Die Schlagzeile der New York Times zur Tötung des Diktators Ayatollah Khamenei lautete: „Hardline-Geistlicher, der Iran zur Regionalmacht machte, stirbt im Alter von 86“. In den sozialen Medien gab es darüber Empörung und Spott. Nutzer schrieben etwa, dass man den Tod Hitlers mit den Worten hätte melden können: „Hundeliebhaber, der Deutschland zur Weltmacht machte, stirbt im Alter von 56.“ Der Fall ist symptomatisch für eine Richtung in der westlichen Berichterstattung, die das Mullahregime seit Jahrzehnten verharmlost und vor ihm kuscht: „Nur ja nicht die Mullahs beleidigen„.
Es gibt einen roten Faden der Verharmlosung dieses theokratischen Schreckensregimes, beginnend 1979 mit der Machtergreifung Khomeinis, als Richard Falk (von 2008 bis 2014 UN-Sonderberichterstatter für die Palästinenser) – ebenfalls – in der New York Times schrieb, man solle Ayatollah Khomeini „Vertrauen schenken“. Über ihn gebe es in Amerika viel „Verwirrung“: „Mehr als jeder andere Führer der Dritten Welt wird er auf eine Art dargestellt, die darauf aus ist, Angst zu machen.“
Präsident Carter habe Khomeini bis vor kurzem in die Nähe „von religiösem Fanatismus gerückt“, schrieb Falk damals. Die Medien hätten ihn auf „vielerlei Art diffamiert“ und mit Bestrebungen in Verbindung gebracht, „die Uhr um 1.300 Jahre zurückzudrehen, ihn mit bösartigem Antisemitismus konnotiert und mit einer neuen politischen Störung, dem ‚theokratischen Faschismus‘, der im Begriff sei, auf die Welt losgelassen zu werden.“ Doch das Bild von Ayatollah Khomeini als „fanatischem, reaktionären Träger von kruden Vorurteilen ist zum Glück ganz sicher falsch. Es ist zudem ermutigend, dass der Kreis seiner engen Berater ausschließlich aus moderaten fortschrittlichen Personen besteht.“ Mit seinen „gewaltfreien Methoden könnte der Iran zum dringend benötigten Modell eines human regierten Landes der Dritten Welt“ werden.
Daran knüpfte später die Ära des „kritischen Dialogs„ an, als deutsche Politiker und Journalisten innerhalb des Mullahregimes ständig neue „Gemäßigte“ entdeckten, mit denen man Dialoge führen (und Geschäfte machen) müsse. Es war die Politik, die man im Hinblick auf die Münchener Konferenz von 1938 Appeasement nennt. Vermeintlichen „Frieden“ durch Beschwichtigen und Nachgeben gegenüber den Tyrannen.
„Jegliche wirkliche oder eingebildete Schwächung der Macht des iranischen Regimes könnte der Vorbote einer gefährlichen Eskalation der regionalen Spannungen sein“, warnte ein Kommentator der britischen Zeitung Guardian 2018. Auch die vom Mullahregime unterstützten Terrorgruppen erschienen zuweilen in einem milden Licht. „Der ermordete Hamas-Führer Ismail Haniyeh galt als gemäßigter Diplomat“, erfuhren die Leser von Jakob Augsteins Wochenzeitung Der Freitag anlässlich von Haniyehs Tötung durch eine israelische Bombe im Juli 2024.
Während manche deutschen Journalisten in Israel eine „rechtsextreme“, wenn nicht gar „ultrarechte“ Regierung am Werk sehen, war Ayatollah Khamenei kein solcher. Niemals werden irgendwelche Diktatoren in der islamischen Welt als „rechts“, „rechtsradikal“ oder auch nur als „extremistisch“ bezeichnet. Sie sind entweder „Revolutionsführer“ oder „konservativ“, wenn nicht sogar beides zugleich.
Einfühlsamer Nachruf
Sehr einfühlsam ist das Porträt, das ZDFheute von Khamenei zeichnet. „Knapp 37 Jahre lang“ habe dieser „an der Spitze Irans“ gestanden. Schon das ein Euphemismus. Es klingt wie der Bericht einer Lokalzeitung, wenn der Chef eines mittelständischen Unternehmens in den Ruhestand geht.
Es wird noch schlimmer: „Als geistliches Oberhaupt des Iran lenkte Chamenei mehr als drei Jahrzehnte lang die Geschicke der Islamischen Republik.“ Man hat ihn sich als einen umsichtigen Staatsmann vorzustellen – und als unermüdlichen Arbeiter. Den „Posten“ (!) habe er von dem „Republikgründer“ (!) Ayatollah Ruhollah Khomeini „übernommen“. Das Merkmal einer Republik ist, dass die Staatsgewalt vom Volk ausgeht, was aus Sicht des ZDF offenbar durch Khomeini nicht nur gewährleistet war – nein, er hat die Republik sogar gegründet, ähnlich wie George Washington. Doch in Khameneis Leben war nicht alles eitel Sonnenschein; er musste auch mehrere Krisen überstehen.
Eine Krise ist eine Situation, in der plötzlich Gefahren, Unsicherheit oder große Probleme auftreten, die schnelles Handeln erfordern. Aus Sicht des ZDF war das stets dann der Fall, wenn das Volk im Iran auf die Straße ging. „Seither überstand er mehrere Krisen wie einen Studentenaufstand 1999, Massenproteste wegen einer umstrittenen Präsidentenwahl 2009, niedergeschlagene Demonstrationen 2019 und die landesweiten Proteste nach dem Tod der Kurdin Mahsa Amini 2022. Zuletzt hatte die iranische Führung im Januar erneut Proteste niedergeschlagen. Ausgelöst worden waren sie durch die schlechte wirtschaftliche Lage des Landes.“
Khamenei verstand wohl etwas davon, wie man Krisen löst. Es folgt eine Biografie, die Einblicke gibt, wie der Mann, der zehntausende Menschen ermorden ließ, so als Mensch war. Geboren als „Sohn eines Geistlichen“ sei Khamenei „schon früh“ „als geschliffener Redner“ aufgefallen. Und er war auch ein Freiheitskämpfer. „Wegen seiner Aktivitäten in der Opposition gegen die Herrschaft des Schahs wurde er wiederholt inhaftiert.“
Nach dem „Sieg der Islamischen Revolution 1979“ – die man sich wohl wie einen Sieg bei einem Sportwettbewerb vorzustellen hat – „stieg er dann rasch in die Staatsführung auf“. Khamenei lobte damals öffentlich die Geiselnahme in der Teheraner US-Botschaft, ein Aspekt, der in dem ZDF-Porträt fehlt. Danach ging es aufwärts für Khamenei: Er wurde „überraschend“ „gewählter“ „Nachfolger [von Khomeini] als ‚Revolutionsführer‘“. Den „religiösen Ehrentitel eines Ajatollahs“ habe er damals „nur unter Murren der schiitischen Geistlichkeit“ erhalten, erfahren wir. Als wäre Khamenei durch Nonkonformismus angeeckt.
Fast Pazifist
Nein, Khamenei habe „ein streng konservatives Weltbild“ vertreten, „das er mit aller Härte durchsetzte“. Wie ein Schulleiter alter Prägung. Kein Wort von Folter, Mord, Masseninhaftierungen und Vergewaltigungen. Es heißt lediglich: „Die Öffnung des politischen Systems lehnte er ebenso ab wie jede Lockerung der strengen Kleiderregeln oder der scharfen Zensurmaßnahmen.“ Das könnten Kritiker auch über den Vatikan behaupten. Nicht schön, aber „Andere Länder, andere Sitten“, nicht wahr? Den USA habe Khamenei „misstraut“. Dabei sei er etwas nachtragend gewesen, aber aus Gründen, die das ZDF nachvollziehen kann: „Khamenei war nicht bereit, ihre Unterstützung für das autoritäre Schah-Regime zu vergessen, ebenso wie die US-Schützenhilfe für den irakischen Machthaber Saddam Hussein im Iran-Irak-Krieg zwischen 1980 und 1988.“
Die „feindselige Politik mehrerer US-Präsidenten bis hin zu Donald Trump“ habe „sein Misstrauen gegenüber dem ‚Großen Satan‘“ nur bestätigt. Er hatte offenbar die richtigen Einschätzungen und wollte sich nicht aufs Kreuz legen lassen von Leuten, die sein Vertrauen nicht verdienen. Eigentlich war er immer ein Opfer, beinahe. Die „brutal niedergeschlagenen“ Proteste erwähnt das ZDF – und nennt sie die „größten Herausforderungen seiner Macht“. Herausforderungen, die er meisterte. „Mit seinem konfrontativen Kurs gegenüber den USA und Israel“ habe Khamenei „Stärke demonstriert, während er gleichzeitig einem direkten Konflikt auswich“. Fast ein Pazifist.
Erst als Israel ihn angegriffen habe, habe „diese Strategie“ im vergangenen Jahr „ein abruptes Ende“ gefunden. Mitten im Frieden überfiel ihn der Feind. Die Massaker, Raketenangriffe und Entführungen der Hamas, die er über Jahre ermöglicht hat, kehrt das ZDF unter den Teppich. Es war vielmehr Khamenei, der bedroht war: „Bedroht war aber auch das physische Überleben Khameneis, denn Israel tötete damals reihenweise hochrangige Militärchefs und Atomwissenschaftler des Iran mit gezielten Angriffen.“ Und einem solchen Angriff erlag nun auch der geschliffene Redner mit dem konservativen Weltbild.
Dieser Beitrag erschien zuerst bei MENA-Watch.

Genausowenig könnt ihr euch freisprechen von der aufgeladenen Schuld!
@Steffen H.: Nicht alles, was dieser Knilch so verzapft hat, muss stimmen.
Beim Staatsfernsehen Zweiter Wahl weiß man halt, was das deutsche Staatsoberhaupt über seinen Freund Khameini hören will. Wie wäre es, wenn achgut als Kontrastprogramm mal Videos aus den Parlamentsversammlungen der Mollahs zeigen würde, wo die „Parlamentarier“, sämtlich in Uniform und auf Knien, mit demselben Fanatismus ihr „Death to America, Death to America“ rezitieren wie die Parteigenossen anno dunnemals ihr „Heil Hitler“ auf den Reichsparteitagen. Das ist sehr anschaulich und dürfte selbst bei den hartgesottensten eingeborenen Völkerrechtsfreunden und Diktatorenverstehern einigen Widerwillen auslösen, wenn auch vielleicht nur reflexhaft.
@lona Grimm/ .(Javascript muss aktiviert sein, um diese E-Mail-Adresse zu sehen)/*= 0)out += decodeURIComponent(l[i].replace(/^\s\s*/, ‚‘));while (--j >= 0)if (el[j].getAttribute(‚data-eeEncEmail_hzVZEspBlI’))el[j].innerHTML = out;/*]]>*/. Ralf Buitoni, Causa Epstein/Maxell und Konsorten: Wieso sollte sich die Achse damit befassen, wenn Danisch das viel bessser kann?
vielen dank für ihre antwort. aber danisch hat nicht mal an der oberfläche gekratzt. das wirkliche thema bei epstein sind die darauf gegründeten erpressungs- und korrumpierungsnetzwerke, weshalb in den internationalen medien der aktuelle krieg als der krieg der epstein-koalition bezeichnet wird. der verfall – auch körperlich – von trump ist unüberdehbar
@ ekki schneider „wer profitiert hier eigentlich wirklich?“ *** Der Durcheinanderwerfer! NOCH… ****
Robert Schleif
„..vor diesem Hintergrund irritieren mich solche Artikel, begeisterte euphorische Kommentare zum Krieg.. “ **** Sie haben absolut Recht. Diese Tastaturfront-Krieger, die stets militaristischer drauf sein wollen, als die realen Hardcore-Militaristen selbst, überzeugen nicht. Aus Putin einen zweiten Hitler machen-und „Russland ruinieren“ wollen, und heute hintenrum wieder auf dessen Gnade in puncto Energie zu hoffen, ebensowenig. Gefragt wären saubere Analysen, jenseits aller Gesinnung und korrumpierter Intentionen. Militärische Mittel als Ultima Ratio, anstatt Verhandlungen als Kulisse für Täuschungsmänöver. Ansonsten wird dies vermutlich das finale Endspiel des „Wertewestens“ . Nicht physisch, aber geistig und moralisch! ***
„Hinter einer Parlamentärflagge einen Hinterhalt zu legen, das ist nach internationalem
Recht verboten. Und das ist genau das, was die Vereinigten Staaten von Amerika
getan haben. Ich sage das nicht leichtfertig. Ich sage das als jemand, der sein Leben dem Dienst an diesem Land gewidmet hat, der den Verfassungseid geschworen hat, der glaubt, dass Amerika etwas Größeres sein kann als das, was es gerade tut. Wir haben den Schlüssel zur Büchse der Pandora gedreht.“
Scott Ritter (Verrat an der Wahrheit Swissvox News)
@Dr. Gerhard Giesemann:
Auf Al Jolani/ Al Sharah war von den USA ein Kopfgeld in Höhe von mehreren Millionen Dollar ausgesetzt, inzwischen wurde er zum Partner der „freien Welt“. Worin hier eine Verdrehung besteht vermag wohl nur ein Promovierter zu erkennen. Was mir aber eine Freundin aus Damaskus schreibt mit der ich seit über 15 Jahren in Kontakt bin ist, dass es unter Azad übel war und durch die Sanktionen noch übler wurde, unter Al Jolani/Al Sharah aber bislang nichts besser sondern eher noch schlechter wurde. So sieht die Befreiung durch Israel und die USA aus.
„Lupenreiner Demokrat“ fehlt in der Laudatio.