Henryk M. Broder / 13.02.2023 / 14:00 / Foto: achgut.com / 120 / Seite ausdrucken

Du kannst nie tiefer fallen als in Gottes Hand. Doch, du kannst

Die ehemalige EKD-Vorsitzende, Margot Käßmann, hat in einem Interview mit dem Deutschlandfunk erklärt, warum sie das „Manifest für den Frieden“ unterschrieben hat: Damit „das Töten in der Ukraine ein Ende findet“. Logischerweise müsste sich der Appell an den russischen Präsidenten richten, aber das wäre zu einfach.

Zu den Erstunterzeichnern des von Sahra Wagenknecht und Alice Schwarzer initiierten „Manifests für den Frieden“ gehört auch die ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann, eine studierte Theologin. Gestern gab sie dem DLF ein Interview, in dem sie darlegte, warum sie sich dem Appell für einen sofortigen Stopp der Waffenlieferungen an die Ukraine und eine politische Lösung des Konflikts angeschlossen hatte.

Auf die Frage des Moderators, welche Art von Frieden ihr denn vorschweben würde, antwortete sie, es gehe nicht darum, was ihr vorschwebe, sondern „das, was wir wollen“, und das wären nicht nur sie, Sahra Wagenknecht und Alice Schwarzer, sondern „das ganze Bündnis der deutschen Friedensgesellschaft“; alle wollen, „dass so schnell wie möglich das Töten in der Ukraine ein Ende findet“, niemand stelle infrage, „dass Putin ein Kriegsverbrecher ist und er einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg führt“, es gehe aber um die Frage „wie können wir schnellstmöglich dieses Leid beenden“, das bis jetzt 250.000 Menschen das Leben gekostet hat. Jetzt müsse „alles investiert werden, dass es schnellstmöglich zu einem Waffenstillstand kommt“. Anfangs habe es geheißen, „wir liefern nur Verteidigungswaffen, jetzt sind wir bei Leopard-Panzern, bei Angriffswaffen, und die Frage ist, ob wir nicht in dieser Eskalationsphase mehr und mehr Kriegspartei werden“. Viele Menschen hätten „Angst vor einem Dritten Weltkrieg, in dem wir Teil des Krieges werden“, dagegen müsse eine „Deeskalation gestellt werden“. – Die Überlegung ist in sich logisch und nachvollziehbar.

Waffen an Russland!

Würden sich die Ukrainer nur mit Pfeil und Bogen verteidigen, wäre der Krieg schneller vorbei, als Putin „Ergebt euch, ihr Nazischweine!“ rufen könnte. Obwohl, genau genommen, auch Pfeil und Bogen zu den Angriffswaffen gehören. Derselben Logik folgend, müsste jemand, der sich eine „Deeskalation“ wünscht, damit es schnellstmöglich zu einem Waffenstillstand kommt, dafür plädieren, dass der Westen Waffen an Russland liefert – je besser Putins Truppen aufgestellt sind, umso schneller können sie die Ukrainer besiegen und die „Sonderoperation“ für beendet erklären.

Frau Käßmann kommt nicht auf diesen Gedanken. Stattdessen konzentriert sie sich auf die Frage: „Müssen wir immer weiter aufrüsten oder finden wir Wege, hier endlich einen Waffenstillstand auszuhandeln.“ Da könnte es zum Beispiel „massive gesamteuropäische Initiativen geben, da könnten kreative Möglichkeiten gefunden werden, zum Waffenstillstand zu kommen“. Man müsse „diplomatisch andere Wege finden“.

Frau Käßmann muss während der letzten 12 Monate dermaßen in Gebete vertieft gewesen sein, dass sie nicht mitbekommen hat, wer alles bei Putin auf der Suche nach einer diplomatischen Lösung vorgesprochen hat. Sie allerdings war nicht dabei. So blieb eine ausgesprochen kreative Möglichkeit ungenutzt, Putin umzustimmen. Frau Käßmann hätte ihm anbieten können, den nächsten Evangelischen Kirchentag in Moskau abzuhalten, einschließlich eines Workshops zum Thema „Vulven malen“. So ein Angebot aus dem Bereich der psychologischen Kriegsführung hätte umgehend zu einem Waffenstillstand geführt, an allen Fronten. 

Es geht noch tiefer

Sie sei, sagte Frau Käßmann in dem DLF-Interview, weder eine Putinkennerin noch eine Putinversteherin. Sie wisse aber, dass es in Russland „eine Zivilgesellschaft“ gibt, und da gebe es „auch Leute, mit denen wir reden können“. Sie sei dafür, „zu versuchen, die russische Zivilgesellschaft dazu zu bringen, dass da eine Veränderung stattfindet in Russland, und wir wissen, dass die Empörung inzwischen groß ist…“

Ja, die berühmte russische Zivilgesellschaft, deren prominentester Vertreter nach seiner Rückkehr aus dem Exil festgenommen, vor ein Scheingericht gestellt und zu einem längeren Aufenthalt in wechselnden Straflagern verurteilt wurde. Diese Zivilgesellschaft wird es schaffen, Putin zu zähmen und den Krieg in der Ukraine zu beenden, schnellstmöglich. 

Frau Käßmann hat sich in einer Krisensituation mit einem Satz aus dem Lied Nr. 533 des Evangelischen Gesangbuches Trost zugesprochen: „Du kannst nie tiefer fallen als in Gottes Hand.“

Da irrt die Bischöfin. Es geht noch tiefer. In eine Senkgrube aus verlogenem Pazifismus, intellektueller Unbedarftheit und emotionaler Abstumpfung. Willkommen im Biotop der alldeutschen Friedensbewegung.

PS1: In einem Interview mit dem SPIEGEL aus dem Jahre 2014 wurde Frau Käßmann gefragt, ob es ein „gerechter Krieg“ war, „als die Alliierten Deutschland von der Herrschaft der Nationalsozialisten befreiten“. Sie antwortete: „Es war sicherlich ein Krieg mit einer guten Intention und am Ende die Befreiung vom Naziterror. Aber mir fällt es schwer, Kriege zu rechtfertigen. Es gibt nur einen gerechten Frieden.“

PS2: Tino Chrupalla, Bundessprecher und Fraktionsvorsitzender der AfD im Bundestag, gibt auf seinem Twitter-Kanal bekannt, er habe „diese Petition für den Frieden unterzeichnet“, denn: „Im Einsatz für den Frieden sollten Parteigrenzen keine Barrieren sein.“ Dagegen kann man nichts sagen, die Frage ist nur, ob Frau Käßmann, Frau Schwarzer und Frau Wagenknecht ihre Unterschriften jetzt zurückziehen werden. Die geltenden Kontaktschuld-Regeln würde so einen Schritt nahelegen. 

Foto: achgut.com

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Leserpost

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Walter Ernestus / 13.02.2023

Sehr geehrter Herr Broder, ich habe das Gefühl manche Dinge erschließen sich Ihnen nicht mehr. Einseitiges Denken ist manchmal hinderlich für eine gute Lösung. Was soll das Aufrüsten der Ukraine, soll die Ukraine Moskau einnehmen, ist das Ihre Vorstellung und Putin Anklagen? Irre! An der Front verrecken Söhne von armen Leuten, früher Kanonenfutter genannt, für wen? Für einen starrsinnigen Broder, einen senilen Biden und für viele Gewinnler in der Rüstungsindustrie. Das nennt man Blutzoll Herr Broder, ob es Ihnen passt oder nicht. Als Jugendlicher lernte ich frühzeitig, aufgewachsen in einem Brennpunkt, wann es besser ist den Rückzug anzutreten anstatt mit allerlei Gebrechen aus Gewalttaten hervor zu gehen. Wenn Ihnen ein Goliath gegenübersteht gewinnt nicht immer David. Das nennt man Intelligenz Herr Broder, es gibt noch andere Kampfformen als offenen Krieg, dabei ist Geduld angesagt. Nicht bei Ihnen Herr Broder wie ich weiß! Wären Sie um die 20 Jahre sähen Sie das sicherlich anders, denn dann drohte ja die Front, aber so sind es ja nur arme junge Patrioten die Verrecken. Viel Spaß noch Herr Broder mit Ihren Sprüchen !

T. Fuchs / 13.02.2023

Herr Broder, ich habe die Petition unterschrieben, bin aber stets für offenen Disput und deshalb meine ernst gemeinte Frage an Sie: Welches Kriegsziel halten Sie persönlich für realistisch? Und sind die bis dahin zu befürchtenden Opferzahlen (auf beiden Seiten) es wert?

Andreas Giovanni Brunner / 13.02.2023

Das Töten haette man schon 2014 beenden müssen Herr Broder. Das Sie das nicht zur Kenntnis nehmen wollen, ist beschämend.

Helmut Driesel / 13.02.2023

  Ich denke, dass die Frau Käßmann in ihrer entschlossenen und selbstbewussten Unbedarftheit die Haltung großer Teile der hiesigen Bevölkerung darstellt. Es ist hier von begrenztem Nutzen, zu fragen, was ist da falsch gedacht oder unbedacht, geschwurbelt, wie man heute sagt. Das große Wort Meinung verbirgt eben vieles. Mit etwas analytischem Interesse könnte man heute fragen, wer versucht hat, den Krieg zu vermeiden. Also die Amerikaner und die Ukrainer haben vor dem Februar 22 kein versöhnliches Wort gefunden. Die Polen und Balten auch nicht. Die Russen hätten gute Gründe gehabt, den militärischen Konflikt zu vermeiden. Sie hätten sogar jetzt noch Gründe, sich zurück zu ziehen. Aber sie haben sich anders entschieden, wollen unbedingt versuchen, die Weltmacht zu bleiben, an der sich ihre Illusionen nähren. Sobald die Strategen in den USA zur Einschätzung kommen, dass weitere Kämpfe ihren nationalen Interessen schaden, wird der Krieg in wenigen Tagen beendet sein. Deutsches Bemühen welcher Art auch immer wird irrelevant bleiben. Frieden schaffen ohne Waffen ist ja ganz einfach - man muss aufgeben. Das Aufgeben an sich ist problematisch, es verletzt unser Selbstbewusstsein. Wir müssen ablehnen, was wir bis eben noch für unsere Aufgabe gehalten haben.  Nicht einmal unsere Theologen sind bereit aufzugeben, nicht einmal unsere Impfärzte. Solange man auf zwei Beinen steht, warum sollte man so tun, als würde man auf der Bahre liegen? Heute lernen die Kinder im Kindergarten, nicht vorschnell aufzugeben. Es ist ein Element menschlichen Wesens, sich und die Seinen nicht aufzugeben. Doch gehört auch dazu das Wissen darum, dass alles seine Zeit hat. Und es gibt eine Zeit aufzugeben. Und wer, wenn nicht eine deutsche Theologin sollte das frei heraus sagen dürfen.

Fred Burig / 13.02.2023

@Frank Danton:”... Dem Selenskij und seiner kriminellen Gang gehört keine Waffe in die Hand. Denen gehört, seit den Minsker Verträgen der Proßess gemacht. Das sind Mörder und Verbrecher, lange bevor Putin die Schnautze voll hatte. “... “Natürlich ist Putin ein Kriegsverbrecher. Aber wenn sich Verbrecher gegenseitig bekämpfen, dann sollte man nicht mit einem der Beiden Sekt trinken.” ..... Sehr treffend formuliert, Herr Danton! Da bin ich ganz ihrer Meinung! Herrn Broders “Aussetzer” bei diesem Thema fallen zwar noch unter Meinungsfreiheit - allseitiges Verständnis sollte er dafür aber eher nicht erwarten! MfG

Frank Rotschedl / 13.02.2023

Es ist mir ehrlich egal, wer da noch unterschrieben hat oder nicht. Ich jedenfalls habe meine drei Kreuze gemacht - so sehr ich die Achse auch schätze - bei dem Thema bin ich bei Herrn Köppel und nicht bei Herrn Broder. Ähnlich wie bei “Corona” liefern die normalen Medien m.E. nur ein Zerrbild der Realität. Wer glaubt, die Ukraine könne gegen die Atommacht Russland gewinnen, lebt m.E. in seiner eigenen kleinen Welt - ganz abgesehen davon, dass es m.E. die Ukraine mit konventionellen Waffen nicht schaffen wird, Russland so in Bedrängnis zu bringen, dass Russland in einer ersten Stufe zu taktischen Atomwaffen greift. Wer behauptet, das Töten in der Ukraine hat erst mit dem russischen Angriff vor einen Jahr begonnen, lügt oder hat ein Informationsdefizit. Wer behauptet, die Krim wäre ur-ukranisches Gebiet, lügt oder hat ein Bildungsdefizit in Geschichte… Würde ich das Ereignis nicht sowieso ausschließen, wäre es sicher “amüsant” den Spin-Doktoren bei der Arbeit zuzusehen, wenn die Ukraine die Krim “befreit”... Wer behauptet, ein bunter Strauß aus zusammengeflickten West-Panzern - insbesondere der angedachten Leo 1, die man jeweils gleich mit vier Särgen liefern sollte - ändert grundlegend etwas am Frontverlauf, könnte möglichwerweise ein paar Lücken in militärischen Belangen haben… Aber was weiß ich denn schon, bin ja nur ein Na… ach ne, das gilt ja bei anderen Themen… äh… Putin-Troll… ;-)

Werner Liebisch / 13.02.2023

@Giesemann Wie würden die Amis reagieren, würden die Russen z Bsp. in Mexiko, Kanada, ihre Waffen stationieren? Australiens Reaktion wegen den Chinesen auf den Salomonen spricht Bände, nur als weiteres Beispiel. Vom Putsch auf dem Maidan, dem Feuer im Gewerkschaftshaus, dem Donbass, etc.. Sogar der ÖRR berichtete noch vor dem Einmarsch der Russen noch anders über diese Dinge,..Da war Wolodomyr noch korrupt, es gab Nazis in der Ukraine, und der Donbass wurde von den Ukrainern beschossen, mit mehr als 14 Tausend Opfern…

Wolf Hagen / 13.02.2023

Danke, Herr Broder, endlich mal wieder Klartext von Ihnen. Ich persönlich sehe das ebenso, wie Sie. Aber offenbar machen “wir” uns damit auf der “rechten” Seite unbeliebt. Wer konnte auch ahnen, dass die AfD und die Kremlins maßgebliche Teile der “Friedensbewegung” sind?!

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