Richard Wagner / 16.12.2008 / 23:32 / 0 / Seite ausdrucken

Ein Held der verspäteten Nation

Vier neue Titel sind bereits auf dem Buchmarkt, neun weitere sollen im nächsten Jahr folgen, wenn das Ereignis seinen Stichtag hat. Bis dahin wird es auch eine imposante Ausstellung geben, ausgerichtet von drei Museen der Region. Motto: „Imperium – Konflikt – Mythos“.

In dieser Woche titelt der SPIEGEL: „Die Geburt der Deutschen. Vor 2000 Jahren: Als die Germanen das Römische Reich bezwangen“. Die Titelei wartet mit gleich mehreren Approximationen auf. Bei dem Thema ist das längst Tradition.

Die ZEIT hatte bereits Ende Oktober ein Dossier vorausgeschickt, allerdings unter weniger kühnem Aspekt: „Mythos einer Schlacht. Arminius’ Triumph, Varus’ Untergang: Wie der Sieg der Germanen über die Römer die deutsche Geschichte bestimmt hat – bis zum heutigen Tag“. Die deutsche Geschichte vielleicht nicht, aber ihre Wahrnehmung.

Was feiern wir eigentlich mit der Varus-Schlacht? Über die Sache selbst weiß man immer noch wenig, vielleicht gerade wenig genug, um daraus zum richtigen Zeitpunkt das große Symbol machen zu können.

Arminius, der germanische Mann des Jahres 9, erscheint erst seit der Reformation regelmäßig am deutschen Horizont. Er ist ein Klon dieser Reformation. Sein Entdecker, beinahe Erfinder, war Ulrich von Hutten, zu seinen Verehrern gehörte selbstverständlich auch Martin Luther. Sie machten den zu Hermann eingedeutschten zur Galionsfigur des deutschen Sonderwegs, und verpassten diesem damit auch gleich den sympathischen anti-imperialen Zug, von dem er bis heute profitiert. Dabei interessierte die Beiden, und ihre Gefolgsleute, weniger das Problem der Pax Romana, als die Trennung ihrer Kirche von Rom. So wurde Arminius zur Kunstfigur Hermann und diese zum ersten Protestanten Deutschlands.

Historische Ereignisse können zwar meistens wenig für ihre Rezeption, das wenige aber, das sie dafür können, ist oft genug entscheidend. Der nächste, der seinen Hermann optimal einzusetzen wusste, war der Dramatiker Kleist. Ihm gelang die anti-napoleonische Mobilmachung der Figur und darüber hinaus etwas viel Wichtigeres, die Fixierung des Gründermythos. Durch Kleist wurde Arminius voll und ganz zu Hermann, er war jetzt Romgegner und Nationsgründer in einem und damit denkmalreif im Kaiserreich.

Diese erste Superzentrale in der Geschichte der Deutschen legte einen kompletten Gürtel von Denkmälern an, die sich in der Geschmacklosigkeit gegenseitig übertrafen. Vom Kyffhäuser bis nach Detmold erhoben sich die Skulpturen zur peinlichen Staatslegitimation, als wollten sie noch nach fast zwei tausend Jahren den barbarischen Charakter der Angelegenheit wenigstens architektonisch und bildhauerisch demonstrieren. Was blieb dem Wilhelminismus auch anderes übrig? Auf das so vielfältige „Heilige Römische Reich deutscher Nation“ konnte er sich, schon wegen des Rombezugs, schlecht berufen.

So wurde Hermann der Begründer der kleindeutschen Lösung, und von allem, was dazu gehörte, und danach noch dazu kam. Er war der Held der verspäteten Nation, in deren Namen bald darauf die Geschichte selbst in Trümmer gelegt wurde. Die Hermannschlacht war wahrscheinlich das meistgespielte Stück im Dritten Reich.

Das ließ die Sache nach 1945 zwar für eine Weile ruhen, aber nicht zur Ruhe kommen. 1982 wurde Kleists Hermann neu eingekleidet und zwar von Claus Peymann in Bochum. Es war die erste Inszenierung der Hermannschlacht in der Bundesrepublik, und sie widmete sich nicht dem Gründer, sondern dem Rom-Bezwinger. Peymann äußerte damals, er habe „in der Hermannschlacht das Modell eines Befreiungskampfes gesehen, mit all seinen Widersprüchen“. Direkter war nur noch die DDR. 

Und heute, angesichts der Festivitäten und Frivolitäten? Der Mann wird überschätzt. Und das hat nicht mit seiner Leistung zu tun, sondern mit unserem Anspruch. Die Vergangenheit kann hilfreich sein, solange sie bei den Realien bleibt, sie kann aber nicht mit Mythen beleben, was der Gegenwart an Selbstvergewisserung fehlt.

So gesehen, ist es am besten, man geht im Teutoburger Wald einfach nur spazieren, und singt dabei ein altes deutsches Lied. Dieses: „Die Gedanken sind frei“. Mit ihm jedenfalls kommt man immer noch weiter als mit Joseph Victor von Scheffels 1848er Odium: „Als die Römer frech geworden,/Zogen sie nach Deutschlands Norden.// Als die Waldschlacht war zu Ende/ Rieb Fürst Hermann sich die Hände, / Und um seinen Sieg zu weihn,/ Lud er die Cherusker ein /Zu `nem großen Frühstück.// Nur in Rom war man nicht heiter,/ Sondern kaufte Trauerkleider“.

In Rom? In Washington? Ach, Hermann!

(Weiterführende Literatur: Werner Völker, „Als die Römer frech geworden…“. Die Schlacht im Teutoburger Wald, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1981)

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