Gerd Held / 29.06.2020 / 06:15 / Foto: David R. Tribble / 42 / Seite ausdrucken

Durchregieren: Freie Bahn dank Daueralarm (1)

In dieser Mitte des Jahres 2020 herrscht eine merkwürdige Leere im Land. Ein Gefühl genereller Orientierungslosigkeit und Haltlosigkeit. Es scheint keine sicheren Bestände, keinen sicheren Rückhalt, keine sicheren Positionen zu geben. Es gibt nicht einmal mehr eine bestimmte Krise mit einem eingrenzbaren Problem, an dem man sich abarbeiten könnte. Gerade noch drohte uns der „Klimakollaps“. Dann wurde wegen einer „Weltseuche“ der Ausnahmezustand ausgerufen. Dieser ist noch nicht beendet, da wurde schon wieder eine neue Weltgefahr entdeckt: Ein „globaler Rassismus“ soll umgehen. Immer dichter folgen die Erregungs-, Empörungs- und Rettungs-Rufe aufeinander. Atomenergie, Schulden, Migration, Klima, Corona, Rassismus – aus dieser Krisenkaskade ist eigentlich nur eine Negativbotschaft zu entnehmen. Die Botschaft, dass das „große Ganze“ irgendwie nicht mehr stimmt. Und dass es auf jeden Fall nicht wert ist, erhalten zu bleiben.

Vor diesem Hintergrund wäre es ein Fehler, sich nur brav an diesem oder jenem Sachproblem abzuarbeiten. Die „Corona-Krise“ der Regierenden hat immer weniger mit dem konkreten Virus und der Epidemie-Gefahr zu tun. Wie soll man diese Krisenpolitik ernstnehmen, wenn sie bei („guten“) Demonstrationen gegen „Rassismus“, auf einmal keine Kontaktverbote mehr kennt, obwohl diese gerade noch als unabdingbar für die Rettung von Menschenleben dargestellt wurden? Wie soll man Wirtschaftsmaßnahmen zur Überwindung der Stilllegungskrise ernstnehmen, wenn diese Maßnahmen auf einmal wieder eine Priorität auf Klimaschutz setzen – mit teuren Auflagen, die eine Wiederherstellung der Rentabilität der Betriebe praktisch unmöglich machen (und ebenso die Auslastung der öffentlichen Infrastrukturen)?

Daraus muss eine Konsequenz gezogen werden. Die kritische Öffentlichkeit muss sich mit dem neuen Modus des Regierens befassen, der in dieser Zeit ständig neuer „größter Krisen“ eingetreten ist. Mit den Änderungen, die die Macht im Lande erfährt. Mit den neuen Macht-Konzentrationen, aber auch mit den neuen Anfälligkeiten und Grenzen der Macht.

Eine merkwürdige „Stunde Null“

Schon im März dieses Jahres stand für die Bundeskanzlerin fest, dass die Corona-Krise „die größte Krise seit dem 2. Weltkrieg“ ist. Das ist ein extremer Vergleich, der dem Regierungshandeln einen historischen Rang verleihen soll. Doch zeigt gerade dieser Vergleich, wie wohlfeil in unserer Zeit „größte Krisen“ beschworen werden können. Wo nämlich ist die Demut, die eigentlich große Krisenzeiten kennzeichnen? Wo ist die Sparsamkeit und der Anpassungswille des Überlebens, wo die Rückbesinnung auf die Essentials von Wirtschaft und Staat? Stattdessen werden Billionen-Programme aus der Gelddruckmaschine beschlossen, die es erlauben sollen, alle Krisen-Verluste auszugleichen. Was für ein Selbst-Widerspruch: Man ruft eine Krise aus, die mit den Verheerungen des Zweiten Weltkriegs vergleichbar sein soll, und beschließt dann Maßnahmen, die allenfalls für eine Konjunkturkrise angemessen sind.

Es gehe darum, die Wirtschaft wieder „anzukurbeln“, heißt es – als wäre die Wirtschaft ein Selbstläufer, der ab und zu mal ein paar Umdrehungen Anfangsschwung braucht. Da waren die Agenda-Reformen der Regierung Schröder ungleich ernsthaftere Eingriffe. Und ihre Begründung kam ohne die rhetorische Hyperdramatik einer Weltkrise aus. Der Vergleich macht deutlich, wie sehr sich heute die Führung von Staat und Wirtschaft in eine oberflächlich-sachferne „Menschenführung“ verwandelt hat. Und wie billig ist sie dadurch geworden. Denn noch nie war der Glaube so mächtig, dass es für alles „intelligente“ Lösungen gibt. Lösungen, die versprechen, es ginge ohne Blut, Schweiß und Tränen.

In dieser Hinsicht ist auch der Vergleich mit den Nachkriegsjahren und dem ersten Jahrzehnt der Bundesrepublik lehrreich: Damals mussten Staat und Gesellschaft wirklich unter extremen Knappheits-Bedingungen handeln, und sie konnten gerade daraus ein Stück Achtung und Würde gewinnen. Wie völlig anders ist demgegenüber die heutige Situation, wo der Glaube regiert, man müsse und könne die Menschen durch täglich neue, milliardenschwere Fördertöpfe bewegen. Und mehr noch: Wo man glaubt, man brauche die „harten“ Großindustrien (Kraftwerke, Automobilbau) nach der Stilllegung gar nicht wieder in Gang zu bringen, sondern könne sie einfach durch „ganz neue“ leichtgängigere, sauberere Betriebe und Produkte ersetzen. So soll sich der angehäufte Schuldenberg wie durch Zauberhand in einen neuen „Deal“ verwandeln – einen „grünen“ Deal, der müheloser und schmerzfreier ist als alle Deals, die je stattgefunden haben.

Das bürgerliche Dasein ist entwertet

Eine Stunde Null, die die Gesellschaft spaltet. „Nichts wird so bleiben, wie es war“ hört man allenthalben. Doch die Leute, die dies Raunen von sich geben, sagen das mit merkwürdig zufriedenem Gesichtsausdruck. Eigentlich ist das Ereignis „Corona“ ja ein Negativ-Ereignis. Es hat bestehende Errungenschaften und Freiheiten zerstört oder zumindest beeinträchtigt. Es wurde durch die pauschale Reaktion der Regierenden zu einer großflächigen Stilllegung des Landes gesteigert. Aus dieser Stilllegung sind die Betriebe, Geschäfte, Gaststätten, Schulen, Theater, Sportstätten, Bahnhöfe und so weiter noch nicht heraus. Doch nun zeigt sich, dass es einen Teil der Gesellschaft gibt, der den Stillstand als Gewinn ansieht.

Während der Satz „Nichts wird so bleiben, wie es ist“ für viele Menschen, die jetzt mit dem Untergang ihrer Unternehmen und Arbeitsplätze rechnen müssen, ein Schreckensruf ist, gibt es einen anderen Teil, der in der „Stunde Null“ die Chance sieht, dem Land eine Zukunft nach eigenem Gutdünken zu verpassen. Für ihn bedeutet Stunde Null nur „freie Bahn!“: Sie eröffnet die Gelegenheit, unbehelligt von jeglicher Vergangenheit eine „ganz neue“ Zukunft zu kreieren. Was ist das für ein gesellschaftlicher Sektor, der so tickt? Was ist das für eine soziale Position, die eine solche Willkür erlaubt? Diese Fragen, die sich schon bei anderen Krisen wie der Migrationskrise oder der Klimakrise stellten, haben sich mit der Corona-Krise weiter zugespitzt.

Das bürgerliche Dasein, das seine Stärke, sein Maß und seinen Halt im Sach- und Weltbezug fand, ist in der gegenwärtigen Krise fundamental entwertet. Das gilt auch für die Arbeiterschaft, wenn man bedenkt, wie leichtfertig gegenwärtig die Bestände der deutschen Automobilindustrie verspielt werden. Aber was soll an die Stelle der bürgerlichen Daseinsweise treten? Es lohnt sich, unter diesem Gesichtspunkt die Corona-Krise zu beobachten und sich nicht mit der scheinradikalen Erklärung einer „Verschwörung“ finsterer Mächte zufrieden zu geben. Hier findet eine gesellschaftliche Auseinandersetzung statt.  

Der Mythos vom „neuen sozialen Zusammenhalt“

Die massiven Isolationsmaßnahmen gegen die Corona-Epidemie haben verschiedene soziale Gruppen sehr ungleich getroffen. In vielen Industrie- und Handwerksbetrieben, Großküchen, Umzugsunternehmen, bei Feuerwehr und Polizei muss die Arbeit mit sehr schwachem Kontaktschutz verrichtet werden (weil sie sonst nicht vernünftig machbar ist). Dagegen finden sich für die Rückkehr des Bildungssystems zum Normalbetrieb bis heute immer neue Einwände. Man suggerierte, die „Digitalisierung des Unterrichts“ sei ein zukunftsweisender Ersatz. In der Realität wurde durch solche Maßnahmen ein erheblicher Teil der Schüler von den Leistungen des Bildungssystems ausgeschlossen – das allgemeine und gleiche Recht auf Bildung wurde durch exklusive Netzwerk-Beziehungen eines Teils der Lehrer zu einem Teil ihrer Schüler ersetzt.

Man hat immer wieder den „neuen sozialen Zusammenhalt“ beschworen, der durch die Notstandsmaßnahmen gegen Corona entstanden sein soll. Dies war ein sehr merkwürdiger Zusammenhalt, denn ein großer Teil der Gesellschaft wurde zur Passiv-Rolle des „Wir bleiben zu Hause“ verurteilt, während ein anderer Teil die Aktiv-Rolle an den Mikrofonen und Geldtöpfen besetzen konnte. Die täglichen Corona-Sondersendungen im Fernsehen, die sich gewissermaßen zu einer „zweiten Tagesschau“ entwickelt haben, enthalten ja eine kolossale Machtverschiebung zwischen Sendern und Empfängern. Die Lebensführung der Menschen wird „mediatisiert“. Mehr denn je werden die Menschen Zuschauer ihres eigenen Alltagslebens.  

Offiziell dienten die umfassenden „Not-Maßnahmen“ nur dem Schutz der Bevölkerung vor dem Corona-Virus. In Wirklichkeit wurde der Zusammenhang von Stilllegung und Wiederankurbeln dazu genutzt, um Richtungsentscheidungen durchzusetzen, die mit dem Corona-Problem nichts zu tun haben. Im „Konjunkturprogramm“, das der Wirtschaft helfen soll, die Folgen der verfügten Schließungen zu überwinden, wurde bekanntlich eine weitere Kaufprämie für E-Mobile beschlossen, während sie für Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor abgelehnt wurde. Das bedeutet eine Preis-Diskriminierung für über 90 Prozent des Automarktes und eine Spaltung der Autoindustrie. So werden die Corona-Schließungen auf einmal zu klimapolitischen Schließungen. Dabei ist der ökologische Wert der E-Mobile hochumstritten, aber die Corona-Stilllegungen schädigen die bestehende Industrie so stark, dass die E-Mobile eine privilegierte Stellung bekommen, die in absehbarer Zukunft auf eine Monopolstellung auf dem Neuwagen-Markt hinausläuft. Obwohl die Lösung „E-Mobil“ die Auto-Käufer nun schon seit Jahren nicht überzeugen kann, wird so die Corona-Notlage ausgenutzt, um die Unternehmen noch stärker in die E-Mobil-Produktion zu zwingen.

Folgen der pauschalen Corona-Stilllegungs-Politik

In diesen Tagen achten viele Unternehmer (und ihre Beschäftigten) besonders darauf, wie viele Plätze sie in ihren Geschäften, Hotels, Gaststätten, Theatern, Sporthallen, Bussen, Bahnen, Flugzeugen nach den „Lockerungen mit Auflagen“ anbieten können, und wie viele Menschen unter den erschwerten Bedingungen tatsächlich kommen. Es genügt eben nicht, dass die Betriebe öffnen dürfen. Es kommt darauf an, wie sie ausgelastet sind. Nur wenn die Auslastung ein bestimmtes Maß erreicht, können positive Erträge erwirtschaftet werden. Nur dann können Löhne, Unternehmereinkommen, Mieten, Kreditzinsen bezahlt werden.

Anlässlich der Demonstrationen von Reisebus-Unternehmen haben die Sprecher ganz nüchtern vorgerechnet, wie hoch die täglichen Verluste sind, wenn ein Bus (mit den geltenden Abstandsgeboten im Bus) fährt. Die „Lockerungen“ änderten hier nichts daran, dass ein ganzes Gewerbe vor dem Konkurs steht. Mit anderen Worten: Wir werden in den kommenden Monaten erst richtig lernen, wie sehr die Wertschöpfung der modernen Marktwirtschaft auf Skaleneffekten beruht – auf der Ausnutzung großer beziehungsweise teurer Arbeitsmittel durch relativ viele Menschen. Die Volkswirtschaft existiert nur unter diesem eisernen Verhältnis-Gesetz der Skaleneffekte. Wir werden das wohl erst lernen, wenn sich das Fehlen der Skaleneffekte in den Erträgen bemerkbar macht. Das sind die Folgen der pauschalen Corona-Stilllegungs-Politik. Sie treffen übrigens auch den Staat, dessen öffentliche Infrastrukturen nur bei einer beträchtlichen Auslastung finanzierbar sind. Das Deppenspiel „Staat gegen Markt“ hilft aus der Corona-Krise nicht heraus.

Vor diesem Hintergrund ist der Eifer, mit dem in den letzten Wochen und Monaten das „Homeoffice“ als Antwort auf die Kontaktverbote und Stilllegungen propagiert wurde, erstaunlich. Offenbar kümmert das Auslastungsproblem einen Teil der Gesellschaft gar nicht. Man kann das so verstehen, dass es heute einen beträchtlichen Teil von Funktionen gibt, die nicht mit großen Produktionsmitteln und den entsprechenden Betriebsstätten verbunden sind. Offenbar gehen diese Berufsgruppen auch davon aus, dass sie ihre Leistungen erbringen und ihre Bezahlung erhalten, während der andere Teil der Gesellschaft in Konkurs geht. Eventuell denken sie, dass die Leistung, die sie häuslich erbringen, irgendwie „global“ wirksam ist und honoriert wird. Dann hätte das „Homeoffice“ eine kuriose Pointe: Die Globalisierung wird häuslich – was für eine Wiederauferstehung des Kleinbürgertums! Tatsächlich trifft man heute nicht nur beim politischen und wirtschaftlichen Management und Beratungswesen, sondern auch bei Wissenschaftlern, Künstlern und Medienleuten eine Neigung zu Weltthemen, die mit dem eigenen Fach und Fachumfeld nichts zu tun haben.

Lesen sie morgen im zweiten Teil: Die Bilanz wird kommen

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Leserpost

netiquette:

G. Schilling / 29.06.2020

@A. Mazurek. “Ja, das blöde Volk wird mit vorgeblichen Krisen abgelenkt”. Nach dem Krieg wurden die Älteren gefragt: Warum habt ihr nichts gemacht, euch nicht gewehrt, die Nazis zugelassen? Auch in 10 Jahren werden die Jüngeren die Alten fragen, wieso habt ihr nichts unternommen? Entweder haben wir einen Orwellschen Staat oder arbeiten für das Wohl der arabisch-afrikanischen Herrscher.

H.Ewerth / 29.06.2020

Bleibt doch nur noch die Parlamente abzuschaffen. Denn wir haben in Deutschland keine Opposition, die ihren Namen verdient hätte. Da ja sowieso die Mehrheit der Abgeordneten abhängig von den jeweiligen Parteien sind, wird es auch keine Entscheidungen im Interesse der Mehrheit in diesem Land geben.

Hans-Peter Dollhopf / 29.06.2020

Herr Biskaborn schreibt: “Wir sollten die Augen nicht davor verschließen das die Deutschen ein besonders ängstliches und untertäniges Volk sind.” Ich mag dich, ehrlich.  surprise surprise

Wolfgang Kaufmann / 29.06.2020

Derzeit trendet wieder einmal der Begriff der Rentner-Republik. Viele Rentner sind extrem rücksichtslos; sie haben ja nichts mehr zu verlieren. Ihre Kinder konditionieren sie auf das bequeme Hotel Mama, um sie im Alter bis aufs Blut auszunutzen. – Typisch sind falsche Zuschreibungen: „Ich trage die Maske den ganzen Tag; man rettet damit Leben.“ Nein, die fragilen Alten treibt die blanke Angst vor dem eigenen Sterben; und dafür müssen auch die robusten Jungen büßen, Schule, Gastronomie und Touristik. – Die striktesten Befürworter von Lockdown und Maskenpflicht sind die gleichen Damen, die im Supermarkt nicht lockerlassen, bevor sie nicht zwei Dutzend Stück Obst und Gemüse einzeln in die Hand genommen, dreimal gedreht und zurückgelegt haben. Selbst Eierkartons und Kartoffeltüten werden, Virus hin, Virus her, zum Bauern zurückgebracht, weil die Dame die Mission hat, die Umwelt zu retten. Für ihre alltäglichen Obsessionen fährt sie meilenweit oder lässt sich vom Sohn kutschieren. Sozial ist daran gar nichts.

Wolfgang Kaufmann / 29.06.2020

Kontakt ist ein menschliches Grundbedürfnis, nicht nur bei Kindern und Jugendlichen. Auch die sozialen Distanzen, die Erwachsene einhalten, sind grob gesagt in Nordeuropa viel größer und in Südeuropa deutlich geringer als bei uns. – Wie Grooming bei Affen ist Kontakt und Gemeinschaft für den Menschen der Kitt der Gesellschaft. Ja, Krawall kann eine Ersatzhandlung sein für fehlende soziale Nähe. – Übrigens kann Fernunterricht niemals das reale Miteinander ersetzen, gerade wegen der sozialen Implikationen. Kinder sind noch unerbittlich im Mobbing, im Ablehnen asozialer Altersgenossen, und das muss so sein. Wenn sich die Arschlochkinder im Schutze ihrer Helikoptermütter und fern der Peers hinter ihrer Datenleitung verkriechen können, funktionieren die elementarsten Regelkreise des Zusammenlebens nicht mehr. – Wir müssen dringend zurück zur Normalität.

Thomas Taterka / 29.06.2020

Ausser in den Tagen des Mauerbaus hat es in Deutschland nach dem Krieg noch nie eine so unverfrorene Regierung gegeben, die über das Wohl ihrer Bürger entschieden hat und sich dabei solch einer Unterstützung aus der Bevölkerung sicher war. Das Resultat wird nicht gleich , aber sehr ähnlich sein. Da muß man jetzt leider durch. - Mir passt das auch NICHT.  Aber ich sehe auch , daß eine einzelne Partei mit der Bewältigung dieser Korrekturaufgabe überfordert ist. Es ist ein Zivilisationsbruch, wie soll der aufgehalten werden, wenn die Mehrheit das nicht BEGREIFT?

Andreas Rühl / 29.06.2020

Söder: “Wir haben hundertausende Menschenleben gerettet.” Will ja auch heißen: Wer die Maßnahmen für übertrieben hält, hätte hunderttausende quasi umgebracht. Und: Dasselbe wird passieren, wenn ihr unserem Weg nicht folgt. Der Effekt ist klar: Wer bekennt sich schon gerne zum Massenmord? Dass es nicht den geringsten Hinweis darauf gibt, dass Söder “Hundertausende” gerettet hat, eher sogar alles dagegen spricht, ist dann nicht mehr von Interesse. Diese Art der Kommunikation zwischen Mächtigen und Beherrschten kennt man aus Zeiten, in denen das magische Denken noch kaum überwunden war. Babylonische Herrscher hielten sich ganze Herrscharen von Astronomen, um mit deren “Weissagungen” ihre Auserwähltheit dem doofen Volk zu demonstrieren (und wir haben die 60 Minuten/Stunde, 60 Sekunden/Minute, die 360 Grad für den Kreis, die 24 Stunden und so weiter davon geerbt, so erfolgreich war das Modell). Noch zum kleinen Jesus reisten die Astrononomen an, dem Kometen auf der Spur. Weil zum König der Welt gehört der Astronom dazu. Wichtig an dieser Form der Herrschaftsausübung ist, dass man nur die Fragen stellt, von denen man weiß, dass man die Antworten bereits hat. Meint auch: alle anderen Fragen müssen unterdrückt werden als königsfeindlich. Doch es gibt auch etwas Neues: Die Bewunderung des Volkes für die Weisheit und Allwissenheit des Königs wird nicht mehr einfach nur erwartet und abgewartet, sie wird kurzenwegs durch Eigenlob ersetzt. Damit schließt sich der Kreis. Irrtum ausgeschlossen. Hat man zu Beginn der Maßnahmen sich noch auf die geringen Erkenntnisse vom Ausmaß der Gefahr gestützt, ist jetzt eine Gefahr gar nicht mehr vonnöten. Die Regierung rechtfertigt ihr drastisches Handeln durch ihr drastisches Handeln. Zweifel daran sind defätistisch und wehrkraftzersetzend. Die wirtschaftlichen Folgen werden schlimm werden. Aber die Folgen für die offene Gesellschaft sind schon jetzt weitaus verheerender.

Jochen Becker / 29.06.2020

Dieses “Durchregieren” ist der Beginn des neuen Feudalismus und das Ende der Demokratie. Die herrschenden Eliten waren noch nie Verfechter des demokratischen Gedankens. Sie bevorzugen die Herrschaft einer kleinen Elite über den dummen Pöbel. Hinzu kommt jetzt die Systemkonkurrenz zu China, die die westliche Dominanz zu unterminieren droht. Was in China die Partei ist, soll im Westen die neue Aristokratie werden. Bisher bestand nur das Problem diese Herrschaftsform durchzusetzen ohne eine blutige Revolution zu riskieren. Dazu ist der dauerhafte Krisenmodus ideal. Flankieren haben die globalen Oligarchen den ideologischen Zeitgeist für ihre Zwecke instrumentalisiert. Die in ihre Progressivität verliebten Weltverbesserer spielen den neoliberalen Overlords in ihre reaktionären Hände. Huxley und Orwell lassen grüßen.

Thomas Brox / 29.06.2020

@ Carsten Bertram. Bester Kommentar. Deprimierend wie um den heißen Brei herum geschwurbelt wird. Zensur-Paragraphen und staatliche Überwachung zeigen Wirkung. Angst und Feigheit haben die bürgerliche Gesellschaft schon längstens zersetzt. ++ Im Grund ist es trivial. Der totale “Staat” sichert sich die totale Macht. Wer ist der denn der Herr “Staat”? Im Bewusstsein des verblödeten und feigen Untertans ist der “Staat” das große Perpetuum Mobile: Bequemes Leben ohne Anstrengung, Konsum ohne Produktion, gebratene Tauben fliegen ins Maul und Goldstücke regnen vom Himmel. Genial, tausende Milliarden Euros aus der elektronischen Druckerpresse der EZB erzeugen Wohlstand aus dem Nichts. Wir sind bereits im sozialistischen Paradies angekommen - es dauert noch etwas bis es die meisten kapieren.

Frances Johnson / 29.06.2020

In Deutschland wird bei jedem Herd von “zweiter Welle” gefaselt. Anders z.B. in Tschechien: “Tschechien hat die höchste tägliche Zahl an Coronavirus-Neuinfektionen seit Anfang April registriert. Am Sonntag wurden 305 bestätigte Erkrankungsfälle gemeldet, während es am Samstag noch 260 gewesen waren. Nach Einschätzung von Gesundheitsminister Adam Vojtech handelt es sich nicht um eine zweite Welle. Grund für den sprunghaften Anstieg sei ein lokaler Infektionsherd in der Industrieregion Mährisch-Schlesien, sagte der 33-Jährige am Montag. ” w-on, lobenswert. In D, etwa so groß wie Montana, einem von 50 Staaten, erdreistet man sich gern, jeden Cluster in den USA freudestrahlend unter am “stärksten betroffenes Land” zu verbuchen, ohne zu bemerken, wie dämlich es ist, 50 Bundestaaten mit jeweils kleineren zu vergleichen. So braucht auch ein Virus in Texas länger, um sich auszubreiten und seine 40-Tage show abzuliefern. Zweite Welle in China? Weil Peking ja ein Vorort von Wuhan ist, 50 km entfernt, nicht wahr. Und die Diktion hält den Deutschen davon ab, seinen Verstand zu benutzen. Mit dem Schisser kann man alles machen. Hinterher glotzt er, wenn an seinem Lieblingslokal sowas wie Changwang steht und im Eingang ein Aquarium thront. Der Abschuss ist, man darf nicht mehr husten. Einmal morgendliches Hüsteln löste bei einem, den ich mal Herr Wampe nenne, eine Bemerkung aus. Hätte er insistiert, hätte ich ihm gelassen erklärt, dass sein Risiko, zu sterben, etwas näher bei ihm sitzt und beim Herabschauen seine Fußspitzen verdeckt. Aber mein verächtlicher Blick machte ihn unsicher. So lernen wir, uns gegenseitig zu verachten.

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