Vera Lengsfeld / 03.07.2022 / 11:00 / Foto: Marie-Lan Nguyen / 5 / Seite ausdrucken

Drei Musketiere im Schloss Sondershausen

Die nach zwei Jahren Zwangspause wieder stattfindenden Schlossfestspiele erfreuen durch schauspielerische Brillanz und das Ausbleiben politischer Belehrungsversuche.

Wo liegt denn Sondershausen, werden sich die meisten meiner Leser fragen. In der Ecke Deutschlands, wo Deutschland am deutschesten ist – wie ein bekanntes Politmagazin Mitte der Neunziger Jahre schrieb. In der Nähe befinden sich Fundstätten der Urgermanen. Aber auch sonst ist die Gegend geschichtsträchtig. Knappe 20 km Richtung Osten liegt der Schlachtberg, wo das Bauernheer von Thomas Müntzer vernichtend geschlagen wurde. Heute ziert das im Volksmund so genannte „Elefantenklo“ die weggesprengte Spitze des Berges, das Werner Tübkes phänomenales Bauernkriegsgemälde beherbergt. Außerdem ist da noch das kleinste, aber artenreichste Gebirge Deutschlands, der Kyffhäuser, wegen seiner Steilkurven besonders beliebt bei Bikern.

Der neueste Grund, sich nach Sondershausen zu begeben, sind die eben eröffneten Schlossfestspiele, die nach zwei Jahren Zwangspause endlich wieder im Innenhof zwischen Renaissance- und Barockflügel stattfinden. Die erste Premiere fand am vergangenen Freitag statt: „3 Musketiere“, ein Musical nach der berühmten Geschichte von Alexandre Dumas, dem Älteren. Ich bin kein besonderer Musicalfan, ich bevorzuge Oper. Aber diese Aufführung zog mich sofort in ihren Bann und ließ mich bis zum Schluss nicht mehr los.

Das lag einerseits an der wunderbaren Musik und der Handlung, die mit Witz, Leichtigkeit und Spannung überzeugte, ohne ins Pathos abzugleiten. Man fragt sich, warum das Werk von Rob und Ferdi Bolland so selten auf den Spielplan gesetzt wird. Das liegt vor allem aber an der überragenden Inszenierung (Sabine Serker), bei der alles stimmt: hervorragende Sänger, ein tolles Bühnenbild (Wolfgang Kurima Rauschning), phantastische Kostüme (Anja Schulz-Hentrich). Auch Chor und Ballett des Theaters Nordhausen müssen keinen Vergleich scheuen. Die Stammtruppe ist seit Jahren in hervorragender Form, bietet erstklassige Sänger und Tänzer.

Dem Nachwuchs eine Chance

Seit Beginn der Schlossfestspiele gehört es zum Konzept, jungen Sängern die Möglichkeit zu bieten, in großen Rollen ihr Können zu zeigen. Auch diesmal ist es gelungen, sehr gute Stimmen zu verpflichten. Da ist natürlich zuerst der hervorragende Tobias Bieri als D’Artagnan zu nennen, der auch ein beträchtliches schauspielerisches Talent mitbringt. Daneben Eve Radis als Milady de Winter, die sowohl gesanglich, als auch mimisch und sogar beim Fechten erste Klasse bietet. Nicky Wuchinger als Arthos läuft bei seinem Solo „Lady aus Kristall“ zu Höchstform auf. Marian Kalus überzeugt als Richelieu. Laura Saleh ist eine wunderbare Konstanze. Fast habe ich ein schlechtes Gewissen, dass ich nur diese Sänger nenne, denn der Rest der Truppe ist kongenial. Dabei ist die Inszenierung sehr anspruchsvoll, mit vielen schwierigen Szenen, die leicht ins Auge gehen könnten. Aber die rasanten Fechtszenen sind hervorragend einstudiert von Philipp Franke, der sowohl für die Choreografie als auch für das Training verantwortlich ist.

Die Aufführung ist Augenweide und Ohrenschmaus zugleich, gute Unterhaltung, ohne mit Zuschauerbelehrung zu nerven, wie es heute leider allzu üblich geworden ist. Die Reminiszenz an den Zeitgeist sind Conferencier und Punk, die in das Stück einführen. Christopher Wernecke entwickelt dabei aber so viel Charme, dass er schon zu Beginn das Publikum hinreißt und den verdienten ersten Applaus bekommt.

Nur an einer Stelle bricht die Realität ein: Als der Krieg zwischen Frankreich und England dargestellt wird, erinnern die am Schluss der Szene auf die Zuschauer gerichteten Kanonenrohre beklemmend an den Krieg in der Ukraine. Am Ende der Vorstellung ist der Schlosshof in romantische Dunkelheit getaucht, die Zuschauer wollen lange nicht mit Applaus und Bravo-Rufen aufhören. Wie gut, dass die Gastronomie wieder zugelassen ist, so dass man den Genuss mit einem guten Wein oder Cocktail krönen konnte.

Nächste Vorstellungen:

3./9./13./14./16./20./21./23. Juli.

Karten gibt es hier.

Foto: Marie-Lan Nguyen CC BY 2.5 via Wikimedia Commons

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Karsten Dörre / 03.07.2022

Die Legende, dass Kaiser Barbarossa nicht tot ist und im Kyffhäuser lediglich “entrückt” sei und dort schläft, ist auch erwähnenswert. Die seriöse Geschichtswissenschaft beschäftigt sich damit ausführlich, wieso ausgerechnet im damals blutig eroberten, sächsischen Kyffhäuser.

Helmut Driesel / 03.07.2022

  Schöngeister, Kulturbeutel, DDR-Kinoprosa, Tübkewahn, Weichmacher-Kunst kontra Waffenrecht? Alles nur Ablenkungsmanöver! Kanonenrohre, die aufs interessierte Publikum zeigen, erinnern mich an F.J. Strauß, der hier in den letzen Wochen öfter zum Knuddeln aus der Grube gehoben wurde. Der hatte in den sechziger und siebziger Jahren hunderte Kernwaffen kurzer Reichweite stationiert, die in der näheren und weiteren Umgebung von Sondershausen nieder gegangen wären. Alexandre Dumas (1802-1870) würde diese Welt ohne Ehre, aber mit Musketieren nicht verstehen. Mit welcher innerer Zerrissenheit kann man in solches Theater gehen? Und, wahrscheinlich wurde sogar noch geklatscht?

Ludwig Luhmann / 03.07.2022

“Der neueste Grund, sich nach Sondershausen zu begeben, sind die eben eröffneten Schlossfestspiele, die nach zwei Jahren Zwangspause endlich wieder im Innenhof zwischen Renaissance- und Barockflügel stattfinden.”—- Die haben uns zwei Jahre unseres Lebens geraubt! Und sie haben noch lange nicht aufgegeben! Das darf man niemals vergessen oder verzeihen! Wir haben es mit skrupellosen Verbrechern zu tun, die uns am liebsten massenhaft beseitigen würden, um angeblich die Welt zu retten! So schön die Sonne jetzt auch scheint, ich befinde mich im Krieg. Wir befinden uns im Krieg!

Thomas Szabo / 03.07.2022

Ich hätte gerne eine Adaption der Musketiere wo sie genauso dargestellt werden wie im Roman von Dumas: als welche die aus Spaß Menschen töten und Frauen entehren, was damals für die Frau nicht nur den gesellschaftlichen Tod bedeutet haben könnte.

Thomas Szabó / 03.07.2022

Im Roman von Dumas ist Milady de Winter die einzige sympathische Person. Sie war nur eine Frau die frei sein wollte. Die dem Männlichkeitsideal des 17 Jahrhunderts nachempfundenen Musketiere sind genau solche abstoßenden, selbstgefälligen, rücksichtslosen Machos wie die authentischen “Helden” des 18 Jahrhunderts in Choderlos de Laclos “Gefährliche Liebschaften”. Es wundert mich, dass die Musketiere in allen Verfilmungen und Adaptionen als sympathisch dargestellt werden. Ich zweifle, ob ein oberflächliches Heldenepos tatsächlich die alleinige Intention von Dumas war.

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