Ein Jahrhundert mit dem „Dreck alleene”

Der 28. November 1918 war es, nicht der 9. November. Zumindest für Wilhelm II., Deutscher Kaiser und König von Preußen. Erst zu dem späteren Datum verzichtete er formell. Eine deutsche Delegation war in sein niederländisches Exil gereist, um ihm die entsprechende Unterschrift abzunötigen. Der eigenen Courage, für die stellvertretend der letzte kaiserliche Reichskanzler Max von Baden die Abdankung seines Monarchen am 9. November verkündet hatte, traute die neue Regierung offenbar doch nicht genug. Der Nun-nicht-mehr-Kaiser gab die Unterschrift zwar widerwillig, hatte aber durch seine Flucht klargemacht, dass er die neuen Gegebenheiten akzeptierte. Materiell kam ihm der neue Staat sehr weit entgegen – über seine Vermögenswerte konnte er uneingeschränkt verfügen. Etwas mehr Widerstand hatte sein habsburgischer Amtskollege Karl I. geleistet, der verzichtete lediglich aufs Regieren, dankte aber nicht formell ab.

Im Deutschen Reich hatte das faktische Ende der Hohenzollernherrschaft neben dieser das Ende weiterer 18 regierender Fürsten (bei 22 existenten Herrscherhäusern, von denen drei allerdings keine Erbberechtigten mehr zu bieten hatten) nach sich gezogen. Als „folgerichtig“, „überlebt“, „aus der Zeit gefallen“ etc. stellt sich diese abrupte Entwicklung allerdings erst aus der Rückschau und unter Zugrundelegung der Annahme einer „fortschrittlichen“ politischen Entwicklung“ (von der bezüglich der anderthalb Jahrzehnte später in Deutschland eintretenden Änderungen wohl kaum jemand reden würde) dar. Auch im Kaiserhaus hatte es Varianten gegeben, etwa: den Kronprinzen als Nachfolger präsentieren? Wilhelm II. zieht sich als Kaiser zurück, bleibt aber König von Preußen? Der Abgang der Monarchie an sich war hier nicht so recht im Fokus.

Blickt man auf die anderen deutschen Fürstenhäuser, so stellt man bald fest, dass der Hohenzoller nicht nur durch seine Stellung – als Kaiser und König des mit Abstand größten deutschen Landes – eine Ausnahme war, sondern auch hinsichtlich der Resonanz in der Bevölkerung auf das Ganze. Wilhelm II. wurde – zu recht und noch öfter zu unrecht – vieles angelastet. Im Herbst 1918 waren das natürlich vor allem der verlorene Krieg und dessen Auswirkungen; hinzu kam sein von vielen Anhängern als feige empfundener Abgang.

„Warum geht denn der König fort?“

Andere Hoheiten erfreuten sich noch während der stürmischen Novemberwochen des Jahres 1918 oder gar weit über ihren Rückzug hinaus landesväterlicher Beliebtheit. In München wurde der greise, im Englischen Garten spazierende König Ludwig III. von ganz und gar nicht umstürzlerischen Arbeitern gedrängt, sich doch angesichts der revolutionären Unruhen in die Residenz zu begeben – damit ihm nichts passiere. Der württembergische König, auch ein Wilhelm II., war bereits in seiner eigenen Herrschaftszeit als Staatspräsident ins Gespräch gebracht worden, sollte es je zu einem Systemwechsel in Richtung Republik kommen.

Mit weitem Abstand anekdotenträchtigster und volkstümlichster Fürst war allerdings der sächsische König Friedrich August III. Der auch stets das regionale Idiom pflegende Herrscher wird bis heute vor allem mit dem markanten Ausspruch „Macht doch euern Dreck alleene!“ anlässlich seiner Abdankung in Verbindung gebracht. Inzwischen gilt es zwar als sicher, dass es sich beim Wortlaut wohl um eine Zuschreibung handelt. Ebenso sicher ist jedoch, dass der Satz außerordentlich gut zu Friedrich August III. gepasst hätte und seiner resignativen Stimmung, in welcher er am 13. November 1918 den lapidaren Satz „Ich verzichte auf den Thron.“ unterzeichnet hatte. Angesichts revolutionärer Regungen hatte er wenige Tage zuvor ausdrücklich bewaffnetes Vorgehen gegen die eigene Bevölkerung untersagt. Sicherheitsbedenken bezüglich seiner Person quittierte er mit den Worten: „Ich genne doch meine Dräsdner, die duhn mir nischt.“ Als er schließlich doch die sächsische Hauptstadt verließ, wunderte sich ein erst seit wenigen Tagen amtierender sozialdemokratischer Minister: „Warum geht denn der König fort? Hier hätte ihm niemand etwas getan.“

Als der inzwischen zurückgezogen im schlesischen Sibyllenort lebende Ex-König während einer Eisenbahnreise 1919 einen Zwischenhalt in Leipzig einlegen musste, soll es Hoch- und Willkommensrufe einer großen, spontan zusammengekommenen Menschenmenge gegeben haben. Überliefert ist auch hier eine Reaktion Friedrich Augusts III. mit den Worten: „Ihr seid mir aber scheene Rebbubligganer!“ Im Februar 1932 wurde der verstorbene Herrscher in Dresden aufgebahrt, Hunderttausende nahmen Abschied, der Andrang war so groß, dass es neben Verletzten sogar zwei Tote gab.

Keine Verklärung

Die Anekdoten- und Sympathiebekundungsliste ließe sich fortsetzen, nicht nur für Friedrich August III. Mag vieles erfunden oder ausgebaut sein – zufrieden mit dem „Hinwegfegen“ der Fürsten war man vor 100 Jahren und auch später keineswegs flächendeckend. Gerade in puncto Kultur hatten die Landesherrn des Kaiserreichs, deren Staaten im Übrigen fast sämtlich konstitutionell waren, in ihren größeren oder meist eher kleineren Residenzen bis heute Nachwirkendes ermöglicht und gefördert. Als stabile, neutrale, im Konfliktfall ausgleichend wirkende und auf Nachhaltigkeit in der Entwicklung ihrer Territorien bedachte Identifikationsmittelpunkte wurden sie vielfach wahrgenommen.

Vor Verklärung sollte man sich selbstverständlich hüten. Eine funktionierende, Rechtssicherheit gebende und die eigenen Regeln konsequent durchsetzende Demokratie kann nicht hoch genug geschätzt werden. Dennoch: Die nicht immer rationalen Sehnsüchte nicht nur einiger Zeitgenossen der letzten regierenden deutschen Fürsten sind zumindest nicht ganz unverständlich.

Wer dem eben Gesagten widerspricht und der Meinung ist, dass die deutschen Fürstlichkeiten komplette, anachronistische Vollversager waren, der vertiefe seine Ansichten mit: Lothar Machtan, Die Abdankung. Wie Deutschlands gekrönte Häupter aus der Geschichte fielen, München 2016. Wer hingegen einen gut illustrierten Blick auf die gute alte (oder zumindest nicht immer ganz schlechte) Zeit und namentlich auf Friedrich August III. werfen möchte, dem sei das – keineswegs unkritische – Werk: Iris Kretschmann/André Thieme (Hgg.), „Macht euern Dreck alleene“. Der letzte sächsische König, seine Schlösser und die Revolution 1918, Dresden 2018 ans Herz gelegt.

Foto: Frank Vincentz CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

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Leserpost (6)
Wilfried Cremer / 02.12.2018

Das deutsche Kaisertum war eine ungewollte Schwangerschaft. Der Panz Berlin ist immer noch der Klotz am deutschen Bein.

Hubert Bauer / 02.12.2018

Ein Monarch mit weitreichenden Vorrechten ist mit dem, für die Demokratie wichtigen, Gleichheitsgrundsatz nicht vereinbar. Und ein Monarch ohne weitreichende Vorrechte ist aber nur eine Hülle, die der Klatschpresse und dem Tourismusmarketing Futter liefert. 1918 haben unsere Vorfahren goldrichtig gehandelt; insbesondere weil es (soweit ich weiß) kein Blutvergießen wie bei den Russen gegeben hat. Was danach Schlechtes kam hätte das Volk selber verhindern können und müssen und ob die Monarchen Hitler & Co. verhindern hätten können wage ich zu bezweifeln. Hindenburg und Ludendorff haben ja auch innerhalb der Monarchie eine Quasi-Diktatur errichten können. Ich bin Republikaner durch und durch.

Hans-Peter Kimmerle / 02.12.2018

Ähnlich wie in Sachsen war es auch im Königreich Württemberg. König Wilhelm II. war ein bürgernaher König, der bei seinen Spaziergängen in Stuttgart von seinen “Untertanen” mit Grüß Gott, Herr König gegrüßt wurde und mit denen er das Gespräch suchte. Er hielt sich aus der Tagespolitik weitgehend heraus, die er seinem überaus tüchtigen Ministerpräsidenten Carl v. Weizsäcker überließ (Großvater des späteren Bundespräsidenten Richard v. Weizsäcker). Dem König gelang es, seinen Bürgern und Bürgerinnen so etwas wie eine kulturelle Identität zu vermitteln. Im übrigen waren die jüdischen Mitbürger und Mitbürgerinnen nach der württembergischen Verfassung schon längst in allen Belangen gleichberechtigt. Dem führenden Politiker der Sozialdemokratischen Partei (SPD) Wilhelm Keil wird die Äußerung zugeschrieben: Wenn der König in einer württembergischen Republik für das Amt des Staatspräsidenten antreten würde, kein anderer Kandidat hätte eine Chance gegen ihn. Es ist historisch nachgewiesen, dass die führenden Sozialdemokraten Wilhelm Blos und Wilhelm Keil der Fortführung einer parlamentarischen Monarchie in Württemberg nach der Revolution von 1918 nicht abgeneigt waren. Es ist Spekulation: Vielleicht hätte es den Nationalsozialismus nicht gegeben, wenn bei der Revolution 1918 der Übergang zu einer parlamentarischen Monarchie in Deutschland,  wie wir sie in anderen Ländern Europas kennen, gelungen wäre.

Peter Zentner / 02.12.2018

Lieber Herr Lommatzsch, eigentlich bin ich eh ein Monarchist: In Österreich geboren, in England aufgewachsen, habe ich konstitutionelle Monarchien schätzen und lieben gelernt. Die des UK sowieso, aber auch das k.u.k. Österreich-Ungarn unter Franz Joseph I. (1830 - 1916) befand sich nach dem Ausgleich von 1867 auf einem föderalen. vielversprechend konstitutionellen Weg. Der Erste Weltkrieg und dessen wirre Folgen machten all dem den Garaus, || Ob es ein Trost ist, in Deutschland eine Kaiserin namens Angela I. inthronisiert zu haben, die nicht nur auf die Konstitution (vulgo Verfassung) pfeift und allmächtig agiert, von willfährigen und pekuniär sesselklebenden Genossen fast aller Couleurs hofiert? Ich wage das zu bezweifeln.

Gabriele Klein / 02.12.2018

Was man mit Sicherheit sagen kann ist, dass ein königlicher Hofstaat billiger käme als der deutsche Bundestag. Und, schlechter als jetzt kann das Regierungsergebnis eigentlich eh nicht mehr werden. Bei einem König könnte man wenigstens davon ausgehen, dass er die Landesgrenze im eigenen Interesse schützt   und zwar als allererste Aufgabe.  Tut er dies nicht hat er sich natürlich erübrigt wie diese Regierung allerdings auch. Weiterhin scheint mir ein König ohnehin passender für Menschen die auf freie Meinungsäußerung und Meinungswahl keinen Wert legen, wie hierzulande mehrheitlich der Fall. Ein einziges Blatt, nämlich das Hofblatt des Königshauses würde in Deutschland genügen und käme billger als die ÖR.

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