Rainer Bonhorst / 23.06.2011 / 21:24 / 0 / Seite ausdrucken

Ein Abgrund an Menschenkenntnis

Demonstrierende Griechen beschimpfen die Deutschen, die ihnen mit vielen Milliarden aus der Patsche helfen, als herrschsüchtige Nazis. Der einfache Mensch mag darin einen Hauch von Undankbarkeit entdecken. Der Lebenserfahrene weiß, dass wir es hier mit einer ganz normalen Interaktion zwischen Beschenktem und Schenkendem zu tun haben.

Lediglich die Geschwindigkeit der griechischen Reaktion auf unsere Aktion ist ungewöhnlich. Normalerweise wird der Schenkende vom Beschenkten erst nach Ablauf einer Schamfrist beschimpft, verspottet oder angeklagt. Die Griechen handeln schneller. Sie schimpfen schon bevor die nächste Geschenkfuhre eingetroffen sind.

Warum ist das so? Wir haben es hier mit einer klassischen Projektion zu tun. Sie hat ihren Ursprung in der Erkenntnis, dass man sich hüten solle, wenn Griechen (Danaer) Geschenke bringen. Diese Lehre aus dem trojanischen Krieg wird in Griechenland gespiegelt. Das heißt: Jedes Geschenk, das andere, zum Beispiel die Deutschen, auf neugriechisch: die Nazis, den Griechen bringen, wird nun dortzulande als das teuflische hölzerne Pferd wahrgenommen, mit dem sie selber einst Troja austricksten.

Diese Projektion, die zugleich eine Inversion ist, erklärt die Promptheit, mit der die griechischen Beschenkten ihre Schenker zur Rechenschaft ziehen. Man kennt den Feind und fackelt nicht lange. Das Prinzip aber, dass der Beschenkte und der Schenker in einem Feindschaftsverhältnis zueinander stehen, ist universell und keineswegs exklusiv auf die Griechen anzuwenden.

Ich will dieses Prinzip quasi empirisch, nämlich anhand dreier überlieferter Weisheiten belegen und erläutern.

Beginnen wir mit Napoleon. Der machte keinen Hehl daraus, dass er vom Austeilen guter Taten nicht viel hielt. Er begründete seine Zurückhaltung so: „Wer jemandem etwas Gutes tut, schafft einen Unzufriedenen und 99 Neidische.“

Der weltgewandte Franzose führt uns mit diesem Satz sehr schön in unser Thema ein, drückt sich aber noch vergleichsweise zurückhaltend aus.

Deutlicher ist der Volksmund, der in knapp formulierter Weisheit sagt: „Keine gute Tat bleibt unbestraft.“

Schon beim ersten Hören dieses Satzes ist klar, dass wir hier vor einem Gipfel an Lebenserfahrung stehen, den früher oder später jeder erklimmen sollte. Nur der Lebensneuling darf sich für einen begrenzten Zeitraum dem Irrtum hingeben, gute Taten würden belohnt, zum Beispiel in Form von Dankbarkeit.  Vom reiferen Menschen kann und muss man verlangen, dass er die generelle Strafwürdigkeit seiner guten Taten erkennt und akzeptiert.

Das einfache, volkstümliche Gesetz von der Strafwürdigkeit aller guten Taten wird durch eine jüdische Variante ergänzt, deren hinterhältige Treffsicherheit dem Uneingeweihten die Sprache verschlägt. Ich meine den Satz: „Warum hasst er mich so? Ich habe ihm doch nie etwas Gutes getan?“

Hier tut sich nun wirklich ein Abgrund an Menschenkenntnis auf, der schwindelig macht und zugleich erhebend wirkt. Die ganze Fülle menschlicher Verhaltensweisen ist in knappster Formulierung eingefangen. Es ist reine Poesie, bei der sich illusionslose Weltbetrachtung wehmütig mit der Freude an der Absurdität alles Menschlichen paart. Besser geht es nicht. Darum hier noch einmal: „Warum hasst er mich so? Ich habe ihm doch nie etwas Gutes getan!“

Ach ja. Wer sich solche Einsichten von tiefster Weisheit zu eigen macht, der wird in der griechischen Wut über die deutschen Milliardengeschenke nichts Absonderliches sondern das wundersame Wirken eines ehernen Gesetzes erkennen.

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