Nicht so nachlässig gekleidet wie die grünen Schießbudenfiguren und die grässlichen Sozen, mit denen er heute wieder in der Kabinettsrunde würde sitzen müssen. Die Garderobe hatte er schon am Vortag rausgelegt, musste sich jetzt nur noch entscheiden, welche Krawatte er zum hellblauen Hemd tragen sollte.
„Nur noch“. Hm. Leichter gesagt als getan. Er hasste es, sich entscheiden zu müssen, hatte es schon als Kind gehasst, wenn seine Mutter ihn immer wieder vor die Wahl stellte: Möchtest du den Bärchen- oder den Dino-Schlafanzug anziehen? Draußen spielen oder die Sendung mit der Maus gucken? Vanille- oder Schokoladeneis? Später hatte er erst den Wehrdienst verweigert, dann eine Karriere als Reserveoffizier der Bundeswehr begonnen. Zuletzt war er erst gegen die Impfpflicht gewesen, dann wusste er nicht mehr so recht. Würde ihn ein Interviewer mal nach seiner Lieblingsfarbe fragen, wäre seine Antwort: kariert. Immer auf der sicheren Seite bleiben. Wie neulich, als er sich Corona eingefangen und getwittert hatte, er habe „dank dreier Impfungen nur leichte Erkältungssymptome". In Wahrheit wusste er natürlich, dass er auch ohne Impfung kaum an Omikron verreckt wäre, aber so ein Statement kam einfach besser an.
Sein Blick wanderte zwischen dem roten und dem rostbraunen Schlips hin und her. Schwierig. Aber wenn er ein weißes Hemd anziehen würde, kämen noch mehr Farben infrage. Christian stand mittlerweile der Schweiß auf der Stirn. Dann beschloss er, den Kulturstrick ganz wegzulassen. Heute mal mit offenem Hemd. Wirkte ohnehin lässiger, frischer. Er war ja noch jung, er durfte das.
Einen Espresso schlürfend, ließ Christian den Blick über seine lichtdurchflutete 171-Quadratmeter-Wohnung schweifen. Er war doch ganz froh, dass er nicht mehr mit dem Jens in der Talkshow sitzen musste, hatte sich zuweilen mehrfach auf die Zunge beißen müssen. Aber wer legt sich schon mit seinem Vermieter an? Es war ihm ja immer noch ein bisschen peinlich, der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung erzählt zu haben, dass er das von Jens übernommene Bücherregal hatte erweitern müssen. Der Jens sah ja lieber fern und wenn er las, dann am liebsten in seinem Sparbuch.
Jetzt saß er mit den Spackos am Kabinettstisch
Im Dienstwagen dachte Christian wieder einmal über sein Hauptproblem nach. Einerseits – andererseits. Eigentlich war er ja gegen Ausstieg aus Kohle und Kernkraft, wollte den Windenergie-Ausbau bremsen, fand die Klimahüpfer von Fridays vor Future albern, denen die anderen verzückt hinterherliefen. Er hatte sich klar gegen „Klimaschutz mit Askese, Verbot und Verzicht“ ausgesprochen, rhetorisch brillant geunkt, so werde Deutschland vielleicht „Moral-Weltmeister“, würde aber auf diesem Wege allein bleiben. Den Grünen hatte er vorgeworfen, mit rigoroser Einseitigkeit eine Deindustrialisierung zu forcieren, den Kulturkampf gegen das Auto fortsetzen und den Menschen eine andere Lebensweise diktieren zu wollen.
Jetzt saß er mit den Spackos am Kabinettstisch. Arbeitete mit Leuten zusammen, die die Deindustrialisierung „ökologischen Umbau der Industriegesellschaft“ nannten und heftig vorantrieben, bis zum bitteren Ende. Zwar hatte er noch vor zweieinhalb Jahren gesagt, er halte ein rasches und generelles Verbot von Benzin- und Dieselmotoren für schädlich, jetzt musste er die Politik von Leuten mittragen, die von Lastenfahrrädern als Fortbewegungsmittel der Zukunft träumten.
Und warum? Weil er sich mal wieder umentschieden hatte. „Es ist besser, nicht zu regieren, als falsch zu regieren!“, hatte er damals gesagt, als er die Jamaika-Koalition platzen ließ. Ein Satz für die Ewigkeit, den ihm die Journos immer noch übelnahmen. Na und? Jetzt sah er es eben andersherum. So ist das Leben, tröstete sich Christian, mal ist es so, mal so. Immerhin war er jetzt Finanzminister. Wobei: Früher hatte er eine „Rückkehr zu soliden Staatsfinanzen“ und die „Entlastung der Mitte der Gesellschaft“ angemahnt, jetzt machte er Schulden über Schulden. Schön war das nicht.
Zum Glück war er kreativ, hatte sich für die von Olaf angekündigten zusätzlichen 100 Milliarden für die Bundeswehr den Begriff „Sondervermögen“ einfallen lassen, als habe sich plötzlich ein reicher Erbonkel aus Amerika gemeldet oder als sei in Entenhausen ein verlassener Geldspeicher entdeckt worden. Die Summen, mit denen er jetzt hantierte, waren schon abenteuerlich. Das konnte alles nicht gutgehen, das war so sicher wie Annalenas nächster Versprecher. Er musste die Leute langsam darauf vorbereiten, ihnen nicht gleich sagen, dass sie als Rentner demnächst fast alle Fensterkitt würden fressen müssen. So hatte er einstweilen von einem „allgemeinen Verlust an Wohlstand“ gesprochen. Reden konnte er, dachte Christian zufrieden.
Mehrheitsbeschaffer für Rot-Grün, ätzend
Kabinettssitzung. Wie immer rätselte Christian, was Olaf ihnen eigentlich sagen wollte. Er hatte das so verstanden, dass alles schon „liefe“ und sie irgendwie weitermachen sollten. Für ihn kein Problem, er wusste, was er tat, aber er fragte sich schon, ob das auch für die hilflose Verteidigungsministerin galt. Von dem Irren gar nicht zu reden, der verstieg sich schon wieder in Phantasien über irgendwelche Killervirusvarianten, die im Herbst drohten. Und am Tag darauf würde es noch schlimmer kommen: Er würde mit Ralle Stegner in einer Talkshow sitzen. Ein echter Primitivo, dachte Christian. Was war der Unterschied zwischen Ralle und einem weißen Hemd? Mit einem weißen Hemd konnte man überall hingehen.
Die schlechte Gesellschaft, in der er hier verkehrte, schmerzte ihn schon. Mehrheitsbeschaffer für Rot-Grün, davon hatte er nicht wirklich geträumt. Eigentlich würde er lieber mit Fiete koalieren, aber das reichte ja auch nicht, sie mussten die Liegeradfahrerpartei so oder so mit in die Regierung holen. Vielleicht würden die nächsten Wahlen ja eine neue Option eröffnen. Erneut stieg Unruhe in ihm auf. Er würde dann wieder eine Entscheidung treffen müssen...
Nach dem Termin mit seinen Ministerialbeamten fuhr er zum Flughafen. Es ging wieder mal nach Brüssel, Meeting mit Lagarde. Christians Miene verdüsterte sich. Viel lieber würde er zum Fischen rausfahren, er besaß ja einen Fischereischein. Und Jäger war er auch, weshalb ihn die grünen Zausel umso mehr hassten. Na wenn schon, dachte Christian, wenn es nach ihm ginge, würde er sogar zum Dynamitfischen gehen, aber wenn das rauskäme, wäre seine Karriere vorbei. Man durfte es sich nicht mit allen verscherzen, es hatte ihn schon gewurmt, dass ihm das Feministinnen-Blatt Emma den Schmähpreis Sexist Man Alive verliehen hatte, für eine launige Bemerkung. Lächerlich.
Am Airport angekommen, ließ sich Christian in der VIP-Lounge nieder. Vor dem Abflug noch ein Heißgetränk, das wär‘s. Nur welches? Ausgiebig studierte er die Karte. Eine Kellnerin näherte sich. „Kaffee oder Tee?“ Christian wurde nervös, überlegte eine gefühlte Ewigkeit. Dann hatte er die Lösung: „Ach, wissen Sie was? Machen Sie doch halb und halb!“
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Herr Lindner ist ein hervorragendes Beispiel für alle PilotologDrinnen 1 Der Mann beherrscht die Kunst der politischen Flexibilität. Wahlversprechen? Parteiprogramme? Die Macht zählt, nichts als die Teilhabe an der Macht. Hör ich da „Politikverdrossenheit“?
Lindner steht symbolhaft für die ganze Partei. Viele haben (wieder) FDP gewählt, weil ihnen die Union zu weit nach links ausgeschert war. Und jetzt haben wir eine sozialistische Regierung unter Beteiligung der FDP. Schon wieder umgefallen. Lindner hätte besser auf eine Beteiligung an dieser Regierung verzichten sollen und damit den Willen der Mehrheit seiner Wähler respektiert.
Einfach nur köstlich … :-)))
Früher hatte die FDP wenigstens noch echte „Schwätzer“ , Ingrid Adam-Schwaetzer ! Heute nur noch peinliches Gesinde. Was die Ampel so alles nach oben gespült hat, einfach grauenhaft. Eine Strack-Zimmermann kann man eigentlich nur als Loriot-Parodie begreifen, „Die Liberalen sind im liberalen Sinn liberal“…….
Könnte mir vorstellen, daß sog. Kabarettisten heimlich die Achse lesen und bei diesem Artikel vor Neid cringen. Spitze. Natürlich, als Bonuseffekt, auch wieder etliche Kommentare.
Hauptsache bella Figura . Traumhochzeit mit schicker, neuer Braut, demnächst in Italia.
Prunk und Protz.
Ein Normalbürger könnte sich vom Blumenschmuck vermutlich jahrelang ernähren.
Sollen die doch sonstwas fressen und frieren.
Nichts Neues in Doofland. Die FDP war immer eine Umfallerpartei, die stets den feuchten Finger in den Wind hielt, um die „ richtige politische Entscheidung“ zu treffen. Gnadenloser Opportunismus galt von jeher als Markenzeichen dieses Vereins. Da macht der eitle Krischan keine Ausnahme. Dieser Schnösel mit dem Sonnenbank-getönten Teint ist eine Witzblattfigur. Wenn er mit erhobener Stimme nichtssagende Statements formulierend den großen Staatsmann mimt, könnte ich mich wegschmeißen vor lauter Lachen. Irgendwo habe ich gelesen, dass die Koalitionäre FDP und Grüne des Herrn Scholz diese total unfähige Regierung verlassen sollten, damit Neuwahlen stattfinden können. Wie naiv muss man sein, um so etwas zu fordern. Dann wäre es doch ein für alle Male aus mit den schönen Pöstchen, den Dienstwagen und anderen Privilegien. Denn darum geht es unseren charakterlosen Politclowns letztlich. Verantwortung? Die war gestern und passt nicht ins Weltbild dieser Totalversager ohne Ausbildung. Ich kenne Leute, die die FDP bei der letzten Bundestagswahl zähneknirschend gewählt haben, weil sie sich ein liberales Gegengewicht zu Sozi/Grün wünschten. Hahaha, dumm gelaufen. Aber wer hätte etwas anderes von den Illiberalen erwartet, die bei der nächsten BTW ihr Waterloo erleben werden. Da rafft man doch beizeiten noch das zusammen. was sich bietet. Ehe ich es vergesse: Danke, Herr Casula, für Ihre äußerst zutreffende Analyse eines führendenden Besatzungsmitglieds auf dem sinkenden Narrenschiff D.