Rainer Bonhorst / 04.01.2014 / 20:11 / 2 / Seite ausdrucken

Ein europäischer Alptraum

An der Schwelle des europäischen SEPA-Jahres sucht mich ein Alptraum heim. Er beginnt damit, dass ich in einer Flut von SEPA-Drohbriefen zu ertrinken drohe. Im letzten Moment erkenne ich, wie ich mich über Wasser halten kann: Ich muss sämtliche SEPA-Briefe lesen. Dann gehe ich nicht unter. Es ist eine schweißtreibende Arbeit. Meine Kräfte lassen nach, obwohl ich erst ein Drittel aller Briefe gelesen habe. Werde ich, wenn ich entkräftet das Lesen einstelle, wieder in der Flut versinken?

Noch halte ich durch. Dann entdecke ich den rettenden Hinweis: „Sie müssen nichts unternehmen.“ Mit Hilfe dieses Satzes erreiche ich das rettende Ufer. Aber bin ich wirklich gerettet? Der neueste SEPA-Brief, den ich bekommen habe, erschreckt mich gleich am Anfang mit einer zwanzigstelligen Gläubiger-Identifikationsnummer. Und dann ist da natürlich die noch längere IBAN-Nummer und die nicht viel kürzere BIC-Nummer. Alle Nummern zusammen belaufen sich auf mehr als 50 Stellen. Dabei ist die Mandatsreferenznummer noch gar nicht mitgerechnet. Die soll ich erst mit der ersten Rechnung erhalten. Doch schon heute frage ich mich bang: Wie viele Ziffern wird die Mandatsreferenznummer haben? So viele wie die IBAN-Nummer? Oder so viele wie die Gläubiger-Identifikationsnummer? Oder vielleicht doch nur so viele wie die BIC-Nummer? Oder wird sie so viele Ziffern haben wie alle zusammen? Also nochmal über 50?

Dann lese ich, dass es sich bei der Brief- und Zahlenflut um ein „europaweit einheitliches SEPA-Basis-Lastschriftverfahren“ handelt. Das ist immerhin ein gewisser Trost. Ich bin mit meinem Alptraum nicht allein. Ganz Europa träumt ihn. Wir sind alle eine große Alptraumgemeinschaft. Die europäische SEPA-Union.

Aber was ist das Ziel der Sache? Mein Verdacht: Es handelt sich um eine Methode, ältere Menschen wie mich, noch mehr an den Rand der Gesellschaft zu drängen. Ich glaube, man setzt gezielt darauf, dass wir Älteren große Probleme haben, eine Zahlenreihe von mehr als zwanzig Ziffern auf die Reihe zu kriegen. Spätestens bei Ziffer 17 verfällt man als überforderter Senior in eine Verzweiflungsdepression und beginnt ernsthaft über das früher schon einmal angesprochene sozialverträgliche Frühableben nachzudenken. Sollte dem Nachdenken die Tat folgen, so wäre dies die Lösung des Rentenproblems und überhaupt aller Probleme, die der demografische Faktor mit sich bringt.

Da auch ich zum demografischen Faktor gehöre, beobachte ich die SEPA-Strategie der Europäischen Union mit gemischten Gefühlen. Einerseits bewundere ich das subtile Vorgehen. Mit Mitteln der Zahlenmagie für einen biologischen Ausgleich zwischen den Generationen zu sorgen, ist ein erstaunlich kreatives, ja kühnes Konzept. Ich kann gar nicht glauben, dass das in den Kommissionsräumen der Gurkenbegradiger entstanden sein soll. War da nicht vielleicht doch eine jugendliche Garagenfirma am Werk?

Andererseits hätte ich der Hiphop-, Gangstarapp und Fuck-you-Generation ein so subtiles Vorgehen auch nicht zugetraut. Zumal das SEPA-Wesen auch für die Jungen keine reine Freude ist. Vielen Jungen ist es zwar wurscht, ob eine Zahl aus drei oder 33 Ziffern besteht, weil sie beides nicht ohne Smartphone-Rechner bewältigen können. Dafür sind sie aber flotter mit copy and paste, weshalb sie sich gar nicht erst auf das Lesen der Zahlenreihen einlassen müssen.

Doch darauf kommt es gar nicht an. Ich fürchte, dass es demnächst bei Polizeikontrollen am Freitagabend nicht mehr heißen wird: „Was ist Ihre Autonummer?“ Sondern man wird fragen: „Was ist Ihre SEPA-Nummer?“ Wer sie nicht auswendig kann, muss blasen. Was für die Jugend noch dramatischere Folgen haben könnte als für uns ältere, weil wir vor dem Komasaufen zurückschrecken, aus Furcht, dem Koma nicht mehr zu entkommen.

Letzten Endes trifft es also uns alle in der neuen SEPA-Union. Ein Verdacht, der mir schon in der Schule gekommen ist, bestätigt sich: Eine hundsgemeine Zahlenreihe wird uns kleinkriegen. Der Hinweis, man müsse nichts unternehmen, ist wahrscheinlich ein Trick und Teil einer größeren SEPA-Strategie. Ich warte auf den Brief, in dem es heißt: „Sie haben trotz mehrfacher Hinweise versäumt, Ihre IBAN- und BIC-Nummer vorwärts und rückwärts auswendig zu lernen. Sie werden hiermit aufgefordert, dies umgehend nachzuholen und die Zahlenreihen im Beisein Ihres alten Mathe-Lehrers hundert Mal aufzusagen.“

Und dann wache ich auf und stelle entsetzt fest, dass ich anders als Gregor Samsa nicht in ein ungeheueres Ungeziefer sondern in eine ungeheuere Zahlenreihe verwandelt worden bin.

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Leserpost

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Dr.Hans-Joachim Radisch / 05.01.2014

Ich befürchte, daß wir alle die Genialität der EU-BÜROKRATEN unterschätzen: Um festzustellen, ob derjenige der vor dem Thing seine Interessen vertreten wollte,  im Vollbesitz seiner körperlichen - und damit unterstellt auch geistigen - Kräfte war, mußte er vor seiner Zulassung zur Versammlung vor den Anwesenden mit voller Wehr samt Schild und Waffe sein Pferde besteigen. Gelang ihm das, war damit seine aktuelle Geschäfts- und Prozessfähigkeit handgreiflich bewiesen.

Wolfgang Uhr / 05.01.2014

Interessant wird es erst, wenn die Lastschrift wiederufen wird. Dann muss man diese Zettelchen durchwühlen und die Mandatsnummer suchen und angeben: “Hiermit kündige ich das Manda ...”. Also brav alles abheften.

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