Wolfgang Röhl / 01.12.2014 / 22:39 / 3 / Seite ausdrucken

Durch den Wind. Energiewende im ZDF-Krimi

Pharmakonzerne, Investmentbanken, Rüstungsschmieden, Atomkraftwerke – öffentlich-rechtliche Krimis docken gerne bei Branchen an, wo Fernsehmacher das Böse als systemisch verorten. Allein die Öko-Industrie stand bislang nicht auf der Shit-Liste. Seltsam, sind doch bei ihr Lug & Betrug, Lobbyismus, Bestechung, Anlegerverarschung und fabrizierte Gutachten mindestens so hoch entwickelt wie bei den herkömmlichen Schurken. Vor allem das Windradbusiness stiftet Schäden. Zerstört Landschaften, spaltet Dörfer, macht ein paar Leute reich und viele ärmer. Die Preise für landwirtschaftliche Flächen explodieren. Wegen der „Biogas“-Maiswüsten und weil für die gefräßigen Windparks Ausgleichsgebiete bestimmt werden müssen. Biobauern gehen deshalb, ironischerweise, zuvörderst pleite. Kurz, die Wirklichkeit enthält solide Bausteine für TV-Fiktionen – Gier, Irrsinn, Zoff, Rachegelüste.

Jetzt hat das ZDF erstmals einen Krimi in der Windparkszene angesiedelt. Und ein Wunder vollbracht. Die Plotte ist derart affirmativ-energiewendig geraten, dass der ökoindustrielle Komplex daran seine helle Freude haben dürfte. Es handelt sich um die jüngste Folge von „Kripo Holstein – Mord und Meer“. Das Credo der beliebten Vorabendserie, in der Riesenrotoren wie selbstverständlich ins Landschaftsbild gefügt werden, lautet so: „Windräder, Rapsfelder, Leuchttürme und Küstenlandschaft – das beschauliche Ostholstein mag einen friedlichen Eindruck machen, doch auch hier lauert das Verbrechen.“

Aus dem Schwabenland, so geht die Story, ist ein unsympathisches Ehepaar nach Böxbek gezogen. Es hat nichts Besseres zu tun, als sogleich - illegal! - Plakate gegen den Bau eines neuen Windparks zu kleben. Ein Polizist aus dem Team der Serienpolizeiwache will den Frevel unterbinden, kriegt aber nur Frechheiten zu hören: „Wieso,  bei uns hängen Plakate an jedem Baum.“ Die beiden Stuttgart 21-gestählten Querulanten haben sich nämlich einen Hof andrehen lassen, vor dem demnächst ein Windpark wachsen soll. Finden sie nicht gut. Der Bürgermeister von Böxbek zürnt: „Die sind von Stuttgart aufs Land gezogen und glauben, ab sofort darf es hier keinen Fortschritt mehr geben.“

Böxbek ist so klamm, dass es ins Bürgermeisteramt reinregnet und der Ortsvorsteher selber putzen muss. Der arme Dödel freut sich daher auf fette Gewerbesteuereinnahmen aus dem neuen Windpark. (Was der ZDF-Zuschauer nicht erfährt, in der schnöden Wirklichkeit aber die Regel ist: In den ersten zehn Jahren kassieren die meisten Gemeinden gar keine Einnahmen aus Windparks. Und oft auch später nicht, weil viele Betreiber im zehnten Jahr einfach kleine technische Änderungen an den Anlagen vornehmen, sie umetikettieren – und, schwupps, läuft eine neue, steuerfreie Zehn-Jahres-Phase an.)

Zurück zur Serie: Als der Windparkinvestor ermordet neben einer Baugrube liegt, geraten zunächst die Stuttgarter in Verdacht. Ihnen wird seitens der Polizei erstmal kräftig der Marsch geblasen, was den unverantwortlichen Feldzug gegen die ethisch korrekte Ökoenergie betrifft. „Zumindest hab’ ich kein Problem mit Windrädern, im Gegensatz zu Ihnen“, bellt einer der Bullen sie an. Und seine Chefin, eine dieser handelsüblichen Powerfrauen von der Krimischrotthalde, verklart den aufdringlich schwäbelnden Fortschrittsfeinden, dass sie mit ihren Genöle allein stehen: „Die Bevölkerung will diesen Park, wegen der Einnahmen.“

Im Kollegenkreis gibt die taffe Kriminalhauptkommissarin schon mal zu: „Schön sind die Dinger wirklich nicht.“ Aber: „Anders geht es mit der Stromerzeugung ja nicht, nach Fukushima.“ Einer von ihren Untergebenen, der ein bisschen dösig ist, hegt noch leise Zweifel. Als er mal unter einem Windrad steht und von seinem Kollegen gefragt wird: „Wie stehst du denn zu den Dingern?“, quengelt er: „Die machen Infraschall, da kriegt man Kopfschmerzen von.“ Nachdem die beiden etwa fünf Filmsekunden unter dem Windrad verbracht haben, muss der Bedenkenträger jedoch einräumen, dass er keinen Kopfschmerz spürt. Kurz, alle in Böxbek außer den zugereisten Stuttgarter Stinkstiefeln haben Windparks akzeptiert.

Halt, da ist doch noch eine Gegnerin! Eine fanatische Naturschützerin, die gegen den Windpark pestet, weil er eine dort angeblich ansässige seltene Unkenart bedroht. Sie hatte einen vorläufigen Baustopp erwirkt. Bis eine junge Polizistin aus dem Kripo Holstein-Team ihr auf die Schliche kommt: Die Ökotussi hat die Unken, die im Norden gar nicht vorkommen, selber irgendwo im Süden eingesammelt und in Böxbek ausgesetzt…

Das ist die Stelle des Films, bei der auch Hartgesottene den Aus-Knopf drücken. Frage: Haben EEG-Profiteure das Drehbuch beim ZDF lanciert, den Film gar ko-finanziert? Angesichts der geballten Propagandaladung könnte auf diesen Gedanken sogar jemand kommen, der seinen Lesestoff nicht aus dem Kopp-Verlag bezieht. Schließlich bildet die Serienfolge inhaltlich - zum Teil sogar wörtlich – genau das ab, was die Drücker der Windradindustrie auf ihren Schulungen lernen. Zum Beispiel, naiven Gemeindevertretern abenteuerliche finanzielle Versprechungen zu machen, viele zu hohe Erwartungen über Erträge aus Windparks zu wecken, Windradgegner als fortschrittfeindliche Spinner zu verunglimpfen. Oder, sofern unter den Gegnern auch Zugereiste sind, diese als reiche, egoistische Stadtflüchtige zu brandmarken, denen es einzig um den Erhalt ihrer Idyllen und ihrer Häuserwerte ginge.

Wohingegen sie, die Windparkprojektierer, hauptsächlich an einer lebenswerten Zukunft für die Kinder interessiert sind. „Kinder“ waren von Anbeginn ein Totschlagsargument, das Windparkdrücker bei Bürgerprotesten gegen die Verspargelung so oft es ging verwendeten. Ab 2011 kam dann „Fukushima“ hinzu, eine wunderbare, unverhoffte Zauberformel für die Windgeschäftswelt. Wenn solche Sprüche aber auch in einem Fernsehkrimi penetrant geklopft werden, riecht das nicht nach Lobbymachenschaften? Hatte da etwa der Bundesverband Windenergie seine spendablen Pfoten im Spiel?

Glaube ich nicht. Ich habe bei der Herstellung von öffentlich-rechtlichen Krimiserien gelegentlich zugeschaut. Es handelt es sich bei diesem Prozess um das Zusammenwirken zwischen einem freien Drehbuchautor, einer freien Produktionsfirma, einem manchmal freien, manchmal beim Sender angestellten Regisseur sowie einem kontrollierenden Redakteur aus der Unterhaltungsabteilung des Auftragssenders. Alle haben einen Ruf zu verlieren, mehr noch: gut dotierte Jobs und Folgeaufträge. Auch sind an einer Fernsehserie zu viele Menschen beteiligt, als dass man da groß unterderhand absahnen könnte. (Der Fall der NDR-Fernsehspielchefin Doris Heinze, die ihrem angeblich ahnungslosen Sender unter Pseudonym eigene Drehbücher vertickt hatte, war beispiellos und lag anders.)

Nein, für diese „Kripo Holstein“-Folge wurde sicherlich niemand bestochen. Es ist einfacher. Die heute produzierende und auch produktivste Schicht in den Anstalten und Produktionsgesellschaften besteht im Kern aus 35- bis 45-Jährigen. Die sind unter permanenter ideologischer Betrichterung des Juste Milieu aufgewachsen. Grundiert wurden sie mit den Mythen und Codes der Ökoreligion, selbst wenn sie nie etwas mit organisiertem Grünmenschentum am Hut hatten. Leute dieser Generation, Sozialisation und Profession halten einen menschengemachten Klimawandel seit ihrer Jugend für selbstverständlich, den Greenpeace-Konzern für einen Haufen von Idealisten und die „SZ“ für das klügste Blatt der Republik. Und damit befinden sie sich im Einvernehmen mit Kollegen und Fernsehkritikern. Sie besitzen auch ein feines Gespür dafür, welche Stoffe senderseitig genehm sind und welche nicht. Eine Geschichte anzubieten, die an den Säulen der hl. Energiewende kratzte,  das käme ihnen gar nicht erst nicht in den Sinn.

Solche Leute muss man nicht dafür schmieren, dass sie positive Klischees über Windparks und negative über deren Gegner krimimäßig inszenieren. Die produzieren den Blödsinn aus eigenen Stücken, gratis. Wegen Fukushima, zum Beispiel.
http://www.shz.de/schleswig-holstein/politik/windkraft-als-preistreiber-fuer-agrarland-id8301716.html
http://www.shz.de/schleswig-holstein/politik/gefaelligkeitsgutachten-fuer-windkraft-id8248171.html

 

 

 

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Max Wedell / 02.12.2014

Na wenigstens etwas… die im vorletzten Absatz beschriebene Lage ist nun wirklich nicht wunderbar, aber wenigstens ist sie wunderbar beschrieben! Treffender gehts kaum. Und das Problem ist, daß diese Leute Multiplikationsmacht haben. Der Maurer von nebenan lässt sich von diesen “Vordenkern” in Dingen des täglichen Lebens in der Regel kein X für ein U vormachen, solange er seinem gesunden Menschenverstand vertraut… die Bewertung von Themen aus der Energiewirtschaft benötigt aber auch oft mehr als nur den gesunden Menschenverstand, und wem dieses Mehr (z.B. an Fakten) nicht zur Verfügung steht, der ist anfällig für solche “Bauchwahrheiten”, wie sie Propagandaerzeugnisse wie der beschriebene Tatort, aber auch erschreckend viele andere U-Produkte der ÖR verkünden. Die verbreiten sich dann leider schnell auch außerhalb der so schön beschriebenen “Szene”. Alleine schon deshalb ist die Rundfunkgebühr in Frage zu stellen. “Förderung der freien Meinungsbildung” kann man es nämlich nicht nennen, wenn andauernd das Gegenteil geschieht.

Helmut Bargel / 02.12.2014

Gut, dass ich kein ZDF mehr gucke. Da ist mir ja augenscheinlich ziemlich großer Schund erspart geblieben. Nur mein Beileid, an sie, Herr Röhl, dass sie sich diesen Mist antun müssen, um solche Berichte darüber zu schreiben.

Reiner Engler / 02.12.2014

Das Credo der beliebten Vorabendserie, in der Riesenrotoren wie selbstverständlich ins Landschaftsbild gefügt werden, lautet so: Immerhin erspart die Nordtour, das samstägliche NDR-Reisemagazin, seinen Zuschauern den Anblick dieser Riesenrotoren. Wer in der nächsten Nordtour ein Windrad erspäht darf es behalten.

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