Peter Grimm / 20.06.2024 / 15:00 / Foto: Olaf Kosinsky / 17 / Seite ausdrucken

Ein Propaganda-Preis aus Leipzig?

Bei der diesjährigen Wahl eines Preisträgers des Leipziger Preises für die Freiheit und Zukunft der Medien muss eine haltungsbedingte Wahrnehmungsstörung oder die Liebe zur Propaganda eine entscheidende Rolle gespielt haben. Auf alle Fälle passte das Timing.

Wenn zwei zueinander passende Nachrichten, so wie dieser Tage, beinahe zeitgleich die Runde machen, muss man ja nur die Beiträge zusammenführen, die zusammengehören und kann sich jede weitere Einordnung sparen, denn es ist eigentlich alles selbsterklärend. Solch ein Zusammenspiel haben Correctiv und die Preisrichter der Medienstiftung der Sparkasse Leipzig, die alljährlich den Preis für die Freiheit und Zukunft der Medien vergibt, gerade hinbekommen. 

Sie erinnern sich, Correctiv hatte zu Jahresbeginn eine gruselige Geschichte über ein Geheimtreffen in Potsdam verbreitet, auf dem es um Deportationspläne gegangen sein soll. Die Autoren empfanden das als so schrecklich, dass sie sofort an die Wannsee-Konferenz denken mussten, bei der bekanntlich die Vernichtung der europäischen Juden geplant worden war. Die Medien verbreiteten das weiter, und es gab auch viel beachtete Theateraufführungen nach Correctiv-Drehbuch. Das gar nicht so geheime Geheimtreffen war in aller Munde, die öffentlich angeprangerten Teilnehmer erfuhren nicht nur eine massive Rufschädigung, sondern etliche hatten infolgedessen teils erhebliche berufliche und geschäftliche Nachteile. 

Nach und nach musste Correctiv zurückrudern und einige Behauptungen zurücknehmen. Gern deuteten Correctiv-Freunde manche Aussagen auch zu bloßen Meinungsäußerungen oder erkennbaren Spekulationen um. Sie haben insofern nicht ganz unrecht, dass eigentlich jeder, der das damalige Correctiv-Stück halbwegs kritisch gelesen hat, über all die Unwuchten und Ungereimtheiten hätte stolpern können. (Siehe hier und hier

Den vorerst letzten Akt des Zurückruderns hatte Correctiv-Chef David Schraven gerade dieser Tage absolviert. Die Berliner Zeitung berichtete am Mittwoch (19. Juni 2024): 

„Hat das Landgericht Hamburg die Kernthese des Correctiv-Artikels aus dem Januar bestätigt, wonach Rechte und Rechtsextreme in Potsdam die millionenfache Vertreibung von Menschen mit Migrationshintergrund geplant hatten? Das hatte David Schraven, Geschäftsführer der Medien-NGO Correctiv, Anfang März in einem Interview mit der FAZ behauptet. Er sagte, das Gericht habe den ‚Kern unseres Artikels bestätigt‘, und zwar, ‚dass bei diesem Geheimtreffen über einen Masterplan gesprochen wurde, mit dem ‚Remigration‘ betrieben werden sollte‘.

Im Mai hatte ihm das Landgericht Hamburg auf Antrag des Staatsrechtlers Ulrich Vosgerau diese Falschbehauptung untersagt. ‚Die so verstandene Tatsachenbehauptung ist unwahr‘, stellte das Gericht in seinem Beschluss fest, der der Berliner Zeitung vorliegt. Jetzt hat Schraven diesen Beschluss anerkannt und somit eingeräumt, dass er im FAZ-Interview eine Falschbehauptung über den Artikel von Correctiv in die Welt gesetzt hatte. Damit ist der Beschluss jetzt rechtskräftig.“

Propagandistische Leistung

Nun geht es in diesem Fall zwar nicht um den Wahrheitsgehalt der Correctiv-Geheimtreffen-Story, sondern „nur“ darum, ob Schravens Behauptung, das Gericht hätte diese Story inhaltlich bestätigt, stimmt. Doch wer Bestätigungen für seine Geschichte braucht, die es nicht gibt, um dessen Glaubwürdigkeit ist es nicht gut bestellt. Als Repräsentant einer wünschenswerten Medienzukunft kann ihn eigentlich nur jemand sehen, dem die richtige Haltung wichtig und klassische journalistische Standards gleichgültig sind. Auf Freunde des Propaganda-Genres trifft das sicher zu. 

Fast zeitgleich zur Meldung vom Eingeständnis einer unwahren Tatsachenbehauptung des Correctiv-Chefs, konnte man von einem anderen Urteil lesen: Der Preis für die Freiheit und Zukunft der Medien des Jahres 2024 geht u.a. an – Trommelwirbel – Correctiv. Die Begründung auf der Seite der preisvergebenden Leipziger Sparkassenstiftung liest sich, als hätte es nie einen Grund für Schravens Rückrudern gegeben: 

„Correctiv ist ein durch den Journalisten David Schraven initiiertes und 2014 als gemeinnützige GmbH gegründetes investigatives Medienhaus. Die Arbeit wird durch Spenden sowie Förderungen von Stiftungen und Institutionen finanziert. Viele Recherchen erfolgen in Zusammenarbeit mit Zeitungen, Magazinen, Radio- sowie Fernsehsendern. In den vergangenen Jahren bildeten u. a. die Fälschung von Krebsmedikamenten, der CumEx-Skandal, die Struktur des deutschen Immobilienmarktes sowie rechtsextreme Netzwerke thematische Schwerpunkte der Arbeit von Correctiv. Recherchen über ein Treffen rechtsextremer und völkisch-identitärer Kreise sowie über den dabei besprochenen "Masterplan" für die "Remigration" in Deutschland lebender Ausländer sowie Deutscher mit migrantischen Wurzeln sorgten Anfang 2024 deutschlandweit für Demonstrationen für Demokratie, Vielfalt und Toleranz.“

Ja, von Wannsee-Konferenz und Geheimtreffen ist keine Rede mehr, aber die propagandistische Leistung wirkt noch immer. Warum sollte man dafür also keinen Preis bekommen? Nur muss es bitte kein Preis sein, der „Freiheit“ und „Zukunft der Medien“ im Namen führt. Das schürt nur Zukunftsängste, und um die Freiheit wird einem bang. Es hätte doch auch ein Theater- oder Propaganda-Preis sein können. Angesichts der publizistischen „Zeitenwende“, die Deutschland erlebt, wäre es wirklich Zeit für die Vergabe eines Propaganda-Preises. Um das böse P-Wort zu vermeiden, darf es auch eine Haltungs-Medaille sein.

 

Peter Grimm ist Journalist, Autor von Texten, TV-Dokumentationen und Dokumentarfilmen und Redakteur bei Achgut.com.

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Paypal via Direktüberweisung
Leserpost

netiquette:

F. Auerbacher / 20.06.2024

Wer, um alles in der Welt, hat ein Konto bei der Leipziger Sparkasse?

Rainer Hanisch / 20.06.2024

Und da labern immer noch die Träumer massenhaft von Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie? Wo leben die denn eigentlich.

G. Männl / 20.06.2024

Wer hat es beschlossen? Vorstand und Aufsichtsrat. Beide Chefs aus NRW. Also Leipziger waren es wohl nicht.

Thomin Weller / 20.06.2024

@N. Schneider Die preisvergebenden Leipziger Sparkassenstiftung rundet das Bild für mich ab. Sparkassen haben klammen Kunden mit einer spezielle Kontonummer Endung 1199 stigmatisiert. Damit nicht genug, sie legten/en für jeden Kunde ein Dossier an. Der Verbraucherschutz hat das öffentlich bemängelt. Und wenn ich nun die letzten Jahre mitbekomme das etliche Kunden wegen einer Geldbewegung z.B. Spende an die AfD angeschrieben werden, weiß ich was seit langem passiert. Mit den messernden Fachkräfte haben sie tausende Neukunden. Klar das sie das Geschäft wollen. Es ist mehr als peinlich das ausgerechnet die Leipziger Sparkassenstiftung den Preis an Corruptiv vergibt. 19.6.2024 “Gerichtsprozess. Potsdam-Treffen: Correctiv-Chef Schraven räumt Falschbehauptung ein”

N. Schneider / 20.06.2024

Auch in der Begründung der preisvergebenden Leipziger Sparkassenstiftung wird gegen alle Tatsachen munter weiter gelogen. So die Behauptung, in Potsdam hätten “rechtsextreme und völkisch-identitärer Kreise” einen „Masterplan“ besprochenen, “Deutsche mit migrantischen Wurzeln” auszuschaffen. Es geht um den Vortrag von Martin Sellner aus seinem Buch “Regime Change von rechts” (Erstauflage 15. Juni 2023), wie eine Remigration INNERHALB des rechtlichen Rahmens möglich ist, den dieser in Potsdam hielt. Im Blick dabei insbesondere jene Migranten die nach der gültigen Rechtslage Deutschland eigentlich verlassen müssten. Von deutschen Staatsbürgern (ob mit oder ohne “migrantischen Wurzeln”) war NICHT die Rede. Das wäre mit geltendem Gesetz nicht vereinbar. Wobei eine Partei gab es zu jener Zeit schon, die Vorschläge zu einem „Masterplan“ machte, der nicht gesetzeskonform war: die SPD. Lars Klingbeil und Nancy Faeser fabulierten davon, eingebürgerten Migranten bis zu 10 Jahren rückwirkend den Pass zu entziehen und Angehörigen von Clanmitgliedern auszuweisen (d.h. sie für die Schuld eines Angehörigen haftbar zu machen).

Michael Scheffler / 20.06.2024

Herr Themlitz, ich habe Herrn Jung mal vor Jahren bei einem Laien-Volleyballturnier als gegnerischen Spieler kennengelernt und habe mich mit seinem „Anhang“ ein wenig unterhalten, als bei seiner Mannschaft ein Bisschen was schiefgegangen war. Er ist tatsächlich so widerwärtig, wie er medial rüberkommt.

Gert Köppe / 20.06.2024

In totalitären Systemen hängen sich die Machthaber und deren System-Tröten und Handlanger generell gegenseitig die Auszeichnungen um den Hals. So werden die Günstlinge bei der Stange gehalten und fühlen sich sogar angespornt noch eifriger zu sein (zu dienen). Das ist ein ganz normaler, aber auch ein entlarvender, Vorgang in solchen Systemen. Die Auszeichnungen selbst werden allerdings dadurch nur noch beliebig und wertlos. Schaut mal die ganzen alten SED-Bonzen an (Milke, Honecker, Mittag und Konsorten), die hatten einen regelrechten “Schrottplatz” mit sich herum geschleppt, so das man befürchtet hatte die kippen gleich um, wegen der Gewichtsverlagerung. Über derart “Ausgezeichnete” mache ich mich nur noch lustig. Hunde markieren ihre Lieblings-Bäume schließlich auch regelmäßig mit Pisse. Etwas Anderes kann ich in einem solch lächerlichen Gehabe nicht deuten.

Wilhelm Rommel / 20.06.2024

“Haltungsbedingte Wahrnehmungsstörung” - das ist, verehrter Herr Grimm, eine vortreffliche Umschreibung dessen, was da in so bestimmten Medienstsiftungen grassiert. Und wenn man sich dann noch das zweifelhafte Vergnügen antut, personelle Strukturen jener Jurys ein wenig genauer unter die Lupe zu nehmen, die da so pünktlich und passend ‘Preis(e) für die Freiheit und Zukunft der Medien’ als tröstende Pflaster auf die Wunden gebeutelter Mitarbeiter ‘gemeinnütziger GmbH’s’ legen: Keine weiteren Fragen, Euer Ehren… Irgendwie laufen die ‘gemeinnützigen’ Fäden zu so gewissen linken Polit-Granden des Westens, die - lang, lang ist’s her - immer mal wieder in unangenehme Schlagzeilen gerieten (was heute - Madsack & Funke sei Dank - gar nicht mehr möglich wäre); sie laufen aber sogar über den Atlantik und zurück, bilden üppig ausgestattete, wenngleich klebrige Netzwerke - und fangen alles liebreich auf, was da bisweilen so herumstrauchelt…

Weitere anzeigen Leserbrief schreiben:

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Peter Grimm / 11.07.2024 / 14:00 / 75

Was soll nur aus Annalena werden?

Sie lässt aus Washington verlauten, dass sie nicht Kanzlerkandidatin der Grünen werden will. Aber will das überhaupt jemand werden? Und warum fragt keiner, was jetzt…/ mehr

Peter Grimm / 09.07.2024 / 12:00 / 39

Unsere „unübertreffbaren“  Migrations-Manager

Olaf Scholz kann tolle Begriffe prägen, weit über Doppel-Wumms-Niveau, wenn er über Zuwanderung nachdenkt. Aber auch Robert Habeck hat hörenswerte Gedanken. / mehr

Peter Grimm / 08.07.2024 / 08:31 / 78

Der Linksruck zum Rechtsruck

Die linke Volksfront siegt in Frankreich und nicht die Rechte. Viele Kommentatoren feiern das als Erfolg der französischen Variante der Brandmauer. Aber was ist denn…/ mehr

Peter Grimm / 06.07.2024 / 13:30 / 19

Der Haushalt und Lindners Lücken

Die drei Ampelmännchen feiern sich für ihre Einigung auf einen Haushalt, aus dem wie durch ein Wunder ohne große Sparanstrengungen alle Lücken verschwunden sind. Ein…/ mehr

Peter Grimm / 05.07.2024 / 14:30 / 8

Mehr Gängelung für Abgeordnete?

Ein bisschen im Windschatten großer Ereignisse hat der Deutsche Bundestag in dieser Woche über eine neue Geschäftsordnung debattiert. Die Medien berichteten vor allem über den…/ mehr

Peter Grimm / 24.06.2024 / 12:00 / 40

Durchsicht: Die Gipfel der Hilflosigkeit

In der letzten Woche gab es zwei innerdeutsche Gipfeltreffen, bei denen regierende Politiker zeigen wollten, dass sie die Probleme der ungesteuerten Massenmigration jetzt aber wirklich…/ mehr

Peter Grimm / 23.06.2024 / 06:15 / 83

Kein Sommermärchen auf Gleis 1

2006 war Deutschland WM-Gastgeber. Es war das „Sommermärchen“ in einem Land, das gern zeigte, wie gut fast alles funktionierte. 2024 ist Deutschland EM-Gastgeber und zeigt,…/ mehr

Peter Grimm / 16.06.2024 / 12:00 / 26

Kein Bürgergeld für Kriegsdienst-Verweigerer?

Ist das nur eine Kommunikations-Idee, um generell das Bürgergeld für Ukrainer gesichtswahrend zu Fall zu bringen oder will Deutschland helfen, kampfunwillige Ukrainer an die Front…/ mehr

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com