Die neue Regierung verschärft mit ihrer Energie- und Klimapolitik die Spaltung der Gesellschaft. Wie könnte ein Friedensschluss aussehen? Der Religionskrieg wurde durch die Trennung von Kirche und Staat beendet – und das könnte als Vorbild dienen.
Die neue Regierung ist noch nicht 100 Tage im Amt. Doch schon jetzt drohen gebrochene Wahlversprechen, die Spaltung der Bevölkerung zur Energie- und Klimapolitik zu vertiefen. Während im CDU-Wahlprogramm noch stand: „Wir halten an der Option Kernenergie fest.“, kommt das Wort Kernenergie im Koalitionsvertrag nicht einmal vor. Abschaffung des Heizgesetzes? Fehlanzeige. Streichung des Verbrennerverbots? Schweigen im Wald. Senkung der Stromsteuer für Privathaushalte? Unbezahlbar. Kann der Staat überhaupt die Lösung für Energie und Klima sein? Oder ist er eher das Problem?
Um die Begriffe links und rechts zu vermeiden, teilen wir die Bevölkerung grob in eine ökologisch-soziale (ÖS) und eine freiheitlich-konservative (FK) Fraktion. Weite Teile der Ökologisch-Sozialen wollen den Ausbau erneuerbarer Energien intensivieren, Elektroautos und Wärmepumpen fördern und bis 2045 klimaneutral werden – ohne Kernenergie. Das Regierungsprogramm erfüllt diese Ansprüche vollumfänglich.
Viele Freiheitlich-Konservative meinen hingegen, die deutsche Energiewende sei gescheitert, die milliardenschweren Subventionen für erneuerbare Energien gehörten abgeschafft, Klimaneutralität 2025 sei unbezahlbar und Kernenergie sei unabkömmlich. Die FK-Fraktion steht auf dem Standpunkt, die Energie- und Klimapolitik der jüngsten Vergangenheit sei wettbewerbsschädigend und wohlstandsfeindlich und müsse reformiert werden. Es ist unschwer zu erkennen, dass der aktuelle Koalitionsvertrag diesen Forderungen nicht genügt. Von weiten FK-Kreisen wird es als Vertrag zu ihren Lasten empfunden. Es ist unwahrscheinlich, ein solcher Weg zur Befriedung des Klimakampfes führt.
Wie würden wir ohne staatliche Energie- und Klimapolitik dastehen?
Eine Einigung zwischen den konträren ÖS- und FK-Positionen scheint schwierig. Deals nach Art des orientalischen Basars wie „Tempolimit auf Autobahnen gegen Weiterbetrieb von Kernkraftwerken“ sind keine Lösung. Doch ist ein Klimafrieden wirklich unmöglich?
Schlüssel für eine Einigung ist nach Auffassung des Autors eine Neubewertung der Rolle des Staates bei Energie- und Klimapolitik. Hierzu ist es notwendig, eine kritische Bilanz staatlichen Handelns der vergangenen 70 Jahre zu ziehen. Im Buch „Der Energiegipfel“ werden acht staatliche Entscheidungen deutscher Energie- und Klimapolitik von zwei fiktiven Verhandlungsdelegationen – eine für ÖS und eine für FK – bewertet.
Die Delegationen beleuchten folgende Staatsprojekte: (1) Den Atomeinstieg im Jahr 1955, (2) den Atomausstieg im Jahr 2023, (3) die Kohlesubventionen von 1974 bis 2018, im Volksmund als „Kohlepfennig“ bezeichnet, (4) den für das Jahr 2038 beschlossenen Kohleausstieg, (5) die Erdgasröhrengeschäfte zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Sowjetunion von 1970 bis Ende der 1980er Jahre, (6) die Einschränkung der Erdgasimporte aus Russland im Zuge des Ukrainekrieges seit 2022, (7) die Subventionen im Rahmen des Erneuerbare-Energien-Gesetzes EEG seit dem Jahr 2000 sowie (8) technologiespezifische Verbote wie das de-facto-Verbot von Gas- und Ölheizungen durch das Gebäudeenergiegesetz GEG (im Volksmund „Heizgesetz“) aus dem Jahr 2023 und das für 2035 geplante Aus für Verbrennungsmotoren.
Die zentrale Frage lautet: Wie hat sich staatliches Handeln auf Versorgungssicherheit, Bezahlbarkeit und Umweltverträglichkeit der deutschen Energieversorgung ausgewirkt? Konkreter gefragt: Würde Deutschland heute in den 8 x 3 = 24 Erfolgskriterien besser oder schlechter dastehen, wenn es in den vergangenen 70 Jahren weder Energie- noch Klimapolitik betrieben hätte? Antimonopol- und Emissionsschutzgesetze werden dabei nicht infrage gestellt, weil selbst Libertäre nicht an deren Notwendigkeit zweifeln.
Der Energiegipfel führt zu dem Schluss, dass ein energie- und klimapolitischer Minimalstaat Deutschland heute summarisch in keinem der drei Erfolgskriterien Versorgungssicherheit, Bezahlbarkeit und Umweltverträglichkeit schlechter stehen würde als die reale Bundesrepublik. Allerdings hätte Deutschland – je nach Zählweise – zwischen 500 Milliarden und einer Billion Euro Steuergeld gespart. Mit ihnen hätte das Land stattdessen Bildung, Landesverteidigung und Infrastruktur auf Weltniveau gebracht haben können.
Eine zusätzliche KI-Analyse der 24 Einzelfragen mittels der Software ChatGPT, die nachgewiesenermaßen eher dem energiewendefreundlichen ÖS-Flügel zuneigt, hat das Gesamtergebnis gestützt. Da dieses ernüchternde Ergebnis keiner einzelnen Partei, keinem einzelnen Politiker, nicht allein dem ÖS-Flügel und nicht allein dem FK-Flügel zuzuschreiben ist, könnte darin der Schlüssel für den Ausweg aus dem Klimakampf liegen.
Worauf könnten sich die ÖS- und FK-Anhänger einigen?
Der entscheidende Schritt könnte für beide Seiten in der Erkenntnis bestehen, dass staatlich gelenkte „Große Transformationen“ wie der weltweite Sieg des Sozialismus oder der Sprung ins Atomzeitalter ihre Ziele nie erreichten und dass sich Klimavisionen allenfalls auf dem Wege einer Trennung von Klima und Staat erfüllen. Die Einsicht könnte durch die Beobachtung befördert werden, dass der Religionskrieg zwischen Katholiken und Protestanten letztlich nicht durch Überzeugung der gegnerischen Seite, sondern durch Trennung von Kirche und Staat befriedet wurde.
Als Ausweg aus dem Klimakampf könnte sich das gespaltene Volk darauf einigen, zeitgleich zwei Maßnahmen zu ergreifen: Zum einen schafft der Staat auf einen Schlag alle Gesetze und Verordnungen ab, die mit der Verringerung von CO2-Emissionen in Zusammenhang stehen und landläufig als Klimapolitik gelten. Gleichzeitig gründet der klimapolitisch interessierte Teil der Bürger und Unternehmer eine Organisation, die sich auf privatwirtschaftlicher Grundlage dem Ziel der Eindämmung von CO2-Emissionen verschreibt. Als Arbeitstitel für die Organisation könnte „Allgemeiner Deutscher Klimaclub“ (ADKC) dienen. Der ADKC finanziert sich in ähnlicher Weise aus freiwilligen Mitgliedsbeiträgen wie die katholische und die evangelische Kirche oder der ADAC.
Die Abschaffung von Gesetzen und Verordnungen über CO2-Emissionen würde zum Beispiel bedeuten, das Erneuerbare-Energien-Gesetz und das Heizgesetz umgehend, vollständig und ersatzlos abzuschaffen. Weiterhin müsste Deutschland die CO2-Besteuerung von Waren und Dienstleistungen wie beispielsweise bei Benzin und Diesel beenden und den CO2-Zertifikatehandel der EU sowie die EU-Taxonomie von Energietechnologien verlassen. Gleichzeitig müssten Kaufprämien, Steuervorteile und Förderprogramme für Elektroautos oder Elektrobusse gestrichen werden.
Keine Handhabe für neue Kernkraftwerke
Was auf den ersten Blick wie eine Vereinbarung zu Lasten der ÖS-Anhängerschaft aussieht, erweist sich bei näherem Hinsehen auch für die überwiegend kernenergiefreundlichen FK-Sympathisanten als Zumutung. Denn die Trennung von Klima und Staat macht alle klimapolitischen Argumente der Freiheitlich-Konservativen zugunsten eines staatlich orchestrierten Wiedereinstiegs in die Kernenergie gegenstandslos. Unter diesem Friedensplan gäbe es nämlich für den Staat keine Handhabe, neue Kernkraftwerke zu bauen, weil das dafürsprechende Argument – die Verminderung der CO2-Emissionen – nicht mehr in den Bereich staatlicher Betätigung fällt.
Ein zweites Argument zugunsten der Ökologisch-Sozialen lautet, dass die Gesetze zwar abgeschafft würden. Gleichwohl könnten sämtliche angestrebten Wirkungen der Gesetze ebensogut durch den ADKC ermöglicht werden. Lediglich die handelnden Subjekte hätten sich geändert – statt des Staates würde der ADKC das Heft in der Hand haben.
Aus seinen Mitgliedsbeiträgen könnte der ADKC CO2-Minderungsmaßnahmen finanzieren, die heute gegen den Willen vieler Bürger aus der Staatskasse bezahlt werden. So kann der ADKC beispielsweise die Installation von Solaranlagen, Windkraftanlagen, Balkonkraftwerke, ja sogar von Anlagen zur Herstellung synthetischer Brennstoffe finanzieren. Auch steht es dem ADKC frei, Elektroautos an Bedürftige zu verschenken.
Welche Mittel könnte der ADKC auftun? Nehmen wir im Rahmen einer optimistischen Schätzung an, ein Viertel der deutschen Bevölkerung betrachte den Klimawandel als größte Bedrohung. Nehmen wir weiterhin an, jeder dieser 20 Millionen Bürger sei in Anlehnung an den historischen Kirchenzehnt bereit, zehn Prozent seines Jahreseinkommens an den ADKC abzuführen. Dieses taxieren wir der Einfachheit halber auf zehn Prozent des Pro-Kopf-Bruttosozialprodukts mit 4.000 Euro pro Jahr. Dann könnte der Verein auf auskömmliche jährliche Mittel in Höhe von 80 Milliarden Euro zugreifen!
Aus heutiger Sicht mag ein solcher Friedensschluss unrealistisch sein. Doch könnten wirtschaftlicher Niedergang und Wohlstandsverlust – ähnlich dem Dreißigjährigen Krieg – zur Auszehrung der Gesellschaft führen. Um zu vermeiden, dass sich der Klimakampf in den kommenden dreißig Jahren weiter verschärft, sollten wir Ciceros zeitlose Weisheit im Blick behalten: „Ich rate unausgesetzt zum Frieden, selbst ein ungerechter ist immer noch besser als jeder noch so gerechte Krieg gegen Mitbürger.“
André Thess ist Professor für Energiespeicherung an der Universität Stuttgart und Leiter eines Energieforschungsinstituts. Der vorliegende Beitrag enthält Auszüge aus seinem Buch „Der Energiegipfel – Ausweg aus dem Klimakampf“ Eine Kurzfassung des vorliegenden Beitrages ist in der Weltwoche erschienen.
Dieser Beitrag hat eine Schwäche, er geht nämlich ebenso vom „bösen“ CO2 aus wie das ganze rotgrüne Regierungsprogramm seit Jahrzehnten. Das ist zwar „Konsens“ in interessierten Kreisen, sogar weltweit, aber dennoch nur eine Hypothese die immer wieder neuen, wissenschaftlichen Widerspruch findet, und auch hier auf Achgut publiziert wird. Der Fehler liegt in der falschen Herangehensweise mit unserem Planeten sorgsam umzugehen, der Raubbau wird seit mehr als 20 Jahren nur auf eine andere Ebene gehoben und voran getrieben. Das ist kein Fortschritt, sondern das Gegenteil davon. Der Fokus, weltweit, muß darauf gelegt werden mit dem geringsten Aufwand das bestmögliche Ergebnis zu erzielen. Dazu müssen natürlich weltweit akzeptierte und umgesetzte Leitplanken eingezogen werden, die einen geringeren Verbrauch an Ressourcen in den Vordergrund stellen. Beim Automobil bedeutet es z.B. eine weltweite Hubraum- und/oder Verbrauchsbegrenzung einzuführen. Wir brauchen keine Boliden mit 100, 200, 300 und mehr PS, um unsere private Mobilität zu organisieren. Der LKW Verkehr läßt sich ähnlich durch Begrenzung der möglichen Transportleistung regeln, um mehr Transportvolumen auf die Schiene zu bringen. Der Schiffsverkehr ließe sich komplett wieder auf Windbetrieb umstellen. Der Betriebsmodus time is money muß verlassen, und auf die Schiene – Effizienz ist unser nachhaltiger Wohlstand – gesetzt werden.
Ein weiteres Konkordat ? Das Erste funktioniert dcch bis Heute nicht :o((
Die Unterscheidung muss in öko-sozialistisch und freiheitlich-konservativ erfolgen. Von sozialem Engagement kann ich nichts erkennen, dafür um so mehr von sozialistischem Gedankengut.
Gut logisch hergeleitet. Aber genauso könnte man den Mullahs in Teheran vorhalten, dass die Menschen im Iran ohne sie und den Koran vielleicht besser dran wären.
@Dr. Thomas Dörfler, was ich mit „etwas wirr“ allgemein ausgedrückt habe, haben Sie hervorragend spezifiziert. Herr Thess hat wirklich schon hervorragendes veröffentlicht. Ich denke an die Theorie zur Entropie nach Lieb-Ygnavson. Dann kommt ein solches Durcheinander. Von einem Energieforscher würde anderes erwarten.
Man trennt sich nicht von Betrug, wie hier der Klima-Betrug sondern benennt ihn als das was er ist: Betrug = Straftat.
Neben der Asylindustrie und der BW ist das Klimagedöns eines der Hauptgeschäftsfelder der Polit-OK zum Plündern von Szeuergeldern.
Just 45 Milliarden/Jahr.
Moin Herr Thess, man nimmt im Artikel wahr, wo Sie beruflich herkommen, Sie sind quasi, als Physiker, ein technischer Intellektueller. Auch wenn Sie, laut Biographie, Mitglied der FDP sind, nehme ich Sie im Artikel weder als Politiker, noch als Historiker wahr, auch wenn Sie die jüngere Deutsche Energie-Politik kurz & bündig darlegen. Ihrer Analyse kann man daher wenig entgegnen, außer man ist der typisch ahnungslose Linke, wie Reichinnek, Bärziege & Co.. In der historischen Schlußfolgerung muß man Ihnen widersprechen, allerdings kann ich als Leser nicht beurteilen, ob Ihre Naivität im Artikel echt oder nur als Feigenblatt präsentiert ist. Ihr Beruf basiert auf den naturwissenschaftlichen & zivilisatorischen Errungenschaften der heidnischen Antike, die quasi durch den katholischen Bolschewismus vernichtet wurde. Erst als die Medici auf dem Papstthron putschten, kam es zu Renaissance, welche zumindest dem Adel Europas, wie dem urbanen Bürgertum zu mehr Bildung verhalf. Aber die Kirche gab nie freiwillig territoriale, also weltliche Macht auf. Ein weiterer Schritt zur Entmachtung der Kirche war der Protestantismus Luthers, was letztendlich zum 30jährigen Krieg führte. Im Westfälischen Frieden wurde jedem Fürsten klar, nie mehr aus religiösen Gründen Krieg zu führen, allerdings blieben interne Konflikte, wie zB mit den Hugenotten. Wir hatten dann bis 1933 die bonapartistische Trennung zwischen Kirche & Staat, seitdem nicht mehr. De facto haben wir Staatskirchen. Trotz des Milliarden schweren Kampfs gegen Rechts, wird auch von Union, FDP, Grünen & Linken an den Nazi-Kirchen-Gesetzen nicht gerüttelt. Bevor die Anhänger des Klima-, Gender- & DEI – Gottes wegen sinkender Budgets pleite gehen, werden diese eine Kirche gründen & den Nazi-Kirchen-Vertrag unterschreiben. Interessanterweise nutzt dieses Argument kein AfD-Politiker, wenn es um den Kampf gegen Rechts geht.