Tritt ein Achtundsechziger ans Pult, weiß man, was kommt: Die allerneueste Grabrede auf den Kapitalismus. Es ist, als könnten diese Leute es kaum erwarten, dass ihre Bankkonten sich in Luft auflösen, nur um mit ihren Jugendstreichen am Ende doch noch Recht zu behalten.
So wollte ich den Artikel beginnen, denn es sollte darin um eine Äußerung von Joschka Fischer gehen, der im Auditorium Maximum der Berliner Humboldt-Uni zur Finanzkrise Stellung genommen und dabei gesagt hat, es handele sich um den zweiten Fall der Mauer, und weil ihm das wohl selber etwas kryptisch vorgekommen sein muss, hat er hinzugefügt, dies geschehe mit allen Konsequenzen, nur diesmal nicht nach Osten, sondern für den Westen.
Osten? Westen?
Dazu lässt sich zunächst nur sagen: Ein schiefes Bild ist ein schiefes Bild. Allerdings verrät es auch ein Weltbild, letzten Endes eine Ideologie. Die Mauer war das spektakulärste selbstentlarvende Instrument, mit dem der Polizeistaat DDR seine Bürger an der Flucht aus dem verordneten gesellschaftlichen Lagerleben zu hindern versuchte. Im übrigen diente ihr Fall der Befreiung der Ostbürger, jedenfalls einer deutlichen Mehrheit unter ihnen.
Bedauerlich fanden den Fall der Mauer, neben den Apparatschiks und sonstigen verbeamteten Ostexistenzen, zahlreiche Schwadroneure aus dem selbsternannten linken Spektrum, darunter nicht wenige Parteigänger von Fischer. Die Grünen gaben im Wahlkampf 1990 die Parole aus: „Alle reden von Deutschland, wir reden vom Wetter. Für ein besseres Klima.“ Damals allerdings war die deutsche Öffentlichkeit noch nicht so stark am Klima interessiert und so scheiterte die Partei des Salon-Turnschuhträgers vorübergehend an der Fünf-Prozent-Klausel.
Noch anhand dieser Fußnote der Geschichte lässt sich feststellen, dass der Fall der Mauer in den Westen hinein gewirkt hat. Mehr noch: Er hat Europa verändert und den Aufstieg der EU ermöglicht. Was ihm nicht gelungen ist: Die vielen Achtundsechziger davon zu überzeugen, dass Marx sich geirrt hat. Ein Fortschritt ist aber doch zu vermelden: Wenn sie früher über das Scheitern der Demokratie frohlockten, so freuen sie sich jetzt nur noch über die Kapitulation der Marktwirtschaft.
George W. Bush, der zum Rettungsanker Verstaatlichung greift, erscheint ihnen gewissermaßen als Pinup-Lenin. Als würde der links hinauskomplimentierte Sozialismus von rechts wieder die Bühne betreten. Um im Bild zu bleiben: Vielleicht ist es ja auch nur die NÖP, die Neue Ökonomische Politik, die das leninistische Desaster in den zwanziger Jahren überbrücken helfen sollte oder gar der Stamokap, der Staatsmonopolkapitalismus, aus den Luxuszeiten der Sozialdemokratie?
Das alles wollte ich zu Fischers Äußerung anmerken, aber dann fiel mir Claudia Jung ein. Die Schlagersängerin wurde bei der jüngsten Bayernwahl in den Landtag gewählt. Claudia Jung interessiert sich für den Tierschutz und speziell für heilende Pädagogik mit Tieren. Sie hat die Schirmherrschaft über den einschlägigen „Paulihof“ und wirbt für Tierpatenschaften. Frau Jung vertritt aber nicht die Grünen, wie man jetzt meinen könnte, sondern die „Freien Wähler“.
Mauerfall?