Cem Özdemir wird mir immer sympathischer. Er scheint kapiert zu haben, was ich den Grünen seit Jahr und Tag an dieser Stelle vorhalte: Ihre dogmatische Klima- und Energiepolitik führt die Grünen unausweichlich in die politische Bedeutungslosigkeit. Jetzt hat sich Özdemir erstmals hervorgewagt - und wurde gleich zurückgepfiffen: Der designierte Parteichef der Grünen, Cem Özdemir, hat am Anti-Kohle-Dogma der Grünen gerüttelt. Er könne sich einen Neubau von Kohlekraftwerken vorstellen, sagte Özdemir – ruderte aber schnell zurück, denn die grüne Parteispitze war irritiert. Nun stehen wieder Fragezeichen hinter Özdemirs Kandidatur.—Damit haben sich die Bundesgrünen bis auf weiteres ihr politisches Grab geschauffelt, denn: Der Traum von der kompromisslosen Ökowende ist in der Sache schön, aber utopisch. Und er wird die Grünen in arge Schwierigkeiten bringen, wenn es um reale Veränderungen statt hehrer Visionen geht. Schon heute spielt die Partei in der Klimadebatte bestenfalls eine marginale Rolle. Selbst mit einer wundersam erholten SPD könnten die Grünen ihr “Kohlekraft? Nein danke”-Paket nicht durchsetzen. Träume der Realos von einer Liaison mit den Schwarzen waren schon wegen der Begeisterung der Kanzlerin für die Atomkraft geplatzt. Bleibt die Ampel, die mittlerweile selbst Jürgen Trittin nicht mehr ausschließt. Doch ein Bündnis mit Westerwelles FDP scheint nach diesem Parteitag undenkbar.
