Ein Kasten in Kuba

Wieso zieht ein alter Hotelkasten in Havanna magisch Touristen an? Warum um alles in der Welt macht der auf einem kleinen Felsen an der Uferpromenade thronende Schinken, äußerlich seit neun Jahrzehnten unverändert und innen genauso muffig wie zu seiner Entstehung, die Touristen derartig sensationsgeil? In Havanna bieten etliche neue Hotels perfekt eingerichtete Zimmer, moderne Bars, erholsame Spas und jeglichen Komfort, aber jeder einigermaßen betuchte Touri will unbedingt in diesen potthässlichen Trum, und sei es nur für einige Stunden.

Das Hotel Nacional ist von einem Mythos umgeben, ja sogar zu jeder Tageszeit von diesem Mythos vollständig eingehüllt, und der hat einen einfachen Namen: Mafia-Hotel! Allerdings nicht die normale, nicht die alltägliche Mafia, nein, nur die mit den ganz großen Namen, und wer könnte wohl der Größte sein? Natürlich er, der unvergängliche, dem sogar der King of the Pop einen eigenen Song gewidmet hatte. Allerdings ist dieser Mythos mit einem geringfügigen Webfehler behaftet. Al Capone war nie auf Kuba, seit 1930 im Gefängnis, ab 1934 fest in Alcatraz, 1939 entlassen, bereits von schwerer Syphilis gezeichnet, an der er 1947 starb.

Na gut, er starb in Frieden, aber immerhin gibt es da noch den polnischen Juden Mejer Suchowlański, besser als Meyer Lansky bekannt, und der war tatsächlich des öfteren im Nacional, denn einige der dort aufgestellten Roulette-Tische spendeten ihm ihre Gewinne, völlig uneigennützig, versteht sich. Wenn allerdings alle US-Hotels, in denen dieser nie verurteilte Ganove einmal abgestiegen war, mit ihm werben würden, müsste in den USA ein „Meyer-Lansky-Wanderweg“ geschaffen werden, was nach fünf Jahrzehnten dem amerikanischen Nationalbewusstsein gut zu Gesicht stünde. Immerhin nahm es mit ihm ein friedliches Ende, der einstige „Bankier“ der Mafia starb im Bett. 

Zweifellos wurde das Nacional mit amerikanischen Mafia-Geldern errichtet, heute ist es ein Weltkulturerbe, müssten nicht auch die Mafia-Gelder diese Anerkennung erhalten?  Aber woher kommt überhaupt diese Plakatierung als „Weltkulturerbe“? Mit der Architektur kann das nichts zu tun haben, wahrscheinlich sind die Damen und Herren der UNESCO von einem spirituellen Geist beseelt.

Kein Stil, sondern schlichtweg Kitsch

Havanna ist die einzige Stadt der Welt, in der sich sämtliche Architekturstile der westlichen Hemisphäre aus den zurückliegenden 400 Jahren vereinen, manchmal sogar alle in einem einzigen Haus, und dann beginnt die Schwierigkeit. Für den Otto-Normalverbraucher haben diese Häuser gar keinen Stil, sondern sind schlichtweg Kitsch. Der Architekturspezialist kann dies nicht durchgehen lassen, er hat dafür einen extra wissenschaftlichen Begriff erfunden: eklektizistisch. 

Das Nacional ist ein solches Gebäude, aber nicht nur allein das, es ist abstoßend hässlich und darin ist es auch noch das größte in Havanna, zudem ist es alt, beides verändert die Einstellung sowohl von Experten als auch von Touristen: Größe siegt über Hässlichkeit, und mit dem Alter wird in Stein gehauene Hässlichkeit zur Schönheit. Die spirituelle Sehnsucht hat ihr Objekt gefunden! 

Anscheinend ist der kubanischen Regierung dieser Spiritismus nicht unbekannt, denn immerhin lässt er die sozialistischen Kassen klingeln, denn bereits bei der Annäherung an das Eingangsportal des Nacional wird dem Touristen die Tür von zwei Butlern weit aufgetan. Damit beginnt bereits die Glorie des Hotels.

Der Touri tritt in eine Lobbyhalle ein, bei der er nicht weiß, ob sie dem Geschmack der Mafia-Geldgeber oder dem der amerikanischen Architekten entsprach, irgendwie wohl ein Mittelding, weil ungemein pompös, Macht signalisierend und zugleich mit der hohen Holzdecke an einen Saal eines mittelalterlichen Palastes erinnernd. Das hat schon mal etwas, jedenfalls für amerikanische Touris.

An den beiden Enden der Halle erwarten den welterfahrenen Besucher dann zwei weitere Sensationen. Die erste ist ein Raum für die glorreiche Geschichte des Hotels, sozusagen sein historisches Gewissen. Die Glorie beginnt an den Wänden der Lobby mit aufgehängten Fotografien der Berühmtheiten, die das Nacional mit einem Besuch beehrten. Den Touri werden weniger die von Juri Gagarin oder die der verblichenen sozialistischen Führer interessieren, über deren Heldentaten hat die Geschichte ihren nachsichtigen Mantel gebreitet.

Die Hollywood-Größen sind immer noch lebendig

Ganz anders jedoch die Hollywood-Größen, denn die sind immer noch lebendig. Da wimmelt es nur so von Buster Keaton, Nat King Cole, Ava Gardner, „Tarzan“ Johnny Weissmüller, Errol Flynn, Marlene Dietrich, Rocky Marciano, Frank Sinatra, Marlon Brando, Ernest Hemingway, welch berühmter US-Künstler vor 1959 war eigentlich nicht hier? Danach kamen auch noch etliche weitere hinzu, insbesondere nach der Öffnung Kubas für westlichen Tourismus, hingegen die Anteilnahme der sozialistischen Promis deutlich zurückging, aber die westlichen Promis wollen wir hier nicht alle aufzählen, schließlich soll die Spannung vor dem eigenen Besuch aufrechterhalten bleiben. Dann der glorreiche Raum, ein komplettes Roulette, wenngleich in eine Ecke verbannt, Schläger und Bälle vom Baseball, eine alte Juke Box oder immer wieder Pokale. Alles weniger interessant als die Folterkammer bei Madame Tussaud, weshalb die Touris sich in der sich anschließenden Bar am liebsten mit einigen Mojitos beschäftigen. 

Dabei kommt Hunger auf, wofür sich am anderen Ende der Halle ein riesiger Speisesaal anbietet, die zweite Sensation. Sein Ambiente scheint den Speisesälen in den früheren amerikanischen Großbahnhöfen nachgestaltet zu sein, allerdings denen der Ersten Klasse, schließlich will auch das Nacional Erste Klasse sein, was wenigstens für die Preise zutrifft, aber sein Speisesaal strahlt trotz des vielen goldigen Scheins immer noch die Atmosphäre eines Bahnhofs aus.

Einst wurde er wohl auch für Gesellschaftsbälle gedacht sein, doch mit dem Verschwinden der Gesellschaft im Sozialismus verschwanden auch die Bälle, nur die Bahnhofsatmosphäre blieb, aber sehr goldig. Vor seinem Eingang sind drei Tafeln mit Fotos von Berühmtheiten angebracht, zumeist amerikanischen, wie könnte es beim Erzfeind des kubanischen Sozialismus auch wohl anders sein, zusammen mit einem Zettel, auf dem die Gerichte stehen, die diese hier wohl gespeist haben. Gerry Cooper mit Crêpes Suzettes, Oliver Stone mit Filet Mignon, Maradonna mit Pizza und Kevin Spacy mit Camarones mit Brandy, aber gibt es den überhaupt noch?  

90 Jahre alten Bad-Armaturen

Zu seinem Hotelzimmer kann der Touri mit vier Aufzügen aus den 30ern gelangen, sehr original und deshalb heute sehr romantisch, wenngleich die Zeiger für die Etagen für immer auf drei, vier oder fünf stehengeblieben sind und einer sogar völlig nach unten hängt, fast schon symbolhaft für die Qualität der Zimmer, denn auch diese sind in den Dreißigern stehengeblieben, jedoch wenigstens sehr romantisch, wobei nicht bekannt ist, ob dies die Touris so wollen oder der Sozialismus es nicht besser kann. Wer es plüschig mag, wird sich hier wohlfühlen, und dafür auch die 90 Jahre alten Bad-Armaturen in Kauf nehmen. 

Außerdem kann sich der Gast hier sicherer fühlen als in zahlreichen anderen Hotels, ja die Behauptung, sogar weitaus sicherer als in den meisten Hotels dieser Welt, ist nicht gewagt, denn jedes Zimmer ist seit vielen, vielen Jahre ordentlich verkabelt. Mit Sicherheit wird in ihnen nichts passieren, ohne Sicherheitskenntnis.

Im Nacional geht Tradition über Annehmlichkeit, schließlich ist dieses Hotel ein „UNESCO-Weltkulturerbe“, da kann nicht so einfach auf Teufel komm raus renoviert werden, und wen die jahrzehntealten rotsamtigen Sessel oder die patinaüberzogenen Wasserhähne stören, der kann ja immer noch von der Hotelterrasse aus drei weitere Sensationen genießen. Die erste ist ein Blick auf das Meer, scheinbar unendlich weit, doch nur scheinbar, denn die Kubaner wissen, dass da hinten am Horizont, nur schlappe 250 km entfernt, ihr Sehnsuchtsort liegt, Miami, aber da es außer den Kellnern auf der Terrasse hier keine Kubaner gibt, und da die US-Touris das Meer nur an sich aber nicht für sich betrachten, ist es einfach nur schön, diese blauschimmernde Weite. Die zweite Sensation beginnt aufregend und endet grauenhaft. Versteckt an der Seite des Gartens führte durch eine Metalltür ein kleiner Einstieg in ein unterirdisches Labyrinth. Spannung steigt auf. Der Touri müht sich durch in den Kalkstein gehauene enge und kahle Gänge. In einem, nur von einer uralten Glühbirne beleuchteten Raum, liegen alte Munitionskisten und Gasmasken. Fragen nach dem „Wozu“ beantwortet ein anderer, genauso schummriger Raum.

In ihm ist eine Karte aufgehängt, auf der die Standorte der sowjetischen Raketen mit den atomaren Sprengköpfen aus der Oktoberkrise von 1962 markiert sind. In diesen Gängen, direkt gegenüber dem Meer, sollte der Atomkrieg überstanden werden. Den Touristen kriecht ein Schauder über den Rücken, den jedoch draußen die dritte Sensation schnell wieder vertreibt. Zum Park hin zieht sich an den drei Seiten des Hotels ein Arkadengang entlang. In ihm stehen schwere auslandende Korbsofas mit dicken roten Kunstlederkissen, wie sie nirgendwo sonst noch anzutreffen sind. Nach so viel aufregender Historie ein Labsal, allerdings mit einer kleinen Trübsal. Die soeben aus der Unterwelt auferstandenen Touristen finden sie alle von Touristen besetzt, immer und zu jeder Zeit. Doch halt! Am frühen Morgen gegen sieben Uhr und in der Nacht gegen zwei Uhr kann in den Fauteuils unbehelligt von anderen Besuchern in stiller Herrlichkeit eine Zigarre geraucht werden.

Das Nacional bietet den Touristen einen außergewöhnlichen Vorteil. Sie können dort keine Kubaner erleben, außer der Bedienung selbstverständlich. Deshalb entspricht seine Atmosphäre dem original ursprünglichen Kuba. Wenn die Touristen das Nacional erlebt haben, ist es das neue Kuba, aber das ist eben das alte.

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