Von Bernard-Henri Lévy.
Deutschlands Kollaboration mit Russland auf Kosten der Ukraine ist ein beschämender Verrat an den Errungenschaften der Nachkriegszeit.
„Tausende Amerikaner unweit der ukrainischen Frontlinie in höchster Alarmbereitschaft...“
„Der britische Premierminister ist bereit, Land-, Luft- und Seestreitkräfte zu mobilisieren ...“
„Frankreich bemüht sich um eine Deeskalation der Krise und kündigt die Entsendung eines Bataillons nach Rumänien an ...“
„Schweden mobilisiert gegen Russlands Provokationen seine Kriegsschiffe und seine Drohnen ...“
Auch wenn noch nichts gewonnen ist – ganz im Gegenteil –, ist dies die erste gute Nachricht des Jahres: Die freie Welt (und ja! wir sollten nicht zögern, „die freie Welt“ zu sagen!) reagiert auf die Drohung einer Invasion gegen die Ukraine – und Wladimir Putin beginnt, wie erwartet, sich zurückzuziehen.
Und doch gibt es eine Ausnahme: Deutschland, Europas führende Macht.
Es ist die brandneue Außenministerin der Grünen, Annalena Baerbock, die am 17. Januar in Kiew zunächst die militärische Option ablehnt und es ihrer Kollegin im Verteidigungsministerium, Christine Lambrecht, überlässt, eine groteske Lieferung von 5.000 Schutzhelmen anzukündigen.
Dann erklärt eine Reihe von sozialdemokratischen Spitzenpolitikern, wie die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, sie hätten „Verständnis für das Gefühl der Bedrohung“, das der Kreml angesichts des Wachstums der NATO empfindet.
Dann die schockierende Geschichte, dass Estland beschlossen hat, Kiew 42 Panzerhaubitzen des Typs D-30 zu schicken, bevor Deutschland es daran erinnert, dass diese Waffen einst der DDR gehörten und dass Berlin daher Gründe hat, die Ausfuhr von Estland in die Ukraine zu verbieten.
Und dann der Admiral Kay-Achim Schönbach, Inspekteur der deutschen Marine, der zum Rücktritt gezwungen wurde, nachdem er die Sprache der offensivsten russischen Propaganda übernommen hatte: dass ein freundlicher Putin nur Respekt von seinen gemeinen ukrainischen Nachbarn verlangt.
Schlimmer noch, jetzt kommt auch die Debatte über die berüchtigte „Nord Stream 2“-Gaspipeline wieder auf, die 1.230 Kilometer lang ist und unter der Ostsee verlegt wurde, um russisches Gas nach Deutschland und weiter nach Westeuropa zu leiten.
Müssen alle daran erinnert werden, dass diese Pipeline – die denselben Weg wie ihr Zwilling „Nord Stream 1“ einschlägt, der nun seit 10 Jahren in Betrieb ist – weder billigere noch bessere Energie liefern wird?
Der einzige Sinn der Pipeline ist es, Polen und der Ukraine zu schaden
Dass der einzige greifbare Effekt dieses pharaonischen Projekts, das seltsamerweise von jeder deutschen Regierung der letzten 20 Jahre begehrt wird, darin besteht, Polen und die Ukraine zu umgehen und ihnen damit – in logischer Konsequenz – wertvolle Transitgebühren zu verweigern?
Und müssen wir wiederholen, dass dieses Abenteuer für uns Europäer in der Abhängigkeit von Russland enden wird, das theoretisch jederzeit den Hahn zudrehen könnte?
Die Debatte kehrt also zurück. Die NATO schlägt Bundeskanzler Olaf Scholz vor, die Realisierung dieser absurden, nutzlosen Gaspipeline zu verschieben, gegen die die Ukrainer erneut einwenden, dass sie nur dazu da sei, sie zu schwächen. Und wenn Scholz schließlich doch einlenkt, dann nur, nachdem er seine Minister sagen lässt, dass sie es nicht zulassen wollen, dass dieses Wahrzeichen deutscher Industrie- und Finanztechnologie „in den Konflikt hineingezogen wird“.
Die Deutschen suchen Gründe, um nicht tätig werden zu müssen
Die deutschen Verbündeten der Ukraine haben ihre Hypothesen durcheinandergebracht: Einige berufen sich auf das (längst vergangene!) Erbe der Ostpolitik von Willy Brandt. Andere berufen sich auf eine alte deutsche Schuld und eine Zeit, in der, wie Paul Celan sagen würde, „der Tod ein Meister aus Deutschland war“. (Warum aber sollte diese Schuld nicht auch den Ukrainern zugutekommen?)
Eine dritte Gruppe sieht in diesem Neo-Pazifismus den Hinweis auf eine Ideologie des „Wandels durch Handel“, deren Theoretiker Samuel Pisar in seinem Werk „Les Armes de la Paix“ von vor 50 Jahren war (Pisar, um die Dinge noch komplizierter zu machen, war kein anderer als der Stiefvater und Mentor des US-Außenministers Antony Blinken.)
Und hier kommen diejenigen, die Deutschland ganz grundsätzlich misstrauen, mit ihren schrecklichen Verdächtigungen um die Ecke: Ex-Kanzler Gerhard Schröder, der die verfluchte Pipeline initiiert hat und der sich nach ihrer Fertigstellung selbst an Gazprom verkauft ... der Leiter des Projekts, Matthias Warnig, ein ehemaliger Stasi-Offizier (der von 1986 bis 1989 in Düsseldorf für die DDR spionierte), der im selben Team wie der junge Wladimir Putin spielte ... ganz zu schweigen von den drei Firmen, die von der US-Regierung auf die schwarze Liste gesetzt wurden, weil sie im Verdacht stehen, an der Entwicklung jener chemischen Waffen beteiligt gewesen zu sein, mit denen Russland Alexej Nawalny vergiftet hat.
Angesichts dieser Verwirrung, liebe deutsche Verbündete und Freunde, gibt es nur eine Lösung.
Erwecken Sie den Geist von Konrad Adenauer, Walter Hallstein, Wilhelm Roepke, den antinazistischen und antistalinistischen Gründervätern der Europäischen Union, wieder zum Leben!
Das Land des kategorischen Imperativs
Vergessen Sie nicht, dass Ihr das Land des kategorischen Imperativs von Kant, des Verfassungspatriotismus von Habermas und davor einer leichten nietzscheanischen Weisheit seid.
Und hören Sie auf diejenigen, die sich wie ich erlauben, Sie zu ermahnen: Freunde der Wissenschaft und der Philologie, Schüler von Hölderlin und Novalis, Erben von Thomas Mann, Adorno und der Gräfin Dönhoff, Bewohner jener Lorelei des Denkens und der Schönheit, die, wie der französische Dichter Guillaume Apollinaire sagen würde, alle Europäer um sie herum in Ohnmacht fallen ließ – Sie haben etwas Besseres verdient, als Putins Fußabtreter zu sein.
This story originally appeared in English in Tablet magazine, at tabletmag.com, and is reprinted with permission. Die englische Originalfassung findet sich hier.
Bernard-Henri Lévy ist ein französischer Journalist, Publizist und Mitbegründer der Nouvelle Philosophie. Er schreibt regelmäßig für das Wochenmagazin Le Point, ist einer der Direktoren des Verlagshauses Éditions Grasset, er gibt die alle vier Monate erscheinende Zeitschrift La Règle du Jeu heraus, und er ist Anteilseigner der Tageszeitung Libération.
Beitragsbild: Itzike CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons
Der Herr Lévy glaubt allen Ernstes, dass es um die Ukraine und die Menschen in der Ukraine geht. Vergleich: Im Krimkrieg 1853 -1856 ging es nicht um die Freiheit der Menschen in Bessarabien, in den Donaufürstentümern usw. Es ging einzig und allein um die Positionierung der Großmächte (Pentarchie). Während dieses Krieges wurden aus den Freunden, seit 1815 Österreich und Russland, erbitterterte Feinde. Da der Balkan spätestens nach dem Deutschen Krieg, mit dem Ergebnis eines geschwächten Österreich, ab 1866 wieder zur Disposition stand. Was letztendlich im Ersten Weltkrieg mündete. Auf das damalige, Österreich-Deutschland und das heutige „Gesamtkonstrukt“ passt: „…die Deutschen haben weder das Talent noch die Neigung, sich beliebt zu machen.“, Bethmann Hollweg
@Marcus Hohn: Ihre zweite These ist die realistischere. Die Kriegstrommel sollen vom Scheitern der Corona-Regime ablenken. Die Frage nach einer Aufarbeitung des Corona-Desasters wird im Trubel der Kriegstreiberei untergehen. Kriege waren schon immer Mittel zur Ablenkung bzw. Lösung von innenpolitischen Problemen! – Herr Lévy wird natürlich in gewohnter Weise eine Kriegsgewinnler sein. Er gehört ja nicht zum Mittelstand.
@A. Buchholz: Dass TE ebenfalls wiederholt und aggressiv die Unterordnung unserer Energieversorgung und eines strikt friedlichen Verhältnisses zu Russland unter US-Interessen propagiert wird, ist mir ebenfalls unangenehm aufgefallen. Ich frage mich: Werden solche Propaganda-Artikel eigentlich gezielt platziert (also einfach Platz zur Publikation gekauft) oder gibt es bei einigen Themen hierzulande bestimmte unausgeprochene Verhaltensauflagen quasi als Lizenz zum Weiterbetreiben einer Plattform?
Uiuiuiuiui… Bei der Achse hätte ich aber wenigstens den Schein von Ausgewogenheit erwartet. Diese „verfluchte Pipeline“ ist kein Antiamerikanismus! Sie ist einfach nur wirtschaftlich rationaler, als teures und umweltschädlicheres Flüssiggas über den Ozean zu schippern. Man kann und soll Putins Politik kritisieren, doch das „antinazistisch und antistalinistisch zu verbrämen, ist schon… (*hüstel*). Dann noch dieser Knaller: “Vergessen Sie nicht, dass Ihr das Land des kategorischen Imperativs von Kant, (…) seid.„ Nach welcher Maxime sollen wir denn hier handeln? Dass man mit Russland keinen Handel treibt? “Und hören Sie auf diejenigen, die sich wie ich erlauben, Sie zu ermahnen.„ Ich brauche keine Ermahnungen, denke selbst! Auch so´n guter Gedanke von Kant und Voltaire und so. “Sie haben etwas Besseres verdient, als Putins Fußabtreter zu sein.„ Was denn? Bidens Fußabtreter zu sein? Der hat seine schwächeren deutschen Verbündeten erst neulich in Afghanistan wie die Trottel im Sand stehen lassen und eine neue Migrationswelle nach Deutschland ausgelöst, nachdem er selbst vor den Taliban die Fliege gemacht hat. Aber Herr Biden führt wohl lieber Krieg gegen Russland und vielleicht dann China. Oh, liebe Achse. Satz mit X: Das war wohl nix.
Herr Aslanidis :
„Dieser Levy ist ein furchtbarer Kriegshetzer.“ – - -
Malakka! Levy ist nicht einmal deutsch. Sondern algerisch-jüdisch stammender Franzose.
Andere Länder, andere Erfahrungen! Kriegshetze? Wenn man ein Volk einem anderen ausliefert, wie die Rest-Ukraine Russland! Wer ist da Kriegshetzer? Wer??
Russland hat Griechenland erlösen wollen? Echt? „Russland war 3 mal, wenige km vor Konstantinopel um es zu befreien“? Keine Ahnung, was Sie in Ihren griechischen Kaffee gießen. Sokrates nicht.
Wolf@Hagen, die Russen sind uns kulturell auch näher als alle Araber. Und jetzt? Auch über ungezügelte Migration aus diesen Ländern wird hier reichlich lamentiert. Noch nicht aufgefallen? Grün-Rot- Schwarz IST bereits aus der Kernenergie und Kohle ausgestiegen. Vergessen? Heben Sie Ihren Blick und erfassen Sie die g a n z e LAGE. Nord Stream II, der Ukraine-Konflikt, Kasachstan, Weißrußland. Es geht um Kräfteverschiebungen und Machtansprüche. Rußland soll zurechtgeschnitten werden unter dem pseudodemokratischen Wertemaßstab einer diktatorisch agierenden, hinterfotzigen EU-Elite und einem getschenderten Amerika. Das finden Sie prima? Putin legt sich mit der EU und NATO an. Jede Wette. Deutschland wird wieder mit gutem Beispiel vorangehen. Dafür hat LÜGILEYEN bestens vorgesorgt. Die Gewehre schießen um die Ecke und die weiblichen Soldaten können sogar s c h w a n g e r in passender Uniform am Kriegsgeschehen teilnehmen……erinnert mich an einen französischen Eroberungsfeldzug, als die Offiziersgattinnen den Truppen nach Rußland in Kutschen samt Personal folgten. Leider war es dann doch etwas kühler, als mesdames sich das vorgestellt hatten….
Kommt mir vor wie eine Kolumne von Effjott Wagner, nur in lang. Quasi getretener Quark.