Gerd Held / 31.05.2016 / 06:00 / Foto: Reinhard Dietrich / 4 / Seite ausdrucken

Dossier: Die Legende von Europas Nahostschuld

Die Armenien-Abstimmung im Bundestag ist ein guter Anlass, sich etwas näher mit Frage auseinander zu setzen, ob und inwieweit Europa historisch für die heutigen Zustände in Nahost mitverantwortlich ist. So haben mehrere deutsche Zeitungen, darunter die Frankfurter Allgemeine Zeitung und die Berliner Zeitung, einem Ereignis, das am 16. Mai 1916 stattfand, große Beiträge gewidmet. An diesem Tag wurde das sogenannte Sykes-Picot-Abkommen geschlossen. Es ist benannt nach dem Engländer Mark Sykes (Unterhaus-Abgeordneter der britischen Konservativen) und dem Franzosen Francois Georges-Picot (Diplomat und ehemaliger Generalkonsul in Beirut) und leitete die territoriale Neuordnung des Nahen und Mittleren Ostens nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches ein.  

„Einleiten“ ist der angemessene Ausdruck, denn das Abkommen ist – in einem längeren historischen Zeitraum betrachtet – ein Zwischenschritt. Während das Deutsche Reich auf die Kontinuität des Osmanischen Reiches setzten und die Mittelmächte mit ihm im 1. Weltkrieg verbündet waren, setzten die Entente-Mächte auf Teilung und Neubildung von Mächten. Großbritannien und Frankreich hatten dabei durchaus koloniale Ziele, aber sie mussten gegenüber dem  osmanischen Imperium doch auf die zentrifugalen Kräfte setzen und haben diese, im historischen Ergebnis, gestärkt.

So formten sich aus den Einflusszonen des Sykes-Picat-Abkommens schon in den 20er Jahren schrittweise eigenständige staatliche Einheiten im rechtlichen Rahmen des Völkerbundes. Und diese Entwicklung trieb weiter. Nach dem zweiten Weltkrieg kam es zu neuen Unabhängigkeitsbewegungen und zur Bildung neuer Eliten, die ihre Staaten stärker vom Westen absetzten und eigene Modernisierungswege versuchten. Es sind diese Versuche, die seit geraumer Zeit in eine Entwicklungskrise geraten sind. Die Konflikte im Nahen und Mittleren Osten sind in ihrem Kern keine europäisch, westlich oder russisch verursachten Konflikte, sondern Ausdruck einer inneren Krise dieser Staaten.

Europa Täter und Nahost Opfer? - ein nicht haltbarer Schuldzusammenhang

Umso erstaunlicher sind die Überschriften, unter die deutsche Zeitungen in diesem Mai 2016 den Jahrestag des Sykes-Picot-Abkommens stellen. „Vor 100 Jahren die Konflikte von heute geschaffen“, titelt die „Berliner Zeitung“ (14.5.2016), und fährt in der Unterzeile fort: „1916 teilten Briten und Franzosen den Nahen Osten in Einflusssphären. Zum Frieden hat es nicht beigetragen“. Im gleichen weltbelehrenden Ton ist die Überschrift in der FAZ gehalten: „Imperialer Federstrich – Wie die Großmächte keine neue Friedensordnung im Nahen und Mittleren Osten schufen“. Hier wird ein äußerer Schuldzusammenhang hergestellt.

Das Sykes-Picot-Abkommen von 1916 soll die Ursache für die heutigen Krisen, Kriege und Bürgerkriege sein. Von der inneren Entwicklungs-Krise in den seit vielen Jahrzehnten unabhängigen Staaten  ist nicht mehr die Rede. Der Nahe und Mittlere Osten ist das Opfer, Europa ist der Täter. Man wirft den Europäern vor, dass sie „keine Friedensordnung schufen“. Als wäre das in ihrer Macht gewesen. Und als wäre so eine von außen geschaffene Friedensordnung überhaupt sinnvoll gewesen.

Diese Artikel erscheinen jetzt, im Jahr 2016, mitten in einem Massenansturm von Flüchtlingen auf Europa. Das kann man eine Rückwärtsprojektion und eine historische Legendenbildung nennen. In einem Rückgriff über einen ganzes Jahrhundert wird eine europäische Urschuld konstruiert. Das Datum „1916“ soll heute für eine fortdauernde Schuld Europas im Nahen und Mittleren stehen. Und das hat eine ganz handfeste Konsequenz: Das heutige Europa soll für die Krise der arabisch-islamischen Welt geradestehen. Es soll für die Notlagen, Konflikte und nicht zuletzt für die Massen-Emigration aufkommen – weil es „Folgen von 1916“ sind.  

Nah am Gedankengut des Panarabismus und Panislamismus

Bei genauerer Lektüre der Artikel stellt sich heraus, dass die Legende von der „europäischen“ Schuld eigentlich eine britisch-französische Schuld meint. Diese Länder sollen die heutigen Konflikte geschaffen haben. Dabei wird der Sündenfall des Sykes-Picot-Abkommens in dem trennenden Element der Grenzziehungen gesehen. Der Zeitungsleser bekommt den Eindruck, die Durchtrennung der alten osmanischen Reichseinheit hätte die Konflikte geschaffen. Damit argumentieren die Autoren recht nah am Gedankengut des Panarabismus und Panislamismus. Und genau an dieser Stelle fällt eine Auslassung auf: Das Deutsche Reich, das 1916 auf der Seite des Osmanischen Reiches stand, wird mit keinem Wort erwähnt.

Standen die europäischen Mittelmächte damals vielleicht auf der richtigen Seite der Geschichte? Kann Deutschland daher jetzt als europäischer Schulmeister auftreten? Was bedeutet die Aussage, dass die Politik der Aufteilungen gegenüber dem Osmanischen Reich „keine Friedensordnung“ schuf? Soll damit angedeutet werden, dass die Krisenlösung heute an die Verhältnisse vor den Grenzbildungen im Nahen und Mittleren Osten anknüpfen soll? Auf jeden Fall gibt es ganz real eine irritierende Entwicklung: Unter deutscher Führung ist die Europäische Union dabei, ein strategisches Bündnis mit der Türkei zu schließen. Mit einer Türkei, die deutlich hegemoniale Ziele in der Region anstrebt. Ist die deutsche Politik also dabei, wieder in die „osmanische Sackgasse“ zu schlittern?

Die deutsche Politik erneut auf dem Weg in die osmanische Sackgasse?

Zu Beginn seines Artikels führt uns der FAZ-Autor, Rainer Hermann, in die Downing Street 10 „am Morgen des 16. Dezember 2015“. In Anwesenheit des britischen Premierministers und drei weiterer Kabinettsmitglieder sollte Mark Sykes erläutern, wie ein Deal zwischen Briten und Franzosen aussehen könnte. Und da habe Sykes „seinen Zeigefinger über die Karte, die vor ihnen auf dem Tisch lag, gezogen“ und folgenden Satz gesprochen: „Ich meine, wir sollten die Linie von dem `e´ in Acre bis zum letzten `k´ in Kirkuk ziehen.“ Das war eine Linie von der Mittelmeerküste bis zur östlichen Grenze Mesopotamiens. Diese Linie bildet in der Tat noch heute einen Teil der Grenze zwischen dem Irak und Syrien. Es ist ein suggestives Bild, das mit dieser Einleitung gezeichnet wird. Ein paar noble Herren ziehen mit imperialer Geste ihre Striche auf der Landkarte. Hermann lässt keinen Zweifel, dass es darum gegangen sei „zu bestimmen, welche Provinzen sich Großbritannien einverleiben solle“.

Und dann macht der Autor von der Szene im Dezember 2015 einen schnellen Sprung über ein ganzes Jahrhundert: „Bis zum 3.Januar 1916 einigte er (Sykes) sich mit Picot auf die Aufteilung der osmanischen Beute mit Frankreich und damit auf die Grenzen die Grenzen der Staaten in der Levante, die bis zum heutigen Tag Bestand haben. Am 16.Mai unterzeichneten der britische Außenminister Edward Grey und der französische Botschafter in London, Paul Cambon, die Vereinbarung, die wie keine andere in der Neuzeit die Geschichte des Nahen Ostens prägen und beeinflussen sollte.“ Für den FAZ-Autor steht fest, dass hier eine imperiale Logik („einverleiben“) am Werk ist. Die Möglichkeit, dass mit dem Ende des Osmanischen Reiches ein neuer Prozess zunehmend unabhängiger Staatenbildungen begann, wird nicht mal angedeutet.   

Ein genauerer Blick auf eine historische Kartenskizze (die in dem Artikel der Berliner Zeitung/Quellenhinweis „AFP“ veröffentlicht wurde, leider nicht online) zeigt, dass die heutigen Grenzen im Nahen Osten nur zu einem kleinen Teil wirklich mit den Grenzlinien von Sykes-Picot deckungsgleich sind. Der historische Prozess der wachsenden Unabhängigkeit hat die territoriale Ordnung nochmals modifiziert. 

Ein Jahrhundert wird einfach unterschlagen

Ein erstaunlicher Zeitraffer ist in den Gedenk-Artikeln am Werk. Sie erzählen viel von 1916 und machen dann einen großen Sprung in unsere Gegenwart. Was dazwischen geschah, erscheint als bloße Fußnote – obwohl es um ein ganzes Jahrhundert geht. Das ist eigentlich recht geringschätzig und lieblos gegenüber einer großen Region dieser Welt. Für die Autoren der beiden Artikel, die an anderer Stelle schon sehr kenntnisreich über die Region berichtet haben, ist das eine merkwürdige Verkürzung der Realität. Da hilft vielleicht eine kleine Liste von Vorgängen, die im Zeitraffer verschwunden sind.

  • Syrien wurde, zusammen mit dem Libanon, in den 1920er Jahren als Mandatsgebiet des Völkerbundes an Frankreich übertragen. 1946 wurde es unabhängig. Der Libanon erhielt 1926 seine Eigenstaatlichkeit und 1943 die volle Unabhängigkeit (Er war Gründungsmitglied der Vereinten Nationen). Der Irak wurde ab 1921 zum Königreich Irak, dann ab 1958 zur Republik. Zu einer „Einverleibung“ durch Frankreich oder Großbritannien kam es also gar nicht.  
  • Es gab in den 1950er Jahren verschiedene Versuche grenzüberschreitender Zusammenschlüsse: Irak und Jordanien („Arabische Föderation“); Syrien und Ägypten („Vereinigte Arabische Republik“). Sie wurden nach kurzer Zeit wieder getrennt. Die Grenzen erwiesen sich als dauerhafter als der Panarabismus. Zugleich fand der verheerendste Krieg im Nahen Osten (der Iran-Irak-Krieg) an einer Grenze statt, die viel älter ist als die Sykes-Picot-Linien.
  • Alle Staaten des Nahen Ostens können im Jahrhundert-Rückblick erhebliche Fortschritte beim Bruttoinlandsprodukt und bei den Infrastrukturen aufweisen. Aber die Bevölkerungsentwicklung lief noch schneller und entkoppelte sich besonders in den letzten Jahrzehnten: Syrien 1,5 Mio (1918) – 2,5 Mio (1938) – 6,3 Mio (1970) – 20,9 Mio (2010); Irak 6,7 Mio (1957) – 12,0 Mio (1977) – 22 Mio (1997) – 29,6 Mio (2010).

Diese Realitäten sprechen nicht für eine Geschichtsschreibung, die das gesamte Jahrhundert seit 1916 als Irrweg für den Nahen und Mittleren Osten wertet. Es spricht eher dafür, auf dem errungenen Staatenpluralismus aufzubauen und die Souveränität der Staaten als Schlüssel für mehr Selbstverantwortung zu verteidigen.   

Kritik an den „Kunststaaten“ – im Namen der guten alten osmanischen Reichsordnung  

Hingegen zeigt der Schluss des Artikels von Rainer Hermann, in welches Rückwärtsszenario die Legende von der europäischen Urschuld führt. Der Schlussabsatz ist es wert, zur Gänze zitiert zu werden:

„Diese Gebiete (Hermann schreibt vorher von den „Kunststaaten“ Syrien, Irak und Jordanien, GH) waren unter osmanischer Herrschaft relativ friedlich gewesen. Die Osmanen hatten durch eine kleinteilige Aufteilung des Gebiets Konflikten vorgebeugt, die entstehen, wenn viele unterschiedliche Gruppen in einem Staat zusammenlebten. Zudem wurden die kleinen Einheiten effizienter verwaltet. Die Kolonialmächte hatten das nicht begriffen: Sie legten drei osmanische Provinzen zusammen und nannten das Gebilde dann Irak. Drei andere Provinzen hießen nun Syrien, ohne dass es solche Nationen gegeben hätte. Um diese künstliche Gebilde zusammenzuhalten, bedurfte es erst der Kolonialstaaten, dann repressiver Diktaturen. Als diese wegfielen, stürzte die Region in Krieg und Chaos. Der Westen versucht zwar, die alte Ordnung in den hundert Jahre alten Grenzen zu retten. Eine neue, stabile Ordnung, die an Sykes-Picot anknüpfen könnte, zeichnet sich aber nicht ab.“

Damit endet der Artikel in der FAZ. Der Leser fragt sich: An was soll denn dann angeknüpft werden? Zurück zur Osmanischen Reichsordnung? Sollen die Nationalstaaten Syrien, Irak, Jordanien wirklich aufgelöst werden, weil es keine historischen Vorläufer-Nationen gegeben hat? Wo im Nahen Osten oder in Nordafrika hat es solche präexistenten Nationen gegeben? Und fällt nicht auch ein großer Teil Europas unter das Verdikt „Kunststaaten“, weil diese Staaten sich aus „unterschiedlichen Gruppen“ zusammensetzen und keine „natürlichen“ Grenzen haben? Fragen über Fragen – Wenn man den Schritt der Grenzziehung durch Sykes-Picot pauschal verurteilt, gerät man in das Dilemma, dass man überhaupt keine legitimen Grenzen benennen kann. Der Schlusssatz zeigt, dass Hermann nur eine Negativargumentation zustande bringt.    

Wird so nicht auch dem Staat Israel die Legitimität abgesprochen?

Und noch eine Frage wird durch die neue Urschuld-Legende brisant: Wie steht es um die Legitimität Israels? Zu den Grenzziehungen, die im Gefolge des Abkommens von 1916 erfolgten, gehörte auch das Territorium Palästina, das unter eine gemeinsame britisch-französische Verwaltung gestellt wurde. Insofern schuf das Sykes-Picot-Abkommen eine Voraussetzung dafür, dass nach dem zweiten Weltkrieg der Staat Israel gegründet werden konnte. Zwar geht der Staat Israel nicht unmittelbar auf die englisch-französische Zonierung von 1916 zurück – wie es auch nicht die heutige Türkei, der Irak, Syrien, der Libanon oder Jordanien tun. Aber das Abkommen hat doch einige Vorbedingungen geschaffen, damit der Staat Israel möglich wurde. Auch das gehört zur guten Staatenpluralisierung im Nahen und Mittleren Osten – und wird bis heute von etlichen arabischen Staaten nicht anerkannt. Wie soll man vor diesem Hintergrund die neue Fundamentalkritik in deutschen Zeitungen verstehen? Welche territoriale Sicherheit kann Israel haben, wenn allen Trennungen, die sich irgendwie auf Sykes-Picot zurückführen lassen, die Legitimität abgesprochen wird? [1]

Eine Friedensordnung im Nahen Osten kann nur von einem Pluralismus souveräner Staaten getragen werden. Der Beginn dieses Pluralismus ist historisch mit Sykes-Picot verbunden – nicht im Sinn einer damals schon bestehenden klaren Zielvorstellung, sondern als Zwischenschritt in einem längeren historischen Prozess. Das Abkommen hat den Unabhängigkeitsbewegungen und der Bildung eigenverantwortlicher Staaten das Terrain eröffnet - auch wenn das vielleicht gar nicht in der Absicht von Mister Sykes und Monsieur Picot gelegen hat.[2]            

Fussnoten:

[1] Ich habe am 3.4.2001 in einem längeren Beitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu zeigen versucht, wie die sogenannten „Befreiungsbewegungen“ gegen den Westen und gegen Israel den reaktionären Mythos vom  „organischen Staat“ wiederbelebten (G. Held, Die gute Kolonie, FAZ, 13.4.2001).  Zur guten deutschen Westbindung gehörte einmal, dass die deutsche Außenpolitik sich im Süden von allen „osmanischen“ oder panarabisch-islamischen Tendenzen distanzierte. Und dass sie es vermied, den Briten und Franzosen hier Lektionen erteilen zu wollen.       

[2] Der eingangs zitierte Artikel in der Berliner Zeitung argumentiert ähnlich wie der FAZ-Artikel, aber ein Unterschied muss fairerweise hervorgehoben werden. Der Autor, Martin Gehlen, berichtet zu Beginn von einem Auftritt des „Islamischen Staates“. Mitten in der syrisch-irakischen Wüstenregion schieben Dschihadisten des IS mit einem gelben Bulldozer Kontrollposten und Sandbarrieren beiseite. Zu diesen Bildern, die vor einiger Zeit in alle Welt geschickt wurden, twittern jubelnde Kämpfer „Wir zerschmettern Sykes-Picot“. Diese Seite der Medaille sollte man nicht übersehen: Die Schuldlegende von 1916 bildet ein Kernelement der IS-Propaganda.

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Dr. Ralph Buitoni / 03.06.2016

Und noch eine Ergänzung zu Herrn Hellerbergers Kommentar: es ist der Panarabismus, der historisch völlig ungegründet ist. Herrn Helds Ausführungen über die gescheiterten Versuche arabischer Staatenbünde belegen dies u.a. Tatsächlich ist der Panarabismus das arabische Äquivalent der deutschen völkischen Ideologie zu Anfang des 20. Jahrhunderts, die ja ebenfalls jahrhundertelang gewachsene Nationsgesellschaften und Nationalstaaten zugunsten einer nur verschwommen definierten “Rasse”-Kategorie zu überwinden suchte.  Zu erwähnen wäre auch, dass schon der Ansatz einer großarabischen Lösung unmittelbar nach dem 1. Weltkrieg, durch eine monarchische Verbündung durch die Hashemiten-Dynastie durch innerarabische Konflikte und Ablehnung scheiterte. Die Unterschiede zwischen den arabischen Küstenländern mit ihren reichen Handelsstädten, ihrer Handwerks- und Händlerkultur und den rückständigen allein von Beduinen- und Nomadenstämmen beherrschten Wüstengebieten war zu groß. Und noch eine wichtige Ergänzung fehlt: nämlich der Saudi-Wahabitische Expansionismus, der den Sturz des türkisch-osmanischen Kalifats zum Vorwand nahm sein altes Ziel (schon Anfang des 19. Jahrhunderts versucht), die heiligen Stätten des Hedschas (Mekka und Medina) und damit gewissermaßen die Legitimation einer Deutungshoheit über den Islam zu erreichen. Es ist dieser saudische Expansionsmus der ebenfalls wesentlich eine gesamtarabische Lösung zumindest für die arabische Halbinsel inklusive Jordaniens und Syriens verhinderte. Der IS steht in der Tat in der Tradition dieses unhistorischen “völkischen” Panarabismus, wobei statt “Rasse” eben “Religion” steht (d.h. der sunnitische Islam), mit zivilisatorischen Schadensfolgen, die der deutschen völkisch begründeten Expansionspolitik Mitte des 20. Jahrhunderts in nichts nachstehen werden., ja diese sogar noch weit übertreffen werden, schon allein aufgrund der kulturellen und wirtschaftlichen Regenerationsschwäche islamischer Gesellschaften. Endlich wegzukommen von einer öden und historisch falschen Opferlitanei wäre eine weitere Voraussetzung zur Emanzipierung der arabischen Welt. Doch auch dies scheint unmöglich, nicht zuletzt aufgrund der falschen Freunde der Araber im Westen…..

Dr. Ralph Buitoni / 03.06.2016

Als Antwort auf Herrn Hellerberger: nein, ihre Ausführungen sind schlicht falsch. Zwar stimmt, dass Clan-, Sippen- und Stammesdenken das Ausbilden von Nationsgesellschaften und Nationalstaaten im arabischen Raum schier unmöglich machen. Aber es stimmt nicht, dass die heutige arabische Staatenwelt willkürlich - schon gar einseitig durch den Westen - geschaffen wurde. Die meisten dieser Länder haben als wie auch immer gestaltete und organisierte politische Territorien eine lange Tradition. Ägypten steht dabei natürlich besonders heraus, aber auch Syrien wie auch der Libanon sind alles andere als Kunstprodukte. Die meisten Staaten hatten Vorformen zumindest als Verwaltungseinheiten des osmanischen Reiches, wobei auch das osmanische Reich in seiner erobernden Eingliederung dieser Gebiete auf ältere landschaftliche Organisationsformen Rücksicht nahm. Selbstverständlich haben auch diese Territorien über die Jahrhunderte gewisse Grenzverschiebungen und wechselnde Gebietszuweisungen erlebt, ganz so wie selbstverständlich auch die europäische Staatenwelt. Aber die Rede von den willkürlichen Grenzen der arabischen Welt ist eine bequeme Legende einer ratlosen westlichen Liberalismus…..

Thomas Hellerberger / 31.05.2016

Selbstverständlich sind alle Staaten Arabien Kunststaaten. Kein einziger wurde von Arabern geschaffen oder geformt. Die Grenzen sind sinnlos und widersinnig, daher schon bei kleinsten Krisen nicht merh zu halten, weswegen auch nach und nach alle diese Staaten zerfallen, zuletzt ganz offen Lybien, Syrien und Jemen. Der Irak und Saudiarabien werden folgen. Neben seiner Brutalität ist eines der provoziereden Elemente des IS ja, daß er den Europäern das Recht auf Grenzziehung im Orient rundweg bestreitet. So grausam es im IS zugeht – wenn man ehrlich istk, ist er seit Saladins Kalifat das erste als staatlich zu nennende Gebilde in Arabien, das von Arabern selbst errichtet wurde. Egal, was die „eigentlichen“ Intentionen dahinter sein mögen. In Arabien, unter Arabern existiert kein Nationalbewußtsein. Kein Araber ist gegenüber einem Nationalstaat loyal. Selbst in Ägypten mit seiner langen Geschichte und geographischen Identifzierbarkeit über den Nil ist dies prekär und oberflächlich, was klar wird, wenn man sich folgendes vergegenwärtigt: Die arabische Gesellschaft organisiert sich schon seit 3000 Jahren in Clans oder Stämmen. Nur gegenüber diesem Clan empfindet der Araber eine aus sich selbst heraus gerechtfertigte Loyalität. Die Nation als Großgemeinschaft europäischer Definition und Kultur ist ihm fremd und bleibt es. Und zweitens: In Arabien ist der Islam, die „Umma“, die Nation. Das hat mit der Sprache nichts zu tun, marrokanisches und irakisches Arabisch sind ähnlich verschieden wie Norwegisch und Deutsch. Da der Islam jedoch eine weltlich-staatliche Autorität überhaupt nicht zuläßt – es sei denn als dem Kalifat oder der Gewaltherrschaft a la Saddam oder Assad – sind Nationen für Araber (und letztlich alle Muslime) irrelevant. Konkludent anerkennen sie auch als Auswanderer nicht die Autorität ihrer neuen Gastländer. Wohin man schaut in der islamischen Welt: Pakistan, Afghnaistan, Nigeria, Türkei - gescheiterte oder prekäre Nationen. Sie funktionieren einfach nicht. Die rechtfertigende Verteidigung der heutigen Staatsgrenzen in Arabien durch Europäer hat daher immer zwei Aspekte: Pazifistisch-ängstliches Appeasement und Überheblichkeit. Zum erstem Apekt möchte ich hier nicht eingehen, das führte zu weit. Dennoch: Die Nationen Europas definieren sich überwiegend ethnisch. Sind sie nicht ethnisch definierbar oder negieren sie ihren ethnischen Charakter (wie Deutschland seit den späten 1990ern) so können sie nur in der Form der Monarchie (Spanien, Belgien, Großbritannien) existieren oder der Transzendenz zu einem „europäischen Bundesstaat“ wie es die Eliten in Deutschland für diesen Land durchsetzen wollen. Damit geben diese Nationen aber nicht nur ihre Identität, sondern auch ihre Grenzen auf und werden beliebig und verlieren endlich ihre Rechtfertigung und Legitimation. Daher auch die Gleichmütigkeit, mit der die millionenfache Grenzverletzung seitens der deutschen Regierung toleriert wurde – sie ist bereits postnational determiniert. Nicht das Schicksal Deutschlands, die Situation, die Folgen für ihr eigenen Land standen im Vordergrund, sondern die von “Europa”, wobei es der Arcana imperii vorbehalten bleibt, dies zu definieren. Das offensichtliche Appeasement in der Ukraine (als Beispiel) hat jedoch nur oberflächlich mit einem Zurückweichen vor Rußland zu tun oder mit der Angst vor einem Krieg, zu dem letztlich auch Rußland nicht greifen würde. Es geht darum, die Fiktion, das Leitbild der multikulturellen, nicht mehr ethnisch determinierten Nation aufrecht zu erhalten. Ließe man in der Ukraine zu, daß sich dort, wie 1990 in Mittelosteuropa, erneut eine Zweitstaatenlösung entlang der Sprachgrenze Russisch/Ukrainisch ausbildete, so wäre dies eine Bankrotterklärung für das Ansinnen, die EU zu entnationalisieren und überall „bunte“, multidiversitäre Gesellschaften zu schaffen. Wie sollte man die multikulturelle Transformation Deutschland rechtfertigen können, wenn man sie in der Ukraine nicht erzwänge? Der Bürgerkrieg in der Ukraine ist genauso Widerstand dagegen (natürlich nicht nur) wie die Weigerung Unganrs oder der Slowakei, muslimische Einwanderer aufzunehmen. Dieses Ansinnen treibt derzeit auch Politiker wie Steinmeier an, den Arabern die Sinnlosstatten Syrien und Irak weiterhin aufzuschwatzen oder weiter aufzuzwingen. Um Arabien geht es dabei am allerwenigsten –so wie 1916, als Sykes und Picot die Grenzen am Konferenztsich zogen.

Dieter Hitzek / 31.05.2016

Eine gute, übersichtliche Herleitung zur heutigen, territorialen Situation. Zur Begründung und Erklärung der heutigen, gewaltsamen Auseinandersetzungen taugt das aber nicht. Und, Schuld ist nur ein brauchbarer Arbeitstitel zwischen Vertragspartnern. Schuld, religiös konnotiert, ist hier sinnlos. Ich habe noch nie von einer erfolgreichen Klage gegen Gott, Erbsünde oder Ähnlichem gehört…

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