Claudio Casula / 24.04.2022 / 10:00 / Foto: Imago / 52 / Seite ausdrucken

Ein Tag im Leben des Christian L.

Eigentlich waren Christian die grünen Zausel zuwider. Aber jetzt saß er mit ihnen am Kabinettstisch. Und warum? Weil er sich mal wieder umentschieden hatte. Sein altes Problem.

Seit einer Viertelstunde stand Christian vor dem Spiegel. Er sah gut aus, wie immer. Wie aus dem Ei gepellt. Nicht so nachlässig gekleidet wie die grünen Schießbudenfiguren und die grässlichen Sozen, mit denen er heute wieder in der Kabinettsrunde würde sitzen müssen. Die Garderobe hatte er schon am Vortag rausgelegt, musste sich jetzt nur noch entscheiden, welche Krawatte er zum hellblauen Hemd tragen sollte.

„Nur noch“. Hm. Leichter gesagt als getan. Er hasste es, sich entscheiden zu müssen, hatte es schon als Kind gehasst, wenn seine Mutter ihn immer wieder vor die Wahl stellte: Möchtest du den Bärchen- oder den Dino-Schlafanzug anziehen? Draußen spielen oder die Sendung mit der Maus gucken? Vanille- oder Schokoladeneis? Später hatte er erst den Wehrdienst verweigert, dann eine Karriere als Reserveoffizier der Bundeswehr begonnen. Zuletzt war er erst gegen die Impfpflicht gewesen, dann wusste er nicht mehr so recht. Würde ihn ein Interviewer mal nach seiner Lieblingsfarbe fragen, wäre seine Antwort: kariert. Immer auf der sicheren Seite bleiben. Wie neulich, als er sich Corona eingefangen und getwittert hatte, er habe „dank dreier Impfungen nur leichte Erkältungssymptome". In Wahrheit wusste er natürlich, dass er auch ohne Impfung kaum an Omikron verreckt wäre, aber so ein Statement kam einfach besser an.

Sein Blick wanderte zwischen dem roten und dem rostbraunen Schlips hin und her. Schwierig. Aber wenn er ein weißes Hemd anziehen würde, kämen noch mehr Farben infrage. Christian stand mittlerweile der Schweiß auf der Stirn. Dann beschloss er, den Kulturstrick ganz wegzulassen. Heute mal mit offenem Hemd. Wirkte ohnehin lässiger, frischer. Er war ja noch jung, er durfte das.

Einen Espresso schlürfend, ließ Christian den Blick über seine lichtdurchflutete 171-Quadratmeter-Wohnung schweifen. Er war doch ganz froh, dass er nicht mehr mit dem Jens in der Talkshow sitzen musste, hatte sich zuweilen mehrfach auf die Zunge beißen müssen. Aber wer legt sich schon mit seinem Vermieter an? Es war ihm ja immer noch ein bisschen peinlich, der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung erzählt zu haben, dass er das von Jens übernommene Bücherregal hatte erweitern müssen. Der Jens sah ja lieber fern und wenn er las, dann am liebsten in seinem Sparbuch. 

Jetzt saß er mit den Spackos am Kabinettstisch

Im Dienstwagen dachte Christian wieder einmal über sein Hauptproblem nach. Einerseits – andererseits. Eigentlich war er ja gegen Ausstieg aus Kohle und Kernkraft, wollte den Windenergie-Ausbau bremsen, fand die Klimahüpfer von Fridays vor Future albern, denen die anderen verzückt hinterherliefen. Er hatte sich klar gegen „Klimaschutz mit Askese, Verbot und Verzicht“ ausgesprochen, rhetorisch brillant geunkt, so werde Deutschland vielleicht „Moral-Weltmeister“, würde aber auf diesem Wege allein bleiben. Den Grünen hatte er vorgeworfen, mit rigoroser Einseitigkeit eine Deindustrialisierung zu forcieren, den Kulturkampf gegen das Auto fortsetzen und den Menschen eine andere Lebensweise diktieren zu wollen.

Jetzt saß er mit den Spackos am Kabinettstisch. Arbeitete mit Leuten zusammen, die die Deindustrialisierung „ökologischen Umbau der Industriegesellschaft“ nannten und heftig vorantrieben, bis zum bitteren Ende. Zwar hatte er noch vor zweieinhalb Jahren gesagt, er halte ein rasches und generelles Verbot von Benzin- und Dieselmotoren für schädlich, jetzt musste er die Politik von Leuten mittragen, die von Lastenfahrrädern als Fortbewegungsmittel der Zukunft träumten.

Und warum? Weil er sich mal wieder umentschieden hatte. „Es ist besser, nicht zu regieren, als falsch zu regieren!“, hatte er damals gesagt, als er die Jamaika-Koalition platzen ließ. Ein Satz für die Ewigkeit, den ihm die Journos immer noch übelnahmen. Na und? Jetzt sah er es eben andersherum. So ist das Leben, tröstete sich Christian, mal ist es so, mal so. Immerhin war er jetzt Finanzminister. Wobei: Früher hatte er eine „Rückkehr zu soliden Staatsfinanzen“ und die „Entlastung der Mitte der Gesellschaft“ angemahnt, jetzt machte er Schulden über Schulden. Schön war das nicht.

Zum Glück war er kreativ, hatte sich für die von Olaf angekündigten zusätzlichen 100 Milliarden für die Bundeswehr den Begriff „Sondervermögen“ einfallen lassen, als habe sich plötzlich ein reicher Erbonkel aus Amerika gemeldet oder als sei in Entenhausen ein verlassener Geldspeicher entdeckt worden. Die Summen, mit denen er jetzt hantierte, waren schon abenteuerlich. Das konnte alles nicht gutgehen, das war so sicher wie Annalenas nächster Versprecher. Er musste die Leute langsam darauf vorbereiten, ihnen nicht gleich sagen, dass sie als Rentner demnächst fast alle Fensterkitt würden fressen müssen. So hatte er einstweilen von einem „allgemeinen Verlust an Wohlstand“ gesprochen. Reden konnte er, dachte Christian zufrieden.

Mehrheitsbeschaffer für Rot-Grün, ätzend

Kabinettssitzung. Wie immer rätselte Christian, was Olaf ihnen eigentlich sagen wollte. Er hatte das so verstanden, dass alles schon „liefe“ und sie irgendwie weitermachen sollten. Für ihn kein Problem, er wusste, was er tat, aber er fragte sich schon, ob das auch für die hilflose Verteidigungsministerin galt. Von dem Irren gar nicht zu reden, der verstieg sich schon wieder in Phantasien über irgendwelche Killervirusvarianten, die im Herbst drohten. Und am Tag darauf würde es noch schlimmer kommen: Er würde mit Ralle Stegner in einer Talkshow sitzen. Ein echter Primitivo, dachte Christian. Was war der Unterschied zwischen Ralle und einem weißen Hemd? Mit einem weißen Hemd konnte man überall hingehen.

Die schlechte Gesellschaft, in der er hier verkehrte, schmerzte ihn schon. Mehrheitsbeschaffer für Rot-Grün, davon hatte er nicht wirklich geträumt. Eigentlich würde er lieber mit Fiete koalieren, aber das reichte ja auch nicht, sie mussten die Liegeradfahrerpartei so oder so mit in die Regierung holen. Vielleicht würden die nächsten Wahlen ja eine neue Option eröffnen. Erneut stieg Unruhe in ihm auf. Er würde dann wieder eine Entscheidung treffen müssen...

Nach dem Termin mit seinen Ministerialbeamten fuhr er zum Flughafen. Es ging wieder mal nach Brüssel, Meeting mit Lagarde. Christians Miene verdüsterte sich. Viel lieber würde er zum Fischen rausfahren, er besaß ja einen Fischereischein. Und Jäger war er auch, weshalb ihn die grünen Zausel umso mehr hassten. Na wenn schon, dachte Christian, wenn es nach ihm ginge, würde er sogar zum Dynamitfischen gehen, aber wenn das rauskäme, wäre seine Karriere vorbei. Man durfte es sich nicht mit allen verscherzen, es hatte ihn schon gewurmt, dass ihm das Feministinnen-Blatt Emma den Schmähpreis Sexist Man Alive verliehen hatte, für eine launige Bemerkung. Lächerlich.

Am Airport angekommen, ließ sich Christian in der VIP-Lounge nieder. Vor dem Abflug noch ein Heißgetränk, das wär‘s. Nur welches? Ausgiebig studierte er die Karte. Eine Kellnerin näherte sich. „Kaffee oder Tee?“ Christian wurde nervös, überlegte eine gefühlte Ewigkeit. Dann hatte er die Lösung: „Ach, wissen Sie was? Machen Sie doch halb und halb!“  

 

Ein Tag im Leben des Karl L. finden Sie hier.

Ein Tag im Leben des Robert H. finden Sie hier.

Ein Tag im Leben des Olaf S. finden Sie hier.

Ein Tag im Leben der Ricarda L. finden Sie hier.

Ein Tag im Leben der Angela M. finden Sie hier.

Foto: Imago

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Leserpost

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B. Zorell / 24.04.2022

Liberal bei den Freien Demokraten? Beliebig. Gemeinschaftskunde: abgewählt oder krank gewesen. Wie der Michel? Der sieht es, hört es, bekommt es zu spüren, nimmt es hin - und wählt sie wieder. Damals kam das Wort “Grippe” Ende November in den Medien.

W. Renner / 24.04.2022

Eines dieser vielen Einheitsgesichter der Beliebigkeit, die einem mit ihren populistischen Sprechblasen schon beim Einschalten der Tagesschau den Teppich vollkotzen.

Horst Jungsbluth / 24.04.2022

Erst den Wehrdienst verweigert, dann Karriere bei Bundeswehr gemacht, mehr braucht man eigentlich nicht zu wissen!

Stephan Maillot / 24.04.2022

Was haben nur alle gegen diese Regierung? Da gabs doch schon viel Schlimmeres! Verglichen z.B. mit Wolfgang Kapp oder der Rumpfregierung Dönitz kommen die doch eigentlich ganz kompetent rüber.

Ottmar Zittlau / 24.04.2022

Zur Fußbekleidung der FDP gehört die Sandale….zu beiden Seiten offen! :)

Heiko Loeber / 24.04.2022

Bei diesen Typen in der selbstgestrickt wirkenden Pre-Video-Youtube-Werbung, die nicht wollen, dass ich will, dass sich mein Geld einfach so *...ffffft…* in Luft auflöst, muss ich immer an Christian denken. Abwechselnd an den jungen Dieter Bohlen. Keinesfalls jedoch an seriöse Politiker, denn selbige sind m. W. alle längst aus Altersgründen verstorben und trugen bereits als Kleinkinder nachts Schlafanzug mit Krawatte ohne Dinos, allenfalls mit Bärchis.

Heinrich Wägner / 24.04.2022

Die Erfahrungen eines über achtjahrzehnten langen Lebenens. Wahlen haben noch nie etwas geändert,sie haben nichts geändert und werden nie etwas ändern. Ob Linder, Schicki Mikky oder sonst wie heißen mögen. Sie sind Marionetten, Schauspieler die ihre Rolle spielen und immer wieder auf eine Vertragslägerung hoffen. Der Mob ist und bleibt der Mob sagte mal ein ältere Herr zu mir als ich noch sehr jung war. Jehne die die Welt regieren waren schon immer unsichtbar. Sie schäuen das Licht und den Mob wie der Teufel das Weihwasser. Wobei es den Teufel warscheinlich gar nicht gibt denn der ist wohl der Mensch selbst ,der sich untereinander nicht erriechen kann und seid er einen Stein in seiner Hand halten konnte mit dem totschlagen begann. Im speziellen Fall vier Jahre Minister dann ,Minister AD wie ala Josef der Taxifahrer. Mundus vult decipi.Ergo decipia tur- Die Welt will betrogen werden. Uta@Buhr der Schnössel hat die Welt erkannt und nimmt das was ihm der Wähler zu Füßen legt .

Patrick Meiser / 24.04.2022

Chr. Lindner ist ein “wanna be” in slimfit-Format mit Dreitagebart und der Gabe 5 Minuten zu schwätzen, ohne etwas Gehaltvolles von sich zu geben. Ein Blender durch und durch wie seinerzeit KTvuzGuttenberg. Aber, ganz viele fallen auf diese Typen immer wieder aufs Neue rein. Nur nebenbei : sein Kollege M. Buschmann ist nicht viel besser.

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