Felix Perrefort / 10.07.2020 / 10:00 / Foto: achgut.com / 30 / Seite ausdrucken

Du sollst uns nicht Otto nennen!

Sehr oft zeigt sich an den kleinen Kuriositäten, was auch im Großen irre ist. Was der linke Nachwuchs im Kindertheater erprobt, findet auch das Republikkasperle, pardon: der Bundespräsident super fortschrittlich. Eine Anekdote aus dem Siegerland und der Postmoderne.   

Sich als junger Mensch in linken Gruppen organisieren zu wollen, ist ein Wunsch, der nicht unsympathisch ist. Bis ich selbst irgendwann darauf gekommen bin, dass die Richtigkeit bestimmter Inhalte und Positionen entscheidender ist als die Pflege linker, liberaler oder rechter Selbstidentität, fühlte ich mich „linken Idealen“ doch sehr zugetan, organisierte mich aber kaum in entsprechenden „Zusammenhängen“; etwas, das ich selbst nicht so genau zu fassen bekam, ließ mich auf Abstand gehen. Intuitiv umgab ich mich lieber mit „normalen“ Leuten, die zwar durchaus politisch und auch eher links waren, jedoch ebenso wenig „engagiert“ wie ich. Eine Entscheidung, die ich nicht bereue und auch heutzutage jedem nahelegen würde, der sich in einer ähnlichen Situation befindet. 

Denn auch wenn man bestimmte Anliegen und Motive nachvollziehen kann, die sich linke Gruppen zumindest oberflächlich auf die Fahnen schreiben und die doch eigentlich auf eine gewisse Menschenfreundlichkeit hindeuten sollten, werden jene von derart vielen Idioten dominiert, dass man besser daran täte, seine Nase stattdessen in ein paar kluge Bücher oder Zeitschriften zu stecken oder sich mit Literatur zu beschäftigen, um herauszubilden, „was man im Idealfall Geschmack nennen kann“ (Paulette Gensler, Jungle World).

Siegener Kindertheater 

Denn ohne Geschmack leidet auch die politische Urteilskraft. Wer beides in Grundzügen entwickelt hat, ist schließlich mit dem Problem konfrontiert, es in derartigen Gruppen nicht lange auszuhalten, handelt es sich bei ihnen doch zunehmend um antirassistische Politsekten, deren geschlossenes und borniertes Weltbild einem freundlichen Menschen genauso zuwider sein dürfte wie der bürokratische Autoritarismus, mit dem gegen Abweichler vorgegangen wird.  

Das folgende Kindertheater möge das veranschaulichen. Aufgeführt wurde es von immerhin sechs linken Gruppen aus Siegen: der Linksjugend-Solid (dem Ableger der Linkspartei), Extinction Rebellion, der Internationalen Jugendgruppe SiegenStudents for FutureFridays for Future Siegen und der SDAJ (dem inoffiziellen Ableger der DKP) sowie Die Linke SDS. Von apokalyptisch gestimmten Esoterikspinnern über altkluge Klimastreber bis hin zu zotteligen Antiimperialisten mit Pali-Tüchern ist also so allerhand von dem dabei, was die Linke an politischer Geschmacklosigkeit derzeit so anzubieten hat – zusammengehalten von jener Ideologie, die so subversiv, rebellisch und gesellschaftskritisch ist, dass sie selbst den Bundespräsidenten in einen Aktivisten verwandelt hat: Antirassismus. 

Nur in diesem Weltbild kann zum rassistischen Skandal hochgejazzt werden, über was Martin Luther King sicher nur den Kopf geschüttelt hätte. Was war passiert? Ein junger Linker „aus dem antideutschen Spektrum“ teilte ein proisraelisches Meme, in dem sich über die arabische Unterlegenheit im Sechs-Tage-Krieg lustig gemacht wird, in der „Orga-Gruppe“ der Demonstration „Siegen gegen Rassismus“, die im Zuge der BLM-Proteste durchführt wurde. 

Grund für seinen Ausschluss war demnach ein geteiltes Meme. 

Postmoderne Sprachpolitik im Endstadium 

In einer intern herumgereichten „Erklärung zu rassistischen Vorfällen“ im Rahmen der Demo, die von den genannten Gruppen unterzeichnet wurde, urteilte das Siegener Nachwuchsparteigericht den israelfreundlichen Provokateur dann ab. Aufgrund der „Schwere der Befunde“ (das Meme) sei sein Ausschluss gerechtfertigt, habe er damit doch

„unmissverständlich rassistische Beiträge von rechts extrem-faschistoiden und religiös-fundamentalistischen Seiten [gemeint ist dieses „Shitposting“-Profil] veröffentlicht, die mit rassistischen Karikaturen, Kriegsverherrlichung, staatlichem Militarismus arbeiten und ansonsten Verbrechen gegen die Menschlichkeit wie ethnische Säuberungen befürworten & die Vernichtung der Selbstbestimmungs-, Menschen- und Existenzrechte von über Hundert Millionen Menschen [!] sowie ihre koloniale Unterwerfung unter eine rechte, rassistische Regierung fordern.

Über hundert Millionen Menschen wollen rechte Juden wohl vernichten, vermuten zumindest linke Sektenanhänger. Doch nicht nur Bibi und co. sind bös‘, mit dem Meme habe die „Täter*in“ auch ihren „Rassismus“ und ihre „faschistoiden Vernichtungsfantasien“ offenbart. Drunter macht man's nicht mehr.

Nicht nur dafür, dass der junge Genosse den Antisemitismus der (nach eigenen Angaben) besonders migrantischen Siegener linken Jugend zutage gefördert hat, wäre ihm ein Bier auszugeben, sondern auch, weil er die Gruppen mittels eines ganz und gar rassistischen, sexistischen und arbeiterfeindlichen Facebook-Posts dazu veranlasst hat, folgende Sätze zu unterschreiben. So bezeichnete er

„entweder die AG-Gruppe aus zur Hälfte weiblichen und zur Hälfte männlichen PoCs mit Rassismus- und Sexismuserfahrungen oder die mitorganisierende Internationale Jugendgruppe Siegen, die zum Großteil aus weiblichen, migrantischen Linken mit Rassismus- und Sexismuserfahrungen besteht, als ‚Ottojugend‘.“ 

Spott statt Verständnis 

Und das ging dem antirassistischen Standgericht dann endgültig zu weit. 

Denn „damit wurden Menschen mit Rassismus- und Sexismuserfahrungen ihre Unterdrückungserfahrungen abgesprochen und ihnen wurde über den deutschen Männernamen ‚Otto‘ die Identität von weißen, deutschen Männern aufgezwungen. Das war ein weiterer Akt rassistischer sowie sexistischer Gewalt. ‚Otto‘ ist außerdem ein traditioneller Ausdruck des Klassenkampfes von oben, mit dem das Bildungsbürgertum die arbeitende Klasse über ihre vermeintliche ‚Dummheit‘ erniedrigt.“ 

Dass der Antirassismus über seine Hautfarbenvernarrtheit notwendig gegen das „weiße“ Israel und damit zum Antisemitismus tendiert, zeigt sich hier nochmals in aller Deutlichkeit; dass er verblödete Möchtegern-Stalinos hervorbringt, die aus antifaschistischer „Notwehr“ Abweichler fertig machen wollen, ebenfalls. Menschen, die sich derart fies und in beschämender Selbstgerechtigkeit der Lächerlichkeit preisgeben, ist auch dann nicht mit Dialog und Verständnis beizukommen, wenn sie Diskriminierungserfahrungen geltend machen. Es hilft nur Kritik und Spott. 

Und davon abgesehen: Wer seine politische Jugend mit Menschen verbringen möchte, die „Otto“ für einen ewig deutschen und „weißen“ Namen halten, könnte genauso gut in eine x-beliebe Burschenschaft eintreten, wo das Essen immerhin besser sein dürfte und er vielleicht sogar zu fechten lernt.  

Foto: achgut.com

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Dr. R.Möller / 10.07.2020

Die (klugen?) Schweine nutzen wieder einmal die (blöden?) Schafe zur Unterdrückung (fremder?) Gedanken - Xenophobie? Ich bitte alle biologischen Schweine und Schafe um Verzeihung für diese Analogie.

RMPetersen / 10.07.2020

Mit Bezug auf Otto den Ersten (- auch genannt den Grossen) wäre der Name als Synonym für “die Deutschen” durchaus zu rechtfertigen. Vielleicht hat da jemand einen luziden Schub gehabt und sich an den Geschichtsunterricht erinnert? Er konsolidierte das ostfränkische reiche (- in dem ein sehr großes Deutschland unterzubringen wäre) und stoppte die angreifenden Ungarn 955 auf dem Lechfeld. (Damals waren die Ungarn Feinde, wie danach die Mauren und die Mongolen. Mittlerweile sind die Ungarn je die Hoffnung mancher Europäer ...) Also: “Otto” wäre als Personifikation des Deutschen aufbauender als Michel mit seiner Schlafmütze ...

Robert Korn / 10.07.2020

Diese Nachwuchsstalinisten spielen/üben schon mal Tschistka, die große “Säuberung “. Sie befriedigen ihren Ehrgeiz im Aufdecken und Abstrafen von Abweichung und Fraktionsbildung. Solange die kleinen Jeschows, Jagodas und Berijas sich das untereinander antun, ist mir das senkrecht. Entsetzlich wirds, wenn sich das im großen Maßstab austoben darf. Dann tröstet auch nicht, daß alle diese Kreaturen vom Apparat selbst vernichtet wurden.

HaJo Wolf / 10.07.2020

“...fühlte ich mich „linken Idealen“ doch sehr zugetan…” - naja Sie sind noch jung. Sie dürfen das noch. Bleibt zu hoffen, dass Sie mit zunehmendem Alter sie Unsinnigkeit, Ungerechtigkeit und Undurchführbarkeit jedweder linken “Ideale” erkennen.

Marco Mahlmann / 10.07.2020

Die Leute sollte man bei Gelegenheit mit Otto Addo bekannt machen.

Andreas Rühl / 10.07.2020

Der Sinn des Grundeinkommens wird immer klarer.

Cornelius Angermann / 10.07.2020

@Dr. Freund Zitat: “Die “Grüne -Jugend-Jena” p(r)opagiert “Analsex für den Volkstod”....” Oder meinten Sie nicht doch etwa pobackiert?

K.Bucher / 10.07.2020

Du sollst uns nicht Otto nennen ...Tue ich auch nicht , aber wie wäre es stattdessen mit Dieter und Christian ? . 19.02.2016 . Büro der LINKEN Der niedersächsische Bundestagsabgeordnete der Linken, Diether Dehm, beschäftigt den früheren RAF-Terroristen Christian Klar (63) in seinem Bundestagsbüro. “ . ich meine das sind doch auch schöne Namen und tolle Aktionen zum Aktuellen wieder erstarktem Kommunisten Zeitalter . . Aber Natürlich gab es auch mehrer WIRKLICH Bemerkenswerte Persönlichkeiten mit dem Namen Otto .Die haben aus meiner Sicht viel mehr für Deutschland getan als das gesamte Momentane Politiker geschm. ....(eh schon wissen .) Zum Beispiel Otto I ab 962 Römisch Deutscher Kaiser , oder dann viel später Otto Eduard Leopold von Bismarck-Schönhausen, aber dem wollen die Neuen Kommunisten eh schon wieder mal an den Kragen

Richard Loewe / 10.07.2020

Sachen gibts! Danke fuer die gute Unterhaltung. Kleine Korrektur: Otto steht natuerlich fuer Otto von Bismarck und der waere nie in eine Burschenschaft eingetreten. Er war ein legendaerer Fechter und sein Corps (Hannovera Goettingensis) erzaehlt noch heute gerne folgende Geschichte: als ihm die Backe aufgeschlagen wurde (selten: er teilte mehr aus als er einsteckte), streckte er seinem Gegenpaukanten durch die Wunde die Zunge entgegen. Danach haben die beiden ein Bierchen zusammen getrunken.

Max Wedell / 10.07.2020

Ich verstehe nicht ganz deren Fixierung auf Sexismus- und Rassismuserfahrungen. Es gibt auch unzählige Menschen mit Armutserfahrungen, Ablehnung aufgrund Häßlichkeit-Erfahrungen oder einfach nur Mir-passt-deine-Fresse-nicht-egal-weshalb-Erfahrungen. Die Anzahl möglicher Frustrationserfahrungen anderer Art ist doch gigantisch. Sind die alle etwa weniger schlimm? Sind die Opfer dieser anderen Frustrationserfahrungen etwa weniger wert als ein PoC, den jemand mal fragte, woher er denn komme, oder eine Frau, der mann mal sagte: Hallo Süße, wie wärs mit uns beiden? Die Welt ist voller Frustrationen, die von anderen Menschen ausgehen und als deren Opfer man sich fühlen kann. Dann kann man mit der Zeit zum dauerjammernden Waschlappen mutieren, bestärkt von anderen Gutmenschen, die einem sämtlich vorlügen, recht zu haben und bloß nicht mit dem Jammern aufzuhören, weil das wirklich alles soooo schrecklich ist und man was dagegen tun müsse usw. Man kann sich aber auch zusammenreißen und versuchen, mit Widrigkeiten zu leben, ja sie als Chance für den Aufbau von Resilienzen, von eigener Widrigkeitsbewältigungsstärke zu akzeptieren. Ich will nicht mißverstanden werden: Rassistischen oder sexistischen Idioten (echten, nicht eingebildeten!) oder Idioten aller anderen existierenden Arten soll man durchaus erklären, das und warum sie Idioten sind… aber ein politisches Programm daraus zu machen und den Aktivismus für dieses Programm in den Mittelpunkt des Lebens zu stellen? Ist dafür die wertvolle Lebenszeit aufzubringen nicht doch etwas zu schade? Vor allem im Hinblick darauf, daß die einzige Änderung, die man mit viel Aufwand vielleicht erreichen wird, die ist, daß Rassisten und Sexisten in bestimmten Situationen mit höherer öffentlicher Sichtbarkeit ihren Rassismus und Sexismus einfach nur verheimlichen? Gelegenheiten, zu denen sie ihn dann wieder rauslassen können, wird es dennoch reichlich geben.

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