Dushan Wegner, Gastautor / 27.03.2019 / 08:50 / Foto: Michael Lucan / 50 / Seite ausdrucken

Europa-Programm der CDU/CSU: Phrasen vom Chef

Ich erinnere mich an meinen kleinen Schock, als Elli zum ersten Mal die „Kunst aufräumen“-Bücher von Urs Wehrli nach Hause brachte. Was für eine wunderbare Frechheit diese Bücher doch sind! Sie mögen nun fragen: Wie räumt man bitte Kunst auf? – Gute Frage! – Stellen Sie sich ein Bild von Kandinsky oder Matisse vor, mit all den Farbflächen und geometrischen Formen; schneiden Sie diese Formen heraus (nur als Druck oder im Geist bitte, in echt würde es teuer) und „ordnen“ Sie die Stücke nach ihrer Form, ihrer Größe oder ihrer Farbe. „Kunst aufräumen“ ist ein Witz, doch er reiht sich in die edelste aller Witz-Kategorien ein: Jeder Witz greift einen Schmerz in der Differenz zwischen Begriff und Welt auf, doch „Kunst aufräumen“ greift einen Schmerz auf, den wir zwar spürten, es aber nicht wussten.

Was ist nun der Schmerz, den das „Aufräumen“ der Kunst anspricht? Wir kommen sogleich darauf zurück, doch zuerst, die Nachrichten!

2019 ist, wieder mal, Wahlkampfjahr. In Deutschland werden später im Jahr einige Landtags- und Kommunalwahlen durchgezogen, doch man wird das Gefühl nicht los, dass die Europawahlen im Mai die Wahlen sind, auf welche einige der Politiker eigentlich Lust haben. Manche der „guten“ Politiker wirken wie ein Arbeitnehmer, der die alte Firma aufgegeben und innerlich längst gekündigt hat, und jetzt nur noch pro forma hingeht und sein Gehalt kassiert. Ein beliebter T-Shirt-Spruch lautet „I’d rather be surfing“ – „Ich würde jetzt lieber surfen“; dem ein oder anderen Berliner Politiker können wir Ähnliches von der Stirn ablesen: „Ich hätte jetzt lieber einen Versorgungsposten in Brüssel.“

Vor den Posten in Brüssel hat das Schicksal derzeit noch den EU-Wahlkampf gestellt, und da erscheint es mancher Partei als klug, Liebesschwüre an die Brüsseler Bürokratie in die Welt zu brüllen wie liebeskranke Minnesänger mit Lautstärkeproblem. Zwei der deutschen Merkelparteien, die CDU und die CSU, haben nun ihr „Gemeinsames Europawahlprogramm“ vorgelegt. Ich habe den Verdacht, dass dieses Programm nicht wirklich gelesen werden will – genau deshalb habe ich es getan (Sie können es auf der Website der CSU als PDF-Dokument selbst herunterladen.)

Es wird niemanden überraschen, dass das Dokument eine stromlinienförmige Ansammlung von Phrasen ist, doch Phrasen können wahr oder nichtssagend sein – diese Phrasen aber sind oft genug schrägwahrheitlich. An ihren Phrasen sollt Ihr sie erkennen. Es ist viel einfacher, die Murmeln den Berg herabkullern zu lassen, als sie unten wieder aufzusammeln. Ich will von den vielen Schrägwahrheiten des CDU-CSU-EU-Wahlkampfpapiers deshalb hier nur einige stellvertretend herausgreifen.

Wie sollen wir das „Unser“ deuten?

Das Dokument trägt den Titel: „Unser Europa macht stark. Für Sicherheit, Frieden und Wohlstand.“ Sehen wir einmal von der plakativen Qualität dieser Phrasen ab; es ist ein Titel, und als solcher darf er mit grobem Pinsel drangehen.

Wie sollen wir das „Unser“ deuten? Zynisch interpretiert, wäre es eine Aneignung; „Europa gehört der CDU“, quasi. Wohlwollend interpretiert, ist es als Begriffs-Angebot gedacht. Doch selbst die wohlwollende Deutung ist verräterisch: Indem die CDU eine eigene Interpretation des Begriffs Europa vorlegt, bestätigt sie unbeabsichtigt, dass es einen anderen, bestehenden Europa-Begriff gibt, welchen sie nun umbiegen will. Man könnte es als Teekesselchen-Spiel lesen: Das Europa, das Sie und ich mit „Europa“ meinen – und das Europa, das die CDU meint. Eine andere Interpretation wäre natürlich, dass die CDU hier in ihrer Privatsprache spricht, nach Wittgenstein also ein Sprachspiel betreibt, in dem nur der Sprecher die Bedeutung der Worte kennt (es aber hier dankenswerterweise ausbuchstabiert).

(Randnotiz: „Unser Europa“ ist noch immer besser als selbstkarikierende Slogans wie „Europas Chancen nutzen“ und „Chancen für Europa durch tolle Ideen!“ in „einer Welt voller Veränderungen“, siehe fdp.de – dafür hat der Rest des FDP-Programms mehr Substanz.)

Nicht das „Unser“ ist hier das Problem, sondern das andere, ganz selbstverständlich dahingeplätscherte Wort: „Europa“. Im Mai letzten Jahres bemerkte ich auf Twitter in der dort üblichen Zuspitzung: 

Wer „Europa“ sagt und „EU“ meint, will manipulieren. Politiker, die sowas tun, gehören abgewählt. Journalisten, die sowas tun, sind Lügner und erhalten Journalismusorden. (@dushanwegner, 14.4.2018)

Die Gleichsetzung von Europaund EU ist eine Schrägwahrheit mit Obertönen von Propaganda. Es ist nicht sicher belegt, ob der Homo erectus georgicus vor 1,8 Millionen Jahren bereits Verordnungen zur Bananenkrümmung erließ – es würde einiges erklären. Eine Reihe namhafter Lungenärzte tendiert heute allerdings zur These, dass die Kontinentaldrift mindestens zwei Jahre vor der Gründung der Montanunion stattfand. Europa ist ein Kontinent, auf dem verschiedene Völker und Nationen leben, mit gemeinsamer, aber auch individueller Geschichte, mit ähnlichen, aber auch individuellen Werten – die Europäische Union ist ein Staatenverbund, also eine juristische Angelegenheit, die zwar durchaus nützliche Seiten hat (Förderung von Landwirtschaft in Krisenregionen wie NRW, vorübergehende Versorgung ehemaliger Buchhändler, et cetera), aber eben nicht mit Europa gleichzusetzen ist.

Die Gleichsetzung von EU und Europa

Es ist nervig genug, wenn Politiker in Staatsfunk-Talkshows oder in ihren traurig-bemühten Tweets die EU mit Europa gleichsetzen; wenn deutsche Regierungsparteien diese falsche Gleichsetzung zum Zentrum ihres Wahlkampfs machen, kann man nicht mehr von Versehen reden. Die Gleichsetzung von EU und Europa ist alles andere als harmlos!

Das Programm spricht von einer „europäischen Idee“, die „Populisten“ angeblich zerstören wollen; es ist orwellisch: Die Europa-Idee, welche die CDU vorschwebt, ist die Idee der Eliten, welche die Folgen ihrer „Ideen“ nicht ausbaden müssen. Mir würde als die „europäische Idee“ eher die Aufklärung einfallen oder das Christentum – beides Ideen, die vom politischen Handeln der CDU bedroht werden.

Der zäpfchenglatte Manfred Weber von der CSU möchte Jean-Claude Juncker als Kommissionspräsident der EU ablösen und damit quasi „EU-Chef“ werden (siehe auch etwa n-tv.de, 6.11.2018: „Erster deutscher EU-Chef seit 50 Jahren“). In der Logik von CDU-CSU, wonach EU und Europa dasselbe bedeuten, wäre Weber damit Chef von Europa. – Nein, der Chef der EU ist nicht der Chef von Europa – „Chef von Europa wollten“ schon ganz andere sein, die Römer etwa – sie sind vorbei, sie sind Antike und Geschichte, und Europa ist noch da. Europa wird noch hier sein – dann womöglich mit etwas anderer „Leitkultur“ – wenn Sie, ich und Herr Juncker längst unseren Ischias in ganz anderen Gefilden auskurieren.

Auf 18 der 26 Seiten inklusive Deckblatt kommt das Wort „Mensch“ vor. Allein auf Seite 3 kommt es sechsmal vor, so heißt es etwa, dass „alle Menschen die Chance auf Teilhabe am Wohlstand“ haben sollen (wohlgemerkt: nicht „Bürger“). Man wolle „vielen jungen Menschen neue berufliche Perspektiven“ eröffnen. Alle Menschen? Mit oder ohne Obergrenze?

Wenn das Wort „Bürger“ im EU-Programm vorkommt, dann sehr oft in einer merkwürdigen, postnationalen Bedeutung. – „Europa schützt seine Bürger“, heißt es, und von „EU-Bürgern“ ist die Rede, und so weiter. Wo haben die Deutschen, die Spanier, die Italiener abgestimmt, Bürger eines neuen Staates zu sein?

Mal sieht sich dieses „Europa“ den „Menschen“ verantwortlich, wenn es also im Geiste der Unterwerfung unter den UN-Migrationspakt alle „Menschen“ am Wohlstand teilhaben lassen möchte (da heißt es plötzlich nicht mehr „Bürger“), und der „Bürger“ erscheint tendenziell als ein Untertan der EU-Behörden („Europa der Bürger“, S. 6).

Fake-Ausweise „Staatsangehörigkeit European“

Diverse SPD-Granden haben sich vor einiger Zeit von den sogenannten „Reichsbürgern“ inspirieren lassen, und Fake-Ausweis-Grafiken mit einer „Staatsangehörigkeit European“ erstellen lassen (mit dabei natürlich die Peinlichpolitiker @HeikoMaas, 18.2.2019 und @MartinSchulz, 18.2.2019); CDU und CSU scheinen von ähnlichem Geist getragen zu sein.

Das Dokument hat zwar sehr klare Tendenzen, wirkt aber nicht vollständig kohärent (auch darin ähnelt es dem UN-Migrationspakt). Das Dokument ließe sich lesen als eines, das „Menschen“ (also wer auch immer da ist) und „Bürger“ unterscheidet, die letzteren meist als Bürger eines noch zu gründenden Superstaates. (Kann die EU eigentlich EU-Bürger ins Gefängnis werfen lassen?)

An einer Stelle, die „Bürger“ und „Menschen“ gegen den sonstigen Trend zusammenführt, wirkt das Programm besonders holzschnittartig: 

Bürgernähe: Unser Europa hört auf die Menschen. 

Wer sind denn „die Menschen“, auf die hier gehört werden wird?

Auf Seite 2 heißt es: 

Wir überlassen unser Europa nicht den Populisten. 

Mit „Populisten“ sind hier Politiker gemeint, die eine ähnliche Position vertreten wie Angela Merkel um 2002, wie Helmut Schmidt und wie weitere, die vor zu starker Einwanderung gewarnt haben.

Die Passage auf Seite 2 geht übrigens so weiter:

Um uns, unseren Kindern und Enkeln eine Zukunft in Sicherheit und Wohlstand zu gewährleisten, ist Europa heute wichtiger denn je …

Der kinderlose Manfred Weber erzählt uns etwas von „Sicherheit und Wohlstand“, was nur gewährleistet werden könne, wenn man jene Politiker bekämpft, welche die Grenzen und das Überleben ihrer Länder schützen wollen.

Wer sich, wie Charles de Gaulle, ein Europa der Vaterländer wünscht, auf den hört das Europa der CDU nicht. Wer sich wünscht, dass der Staat seine Grenzen schützt, auf den hört das Europa der CDU nicht. Europa hört auf die „Menschen“, doch wer diese Menschen sind, das bleibt unklar – sicher ist aber, dass eine ganze Reihe dieser Menschen dem Europa der CDU als Gegner erscheinen – oder „Dumpfbacken“, wie Manfred Weber meint.

Islamisten? Terroristen? Kriminelle Clans? – Nein.

Im Finale des Dokuments heißt es, wörtlich:

Wir kämpfen gegen diejenigen, die Europa bedrohen.

Wer wird wohl im folgenden Absatz erwähnt werden? Islamisten? Terroristen? Kriminelle Clans? – Nein. Die Leute, die laut CDU und CSU Europa bedrohen, sind linke Umverteiler und rechte „Populisten“. Ich bin nun wirklich kein Freund sozialistischer Phantasien, aber jene, die den Reichen etwas Geld für die Armen nehmen wollen, und jene, welche die Bürger der europäischen Staaten vor importierter Gewalt schützen wollen, sind das wirklich die Gegner, denen sich die tatsächlichen „Bürger“ Tag für Tag in den Schulen, auf den Straßen und in den Parks stellen müssen?

Bürger haben Verwandte beerdigen müssen, weil Deutschland durch die Politik der CDU unsicherer geworden ist. Menschen sind fürs Leben traumatisiert, an Leben und an Körper. Wenn in den Nachrichten das Wort „Messer“ vorkommt, wissen wir, was drinsteht – doch wer bedroht laut CDU das Europa der CDU? Jene, welche den Reichen etwas wegnehmen wollen – und jene, welche alle schützen wollen.

Das Europa der CDU kämpft gegen die Gegner der CDU  – der deutsche Bürger kämpft derweil mit den Folgen der CDU-Politik.

Das sogenannte „Europawahlprogramm“ von CDU und CSU ist ein Dokument der Selbstüberschätzung. Es heißt:

Die Europäische Union ist unser Garant … für Sicherheit und Stabilität.

Ich bin nicht sicher, wie man „Sicherheit und Stabilität“ erreichen will, aber die Immigration hunderttausender junger, zum guten Teil bildungsferner Männer im wehrfähigen Alter, für welche die Einheimischen nur „Ungläubige“ sind, wäre nicht die erste Maßnahme, die mir zur Stabilisierung einfallen würde.

Gerade in den Passagen, an denen sich das Programm als nah an Bürgern und Tradition geben möchte, verrät sich, wie fern diese CDU und CSU doch von eben diesen sind.

Auf Seite 7 heißt es:

Heimat: Unser Europa ist stolz auf seine Städte, Dörfer und Regionen.

Moment – „seine“ Städte? Berlin, Madrid, Paris, Warschau, Prag – also nur noch Städte Europas? Dort steht nicht einmal mehr „stolz auf seine Staaten (oder: Länder), Städte und Regionen“; es klingt wie ein neues europäisches Superreich, das keine Staaten, keine Länder und schon gar keine Nationen kennt, sondern nur noch Regionen, die sich bloß in Dialekt und Käsesorten unterscheiden, kontrolliert und reguliert von Vorgängen auf den mysteriösen Gängen und Fluren des fernen Brüssels.

Es heißt:

Unser Europa ist eine kulturelle Schatzkammer.

Was für eine wohlfeile Phrase! Wie bewahrt man einen Schatz am besten auf? Indem man ihn mit anderen Schätzen zusammenmischt, zum „Multischatzi“, und dann so lange schüttelt, bis jedes Schmuckstück auch die letzte Kante verloren hat? Doch wenn man in dieser Passage weiterliest, stolpert man darüber, dass man die „Medienplattformen“ verschiedener öffentlich-rechtlichen Anstalten innerhalb der EU „vernetzen“ will – nach der deutschen Einheitsmeinung die europäische Einheitsmeinung?

Die wohl absurdeste der Passagen aber erscheint gleich zu Beginn:

Europa muss Antworten finden und den Bürgern in einer sich verändernden Welt Gewissheiten und Schutz geben.

Wenn diese Leute „Europa“ sagen, meinen sie die Bürokraten in Brüssel – und sich selbst.

Was um alles in der lieben, weiten Welt soll die Funktionäre dieser Parteien qualifizieren, „Antworten“ zu finden und „Gewissheiten“ zu geben?! Man ist ja heutzutage schon froh, wenn die EU-Granden am Morgen zwei gleichfarbige Schuhe anziehen.

Die „Nation“ taucht als maximal negativ auf

Die „Nation“ im CDU-CSU-EU-Wahlprogramm taucht mal als maximal negativ auf, in der Feindfigur des „Nationalisten“, und mal als eine Art folkloristischer Geschmacksbeilage – „Regionen und Nationen“, „National- und Staatsbibliotheken“, et cetera.

An einigen Stellen ist von nationalen Schutzstandards und nationalen Parlamenten die Rede, doch es klingt wie etwas, das man eingefügt hat, um die allerletzten noch vorhandenen Kritiker in der CDU zu besänftigen.

Wer einen Menschen verstehen will, muss dessen relevante Strukturen kennen – das gilt für Institutionen und Parteien genauso.

Selbst da, wo das Programm gut klingt (man will „Sozialmissbrauch verhindern“), muss man sich fragen, warum zum Kuckuck so etwas in Brüssel geklärt werden muss. Warum sollte irgendeine Nation bei „Europa“ betteln gehen, um zu bitten, ob sie aufhören darf, den Bürgern anderer Ländern gratis Geld auszuzahlen? Freizügigkeit dürfe nicht dafür missbraucht werden, „soziale Sicherungssysteme unseres Landes“ auszunutzen – auch da die Frage: Warum muss das in Brüssel beschlossen werden? Das gesamte Programm wirkt, auch und besonders da, wo es gefällig sein will, wie ein Übergangsprogramm hin zum Superstaat Europa. (Die SPD mit ihrem sektenhaften „Europa ist die Antwort“ macht sich da gleich komplett ehrlich. Für einige ist Jesus die Antwort, für andere dieser oder jener Prophet, für die SPD ist es Europa – für die CDU, sie ist bloß um 1% verschämter, aber auch das wird sich noch glatthobeln.)

Man will die Außengrenzen Europas schützen, sagt das Programm, sprich: die Innengrenzen der Nationen sollen weitgehend offen bleiben – mit anderen Worten: Ob Deutschland geschützt ist, hängt im Europa der CDU davon ab, ob alle anderen Staaten mitspielen – wenn nicht, dann nicht. Warum Schweden mitentscheidet, wie Italiens, Frankreichs oder eben auch Deutschlands Grenzen geschützt sind, erschließt sich wohl nur erleuchteteren Funktionärskasten.

Das Wahlprogramm der CDU bestärkt nicht gerade das Gefühl, dass Deutschland der CDU oder CSU noch eine „relevante Struktur“ ist. Dieses Wahlprogramm klingt nicht wirklich wie das Programm eines deutschen Politikers, der Deutschland innerhalb und gegenüber der EU vertreten will; es klingt wie das Programm von Politikern, die Deutschland innerlich längst überwunden haben, und dies jetzt so genervt wie ungeduldig auch äußerlich durchziehen möchten. Wo das EU-Wahlprogramm von CDU und CSU deutsche Interessen vertritt, scheint es nur nervige Stichpunkte abzuhaken, von einem selbstbewussten, klugen „Germany first“ nach erfolgreichem US-Vorbild sind CDU und CSU denkbar weit entfernt.

Sie wollen ordnen, was sie nicht verstehen

Was ist es, dass die „Kunst aufräumen“-Bücher so attraktiv macht? Sie sind ja denkbar simpel aufgebaut: Man zeigt das Original-Bild und gleich daneben die „aufgeräumte“ Version, mit allen roten Feldern in einer Gruppe, allen blauen in einer anderen, und die schwarzen Striche nochmal einzeln.

Der witzige Versuch, Kunst „aufzuräumen“, lässt uns als Zuschauer auf angenehm schmerzhafte Art spüren, wie wenig wir die Kunst, die wir bewundern, in Wahrheit begreifen. Indem der „Aufräumer“ so grandios scheitert, immer und immer wieder, spüren wir den Wert und die Tiefe der Kunst. Ja, sie schmerzt, diese Differenz zwischen der Tiefe, die wir in der Kunst spüren, und unserer Unfähigkeit, es zu benennen. Indem das „Aufgeräumte“ falsch erscheint, begreifen wir erst, was wir alles nicht begreifen.

Auch CDU und CSU wollen Europa aufräumen; sie wollen ordnen, was sie nicht verstehen, und sie wollen beherrschen, was ihnen zu beherrschen nicht zusteht. Wenn der Kunstaufräumer die Kunst aufräumt, tut er das nur gedacht, nur im Buch; das Original bleibt unbeschädigt an der Wand des Museums.

Die CDU sagt wörtlich, dass sie in Europa „ein neues Kapitel“ aufschlagen möchte. Die Leute, deren Politik viel Leid und Unsicherheit nach Deutschland brachte, deren Ignoranz den Antisemitismus und die Messergewalt ansteigen ließ – wollen wir, dass sie ganz Europa „aufräumen“? Dieses Kapitel in jenem Buch wird sich nicht ganz so einfach wieder zuschlagen lassen. Das Aufräumen jener Bücher ist uneigentlich, das Aufräumen, das die CDU über Europa bringen will, ist umeigentlich.

Letztens schrieb ich „Hütet euch vor Leuten, die den Planeten ordnen wollen“ , und es gilt für Europa nicht minder. Herr Weber, Herr Juncker und ich haben gemeinsam, dass wir uns nicht anmaßen sollten, die Nationalstaaten überwinden zu wollen, um von Brüssel aus über Europa zu herrschen – der Unterschied ist, dass ich mir dessen bewusst bin.

Dushan Wegner (geb. 1974 in Tschechien, Mag. Philosophie 2008 in Köln) pendelt als Publizist zwischen Berlin, Bayern und den Kanaren. In seinem Buch „Relevante Strukturen“ erklärt Wegner, wie er ethische Vorhersagen trifft und warum Glück immer Ordnung braucht. Dieser Beitrag erschien zuerst auf seinem Blog dushanwegner.com.

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herbert binder / 27.03.2019

Um einen Ihrer Sätze leicht abzuwandeln, sehr geehrter Herr Wegner: Der wohl erfreulichste Link aber erscheint gleich zu Beginn. Für mich. “Meine” Bibliothek hatte die Wehrli-Bände sogar im Ausleihstatus, so daß ich sofort mit dem “Aufräumen” beginnen kann. Ein herzliches Danke für Ihren Tip. Apropos. Ihr Nagen am Politknochen…tja, was soll ich sagen? Tut Ihnen die/Ihre hierfür verbrauchte (ich vermeide es, “investierte” zu formulieren, denn der Begriff ist ja positiv konnotiert) Lebenszeit nicht weh? Ihre Arbeit, und die Arbeit Ihrer Kollegen - so notwendig wie nahezu vergeblich (Paradoxie im Endzustand). Vergeblich auch deshalb, weil dieser ganze Irrsinn ganz offensichtlich crescendiert. Wie der Brei bei den Grimms, und wir kennen das “Wort” nicht.

Hans-Peter Dollhopf / 27.03.2019

Im echten Leben kann man mit Spielgeld nichts kaufen. Trotzdem gebe ich auf jeden Fall am 26. Mai 2019 meine Euwähler-Stimme den eingeschworen Feinden des Kraken!

Richard Loewe / 27.03.2019

Das EUropa der CDU ist Stolz auf seine Regionen. Ausser Katalonien natuerlich - das ist voll von boesen Nationalisten. Oder eventuell populistischen Regionalisten. Belgien ist halt Vorbild: eine failed nation.

H.Roth / 27.03.2019

Die Bücher von Wehrli hab ich auch. Noch besser als “Kunst Aufräumen” finde ich den anderen Band “Die Kunst aufzuräumen”. Da geht es nicht um Gemälde, sondern um ganz alltägliche Situationen, wie ein Schulhof, ein Parkplatz, ein Blumenstrauss, usw. Falls Sie unbedingt wissen möchten, wie man einen Obstsalat, oder einen Goldfischteich aufräumt, sollten Sie sich das Buch einmal anschaun. :-)) Ordnung muss sein. Und Wehrli ist eben auch Schweizer. Ich würde mir wünschen, dass auch in Deutschland wieder Recht und Ordnung herrschen. Oder zumindest unsere Politiker sich eifrig darum bemühen. Nichts davon erkenne ich. Stattdessen wird in Stücke geschlagen was geht, sei es in der Aussenpolitik, Migrantionspolitik, Sozialpolitik, Familienpolitik, Finanzpolitik, Wirtschaftspolitik, Umweltpolitik, Justizpolitik…und nicht zu vergessen Verteidigungspolitik. Und nachdem der eigene Laden schon einem Trümmerhaufen gleicht, will die Union diesen Politikstil europaweit ausdehen? Mich befällt ein ungutes Gefühl, ja ein Gruseln und Grausen. Die Weber weben das EU-Leichentuch, sie weben und weben… Und die Weberknechte? Die spinnen.

Daniel Oehler / 27.03.2019

Der EU-Fanatismus von CDU und CSU zerstört die EU. Und warum? Die gesamte Osthälfte Europas will ein Europa der Vaterländer und kein Brüsseler EU-Regime unter deutscher Führung. Die historische Erfahrung mit deutschen Machtansprüchen in Europa ist dort historisch bedingt sehr präsent und das durchweg negativ. Egal ob Prag, Warschau, Zagreb, Ljubljana, Pressburg, Budapest, Bukarest, Sofia, Athen - um ein paar EU-Hauptstädte zu nehmen -, Minsk, Belgrad, Moskau oder sonstwo in der Osthälfte Europas, ... alle sind froh, einen souveränen Nationalstaat zu haben und denken nicht daran, sich vom Lobbyistenstadel Brüssel dirigieren zu lassen. Niemand will sich nach dem Untergang des sozialistischen Kommissar-(Un-)Wesens den Brüsseler Kommissaren unterwerfen. Je größer die Machtansprüche in Brüssel, desto stärker wird die Distanz zu Brüssel Mit einem deutschen EU-Fanatiker an der Spitze würde die EU genau das, was sie in der Augen der schärfsten EU-Kritiker bereits ist: eine EUdSSR. Ich sage nur: Wehret den Anfängen.

Alexander Mazurek / 27.03.2019

Vielen Dank für Ihre nüchterne Analyse! Die Revolution des Nihilismus ist soweit fortgeschritten, dass die Nationen, Grundlage aller säkularen Staaten (beliebigen) Rechts in Frage gestellt werden - wenn das kein Hochverrat ist! Dass die Cxx-Parteien zutiefst unchristlich sind, ist schon länger deutlich, länger als das Fehlen der sozialen Verantwortung bei der inzwischen unsozialen Sxx. Und, ich kann’s nicht lassen: Die Grünen sind die wahren Erben der NSDAP - wurde mir bereits in den 70ern deutlich, auch wegen der Naturverbundenheit des BdM, aber auch wg. der Wertstoffsammlung und der gesunden Lebensweise des Führers: Vegetarier und Abstinent, was will man mehr? Schwul? Wer weiß ...

Buhr Uta / 27.03.2019

Danke, Herr Wegner, mal wieder ein sehr fundierter Artikel aus Ihrer Feder. Die Knallcharge Manni Weber wird ohnehin nur das tun, was unsere dicke Muddi ihm ausdrücklich gestattet. Seine aus merkelschen Satzbausteinen zusammengeschluderte “Rhetorik” weist in diese Richtung. Hoffen wir mal, dass der Wähler diesem Möchtegern-und-Kannicht noch einen Riegel vor seine himmelstürmenden Ambitionen schiebt. Ein Vorschlag zur Güte: Wie wäre es mit einem Kandidaten Oettinger als Kommissionspräsident? Der vereinigt doch alle Tugenden für diesen Job in seiner strahlend kompetenten Persönlichkeit. Seine enorme Sprachbegabung kommt noch hinzu. Da die EU immer mehr zur Lachnummer verkommt, wäre dieser Typ doch die ideale Besetzung.

Thomas Koch / 27.03.2019

Beim Lesen fiel mir gerade meine Definiton für die EU jetzigen Epoche ein. Vielleicht war es früher mal anders gedacht gewesen, aber heute lautet sie: Die EU ist der Versuch selbsternannter Sonnenkönige in Brüssel, Paris und Berlin und eines Hofstaates unbekannten Ausmaßes, sich Europa und seine Nationalstaaten einzuverleiben und Untertan zu machen.

Robert Jankowski / 27.03.2019

Schlimm ist, dass die Wähler der Union immer noch der Ansicht sind, dass sie “konservativ” wählen würden. Eine Lüge verpackt man am besten in einer Lüge. Der Import von Islamisten läuft, auch unabhängig von der EU-Wahl, fröhlich weiter und die Unterdrückung bestimmter Nachrichten durch den Staatsfunk und die SPD Medien ebenfalls. Es wird ja immer davon geschwafelt, dass der Osten ein Nazi Problem habe, aber es kommt mir immer mehr so vor, als wenn die Leute dort den Totalitarismus einfach besser und frühzeitiger erkennen, als die dämlichen Wessies! Europawahl, wir kommen! Man kann nur hoffen, dass die Leute wählen gehen und ihrer Wut damit Ausdruck verleihen! Wer kann, der sollte sich auch als Wahlhelfer betätigen, sonst fallen wieder bestimmte Stimmen unter den Tisch, wie in Bremen…

HaJo Wolf / 27.03.2019

Wenn ich die Begriffe “EU” oder “Europa” höre/lese, bekomme ich inzwischen Brechreiz. Diese EU ist ein uns aufgezwungenes (oder habe ich verpasst, dass es eine demokratische Wahlmöglichkeit gab?), missglücktes Experiment, aus einem lahmen Ackergaul ein Rennpferd zu machen. Inzwischen ist das Pferd totgeritten, aber die Politiker drschen immer noch auf den Gaul ein. Die Demokratie ist der Merkelatur gewichen (die sich auch nach Merkel fortsetzen wird), Deutschland ist im Begriffe der Auflösung. Und die Labersäcke in Brüssel, Paris und Berlin plappern immer noch den gleichen Mist. Die Lösung wäre ein Aufstand der Bürger - aber den wird es nicht geben, es hat ihn 1933 nicht gegeben, 1939 oder 1941 nicht, nicht 1999 und nicht 2015. Ich muss Schluss machen,  sie wissen schon: Brechreiz…

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