Rainer Bonhorst / 11.10.2017 / 13:00 / Foto: Deutsche Fotothek / 1 / Seite ausdrucken

Durch Deutschland ist ein Ruckel gegangen

Stellen wir uns mal ganz dumm. Was ist eigentlich ein Rechtsruck? Oder fangen wir noch einfacher an: Was ist eigentlich ein Ruck? Vor gut 20 Jahren hat Roman Herzog uns allen einen Ruck verschrieben. Ein Ruck müsse durch Deutschland gehen, hat er gesagt. Aber was für einen Ruck hat der damalige Bundespräsident gemeint? Wenn ich ihn richtig verstanden habe, meinte er einen Ruck nach vorn. Vielleicht auch einen Ruck nach oben. Aber dann hat es einfach nicht rucken wollen. Die Leute blieben einfach sitzen, stehen oder liegen, wo sie waren. Bis jetzt. Plötzlich hat, wie überall zu hören und zu lesen ist, ein Rechtsruck unser bis dato eher ruckfreies Land erschüttert.

Aber hat es wirklich geruckt? Ein bisschen geruckelt hatte es ja schon vor Herzogs Ruck-Rede. Es war ein Links-Geruckel, das der SPD die Konkurrenz der damaligen PDS und heutigen Linken gebracht hat, die sie seither nicht mehr los wird. Aber war das ein Linksruck? Es war doch eher eine Zellteilung. Die Leute waren links schon da, nur hatten sie noch keine eigene Partei. Jedenfalls nicht im Westen. Die hat ihnen Oskar Lafontaine beschert. Aber auch der war nicht der erste. Vor ihm haben sich diejenigen ein Rückelchen gegeben, denen die SPD nicht grün genug war. Seither hat die arme alte Tante der nach links offenen Mitte zwei unangenehme Ableger, einen dunkelroten und einen grünen. Von Links-Ruck sprach da ja auch kaum einer. Das liegt wohl daran, dass links nicht geruckt wird. Höchstens cool gerockt.

Rechts rockt man nicht. Da wird geruckt. Darum gilt der Erfolg der Alternative für Deutschland selbstverständlich als ein Rechts-Ruck. Auch wenn die Leute auf der rechten Seite einfach nur da geblieben sind, wo sie sich schon lange aufgehalten haben. Nur dass sie diesmal eine Partei gewählt haben, die sie etwas zielgenauer bedient als die große Volkspartei mit dem freien Rechtszugang. Also auch rechts nur eine Zellteilung wie damals auf der linken Seite. Nur dass das nicht sein darf, weil rechts eben doch geruckt wird und nicht so cool gerockt. (Dabei ist Joschka, der letzte Rock'n'Roller der Politik längst schon ein rechts genießender Linkspensionär.)

Da hat wohl einer „komm doch mal rüber“ gesungen

Wenn sich schon die Leute keinen Ruck gegeben haben, dann vielleicht die Parteien? Na ja. Die SPD hat sich so sehr in die Mitte verliebt, dass sich links die Leute beleidigt eine andere, oder genauer: zwei andere genommen haben. Und die CDU? Da hat wohl einer „komm doch mal rüber“ gesungen und die Merkel-Partei ist betört ein wenig nach links geruckelt. Und die CSU, die so gerne „strong like a rock“ singt und auch nicht von der Stelle gerückt ist, hat die Strafe für den Flirt ihrer großen Schwester eingesteckt. Und jetzt soll sie sogar selber gelbgrün mitflirten, weil sonst keine Regierung zustande kommt.

Da muss sich der Seehofer einen heftigen Ruck geben. Und eben nicht den Rechts-Ruck, den er sich wünscht. Wenn er nicht aufpasst, verfestigt sich die Zellteilung, die es nach Franz Josef Strauß rechts von der CSU eigentlich nicht geben darf. Schaun wir mal.

Kurz und unspektakulär: Es ruckelt hier und da in der Parteienlandschaft, mal links, mal rechts und mal in der Mitte. Aber durch Deutschland ist kein Ruck gegangen, keiner nach rechts, keiner nach links, und schon gar keiner nach vorn oder nach oben.

Foto: Deutsche Fotothek‎, CC BY-SA 3.0 de via Wikimedia Commons

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Leserpost

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mike loewe / 12.10.2017

Rechtsruck der Gesellschaft? Eher ist durch die Bundeskanzlerin ein Linksruck gegangen, die Gesellschaft balanciert den nur aus.

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