Georg Etscheit / 10.07.2022 / 16:00 / Foto: Unsplash / 46 / Seite ausdrucken

Duschen nach Vorschrift

Was will ein Bundesminister den Bürgern sagen, wenn er sich öffentlich damit beschäftigt, ihnen das Duschen zu verleiden und Duschzeiten zu empfehlen?

Hebel nach oben, Wasser marsch. Schon nach wenigen Sekunden ist es angenehm warm. Jetzt Körper anfeuchten und den trockenen Waschlappen, 20 Sekunden sind um. Hebel runter, der Wasserstrahl versiegt. Solch eine Mischbatterie ist eine geniale Erfindung, weil man schnell mal eine kurze Pause beim Duschen einlegen kann, ohne danach wieder umständlich mit Hilfe zweier Schraubventile das richtige Mischungsverhältnis von warm und kalt bestimmen zu müssen. Beim Einseifen muss das Wasser ja nicht laufen, das halte ich seit meiner Jugend so, und da gab’s noch keinen Klimawandel, keinen Ukrainekrieg und einen Herrn Habeck (Jahrgang 1969, ich selbst 1962) auch noch nicht oder noch nicht lange. 

Nach gründlichem Einseifen, dem wichtigsten Teil der täglichen Körperpflege, Hebel wieder nach oben, Schaum runterspülen und sorgfältig den Waschlappen auswaschen, sonst wird er glitschig. Das sind noch mal 40 Sekunden. Dann Wasser erneut abstellen, Restkopfhaar und Augen mit Neutralshampoo waschen, letzteres hatte die Augenärztin empfohlen, als ich mir jüngst ein Gerstenkorn behandeln ließ, irgendeine Pore war verstopft, wahrscheinlich durch eine Hautschuppe. Nun wieder Wasser marsch, Shampoo abwaschen, nochmal den ganzen Körper mit warmen Wasser berieseln lassen, ein bisserl Wellness darf schon sein, auch in Zeiten von Krieg, Klimakrise und Ampelregierung. 

Am Ende stand ich in toto knapp zwei Minuten unter der Dusche. Zu wenig, um mich dafür schämen zu müssen, hoffe ich wenigstens. Habeck gab via Medien zu Protokoll, dass er noch „nie“ länger als fünf Minuten geduscht habe und seine Duschzeit infolge der aktuellen Energiekrise zudem „deutlich verkürzt“ habe. Ich denke, er kommt auf jene drei Minuten, die angeblich die Mehrzahl der Deutschen fürs tägliche Duschbad benötigt. Da geht also noch was, auch bei unserem Quasikriegswirtschaftsminister.

Die Sechs-Minuten-Duscher

Im Durchschnitt kommen die Deutschen auf sechs Minuten tägliche Brausedauer, wobei jeder Zehnte mehr als zehn Minuten unter der Dusche verbringt, was schon den Tatbestand mutwilliger Klimazersetzung erfüllt. Zur Strafe müsste solch rücksichtlosen Zeitgenossen ab sofort vollständig und nicht nur zu bestimmten Tageszeiten das warme Wasser abgestellt werden. Kalt duschen können sie ja, solange sie wollen, zumindest wenn der italienische Dürrenotstand nicht auf Deutschland übergreift.

Durch einen herkömmlichen Duschkopf strömen pro Minute zwölf bis 15 Liter Wasser. Bei mir sind es, ich hab mittels Putzeimer nachgemessen, weniger als die Hälfte, dank einer Wasserspararmatur, die ich mir vor ein paar Jahren eingebaut habe. Die macht Sinn, selbst wenn sie Herr Habeck empfiehlt, denn man muss ja nicht mutwillig Ressourcen vergeuden. Als bei uns im Haus vor zwei Jahren Legionellen im Warmwassersystem festgestellt wurden, bekamen wir vorübergehend einen Duschkopf mit Spezialfilter und Megadurchfluss. Prompt schoss der jährliche Warmwasserverbrauch um einen Kubikmeter nach oben. In dem Discounthotel, in dem ich gelegentlich übernachte, werben sie immer mit ihrer Premiumdusche „Raindance“ von Hansgrohe. Da rauscht ordentlich was durch, dafür ist das Frühstück bio und die bereitgehaltene Hotelkosmetik mikroplastikfrei.  

Vor ein paar Tagen sah ich mir im Internet Roger Köppels tägliche Nachrichtenshow an. Darin echauffierte er sich in seinem drolligen Schweizerdeutsch über das Berliner „Gruselkabinett“ und Habecks aktuelle Körperpflegetipps und wollte nicht verstehen, dass deutsche Politiker inmitten diverser Krisen und Bedrohungen, ob existent oder nur gefühlt, allen Ernstes über individuelle Duschpraktiken diskutierten. Ausgerechnet die Deutschen, die in Sachen Hygiene bislang doch „nichts hätten anbrennen lassen“. Ich bin zwar ein Fan von Roger Köppel, doch muss ich an dieser Stelle dem „Chefredaktor“ der Züricher Weltwoche widersprechen. Für eine anständige Morgentoilette braucht es keine zehnminütigen Duschorgien. Ich schaffe das, wie dargelegt, in deutlich kürzerer Zeit und mir hat bislang noch niemand vorgeworfen, eine unangenehme Geruchsspur hinter mir herzuziehen. 

Wenn der Dienstwagen schon wartet

Wahrscheinlich kommt mir da meine Pfadfindervergangenheit zu Hilfe. Im Zeltlager war ich bekannt dafür, mich jeden Morgen einer kurzen, aber effektiven Ganzkörperwäsche zu unterziehen, zur Not an einem Bächlein und sogar im Winter, während es meine Kameraden vorzogen, Wasser drei Wochen lang nur innerlich anzuwenden. Damals übrigens noch ganz ohne ökologische Hintergedanken, obwohl Müffelökos schon langsam in Mode kamen. Noch mehr als alten Schweißgeruch hasse ich den aufdringlichen Patschuliduft, mit dem die Nachfolger der in indischen Ashrams sozialisierten Hippies ihre unedlen Körperausdünstungen zu überdecken versuchten. 

Ich halte warmes Duschen, unabhängig von der Länge, für eine der größten kulturellen Errungenschaften der Menschheit, vielfach verewigt auch in der Kunst, man denke nur an die Duschszene aus Alfred Hitchcocks „Psycho“, die sensible Naturen auf ewig dazu verdammt, halbtransparenten Duschvorhängen mit gemischten Gefühlen zu begegnen. Und ich werde diese Errungenschaft mit Zähnen und Klauen verteidigen. Eher verzichte ich, um Putin und die Klimakatastrophe kleinzukriegen, auf eine tägliche warme Mahlzeit als aufs wohltemperierte Duschbad. Glücklicherweise ist unser Münchner Vermieter im Hauptberuf Heizölhändler, was eine konstante Brennstoffversorgung einstweilen garantieren dürfte. 

Wenn sich ein Bundesminister öffentlich damit beschäftigt, den Leuten das Duschen zu verleiden, können die wahren Probleme so groß nicht sein – oder die Ignoranz ist unermesslich. Ich käme jedenfalls nie auf die Idee, anderen Leuten vorzuschreiben, wie lange sie duschen wollen, ob sie sogar, welche Schandtat, ab und zu ein Vollbad nehmen oder sich mit Katzenwäsche begnügen, wobei mir Letzteres von allen Optionen die am wenigsten sympathische ist. Übrigens glaube ich nicht, dass unser grüner Vizekanzler seine Duschzeit deshalb verkürzt hat, weil er ein gutes Vorbild sein möchte. Wahrscheinlicher ist, dass der Robert morgens einfach nicht aus dem Bett kommt und auf der Straße schon der Dienstwagen wartet.

Foto: Unsplash

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Ludwig Luhmann / 10.07.2022

Ich weiß nicht, ob man sich noch daran erinnert, aber irgendwann wurden die Deutschen aufgerufen, Trinkwasser zu sparen, was sie dann auch brav taten. Dann kam heraus, dass die Abwasserrohre künstlich durchgespült werden mussten, weil sie verkrusteten und verstopften, da die Deutschen tatsächlich Wasser sparten.

Karl Mai / 10.07.2022

Habeck sagt damit nur eines, dass er sich mit seinen begrenzten intellektuellen Fähigkeiten zu weit hinaus gewagt hat. Er stellt seine Dummheit ins Schaufenster. Bin mir nicht sicher, ob ihn nicht jede Anschlussverwendung überfordern würde. Aber Alimentierung der Versehrten ist auch keine Lösung. Aufforsten in chinesischen Wüsten würde ihm sicher gut tun.

Rudi Hoffmann / 10.07.2022

Da bekommt doch das   lau baden , das Wehner dem Willy Brandt nachsagte , eine neue Bedeutung.

Roland Stolla-Besta / 10.07.2022

@ Esther Braun „Bei abgestellter Heizung sollen die Armen und Alten in großen Hallen auf Feldbetten kampieren.“ Korrekt und passender wäre wohl die Formulierung, daß die Armen und Alten in großen Hallen „zwischengelagert“ werden sollen.

Peter Bauch / 10.07.2022

Alle reden vom Duschen - aber was ist mit meinem geliebten Wannenbad? Leider bin ich zu reich als daß ich mit dem Arbeiten aufhören könnte. Aber alle, deren finanzielle Situation trotz arbeiten auf Kante genäht ist sollten es erwägen sich in die Hartz4-Obhut des Staates zu begeben. Dann bezahlt dieser nämlich die Heizkosten und Sparen ist dann kein Thema, bis kein Gas mehr für alle da ist. Zumindest bis dahin wäre aber das tägliche Wannenbad gesichert.

Hermann Sattler / 10.07.2022

Diese Haböck-Einlassungen sind doch schwachsinnig und nicht zielführend. Die einzige wahre Wasser- Sparaktion sieht wie folgt aus: In meiner Dusche haben zwei schlanke Personen( natürlich keine Lang wie Breit) Platz. Bin aber sicher, dass mit gutem Willen bei mir noch zwei knackige Mädchen reinpassen müssen. Meine zwei hübschen Nachbarsmädchen bekommen von mir ein entsprechendes Angebot. Für diesen Verbesserungvorschlag fordere ich einen Gebrauchsmuster-Schutz und eine Prämie von 20 cbm Warmwasser.

Thorsten Gutmann / 10.07.2022

Gestern (9.Juli) gab es bei TE einen Artikel vom Chef: “Das grüne Puppenhaus ... “, der ein Foto unseres regierungsamtlichen Dreigestirns (zutreffender wäre eher Elferrat) enthält. Wer möchte, werfe einen intensiven Blick auf die - nicht linke, nicht rechte, sondern - mittelmäßige Person. All das, was mir beim Betrachten dieses Häufleins in den Sinn gekommen ist, weigere ich mich, hier zu veröffentlichen. Zu dieser Figur vielleicht nur ein kleiner Text, da er irgendwie noch zum Thema paßt: Aber nein, aber nein sprach sie, ich dusche nie.

Michael Schauberger / 10.07.2022

Als Nächstes verbieten sie den Leuten, ihr dreckiges Geschirr mit viel warmem Wasser abzuspülen, bevor sie es in ihre effiziente Spülmaschine einsortieren. Bei noch mehr solchen Fisimatenten leidet demnächst die allgemeine Hygiene und begünstigt weitere Krankheitsausbrüche und Seuchen. Wir könnten uns auch ins französische Mittelalter zurückkatapultieren und anstatt einem warmen Bad Puder und Parfüm verwenden. Ob es dann kratzt unter der Perücke? Egal! Wir haben Energie und Ressourcen gespart, nur das zählt. Ob sie dann ein Anderer, zum Beispiel in China, verbraucht, muß dann auch nicht mehr interessieren. Hauptsache, wir denken vom Wohnzimmersessel bis zur Dusche — und nicht weiter.

Karl-Heinz Boehnke / 10.07.2022

Grob überschlagen ist der Anteil des Duschens am Haushaltsverbrauch von Gas 0,15% und am Gesamtverbrauch Deutschlands 0,03%. Das ist Politik: Die Unlust an Mathematik und die Unfähigkeit zur Verhältnisbildung ausnutzen, um die Ohnmacht der Menschen in vermeintliche Tatkraft zu wandeln. Die erfolgreiche Lügerei bei Klima und Pandemie hat Auftrieb gegeben. Weniger Gas bedeutet eben Zusammenbruch der Wirtschaft und nicht nur lau Baden. Aber wem sage und schreibe ich das? Die schlauesten Leute schalten bei Existenzangst auf stur, stecken den Sand in den Kopf und singen dennoch “So ein Tag, so wunderschön wie heute”, vielleicht auch, weil sie fühlen, daß es der letzte seiner Art ist.

Jochen Grünhagen / 10.07.2022

Dieser Erklärbar soll der derzeit beliebteste Politiker Deutschlands sein. Die Umfragewerte der Grünen steigen kontinuierlich, dass sagt eine Menge über den deutschen Michel und seine Michaela aus.

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