Das „Neue Deutschland“ berichtet über die Festveranstaltung zum 44. Jahrestag der Befreiung. „Seite an Seite mit der Sowjetunion für Sozialismus und sicheren Frieden“. Aber die seit Jahrzehnten gewohnten Phrasen haben längst eine andere Bedeutung für die Menschen in der DDR. Wenn wir weiter fest an der Seite der Sowjetunion stehen, so steht es in unzähligen Leserbriefen an die Redaktion, warum gibt es in der DDR nicht Reformen wie unter Gorbatschow? Von der Sowjetunion lernen, heißt doch, siegen lernen? Dies ist einer der am Häufigsten wiederholten Sätze der letzten Jahre, seit die Kunde von den wundersamen Veränderungen im kommunistischen Mutterland zu den DDR-Bürgern gedrungen ist. Ähnliche Briefe wie an das „Neue Deutschland“ werden an alle Bezirkszeitungen der SED geschrieben und sogar ans Politbüro. Im Parteiarchiv der SED-Linken lagern tausender solcher Briefe, die außerdem viele Berichte über die gravierenden Mängel in der Volkswirtschaft enthalten. Gegen Ende der DDR mehren sich die Hilferufe verzweifelter Betriebsparteisekretäre an das Politbüro, die von katastrophalen Produktionsausfällen wegen immer wieder stockender oder ausbleibender Materiallieferungen berichten und um Abhilfe bitten. Einige dieser Briefe mussten auch den Politbüromitgliedern unter die Augen gekommen sein. Chefideologe Kurt Hager entschließt sich zu einer Klarstellung: Er betont, dass es Reformen nach sowjetischem Vorbild in der DDR nicht geben werde. Er bemüht nicht wieder den Vergleich, den er vor mehr als einem Jahr gezogen hat: „Wenn Ihr Nachbar seine Wohnung tapeziert, fühlen Sie sich dann verpflichtet, Ihre Wohnung auch zu tapezieren?“ Danach ging ein Aufschrei durch das Land. Das Büro Hager wurde mit Hinweisen überschüttet, dass man gern tapezieren würde, aDoppeltagebuch 1989/2009- 9. und 10. Mai 2009
Das „Neue Deutschland“ berichtet über die Festveranstaltung zum 44. Jahrestag der Befreiung. „Seite an Seite mit der Sowjetunion für Sozialismus und sicheren Frieden“. Aber die seit Jahrzehnten gewohnten Phrasen haben längst eine andere Bedeutung für die Menschen in der DDR. Wenn wir weiter fest an der Seite der Sowjetunion stehen, so steht es in unzähligen Leserbriefen an die Redaktion, warum gibt es in der DDR nicht Reformen wie unter Gorbatschow? Von der Sowjetunion lernen, heißt doch, siegen lernen? Dies ist einer der am Häufigsten wiederholten Sätze der letzten Jahre, seit die Kunde von den wundersamen Veränderungen im kommunistischen Mutterland zu den DDR-Bürgern gedrungen ist. Ähnliche Briefe wie an das „Neue Deutschland“ werden an alle Bezirkszeitungen der SED geschrieben und sogar ans Politbüro. Im Parteiarchiv der SED-Linken lagern tausender solcher Briefe, die außerdem viele Berichte über die gravierenden Mängel in der Volkswirtschaft enthalten. Gegen Ende der DDR mehren sich die Hilferufe verzweifelter Betriebsparteisekretäre an das Politbüro, die von katastrophalen Produktionsausfällen wegen immer wieder stockender oder ausbleibender Materiallieferungen berichten und um Abhilfe bitten. Einige dieser Briefe mussten auch den Politbüromitgliedern unter die Augen gekommen sein. Chefideologe Kurt Hager entschließt sich zu einer Klarstellung: Er betont, dass es Reformen nach sowjetischem Vorbild in der DDR nicht geben werde. Er bemüht nicht wieder den Vergleich, den er vor mehr als einem Jahr gezogen hat: „Wenn Ihr Nachbar seine Wohnung tapeziert, fühlen Sie sich dann verpflichtet, Ihre Wohnung auch zu tapezieren?“ Danach ging ein Aufschrei durch das Land. Das Büro Hager wurde mit Hinweisen überschüttet, dass man gern tapezieren würde, aDoppeltagebuch 1989/2009- 9. und 10. Mai 2009
ber die volkseigene Industrie sei nicht in der Lage, die gewünschten Tapeten bereitzustellen. Deshalb erklärt Hager diesmal nur umständlich, dass die DDR schon immer Vieles anders gemacht hätte, als die Sowjetunion und deshalb keinen Reformbedarf hätte. Wieder gibt es heftige Reaktionen. Wäre das Volk seit Jahrzehnten etwa belogen worden, wenn es hieß, die DDR baue den Sozialismus nach dem Vorbild der Sowjetunion auf? Hager macht die für ihn und alle Politbüromitglieder neue Erfahrung, dass er sich drehen und wenden kann, wie er will, der Widerspruch aus dem Volk ist ihm gewiss.ber die volkseigene Industrie sei nicht in der Lage, die gewünschten Tapeten bereitzustellen. Deshalb erklärt Hager diesmal nur umständlich, dass die DDR schon immer Vieles anders gemacht hätte, als die Sowjetunion und deshalb keinen Reformbedarf hätte. Wieder gibt es heftige Reaktionen. Wäre das Volk seit Jahrzehnten etwa belogen worden, wenn es hieß, die DDR baue den Sozialismus nach dem Vorbild der Sowjetunion auf? Hager macht die für ihn und alle Politbüromitglieder neue Erfahrung, dass er sich drehen und wenden kann, wie er will, der Widerspruch aus dem Volk ist ihm gewiss.
Heute vor zehn Jahren ist der Schriftsteller Jürgen Fuchs an den Folgen seiner Haft im Stasigefängnis Hohenschönhausen verstorben. Jürgen ist einer von drei bekannt gewordenen Fällen von ehemaligen Häftlingen, die an einem sehr seltenen Blutkrebs gelitten haben. Diese
Blutkrebsform kommt normalerweise einmal unter 1,2 Millionen Menschen vor. Wenn drei Häftlinge , die in den siebziger Jahren in Hohenschönhausen gesessen haben, an diesem Blutkrebs erkrankt sind, der von einer hohen Dosis radioaktiver Strahlen ausgelöst wird, spricht allein die statistische Wahrscheinlichkeit dafür, dass den Häftlingen diese Radioaktivität im Stasigefängnis beigebracht wurde.
Wie das gemacht wurde, über die Kontamination von Nahrung, Kleidung oder über Medikamente, das werden wir vermutlich nie erfahren. Die Verantwortlichen haben alle Akten beiseite geschafft. Sie schweigen bis heute. Allerdings sind mit der Öffnung der Stasiunterlagen auch so genannte „Maßnahme“-, oder „Zersetzungspläne“ bekannt geworden, in denen die Staatssicherheit systematisch die Zerstörung von Menschen plante. Sie nannte das „Zersetzung“. Diese Planungen gingen bis hin zum Mord. Nach der Öffnung der Stasiakten fand Jürgen mehrere Mordpläne in seinen Akten. Einer davon betraf das Auto der Familie, das von einem Inoffiziellen Mitarbeiter der Stasi in Westberlin manipuliert wurde. Es kam zum Unfall, als die ganze Familie, neben Jürgens Frau auch die drei Töchter, im Wagen saßen. Das Fahrzeug kam von der Straße ab und überschlug sich. Wie durch ein Wunder kamen alle Fünf unverletzt davon. In seiner Akte musste Jürgen das frustrierte Resümee des Stasioffiziers lesen, der die Idee gehabt hatte, ihn mit Hilfe eines Autounfalls zu beseitigen. Der IM hätte wohl nichts getaugt, denn die Familie lebe ja noch.
10. Mai
Partei-, und Staatschef Erich Honecker empfängt den Präsidenten der UdSSR-Wissenschaftsakademie. Am Rande dieses Treffens erfährt er die neueste Meldung aus Moskau: Der sowjetische Außenminister Schewdnadse hat eine Grundsatzrede zum Reformprozess in Osteuropa gehalten. Er erklärt unmissverständlich, die „einzig konkrete Vorgehensweise“ wäre, die jeweilige Wahl zu respektieren. Schewadnadse wollte damit sagen, dass die Sowjetunion anders als in früheren Jahren, die jeweiligen Reformen nicht behindern würde. Durch einen Übersetzungsfehler hört Honecker, dass die einzig richtige Vorgehensweise wäre, das Ergebnis der jeweiligen Wahlen zu respektieren. Das muss er angesichts der manipulierten Kommunalwahl vor zwei Tagen als Ohrfeige auffassen.
