Ich war zehn Jahre alt, als wir nach unserer Rückkehr aus Deutschland wieder einmal in Istanbul lebten – in meiner Geburtsstadt. Damals wohnten wir auf der europäischen Seite der Stadt. Meine freie Zeit verbrachte ich allerdings am liebsten auf der anatolischen Seite, entweder bei meinem Onkel oder – im Sommer – bei meinen Großeltern, die eigentlich in Ankara lebten, dort aber ein Sommerhaus hatten. Vier Monate Sommerferien. Für ein Kind ist das eine Ewigkeit. Für mich war es damals schlicht ein Paradies.
In jenem Jahr planten meine Eltern allerdings eine Reise nach London. Also mussten mein zwei Jahre jüngerer Bruder Memo und ich für einige Wochen bei der Verwandtschaft untergebracht werden. Für meinen Bruder war die Sache schnell entschieden: Er kam zu meinem Onkel. Bei mir war es komplizierter, denn meine Großeltern würden erst einige Wochen später aus Ankara anreisen. So wurde ich einer meiner vielen Tanten „zugelost“. Eigentlich ein kleiner Schock für mich. Nicht etwa, weil ich sie oder ihre Familie nicht mochte – im Gegenteil. Nur beschränkten sich unsere Begegnungen bis dahin auf Feiertage und Familienbesuche. Und nun sollte ich plötzlich fast zehn Tage dort wohnen.
Um den Aufwand für den eigentlich pflegeleichten Ahmet möglichst gering zu halten, beschlossen die Erwachsenen, mich in ein Sommercamp zu schicken. I was not amused. Zwei Dinge passten mir überhaupt nicht: das Camp – und die Tatsache, dass Oma und Opa noch nicht da waren. Beides nahm mir die Vorfreude auf die langen Sommerferien. Die Nächte bei meiner Tante hatten immerhin einen gewissen Unterhaltungswert. Von meinem Zimmer aus konnte man nämlich direkt auf die riesige Leinwand eines Open-Air-Kinos schauen. Jeden Abend liefen dort zwei oder drei Filme hintereinander. Für mich war das praktisch ein Großbildfernseher in Kinoformat. Am ersten Morgen brachte mich einer der älteren Söhne meiner Tante zum Sommercamp. Es war ein Schockerlebnis.
„Halte zwei Tage durch. Wir kommen.“
Die Kinder dort waren drei oder vier Jahre jünger als ich. In diesem Alter ist das eine Welt. Sie wirkten auf mich klein, sehr klein, und vor allem viel zu jung, als dass ich mit ihnen hätte irgendetwas anfangen können. Kinder mochte ich schon damals. Also dachte ich mir: Gut, dann spiele ich eben mit ihnen, begleite sie bei ihren Spielen. Doch es passierte etwas Merkwürdiges. Ich wurde bewusst von den anderen getrennt. Man hielt mich auf Abstand, fast so, als hätte man Angst, ich könnte eine Gefahr darstellen. Als würde man ein Tier vorsorglich von der Herde fernhalten. Die Tage dort wurden unerträglich lang. Schließlich blieb mir nichts anderes übrig, als meinen Großvater in Ankara anzurufen und mich zu beschweren. Ich erklärte ihm, dass mein Vater offenbar die falsche Schule ausgesucht habe, weil alle anderen Kinder viel jünger seien als ich.
Mein Großvater hörte sich das ruhig an und sagte dann nur: „Halte zwei Tage durch. Wir kommen.“ Er kam tatsächlich. Direkt aus Ankara. Rund 450 Kilometer. Als er im Camp erschien, wollten sie mich zunächst gar nicht herausgeben. Schließlich lag keine Einverständniserklärung meiner Eltern vor. Doch mein Großvater war ein Mann mit einem Charisma, vor dem die meisten Menschen einknickten, auch wenn er kaum etwas sagte. Allein sein Name reichte oft schon aus. Als Physiker und als jemand, der im türkischen Bildungswesen einiges bewegt hatte, war er vielen bekannt. Am Ende fuhr ich mit ihm nach zwei Tagen aus dem Camp davon. Später erfuhr ich übrigens den Grund für meine Sonderbehandlung: Man wollte die kleineren Kinder vor mir schützen. Ich, der zehnjährige Ahmet, könnte ja ein Sexualstraftäter sein. Damals waren Kinder noch ziemlich unschuldig unterwegs. Auf diese Idee wäre ich selbst nie gekommen.
Wir fuhren direkt zum Sommerhaus meiner Großeltern. Meiner Tante erklärte mein Großvater später ganz beiläufig, dass es mit seiner Abreise aus Ankara eben schneller gegangen sei als gedacht und er der Universität ein wenig früher fernbleiben könne. Es war ohnehin sein letztes Jahr dort, denn er sollte bald vom Präsidenten zum Bildungssenator gewählt werden – ein Posten, den es heute in dieser Form nicht mehr gibt. Die Sommerferien konnten also beginnen. Oma und Opa steckten mir ständig heimlich Geld zu. Immer diskret. Oma sagte: „Sag Opa nichts.“ Opa sagte: „Sag Oma nichts.“
Fußball war nicht mein Ding
Meine Eltern kamen schließlich direkt aus Europa zum Sommerhaus meiner Großeltern. Auch mein Onkel, der Bruder meines Vaters, war mit ihnen unterwegs gewesen. Aus England hatte er meinem Bruder und mir einen Fußball mitgebracht – diesen klassischen Ball aus schwarzen und weißen Sechsecken aus Leder.
Der Kauf dieses Balls war übrigens eine Geschichte für sich. Mein Onkel sprach perfektes Oxford-Englisch. Das Problem war nur: Die Briten verstanden ihn nicht. Das verunsicherte ihn so sehr, dass er irgendwann lieber gar nichts mehr sagte. Am Ende musste meine Mutter für ihn übersetzen. Sie verbrachten offenbar einen ganzen Tag damit, im Mutterland des Fußballs einen Fußball zu finden.
Natürlich wollten wir den Ball sofort aufpumpen. Also gingen wir zur Tankstelle in der Nähe. Dort weigerte man sich zunächst. Mein Onkel sagte nur trocken, dass er der Sohn des Professors sei und zeigte in Richtung unseres Hauses. Das reichte. Plötzlich herrschte hektische Betriebsamkeit. Mehrere Männer stritten sich beinahe darum, wer dem Professor eine Freude machen durfte. Mit dem aufgepumpten Ball gingen wir zurück in den Garten. Ich spielte den Ball zu meinem Onkel. Er stoppte ihn elegant, stellte den Fuß darauf – und brach sich dabei das Bein. Damit war sein Sommer gelaufen.
Eigentlich war niemand aus der Familie Dener ein besonders großes Fußballtalent. Auch später in der Schule war das nicht anders. Wenn Mannschaften gewählt wurden, durften zuerst die stärksten Spieler ihre Teams zusammenstellen. Nachdem sogar die Mädchen verteilt waren, kam ich an die Reihe. Immerhin besser als Schiedsrichter zu sein, dachte ich mir. Fußball war einfach nicht mein Ding.
Ein postalischer Feldversuch
Aber mit meinem Großvater erlebte ich in diesem Sommer etwas ganz Besonderes. Ich, der offizielle Enkel, Beobachter und gelegentliche Assistent meines Großvaters, saß mit ihm eines Tages auf der Terrasse zur Straße hin. Er wartete auf ein wichtiges Dokument aus Ankara. Zu diesem Zeitpunkt war er noch Rektor der Universität. Wir tranken Tee und beobachteten die Straße. Da kam der Briefträger. Er verteilte die Post bis zum Haus links von uns – und drehte dann um. Einfach so. Keine Post für uns. „Aha“, sagte mein Großvater ruhig. „Heute also wieder nicht.“
Etwa eine Stunde später kam ein zweiter Briefträger. Der verteilte die Post bis zum Haus rechts von uns – und verschwand ebenfalls. Auch diesmal ohne Halt bei uns. Mein Großvater sah mich an und sagte trocken: „Es scheint, als läge unser Haus genau auf der Grenze zweier Postreiche.“
Für ihn war das kein Ärgernis. Für ihn war das ein Forschungsprojekt. Wir baten unsere Nachbarn links und rechts um einen kleinen Gefallen. Aus Ankara sollten drei Postkarten geschickt werden: eine an meinen Großvater, eine an den linken Nachbarn und eine an den rechten. Ein postalischer Feldversuch. Das Ergebnis war eindeutig. Der Nachbar links bekam seine Karte sechs Tage früher.
Mein Großvater nickte und sagte: „Gut. Dann fahren wir jetzt zum Postamt.“ Zehn Minuten später saßen wir im Sammeltaxi nach Bostancı. Am Schalter sagte mein Großvater: „Ich bin Professor Dener und möchte den Leiter des Postamtes sprechen.“ In der Türkei haben Titel eine gewisse Magie. Doktor, Professor, Polizeiinspektor – bei solchen Titeln richtet man sich automatisch ein wenig gerader auf. Früher jedenfalls noch mehr als heute. Fehlt der Titel, hilft eine Uniform. Fehlt die Uniform, hilft ein berühmter Verwandter. Und wenn gar nichts hilft, sagt man einfach: „Ich kenne jemanden.“ Mein Großvater brauchte nur seinen Namen.
Praktisch im Alleingang eine Stadtteilgrenze verschoben
Zwei Minuten später saßen wir im Büro des Postamtsleiters. Dort erfuhren wir, dass die Zuständigkeitsgrenze tatsächlich exakt an der linken Mauer unseres Hauses verlief. Bis dahin war Bostancı zuständig, danach begann ein anderes Postgebiet. Mein Großvater blieb höflich und ruhig. Aber ob sich der Postamtsleiter von dieser akademischen Standpauke jemals ganz erholt hat, ist nicht überliefert. Am Ende sagte mein Großvater nur: „Dann verlegen Sie bitte die Grenze auf die rechte Mauer meines Hauses.“ Gesagt. Getan. Von diesem Tag an kam seine Post pünktlich. Stellen Sie sich einmal vor, was in Ankara alles möglich ist, wenn jemand „den kennt“ oder „mit dem verwandt ist“. Türkei live.
Gegen Ende des Sommers bekam mein Großvater allerdings ein kleines schlechtes Gewissen. Er hatte schließlich praktisch im Alleingang eine Stadtteilgrenze verschoben – zumindest postalisch. Also fuhren wir noch einmal zum Postamt. Er entschuldigte sich höflich für die Umstände, hielt aber auch eine kleine Lektion. Die Postämter von Suadiye und Bostancı, erklärte er, bekämen ihre Briefe im Abstand von etwa zehn Minuten – obwohl sie nur drei Kilometer voneinander entfernt lagen. Das Problem sei also nicht die Grenze. Das Problem sei das Tempo.
Und tatsächlich geschah danach etwas Bemerkenswertes. Der Briefträger von Bostancı brach alle Rekorde. Das heißt nicht unbedingt, dass er plötzlich schneller arbeitete – obwohl das durchaus möglich ist. Aber im Sommer begann seine Zustelltour nun immer bei meinem Großvater. So kam die Post zuverlässig zuerst zu uns. Und ich, zehn Jahre alt, saß daneben auf der Terrasse und lernte eine wichtige Lektion über Verwaltung, Titel und türkische Improvisationskunst. Manchmal genügt ein Professor – und schon verschiebt sich eine Grenze.

Mein Grossvater sagte dem Postboten immer, dass er die Rechnungen dem Professor zwei Häuser weiter bringen soll. Fehlt das Geld, hilft ein Nachbar mit Titel. Die mit der Uniform, hat er dann zu denen auf der anderen Strassenseite geschickt, die keinen kannten. Später sind wir dann umgezogen.
Eine nette Geschichte, die ich gerne gelesen habe.
Ich erinnere mich schwach daran diese Postgeschichte schon mal von Ihnen gelesen zu haben. Ich hätte lieber etwas über Ihren Alltag in Istanbul mit den Augen eines 10-Jährigen erfahren. Fuhren damals noch die alten Amerikaner? Die haben mir sehr gefallen. Gibt es auch lange nicht mehr.
„Man wollte die kleineren Kinder vor mir schützen. Ich, der zehnjährige Ahmet, könnte ja ein Sexualstraftäter sein. Damals waren Kinder noch ziemlich unschuldig unterwegs. Auf diese Idee wäre ich selbst nie gekommen.“ --- Tja, die Pappenheimer kennen eben ihre Pappenheimer – Inshallah!
Hier sind es die Karnevalsvereine.
Vier Monate? Und wann lernen die Kinderchen was?