Während die Welt verrückt spielt, „Deals“ oder plumpe Ideologie das politische Handeln bestimmen; während selbst der Alltag immer mehr aus virtueller Realität besteht, aus Avataren, Bots und KI – grätscht plötzlich dieser wundersame Film in unser Leben. Und zeigt uns auf ganz schlichte, menschliche Weise, was Wahrhaftigkeit ist. Der autobiografische Film „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ nach dem Roman von Joachim Meyerhoff ist eine einzige Wohltat für Herz und Hirn, die heute meist nur noch mit Terror, Lügen, Hektik und Entmenschlichung malträtiert werden.
Eine seltene Begabung: das Wesentliche zu erkennen
Im Film geht es um einen Jungen namens Joachim, der aus irgendeinem Grund plötzlich Schauspieler werden will, obwohl er offenkundig gar kein Talent dazu hat. Weder ist er extrovertiert, noch kann er singen, tanzen, oder Leute faszinieren.
Er hat von Anfang an nur eine Gabe, die als erstes seine Großmutter erkennt: er kann beobachten. Und mehr als das: er kann dabei das Wesentliche erkennen. Und dies wird der Schlüssel für seinen Erfolg; als Mensch, Schauspieler und als Schriftsteller. Entsprechend kennen wir ja den Autor Joachim Meyerhoff dafür, dass er seine Familiengeschichte sowie seinen Werdegang auf eine entwaffnend ehrliche, sehr erfolgreiche Weise literarisch verarbeitet hat.
Die Verfilmung seines Romans „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ bringt seine Geschichten nun erstmals ins Kino. Und zwar so behutsam und werktreu umgesetzt, dass man das Buch in all seinen Facetten immer wieder erkennt (eine Seltenheit!). In dem liebenswerten Film werden wir zum Komplizen des Jungen, wie er sich seinen Weg zum Erfolg erkämpft. Zuerst kann er sich auf der Schauspielschule nie öffnen oder überzeugen, wirkt nur tollpatschig, oder qualvoll leidend. Erst als er sich seinem größten Schmerz stellt (nämlich der „Lücke“, die der Tod seines Bruders aufriss), gelingt es ihm plötzlich, „echte“ Emotionen zu zeigen und andere damit andere berühren. Und wenn die Schauspiel-Lehrerin ihm sagt, wir alle haben diese Lücke/diesen einen, besonderen Schmerz in uns, und müssen uns ihm stellen – dann gilt diese Botschaft für uns alle.
Um wirklich authentisch zu sein, um andere zu berühren, ist es ein langer Weg, aber er lohnt sich; das ist die Botschaft. So wie sich auch dieser Film von Simon Verhoeven lohnt, eben weil er ins in aller Ernsthaftigkeit an diesem Selbstfindungs-Prozess teilhaben lässt.
Ein Film voller Witz und Würde
Während die meisten neuen Film-Produktionen inzwischen im Computer entstehen oder in sterilen Studios abgedreht werden, wurde dieser Film im echten Leben gedreht.
Mit dem heute so selten gewordenen Anspruch, in allen Details stimmig zu sein, ob beim Kostüm, beim Set und bei jeder einzelnen Kameraeinstellung. So wurden beispielsweise die Schauplätze der späten Achtzigerjahre minutiös rekonstruiert; selbst der Eingang des alten, heute längst verfallenen Hertie Kaufhauses am Münchner Stachus samt gelber Telefonzelle wurde mit bewundernswertem Aufwand wieder zum Leben erweckt. Ebenso wie die speckige alte Villa und die drolligen Marotten der Großeltern des jungen Joachim. Insbesondere Senta Berger brilliert dabei als alternde Grand Dame. Überraschender Weise wirkt das phasenweise, als spielte sie ihr eigenes Leben; aber nein, Biografien ähneln sich eben oft verblüffend.
Der Darsteller des jungen Joachim, Bruno Alexander meistert seine Aufgabe ebenso hervorragend: er gibt den lockenköpfigen Dreikäsehoch, der mehr staunt als versteht, der sich tollpatschig durch die ersten Schauspielschule-Monate angelt, der mit sich ringt, um schließlich wie ein Schmetterling aus dem Kokon zu schlüpfen. Dieses coming-of-age ist so authentisch eingefangen, dass man als Zuschauer beeindruckt und mit dem satten Gefühl das Kino verlässt, endlich mal wieder einen Film gesehen zu haben, bei dem alles stimmt: Eine klare und lebensnahe Story, auf das Wesentliche fokussiert, voller Witz und Würde, und mit einer guten Portion Emotionen gewürzt.
Foto: Hauptdarsteller Bruno Alexander bei der Premiere von „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“.
Klaus-Erich Strohschön studierte in seiner Heimatstadt München Germanistik. Parallel lernte er bei Harry Kupfer das Regie-Handwerk und wirkte als freier Opernregisseur. Dem schloss sich eine Karriere in der Werbung an. Begonnen als Texter, wurde er schnell zu einem führenden Werbe-Strategen und arbeitete für große Marken wie Mercedes-Benz. Auch als „gefürchteter“, aber durchaus wohlwollender Kulturkritiker einer Tageszeitung machte er von sich reden.
@Lutz Herrmann, „Senta Berger und die Fratzen aus dem ÖRR im Vorspann, und ich bin weg.“ – Sich der Kunst und Kultur zu verweigern, weil Harald Schmidt jahrelang im ÖRR auftrat… Ach nein, er wurde rehabilitiert, weil er auf einem Foto mit Matthias Matussek und Hans-Georg Maaßen war. Glauben Sie wirklich, Künstler warten auf solche, wie Sie?
@ Franz Klar : PS „ Red Dragon (2002) – Eat Musician Dinner scene “ , Food For Watch , YT
Danke Herr Strohschön für diese Filmrezension. Im Kino hatte ich einen kurzen Eindruck als Vorfilm gewonnen und habe es mir auf meine To-Do-Liste gesetzt.
„Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ . Ich freue mich auf den Film.
Senta Berger begleitet mich ein;Leben lang mit ihren Filmen.
@Franz Klar – Keine Ahnung , warum der Brett Ratner so einen Mist dreht . Dabei hatte der „ Rote Drache “ gute Momente ( der William Blake wurde „gefressen “ , das Lecter – Kochbuch , der Flötist beim Sommernachtstraum kommt einfach auf die Speisekarte , sehr vernünftig ! -und der Journalist darf brennen im Rollstuhl , zur Strafe ) , also „Können “ kann er . Stimmte fast alles : Drehbuch , Stars , Komponist . Sein Pech war wohl , daß er kam , als der Hype bereits ging . Darüber sind schon viele Fähige gestolpert . Filmgeschäft ist eben schnell und kalt wie Wall Street . Außer du bist bereits groß wie Scorsese .
Dieser Film war wirklich als deutsche Produktion ein Highlight. Köstlich auch die Szene mit den Großeltern kurz vor 18:00 und der Blick auf die Wanduhr. „Du weißt was jetzt passiert Joachim?“ fragt der Großvater gespielt von Michael Wittenborn, und mit dem exakten Schlag auf 18:00 folgt der Satz „Zeit für den Whisky, der Mensch braucht seine Rituale, besonders mit zunehmendem Alter.“ Danach gibt’s Rotwein, es wird getrunken, geraucht … herrlich. Ist allen Foristen hier auf der Achse empfohlen. Danke an den Autor für die Rezension.
„Melania“ ist im noch echteren Leben gedreht. „Auf das Wesentliche fokussiert, voller Witz und Würde, und mit einer guten Portion Emotionen gewürzt“. Mein Tipp!
maciste grüßt euch. scheint ein typisch deutscher aufguß emotionalen küchenpsychologioschen blödsinns zu sein. ich persönlich weise keine einzige „lücke“ beschriebener art auf, hätte aber gerne einige lücken, so z. b. das fehlen gefühlsduseliger filmischer elaborate, die sich durch eine lücke locker ersetzen lassen. die realität der straße wird hoffentlich bald auch in die reservate der parasitären filmgemeinde vordringen und den unterschied zwischen trallala und notwendigkeit klar herausarbeiten. ich bin rechts. battle on.