Rainer Bonhorst / 03.02.2010 / 17:47 / 0 / Seite ausdrucken

Ein Phob hat es nicht leicht

Früher war die Homophobie in aller Munde. Sie ist es nicht mehr. Sie hat sich ins Mittelfeld der Phobiedebatten abgesetzt; ist mangels Masse kaum noch der Rede wert. Es gäbe sie gar nicht mehr, hätte sie nicht im Vatikan eine letzte Zufluchtsstätte, eine Art Kirchenasyl gefunden. Doch das soll nicht unser Thema sein. Denn im Großen und Ganzen kann man sagen: Der Homo ist den Phobien, die er einst auslöste, entwachsen. Und das ist gut so. Jedenfalls so lange daraus keine Heterophobie entsteht. Aber so weit ist es ja noch nicht.

Die Islamophobie hingegen ist auf dem aufsteigenden Ast. Sie ist zum heißesten Debattenthema avanciert, zur schicksten Nummer in der internationalen Phobieentdeckerszene. Die Islamophobie lauert inzwischen überall. Sie kann jeden treffen. Und über Nacht. Man geht nichts ahnend als ein ganz normaler freiheitlich-demokratischer Grundordnungsmensch ins Bett und wacht jäh mit einer medial attestierten schweren Islamophobie auf.

Der mediale Aufstieg dieser Phobie wirft viele interessante Fragen auf. Nicht zuletzt eine grammatikalische: Wie nennt man den Besitzer oder Befallenen einer Phobie? Ist er ein Phob oder ein Phobe? Das ist natürlich eine typisch männliche Frage. Eine weibliche Befallene scheint es da leichter zu haben. Sie ist eine Phobin, was sonst? Oder ist sie vielleicht doch eine Phobe?

Das wäre irgendwie schön. Denn dann kämen sich der Phobe und die Phobe im Sinne einer modernen Genderassimilation zumindest grammatikalisch ganz nahe.

Aber die Sache ist ungeklärt. Und der Phob und die Phobin bleiben ohnehin durch einen sprachlichen Abgrund getrennt. Der Phob muss sich darüber hinaus mit einer weiteren Ungewissheit herumschlagen: mit seinem Akkusativ. Heißt es: Ich verabscheue den Phob? Oder heißt es: Ich verabscheue den Phoben? Der Phobe hingegen kennt diese Unsicherheit nicht: Wer ein Phobe ist, den macht der Akkusativ selbstverständlich zum Phoben und nicht plötzlich zum Phob.

Aus all diesen Gründen wüsste ich gerne, falls ich eines morgens als ein solcher aufwache, ob ich dann ein Phob oder ein Phobe bin.

Aber warum mache ich mir überhaupt diese Gedanken? Könnte es sein, dass ich eine Phobenphobie habe? 

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