Man kann über Edward Snowden sehr unterschiedliche Meinungen haben. Eines aber sollte man ihm nicht unterstellen: Übergroße Bescheidenheit. Eine „Weihnachtsansprache“ hielt er jetzt im britischen Fernsehen. In Papstmanier. Als Gewissen der Welt. Wir wissen das so genau, weil sämtliche deutschen Medien pflichtschuldig den Begriff nachplapperten. Gerade blättere ich im norddeutschen Qualitätsblatt „Hannoversche Allgemeine Zeitung“. „Snowden warnt…“ titelt die Zeitung an zentraler Stelle. Darunter, weniger zentral, eine Meldung, die mit „Papst fordert…“ überschrieben ist. In beiden Fällen ist in der Unterzeile von „Weihnachtsbotschaften“ der beiden scheinbar ikonischsten Figuren unserer Tage die Rede. Offensichtlich besteht bei den Blattmachern keinerlei Bewusstsein für die, nun ja, Symbolik dieser Zusammenstellung.
Noch einmal: Vom Sinn der Snowdenschen Enthüllungen ist hier nicht die Rede, sondern von einem medienkulturellen Phänomen. Dass Snowden sich als zentrale moralische Institution der westlichen Welt inszeniert, mag man ihm von mir aus gestatten. Ebenfalls bekannt ist unsere popkulturell geschürte Sehnsucht nach protestästhetischen Heldenfiguren in der Nachfolge Ches. Der völlig unreflektierte Umgang der Medien mit Snowdens Selbstinszenierung aber vermag auch in Zeiten der Zeitungskrise zu überraschen. Offenbar sind unsere Medien nicht mehr in der Lage, die eigene Faszination durch die Ästhetik und die rhetorische Überhöhung des Whistle-Blowens im Zaum zu halten. Die Stilisierung des Märtyrers ist zu verführerisch, um nicht in der Rhetorik von Heldenfilmen behandelt zu werden. Amerikakritik mit den Mitteln des Hollywood-Blockbusters. Snowden wird, schlicht durch die eigene Rhetorik (noch einmal, weil es so schön ist: „Weihnachtsbotschaft“), zur moralischen Generalinstanz erhoben. Jegliches Reflektieren der Wortwahl unterbleibt; sie wird einfach übernommen.
Man fragt sich, was passieren würde, wenn der Mann sich in den Vatikan einschleicht und anstelle von Franziskus den Neujahrssegen spricht. Leise Worte der Kritik an dieser Inszenierung würde ich angesichts der lemminghaften Reaktionen auf seine jetzige Ansprache nicht erwarten. Die einzige Frage wäre, wie viele Medienvertreter überhaupt merken würden, dass der Mann auf dem Balkon gar keine Soutane trägt.
Leider ist es so, daß nur Menschen, die offenbar entweder ein übergroßes Ego haben, unter Realitätsverlust leiden oder sonst eine Schraube locker haben, es auf sich nehmen, sich gegen die Verhältnisse und die Herrschenden aufzustellen. Die anderen nehmen es einfach nicht auf sich, weil der Ertrag für sie in keinem Verhältnis zum Aufwand steht. Snowden hatte einen gut bezahlten Job bei der NSA. Er gehörte zu den Auserwählten, wie sich diese eingeschworene und überhebliche Gemeinschaft sieht. Nun hat er nichts mehr, was er vorher hatte. Freundeskreis, Zugang zur Familie, Sicherheit. Alles weg. Wenn er nicht aufpaßt, landet er in Guantanamo und erfährt die Feinheiten des Waterboardings am eigenen Leib. Daß Menschen, die sich auflehnen oft fragwürdig sozialisiert sind, ist genau die Voraussetzung, die notwendig ist, um den Angepaßten und Angsthasen diesen Dienst zu erweisen. Wir sollten dankbar dafür sein, daß es solche Menschen gibt.
Whistleblowen per se wird von Zeitungen überhaupt nicht geschätzt: Erstes Beispiel: Harry Markopolos, ein Quant-Trader, der 10 Jahre lang versuchte, unter anderem Finanzjournalisten zu erklären, warum Bernie Madoff ein pyramide scheme ist. Leider erfolglos. Es gab mehrheitlich desinteressierte Journalisten, die anderen haben das teilweise verfälscht veröffentlicht. Es gab offensichtlich kein großes Veröffentlichungsinteresse. Zweites Beispiel: Haben Sie schon von den 3 Ex-Terroristen gehört? Nein? Keine deutsche Zeitung hat über 3 ausgestiegene palästinensische Terroristen geschrieben, die dem Westen erklären wollen, was für ein heiliger Krieg seitens muslimischer Terrorgruppen geplant ist? Komisch, dabei sind das doch Whistleblower! Jetzt kommt aber Edward Snowden und erklärt uns - man höre und staune - daß ein Geheimdienst Telefonate etc. abhört. Mann-oh-mann, das ist ja eine bahnbrechende Neuigkeit, das konnte man ja vorher auf keinen Fall wissen. Der Mann muss ein neuer Jesus sein. Der Grund, warum die deutschen Zeitungen das so toll finden, ist offensichtlich: Bei Fall 1 ging es um irgendeinen mäßig bekannten Finanztypen, bei Fall 2 geht es gegen die moralische Position palästinensischer Terroristen (Gott behüte, daß so etwas veröffentlich wird). In Fall 3 wird aber ohnehin bekanntes Wissen gegen die USA verwendet. Da freuen sich unsere linken Schreiberlinge und hetzen los, soweit die Tinte reicht. Fazit: Whistleblowen geht den deutschen Journalisten am A***** vorbei, aber als Vorwand gegen die bösen, bösen USA ist es prima verwertbar.