Als ich geboren wurde, war die Wannsee-Konferenz ein knappes Jahr alt und der Massenmord hatte begonnen. Als junger Mann hatte ich vor dem Einschlafen ab und zu, nicht oft, aber auch nicht selten, den Gedanken: Wie leicht hätte es sein können, dass ich nicht als evangelischer Deutscher sondern als jüdischer Deutscher geboren worden wäre?
Wo wäre ich dann? Im KZ und also wohl längst vergast? In Brasilien oder England oder Amerika oder Israel, weil meine Eltern rechtzeitig die Flucht ergriffen hätten?
Oder doch in Deutschland, weil meine Eltern – sagen wir – zehn Jahr nach Kriegsende hierher zurückgekehrt wären? Auch aus Sehnsucht nach Heimat. Die kann sogar alte Auswanderer überfallen, wenn sie in einer anderen Sprachwelt unerwartet das Wort „Grüß Gott“ hören und ihnen die Tränen in die Augen steigen.
Wären wir in – sagen wir – Brasilien geblieben: Was wären meine Gedanken über Deutschland? Hass? Verachtung? Einfach nur eine verallgemeinernde Ablehnung? Oder ein milderes Urteil, in Anerkennung der Tatsache, dass nicht alle Deutschen Naziverbrecher waren? Dass es – in Grenzen – Widerstand und Hilfe für Verfolgte gab, im Großen wie im Kleinen? Dass es – naja – rund 600 auf die Tafel der Righteous among the Nations in Yad Vashem gebracht haben? Ein lächerlicher Prozentsatz im mikroskopischen Bereich. Aber ein Hoffnungsschimmer.
Und dann: Vielleicht Anerkennung eines neuen Deutschlands der Menschenrechte? Anerkennung dafür, dass ein zum Ernst neigendes Volk sich ernsthaft mit den dunklen Jahren auseinandersetzt? Und sich auf Besserung konzentriert? Nicht nur, aber auch.
Wie hättest du dich verhalten?
Und dann wiederum Enttäuschung darüber, dass in Deutschland ein neuer Antisemitismus aufleben konnte? Rechts, links, und moslemisch? Aus Bosheit, Verblendung und Naivität? Aus rechter Unbelehrbarkeit, linker Verdrehtheit und politischer Blindheit gegenüber den moslemischen Israelhassern?
Dies sind ein paar einfache Gedanken, hauptsächlich Fragen, beim Versuch, in die Schuhe eines betroffenen jüdischen Deutschen zu steigen, der dem staatlich organisierten Massenmord rechtzeitig entkommen ist.
Und die andere Seite? Die reale, die nicht abends mit dem Einschlafen kam? Die des nicht Gefährdeten? Den das willkürliche Glück nicht in unausweichliche Todesgefahr gebracht hat? Nicht mal in den Anpassungsdruck der Eltern? Hinter dem ja durchaus Lebensgefahr lauerte? Also einer mit der Kohlschen unverdienten Gnade der späten Geburt?
Man muss ja nicht in dieser Gnade baden. Allenfalls kann man sagen: Glückspilz. Aber man kann sich ja fragen: Wie hättest du dich verhalten, wenn du als Heranwachsender oder als Erwachsener in die Zeit des großen Verbrechens hineingerutscht wärest? Wärst du auf die Tafel der Righteous among the Nations gelangt? Statistisch gesehen: Vergiss es! Praktisch gesehen: Widerstand auch im Kleineren? Der Überlebenstrieb, biologisch und wirtschaftlich, spricht eher dagegen. Weggeduckt oder, um es literarischer auszudrücken: innere Emigration? Das ist die wahrscheinlichste Option. Ein bisschen Mitläuferei? Auch nicht gerade unwahrscheinlich. Aktiver Mitmach-Nazi? Da will man gar nicht dran denken.
Ein passendes Wort gegen das Pharisäertum
Aber, wie gesagt, man ist ja Glückskind. Nicht jüdisch und nicht zu früh geboren. Weshalb man sich ganz auf die Seite der moralischen Lebensführung schlagen kann, wenn man so geneigt ist. Und aus den Höhen der Gegenwart, die da unten in der Vergangenheit verurteilen kann. Viele haben es ja auch verdient. Aber, wie heißt es auf biblisch-korinthisch? There but for the grace of God go I. Ein passendes Wort gegen das Pharisäertum.
Vor 80 Jahren wurden aus Auschwitz die wenigen Überlebenden des Holocausts befreit. Da wird wieder viel geredet. Muss ja wohl sein. Auch peinlich Plattes. Ist ja immer so. Da muss man durch. 80 Jahre sind ein Lebensalter. Die, die es miterlebt, und vor allem die, die es überlebt haben, sind nur noch am Rande da. Aber sie wissen etwas, was die Hauptpersonen von heute sich kaum vorstellen können.
Rainer Bonhorst, geboren 1942 in Nürnberg, arbeitete als Korrespondent der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ) in London und Washington. Von 1994 bis 2009 war er Chefredakteur der Augsburger Allgemeinen-Zeitung.
Beitragsbild: Pixabay

Zu der Show Sage ich nur Buchreligion.
Zum anderen.Ich durfte während G2/G3 nicht mit meiner 9-jährigen Tochter auf den Jahrmarkt.. Hunde durften.:-)
Aber ich gemeinsam in den 80igern mit der 557th USAAG und die 96th Ordnance Company. gedient.
Die Show wird noch absolut Lustig..
MeineTochter wird in 4-Wochen 13..
Die Show wird lustig..:-)
Werde ich euch nie Verzeichen was Ihr meinen Tochter angetan habt. .
Ich habe mit der 557 95 Schulter an Schulter gedient..
Unswer Vereinswappen 320-SW 557 95 WAR DIE Bombe.
Die Show wird noxch echt lustig.. weil ich bin nicht käuflich.:-)
Ud habe mit der 557 95 gedient.,
Angst was ist das.?
Schmeckt das Lecker..? Kann man das Essen.?
Irgendwie dumm gelaufen..
Außer Juden, wurden von den Nazis auch ermordet: Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter, politisch Andersdenkende, insbesondere, wenn sie in exponierter Stellung waren, wie z. B. Pfarrer, Priester, Polen, Ungarn, überhaupt Osteuropäer, Zigeuner, Homosexuelle, geistig, psychisch und körperlich Behinderte, Zeugen Jehovas, Pazifisten, Asoziale, Ehepartner von Juden („Rassenschande“) usw…. Schon wenn man in seiner Wohnung den Radiosender des Feindes gehört hat, konnte man, bekanntermaßen, ins Lager deportiert werden, so erst recht, wenn man Juden oder anderen o. g. „Volksschädlingen“ geholfen hat. Die Rote Armee hat Auschwitz befreit und Hitler besiegt, aber wieviele Tote gehen auf das Konto sowjetischer Lager? Für den Durchschnittsbürger ist es nie leicht, sich offen gegen Staatsterror zu stellen, auch wenn er zunächst „nur“ den Nachbarn trifft. Der Holocaust ist lange her. Wir Nachgeborenen wurden und werden aber auch in unserem Leben vor harte Bewährungsproben bzgl. Terror aller Art gestellt, finde ich.
@R. Reiger: Auf den Punkt gebracht, bester Kommentar hier. Chapeau.
Man kann letztlich nur beten, dass es einen „Himmel“ gibt, wie ich ihn träumte, und all das Leiden dort endlich ein Ende hatte.
@Johann Georg Hamann: Prinzipiell haben Sie Recht. Aber heute ist der Gedenk-Tag für die Opfer der Shoa. Inhaltlich würde ich gerne folgendes ergänzen: Die deutschen Juden waren die ERSTEN Vertriebenen. Das machen wir uns vielzu selten bewußt! Die Vertreibung, Entmenschlichung und schließlich Ermordung der deutschen Juden war eine gewaltsame, verbrecherische und zugleiche wahnhaft-irrationale Selbst-Amputation der Deutschen; die auch unserem Land und unserem Volk schwer geschadet hat. Die politische Einstellung der deutschen Juden unterschied sich ‚im Durchschnitt‘ nicht vom ‚Durchschnitt‘ der sogenannten ‚arischen‘ Deutschen! Die Shoa – der Versuch der fabrik-mäßigen organisierten Auslöschung des jüdischen Volkes, ein Vernichtungs-Krieg ! – BEGANN NICHT mit Lagern, Deportationen, Mord und Massakern (vgl. Baby Jar). Die Shoa begann, als eine alltägliche gewissenlose Propaganda der Bevölkerung einzureden begann, daß bestimmte Bevölkerungsgruppen ‚ihr Mensch-Sein verwirkt‘ hätten. Die Shoa begann damit, daß Filme nicht mehr gezeigt, Lieder nicht mehr gesungen, Bücher nicht mehr verkauft und vor allem Künstler nicht mehr auftreten durften, weil sie die falsche Rasse, den falschen Glauben, die falsche Staats-Angehörigkeit, die falsche ‚Haltung’, den falschen Ehepartner hatten und/oder als ‘entartet‚ eingestuft wurden! Entsprechendes galt für Ärzte, Juristen, Professoren, Dozenten, Lehrer usw. . Eines der (überlebenden) Opfer war die Lyrikerin Mascha Kaleko (Eimigration 1938), an deren wunderbaren Gedichte wir uns heute wieder erfreuen.
Auch viele 1942 als Protestanten oder Katholiken geborene Deutsche sind in diesem Krieg ermordet worden: durch Bomben, ethnische Säuberungen, Misshandlung, Hunger und Krankheit. Die Nazi-Ideologie und der Holocaust sind nicht in einem Vakuum entstanden, sondern als Endpunkte von Spiralen aus Gewalt und Fanatismus. Es ist verfälschend, das Deutschsein mit dieser Ideologie gleichzusetzen. Und es dient natürlich Machtinteressen, vor allem der USA.
Die „Tafel der Righteous amonth the Nations“ existiert nicht wirklich. Bei näherem Blick ist die Geschichte der Menschheit über weite Strecken voll mit Mord, Folter, Genozid und Unterdrückung. Ich glaube, wenn wir aus Auschwitz eine Lehre ziehen können, besteht sie darin, dass manche Taten unter keinen Umständen zu rechtfertigen sind. Man darf nicht Menschen umbringen oder missbrauchen, weil sie zu einer gewissen Gruppe gehören. Dafür gibt es niemals eine Rechtfertigung.
Zum Glück wurde nach dem WW2 Europa entnazifiziert und alles aufgearbeitet und durch islamistischen Antisemitismus ersetzt! Wenn nun die Anständigen in Auschwitz weilen, an ihrer publikumswirksamen Jubiläumsfeier, und dazu passend Krokodilstränen vergiessen, kann man sie dort nicht gleich entsorgen? Wo ist Höss, wenn man ihn braucht?