Thilo Schneider / 22.03.2021 / 16:00 / Foto: Timo Raab / 11 / Seite ausdrucken

Ein Fest jüdischen Lebens

In Zeiten von Corona, in denen eh niemand wenigstens auch nur nach Mecklenburg-Vorpommern fährt, lohnt sich gelegentlich der Blick in die virtuellen Museen dieses Landes. Eine Ausstellung der besonderen Art ist beispielsweise die von der Bundesregierung und dem ZDJ initiierte Website www.wir-juden.com.

Fernab von den in Deutschland bräsigen und institutionalisierten Gedenkfeiern (und der verzweifelten Suche nach Holocaust-Überlebenden als Key-Speaker im Bundestag) ist diese Website ein Fest von 1.700 Jahren jüdischem Leben und Erleben in Deutschland und der Welt. Und birgt, Ostern nähert sich, eine pralle Überraschung an Informationen. Mir selbst war zwar bekannt, dass Leonard Nimoy aka Mr. Spock Jude ist – von William Shatner aka James T. Kirk wusste ich es nicht. Da bekommt die Star-Trek-Folge „Patterns of force“ (die seinerzeit in Deutschland nicht ausgestrahlt werden durfte) noch einmal einen ganz anderen Drall.

Vom Aufbau her rollt die Ausstellung durch die Historie hin zur Gegenwart und füttert den Besucher auf charmante und tatsächlich begeisternde Weise mit Fakten: Welche wichtigen Schlachten schlugen Juden? Für welche technischen Innovationen sorgten sie? Wo waren (und sind auch heute noch) Juden tätig im Sport, in der Mode, in der Gesellschaft? Wenigstens mir ging es bei der virtuellen Wanderung durch die jüdische Historie immer wieder so, dass ich mir dachte: „Was? Der/die war Jude? Sieh an! Wusste ich gar nicht!“ Oder hätten Sie gewusst, dass Sigmund Loewe, Edmund Rumpler und Raymond Kurzweil Juden waren? Ohne Juden gäbe es keine Kugelschreiber, Fernbedienungen, USB-Sticks und die Automarke Citroën (die von André Gustave Citroën gegründet wurde).

Hadern mit den Feinden – und vermeintlichen Freunden

Oder in der Unterhaltung: Wussten Sie, dass Goldie Hawn, Daniel Radcliffe oder Sean Penn Juden sind? Hat Sie das bisher überhaupt interessiert? Wahrscheinlich nicht – und das ist auch sehr gut so. Es geht nämlich nicht darum, ob ein Schauspieler oder eine Sängerin „jüdisch“ ist, sondern wie banal, wie wenig dies auf Leistung oder Beliebtheit der Künstler einen Einfluss hat (oder, besser: haben sollte). Ein guter Schauspieler ist ein guter Schauspieler. Punkt, keine weiteren Fragen.

Egal wohin mich die Ausstellung führte – ob in die Militärabteilung oder in den Boxsport: Die Liste jüdischer Akteure war immer wieder faszinierend lang. Und bis Ende des Ersten Weltkriegs konnte, wenn man nicht gerade beinharter Antisemit oder Nationalsozialist war und ist, niemand den jüdischen Bürgern Deutschlands mangelnden Patriotismus unterstellen. Ganz im Gegenteil zeigt die Geschichte: Wenn es „hart auf hart“ kam, bildeten Juden die patriotische Speerspitze, am Fortkommen eher von neidischen Kollegen und einem dümmlichen Klassendenken behindert als vom Feind. Einstecken konnten und mussten Juden augenscheinlich schon immer. Wenn nicht vom Gegner, dann vom vermeintlichen und leider immer wieder bornierten „Freund“ (Israel kann da bei den Vereinten Nationen von seinen deutschen „Freunden“ mehr als nur ein Lied singen).

Auch innovativ: Die Seite verzichtet (bewusst?) auf erhobene Zeigefinger oder die grauenhaften Bilder aus den Konzentrations- und Vernichtungslagern. Stattdessen gibt es eine Bildergalerie der Dumpfen, die Verantwortliche, Handlanger und Trittbrettfahrer der Shoah waren. Die einen erfinden die Fernbedienung, die anderen dressieren Schäferhunde.

Als habe sich ein Volk sein Gehirn amputiert

Abgerundet wird die Ausstellung durch Selbstironie, und tatsächlich sind jüdische Witze (Obacht: keine „Judenwitze“) auf der Seite zu finden. Und sogar gute. Die Ausstellung macht auf humorvolle und wirklich freundliche Weise bewusst, wie groß der Verlust Deutschlands an Kultur, Wissen, Wissenschaft und Gesellschaft durch den Holocaust tatsächlich war und immer noch ist. Ich glaube, in der Geschichte der Menschheit ist nur schwer ein grausameres und dümmeres Verbrechen eines ganzen Volkes und seiner Regierung zu finden. Nicht nur an denen, die es nicht als Teil seiner Gesellschaft akzeptieren wollte, sondern auch an sich selbst. Als habe sich ein ganzes Volk im wahrsten Sinne des Wortes sein Gehirn amputiert. Was hätten wir heute für ein herrliches (und mutmaßlich durchgeimpftes) Deutschland… Wie dumm und borniert muss man im Jahr 2021 sein, um dies abzustreiten oder relativieren zu wollen? Der Pharao hatte einen Grund, warum er die Israeliten nicht ziehen lassen wollte. 

Wir Nichtjuden sollten den Juden – und speziell den deutschen Juden – dankbar sein, dass sie nach 1945 wieder ein Teil dieser Gesellschaft sein wollten und „unsere“ Juden hegen und pflegen. Sonst sähe es hier wie in einer x-beliebigen Wüstenrepublik aus. Außerdem beschützen die Juden die Menschheit: Eine jüdische Bekannte erklärte mir einst, dass, wenn sich alle Juden an die Vorschriften ihres Glaubens halten, der Messias wiederkommt und das Jüngste Gericht auf uns alle niederhagelt. Deswegen hält sie sich an keine Vorschriften. „Ich will nicht auch noch daran schuld sein“, sagt sie.

Zusammengedampft fasse ich die Ausstellung so für mich zusammen: Es gab und gibt vielleicht deutsche Juden. Es gab aber immer (und gibt gottlob wieder) jede Menge jüdische Deutsche. Dessen sollten wir uns bewusst sein und bleiben. Antisemitismus darf nie wieder Platz in dieser Gesellschaft haben, egal von welcher Seite. Man schießt sich schließlich auch nicht in die Kniescheibe, um besser laufen zu können. 

Neugierig geworden? Ich will nicht zu viel verraten: Nehmen Sie sich ein Heißgetränk und eine Tüte Popcorn und machen Sie sich auf den Rundgang unter www.wir-juden.com.
 

Foto: Timo Raab

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Kerstin Behrens / 22.03.2021

Marc Zuckerberg! So sieht es aus, wenn intelligente Zeitgenossen auf ganz andere Art wesentlich mehr Intelligenz und ökonomische Weitsicht beweisen,! Die deutsche etwas weniger intelligente Unterschicht sitzt derzeit im “Sportpalast Berlin”, Hamburg und sein erster Bürgermeister ist weithin auf Jagd, der komische Bürgermeister jagt gesunde Menschen unter dem Deckmantel der Fürsorge? Was für ein Arschloch von vielen!  Hamburg diskutiert in privaten Kreisen, was allerdings nicht wirklich neu ist. Es gilt absolute öffentliche Zurückhaltung, denn “Berlin” wird den “Gläubigen” weit mehr als Virus liefern!

Hans-Peter Dollhopf / 22.03.2021

Ein guter Tipp, danke! Bin gespannt, ob auch, und wie, die Toratreuen darin vom ZdJ bedacht werden.

Ernst Flemm / 22.03.2021

@Bernd Naumann: “Eine verbrecherische Minderheit hatte sich Deutschland untertan gemacht.” Ach, echt? Ist ja genau wie bei uns, heutzutage.

Rolf Menzen / 22.03.2021

Und dabei waren sie nur ca. 1 % der Bevölkerung im Deutschen Reich. Man schaue sich auch mal die Liste deutscher Nobelpreisträger vor 1933 an.

G. Kramler / 22.03.2021

Ist doch schön, dass es doch Gruppen gibt die in Deutschland gut und gerne leben können.

Anton Weigl / 22.03.2021

Ich finde, daß einer der wichtigsten Punkte den wir vom jüdischen Volk bekommen haben, die zehn Gebote sind. Es ist ganz wichtig, daß es heißt: Du sollst nicht.  Es heißt nicht;  Es ist verboten oder Du darfst nicht. Dieser Unterschied ist sehr menschlich gemacht.

Bernd Naumann / 22.03.2021

“Als habe sich ein ganzes Volk im wahrsten Sinne des Wortes sein Gehirn amputiert.” m.W. erhielten die nationalen Sozialisten bei keiner Wahl eine Mehrheit, sie blieben unter 40%. Das Progrom 38 diente wohl auch der Einschüchterung der deutschen Bevölkerung. Es gab bei diesem Progrom übrigens kaum Denunziationen jüdischer Nachbarn durch Deutsche. Meine Oma, angesprochen auf Versteigerungen jüdischen Eigentums: “Do ist när s Gelump hiegange”, “da hat sich nur das Gesindel bereichert”. Es ist eine Lüge, zu behaupten, die Mehrheit der Deutschen hätte den Holocaust begrüßt, nicht umsonst wurde versucht, die Verbrechen zu verheimlichen. Was hätten die Bürger tun sollen? Bereits wegen eines Hitlerwitzes endeten Menschen am Galgen oder auf dem Schafott. Bevor man sich heute vom erhabenen Sockel der großartigen Moral über die Menschen damals auslässt, sollte man sich mit den Verhältnissen jener Zeit befassen. Eine verbrecherische Minderheit hatte sich Deutschland untertan gemacht.  Was auch B. Brecht in seiner beeindruckenden Kriegsfibel so schrieb.  Bereits als Kind wurde ich angehalten mich mit dem Holocaust zubefassen, er war mir lange unbegreiflich. Erst jetzt,  in Anbetracht des freiheitsfeindlichen, denunziatorischen, primitiven Mobs, der aus allen Löchern, kriecht, bereit, alle mit anderer Meinung zu vernichten, verstehe ich, wie es damals so weit kommen konnte. Eigentlich bereits, als ich die hasserfüllten, hysterisch schreienden, spuckenden Gegendemonstranten bei der 2. großen Pegidademo erlebte.

sybille eden / 22.03.2021

Toll ! - Hierzu möchte ich noch ein grossartiges Buch mit dem Titel “Deutschschland ohne Juden”, von Bernt ENGELMANN empfehlen !

Bernhard Freiling / 22.03.2021

Na toll, und jetzt laß uns doch mal eine Ausstellung machen, anhand der wir erkennen können, auf welch unglaubliche Weise Deutschland durch die anderen Nahost-Migranten beglückt wird und welcher Schaden entstünde, wenn sie uns wieder verließen.

Dipl.-Ing. Erwin Obermaier / 22.03.2021

Mit dem Holocaust hat sich Deutschland eine Hand abgeschlagen. Möglicher Weise sogar die Rechte. Danke für den Link.

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