Das Innenministerium der DDR erklärt die Ergebnisse der Kommunalwahl für korrekt. Die Opposition ruft umgehend zu Protestdemonstrationen auf. Die Konferenz der Kirchenleitungen, die gerade tagt, gerät in eine schwierige kirchenpolitische Lage. Sie moniert zwar „die beobachtbaren Unstimmigkeiten bei der Auswertung der Wahl“ und appelliert an die SED „für eine Weiterentwicklung des Wahlverfahrens Sorge zu tragen“, weil sie sich zu einer klaren Forderung, Wahlfälschungen zu unterlassen, nicht durchringen kann. Gleichzeitig werden Gemeindemitglieder aufgefordert, es mit den Protesten nicht zu übertreiben. Sie sollen sachlich bleiben und „Verantwortung für das Ganze“ erkennen lassen. Übertriebene Aktionen und Demonstrationen seien kein Mittel der Kirche. Gegen diese Erklärung protestierten umgehend mehrere Kirchenleute. Die Opposition hört sowieso nicht mehr auf Beschwichtigungen. Die Auseinandersetzung um die gefälschten Kommunalwahlen geht in die nächste Runde.
Im Bruderland Bulgarien geht es aus anderen Gründen heiß her. Hier beginnt die massenhafte Vertreibung der türkischen Minderheit. Sie hätten die Freiheit, in die Türkei auszureisen. Die spontanen Demonstrationen gegen die Vertreibung enden schnell im Chaos. Es kommt zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen Demonstrierenden und Polizei, die blutig enden. Es werden am Ende ca. hundert Todesopfer gezählt. Unbeeindruckt davon werden die Abschiebungen bis Ende August fortgesetzt. An die 300 000 Türken müssen Bulgarien verlassen. Bis jetzt ist dieses düstere Kapitel spätsozialistischer Verbrechen nicht aufgearbeitet, obwohl Bulgarien inzwischen Mitglied der EU ist.
Heute, am Todestag von Benno Ohnesorg wurde vom Verein der Opfer des Stalinismus und anderen Opferverbänden an der Gedenkstele neben der Deutschen Oper ein Kranz zur Erinnerung an die Bluttat, bei der, wie wir jetzt wissen, die Staatsicherheit die Hand im Spiel hatte, niedergelegt. Die Vereine setzen sich für eine Wiederaufnahme des Verfahrens ein und fordern eine neue Untersuchung. Außerdem wollen sie sich für eine Anpassung der Gedenkschrift an die neuen Erkenntnisse einsetzen.
