Ein Brief an meine Mutter

Mutter, Du bist jetzt gut fünf Jahre tot. Ich wusste nicht, dass es Dein Sterbebett sein würde, als ich Dir aus der Zeitung vorlas, dass nach dem glücklosen Bundespräsidenten Christian Wulff, jenem, der gesagt hatte, der Islam gehöre zu Deutschland, der Pastor Joachim Gauck Bundespräsident würde. Du warst erleichtert, mehr auch nicht. Frank-Walter Steinmeier? – Ich verzichte auf Deinen Kommentar.

Du wärest zufrieden, wüsstest Du, was ich als Arzt 2015 für Flüchtlinge getan habe, vor allem organisatorisch. Dass es menschelte, das hättest Du verstanden. Du hättest es begrüßt, spannend gefunden. Und hättest reagiert wie ich, wenn es politisch geworden wäre, und das ist es längst. Du hättest es richtig gefunden, dass ich damals gesagt habe, man müsse gezielt den Menschen helfen, die jetzt hier sind, und auch, dass ich gesagt habe, es sei nicht an mir, zu entscheiden, ob sie gezielt und zu Recht hier seien.

Du wärest entsetzt gewesen ob der Banalitäten, mit denen eine ganze Regierung meinte, uns über die größte Aufgabe seit dem Mauerfall hinweg trösten zu müssen: „Wir schaffen das.“ Auch Du hättest sofort gefragt: „Wir – Wer ist das?” Und – „Was ist das? Du, Junge, warst vor Ort, wer war es noch?“ Spätestens nach dem Attentat des Anis Amri vor einem Jahr hättest Du das umso drängender, inständiger, zweifelnder gefragt, wütender übrigens auch. Du hättest gesagt: „Lass Dich kein zweites Mal missbrauchen. Einmal genügt.“

Keine friedlichere Welt

Und dabei lernte ich von Dir Toleranz. Was es heißt, ein Deutscher zu sein, der seine historische Verantwortung ernst nimmt, zuerst jene gegenüber den Juden, denn sonst gäbe es da überhaupt nichts zu „lernen“. Du gingst mit mir ins Jüdische Gemeindehaus in der Fasanenstraße, um auf einem Basar Spenden zu sammeln für den Yom-Kippur-Krieg. Da war ich noch ein Kind. Du erzähltest mir, wie schwer es ist, jene nationalsozialistische Erziehung los zu werden, die Du selbst erfahren hattest, und dennoch eine Preußin zu bleiben, und dass leider viele Araber die legitimen Erben des Nationalsozialismus seien; das Attentat der Palästinenser auf die Olympischen Spiele 1972 bestätigte Dich.

Nie wieder, sagtest Du, mehr aus Trotz, denn es passierte ja gerade wieder. Du warst es, die mir erzählte, dass das Heilige Land drei Religionen heilig sei, und dass keine von ihnen je in Frieden würde leben können, wenn man eine von ihnen erneut vertriebe, ächtete und ausschlösse. Donald Trump wäre Dir suspekt. Seine Entscheidung, Jerusalem als Hauptstadt der Juden anzuerkennen, würdest Du entsprechend absurd kommentieren: Dass sie richtig sei, und dass auch der Vatikan und Mekka eigentlich dorthin gehörten, man müsse sie alle mit den Köpfen aneinander stoßen. Das sei nie zu erreichen, und genau das sei die Aufgabe Jerusalems, Stein des Anstoßes zu sein; ich solle nur die Apokalypse lesen, da stünde es drin, wenn ich mir denn den Kopf derart verkeilen wolle. Doch das sei täglich nötig: sich den Kopf zu verkeilen an Jerusalem.

Du hast mit den Muslimen in unserem Haus das Fasten gebrochen, sie kamen aus dem, was damals Jugoslawien hieß, und die späteren Kriege dort hast Du erlebt. Den 11. September 2001 verbrachten wir zusammen. Ich war im Kaufhaus an der Schloßstraße in Berlin, und ich wunderte mich, warum alle Bildschirme in der Abteilung für die Fernseher auf einmal diese riesigen, rauchenden Schornsteine zeigten, vor denen sich die Menschen versammelten.

Als ich begriff, da schrieb ich eine SMS an meine Freundin in Zürich, sie solle ruhig bleiben, und ich fuhr nach Hause zu Dir und fiel vor dem Fernseher auf die Knie, als wäre es ein Altar, und Du sagtest: „Junge, und ich habe gedacht, nach dem Terror der Nazis und dem der Kommunisten hinterließe ich Dir eine friedlichere Welt.“ Und Du warst es, die mir erzählte, wie erst die Sowjetunion und dann die USA den Islamismus erst instrumentalisiert und dann fallen gelassen hatten für ihre Zwecke, und dass es vor allem eins sei, dumm, dafür deutsche Soldaten an den Hindukusch zu schicken, denn sie seien arme Schweine, sie würden verheizt, und sie könnten nicht viel ausrichten dort.

Du hast die Verantwortung gesehen und wusstest, dass sie endlich ist

Du verachtetest also die Argumente der Linken nicht; wenn ich zu konservativ wurde, zu „rechts“, dann warst Du es, die durch und durch Konservative, die mich auf den Boden der Tatsachen zurück holte, mich an die „soziale Gerechtigkeit“ auf globalem Maßstab und die Sinnlosigkeit militärischer Interventionen ohne jahrzehntelange Perspektive für eine Nachkriegsordnung erinnerte. Du hast mir geraten, auch Ernst Toller, Lothar Bisky und Sahra Wagenknecht zu lesen, Milovan Djilas und – Konrad Adenauer und Bismarck.

Aber, niemals hättest Du, „Mutti“ (du hasstest diesen Titel, er war Dir zu trutschig), in diesem Wissen die Grenzen unsortiert für jedermann geöffnet und Deutschland zu einem Problemfall gemacht, der nun so sicher und so unsicher ist, wie Frankreich und Belgien es schon lange sind. Du hast die Verantwortung gesehen, die auch aus dem Kolonialismus erwächst – und mir deutlich gesagt, dass diese Verantwortung endlich ist, für Deutschland schon seit fast hundert Jahren, und dass man nur die eigenen Fehler, nicht die anderer, ausbaden und nicht auch noch importieren muss, wenn man einigermaßen klaren Verstandes ist.

Dass Entwicklungshilfe zuerst Hilfe zur Selbsthilfe ist, das hast Du mir gesagt. Dass deutsche Soldaten gut ausgerüstet und wehrfähig zuerst an die eigenen Grenzen und die der NATO gehören, nicht in von anderen Gnaden gescheiterte Staaten am Ende der Welt, auch. Dass Deutschland an die Seite der Juden gehört, weniger aus einer Schuld, die ohnehin nie abzutragen ist, sondern aus einer Verantwortung heraus, die historisch begründet ist, das hast Du mir gesagt. Vom Verbrennen der Bücher und Flaggen zum Verbrennen der Leichen sei es ein kurzer Weg. Du warst im Jahre 1929 geboren, Du wusstest das noch.

Du hast es mir gesagt, dass der Ausgleich deshalb zuerst Deutschland gehört und gleich danach Europa, und du liebtest die Russen, gabst mir Lermontow und Puschkin und Dostojewskij, Anna Achmatowa, Michail Scholochow und Alexander Solschenizyn zu lesen, selbst dann noch, als ich Dir eine russisch-chauvinistische Freundin anschleppte, vor gut zehn Jahren. Sie fand Putin großartig, und Du verachtetest ihn, nicht, weil er ist, wie er ist, sondern weil er der Geheimdienstchef der Kommunisten war, in Dresden, wo er lebte wie die Made im Speck, wie er es heute noch tut, auch wenn er einfühlsam über die Erfahrungen seiner Familie im zweiten Weltkrieg schreiben kann. – „Auch ich hatte diese Erfahrungen, warum handelt er dann, wie er handelt?“ Das hast Du mich gefragt.

In den Schuhen einer Riesin

Du glaubtest an die CDU, zuweilen auch an die SPD, selten an die FDP oder die Grünen, und du kanntest die „Republikaner“ Franz Schönhubers, und Du misstrautest ihnen; die AfD kanntest Du kaum, aber auch Du wärest froh, dass sie den Finger in Wunden legt, die andere vergessen machen wollen, zuweilen die AfD selbst. Du hast nie ein Parteibuch besessen hast und hast mir keines vererbt. Du glaubtest an Inhalte, also weder an den Euro noch an die Energiewende, du glaubtest an die Vernunft. Dass sie siegen würde, wenn auch um den Preis der Katastrophe, das hattest Du als Teenager selbst schon erfahren. Die Grenzöffnung hast Du nicht erlebt. Sei froh.

Du hattest Schuhgröße 40, ich habe auch nur 42, zur Not passe ich, ein politischer Transgender, in alle Deine ausgelatschten Schuhe, hätte ich sie denn aufgehoben. Und in Gedanken ziehe ich sie mir alle an. Du findest mich lächerlich, ich habe ja nicht Deine Erfahrungen bei dieser albernen Travestie, aber ich weiß, dass ich in den Schuhen einer Riesin stehe, die über mich lacht, so herzlich. 

Das wollte ich Dir erzählen, damit Du nicht so einsam bist dort drüben, und ich nicht hier. Es ist Irrsinn, an die Vernunft zu glauben, das weiß ich jetzt. Was Du über die geschäftsführende Regierung sagen würdest und über die neue, die niemand kennt? – Dass es nur recht und billig ist, wenn die Regierenden einmal die Schwierigkeiten jener zu spüren bekommen, die sie regieren, und die Verantwortung genauso zum Kotzen finden, wie sie sich unten anfühlt, das hättest Du genauso deutlich gesagt. Anti-elitär wärest Du gewesen, nicht, weil Du Eliten hasstest, nur, weil Du wüsstest, dass Eliten aus der Erfahrung leben und handeln könnten, die wichtiger ist als das Tagesgeschäft und sogar der Idealismus. Aber, sie tun es nicht, und plötzlich hättest Du wieder gelacht, auf eine sehr elitäre Weise. Darauf hättest Du mit mir angestoßen, nüchtern, mit einem Ouzo oder einem Amaretto, die ich aus der Küche geholt hätte, spät nachts, wie immer.

Und danach würdest Du Dir und mir eine Zigarette anzünden.

Ich wollte Dich damit in Ruhe lassen. – Aber, sorry, Mutter: Ich vermisse Dich.

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Leserpost (8)
Peter Zentner / 17.12.2017

Selten hat mich etwas so ergriffen wie dieser Essay, Dottore Matthes. Gar nicht so sehr wegen der offenkundigen Malaise unserer Zeiten, sondern wegen Ihrer Mutter, deren Weisheit und Ihrer Liebe zu einer unsterblichen alten Dame.

Matthias Kaufmann / 17.12.2017

Wohl dem, der solch eine Mutter hat(te).

Gabriele Kremmel / 17.12.2017

Eine berührende Hommage, auf die jede Mutter stolz wäre.

Jung, Raphael / 17.12.2017

Lieber Herr Matthes, ich hätte Ihre Frau Mutter sehr gerne kennen gelernt und ich bin sicher meine 2004 leider verstorbene Mutter hätte sich mit ihr blendend verstanden. Herzliche Grüße Raphael Jung

Toni Keller / 17.12.2017

Tja das Dilemma der deutschen Nachkriegslinken spiegelt sich in diesem Brief wunderbar wieder. Sie sind ja so schlau, so gebildet so elitär anti-elitär, sie wissen genau was wo wie schief läuft und schief gelaufen ist, Nur als es darum ging, die richtige Entscheidung zu treffen und gegen die falschen Sturm zu laufen, da waren sie so glücklich mainstream zu sein, dass ihnen die ganze Bildung nichts genutzt hat. Hochmut kommt halt immer vor dem Fall. Und wenn dann in Yad Vashem eine neue Abteilung errichtet wird, dann werden wieder Krokodilstränen geweint, gebildet und anti-elitär natürlich

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