Roger Letsch / 07.03.2018 / 14:00 / Foto: Lukasz Katlewa / 40 / Seite ausdrucken

Don Alphonso wird abgeschaltet

Die einen lieben seine Texte, die anderen hassen sie – wobei ich von der letzten Gruppe erst heute wirklich Kenntnis erhielt, weil dort, wo besagte Texte zu finden waren, sich fast ausschließlich seine Bewunderer tummelten. Die Rede ist von Don Alphonso, dem selbsternannten „Steigbügelausrüster der Reiter der Apokalypse“ und seinen Blogs bei der FAZ, die zum Ende des Monats eingestellt werden. Die Begründung der FAZ kam per Twitter, und es ist von „thematischer Neuordnung“ und der „Bloggerplattform als Experimentierfeld“, an anderer Stelle auch von „Platz schaffen“ die Rede.

Nun ist die Personalpolitik eines Unternehmens prinzipiell dessen eigene Angelegenheit – oder sollte es zumindest sein. Niemand stellt zum Beispiel in Frage, wenn ein Bundesliga-Verein nach zehn verlorenen Spielen in Folge den Trainer austauscht…doch so ist es hier ja nicht. Don Alphonso war in der Liga der FAZ-Blogs gewissermaßen „Bayern München“ – warum sollte man ein „Winning Team“ für ein ungewisses „Experimentierfeld“ eintauschen?

Der Zuspruch für die Texte von Don Alphonso war enorm, die Klickzahlen ein Bloggertraum, und die Leser konnten mit guter Sicherheit sogar davon ausgehen, dass ihre Fragen vom Autor beantwortet werden. Und was steht hinter dem Argument, man wolle „Platz schaffen“ für Neues? Platz schaffen wofür? Platz in einem Blog? Wir reden ja hier nicht von einer Print-Kolumne in einem von Papierrändern begrenzten Medium, wir reden von digitaler Präsenz, von einem Blog, einem Link, einer virtuellen Welt, die weder Platz braucht, noch diesen anderen Inhalten wegnehmen kann – außer, man spricht von „Platz“, meint jedoch „Aufmerksamkeit“. Mein eigenes Blog passt immer noch auf einen großen USB-Stick, und ein solcher sollte doch für Don Alphonso durchaus bereitgestellt werden können, oder?

Kurzum, hier scheint ein Vorwand vorzuliegen, um aus irgendeinem Grund einen unbequemen Journalisten loszuwerden. Um dies und die Schadenfreude zu verstehen, die nun über ihm zusammenschlägt, muss man nur mal versuchen, den Standpunkt einzunehmen, von dem aus „Don Alphonso“ seine Texte schreibt.

Als schaue er einer Fliege zu

Fest im Standpunkt, aber flexibel im Geiste, ein Bohemien vom Tegernsee, mit einem Fuß immer in Oberitalien, mit dem anderen in bayerischem Wohneigentum der beständigen Art, ein der Urbanität Entzogener, der es sich leisten kann, über die hektische Urbanität seiner Landsleute so zu berichten, als schaue er einer Fliege dabei zu, wie sie immer wieder versucht, mit Anlauf durch dieselbe Scheibe zu kommen, hinter welcher er gemütlich über den Wert von Kunst oder die Qualität eines 50 Jahre alten italienischen Rennrads sinniert, um sich langsam aber unaufhörlich dem eigentlichen Gegenstand seiner Betrachtung zu nähern. Dabei bietet er kaum einen Angriffspunkt, da seine Interessen eher den Klassikern in Kunst und Kultur gelten, als den Verlockungen der industriell übersteuerten Shopping-Elite im Hochglanz-SUV – der Don fährt Fahrräder, alte Fahrräder.

Er verkörpert in seiner Blogger-Rolle somit alles, was gewisse links-grüne Kreise abgrundtief hassen: die Kombination aus bourgeoiser Gelassenheit, die sich aus materieller Sicherheit und fundierter Bildung speist, gepaart mit ökologischem Pragmatismus, der ganz ohne ideologische Überhöhung und brennende Barrikaden auskommt. Da schrieb ein Mensch, der sich aus jeder Abhängigkeit staatlicher Segnungen erfolgreich befreite, und diese Freiheit, die auch die Freiheit ist, sich gewählt und unprätentiös auszudrücken, öffentlich zur Schau stellte. Für Menschen, die ihren Neid nicht unter Kontrolle haben und glauben, in einer perfekten Gesellschaft müsse der Staat als Rasenmäher über alle und alles hinwegrollen, um ein Höchstmaß an Gleichheit unter den Grashalmen zu erreichen – für solche Menschen ist Don Alphonso offenbar ein Feind, dessen Abschaltung man nun ungeniert feiert.

Bei Twitter entwickelte sich daraufhin ein veritabler Shitstorm, es wurde „entfolgt“ und mit Abo-Kündigung gedroht. Es ist tatsächlich anzunehmen, dass diese Entscheidung der FAZ einiges an Lesern kosten wird. Andererseits waren nun auch mal die Stimmen zu vernehmen, die sich nie in den Kommentaren der Blogs fanden. Tenor: „Ein Nazi und Hate-Speech-Verbreiter weniger“.

Ich versuchte daraufhin, anhand einiger der letzten Blogtexte festzustellen, woran solche Anwürfe festzumachen seien, konnte aber auch beim schlechtesten Willen keine einzige Formulierung oder auch nur einen Anflug von Hass finden. Es sei denn, eloquente Nichtachtung ist jetzt auch schon ins Hasslager hinüberdefiniert worden. Wenn nun aber bereits die Texte von Don Alphonso unter Naziverdacht geraten können, hat das Wort „Nazi“ traurigerweise überhaupt keine Bedeutung mehr. „Nazi“ ist dann ein Haus am Tegernsee oder ein 200 Jahre alter Bilderrahmen, „Nazi“ ist dann ebenso, wenn man lieber mit dem Rad durch die Hügel über Mantua als durch das Multikulti von Kreuzberg bei Nacht radelt.

Schrittweises „Outsourcing“ konservativer Stimmen

Fragt sich nur – und soviel Spekulation erlaube ich mir – wem die Blogs Don Alphonsos ein derartiger Dorn im Auge waren, dass man sich zu solchen radikalen Schritten veranlasst sieht. Das schrittweise „Outsourcing“ konservativer Stimmen darf in den deutschen Leitmedien als beinahe abgeschlossen gelten. Selbst gelegentliche Op-Eds, wie sie früher selbst in SZ und TAZ häufig anzutreffen waren, werden immer seltener. Bereits heute ist es mir zur Routine geworden, Meldungen der deutschen Medienlandschaft mit dem abzugleichen, was das „Westfernsehen“ – also Schweizer Medien – dazu berichtet.

Die fast durch die Bank ins bodenlose fallenden Auflagen der deutschen Printmedien sorgen für lange Gesichter in den Chefredaktionen und Büros der Herausgeber. Man kann sich das anscheinend nicht erklären, obwohl mittlerweile fast alle Häuser an derselben, schönen, rundgefeilten „Wahrheit“ stricken. Neidvoll schaut man auf die Goldpaläste der GEZ-alimentierten öffentlich-rechtlichen Medien, bei denen Reichweite und Auflage nicht über Wohl und Wehe entscheiden. Dort möchte man hin, dort fließen medial Milch und Honig, dort hat man sich vollständig vom Konsumenten emanzipiert, der über eine Zwangsumlage dennoch zahlt.

Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit sind deshalb in den letzten Jahren Konstrukte wie der „Rechercheverbund“ entstanden. In diesem arbeiten zum Beispiel NDR, WDR und Süddeutsche Zeitung zusammen und es braucht nicht allzu viel Phantasie sich vorzustellen, von wo nach wo dort Geld fließt. Dabei bezweifle ich nicht einmal, dass sich auf diese Weise kompetente Teams bilden können. Die Abhängigkeit jedoch, in die sich private Verlage auf diese Weise vom staatlich organisierten Gebührensystem begeben, macht mir Angst. Wes‘ Brot ich ess, des Lied ich sing‘ wusste schon der Minnesänger Oswald von Wolkenstein. Don Alphonso könnte sich für eine derartige Kooperation als ein konservativer Balken erwiesen haben, der quer im Wasser lag. wir werden sehen, wie ungehindert das Wasser für die FAZ zukünftig fließt.

Am Tag nach seinem Rauswurf per Twitter schrieb Don Alphonso: „Macht euch um mich keine Sorgen. Echt. Aber hört bitte mit dem Shitstorm gegen die FAZ auf, das bringt niemandem etwas, und es waren meine wirklich guten 9 Jahre dort. Die sollen nicht mit sowas enden.“ Klar, dass solche Rede, die nicht zur totalen Vernichtung und auf die Barrikade ruft, auch „voll Nazi“ ist. Wir werden jedenfalls noch vom „Don“ hören. Sowohl aus Mantua, als auch aus Kreuzberg.

Dieser Beitrag erscheint auch auf Roger Letschs Blog Unbesorgt

https://unbesorgt.de/deus-ex-faz-don-alphonso-wird-abgeschaltet/

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Direktüberweisung
Leserpost

netiquette:

M. Haumann / 07.03.2018

Das ist doch nicht zu fassen! Der Mann war für uns und viele andere inzwischen das einzige Highlight bei der FAZ und Ohrspülungen mit Regierungsfunk bekommen wir doch täglich schon von sämtlichen anderen Kanälen. Was für eine merkwürdige Koinzidenz auch mit der Wiedergeburt der Groko, gell? Leute, wacht doch mal auf, wir hatten das bereits und man nennt es Gleichschaltung!

Fred Helbig / 07.03.2018

Die Leser der FAZ werden zu allem Überfluss mit der unheimlich dämlichen Lüge beleidigt, man brauche Platz für Neues. Vermutet man, das Blatt wird von den Bento- und ze.tt-Kindern gelesen, die jeden Quark schlucken oder gibt es dort niemanden mehr, der eine überzeugendere Ausrede erfindet.

Gabriele Schulze / 07.03.2018

Phänomenal, wie wenig Sorgen sich FAZ und andere um ihre Existenz machen. Vielleicht gibt’s ja dann Schotter aus Muttis alter Tchibo-Dose im Küchenschrank. Verrückt, noch vor einem Jahr ungefähr hab ich gern zur FAZ gegriffen - tempi passati.

Klaus D. Mueller / 07.03.2018

“was gewisse links-grüne Kreise…”, die wohl nicht einmal wissen, woher der Name Don Alphonso stammt. ...

Andreas Bitz / 07.03.2018

Die FAZ nun ohne einen letzten klugen, wenn auch unbequemen Kopf dahinter - nun einen Schritt weiter zum Bezug öffentlich-rechtlicher Gelder für die Wiedergabe genehmer Berichte aus dem Bundespresseamt…

Rudolf George / 07.03.2018

Dass man keinen Anlass für den Hate-Speech-Vorwurf finden kann, könnte an einem Umstand liegen, den Linksgesinnte nicht so gerne hören: es gibt auch Links-Trolls und Links-Bots, die halb- oder vollautomatisiert eine Öffentlichkeit vorgaukeln, die es gar nicht gibt. Inhaltliche Auseinandersetzung findet keine statt, weswegen eine Analyse der Blogposts zwecklos ist. Oder waren es vielleicht die Russen? Der Vorwurf funktioniert ja immer, da noch keiner das Gegenteil gezeigt hat…

Rainer Nicolaisen / 07.03.2018

“Don Alphonso” zu lesen war immer einVergnügen. Des werd ich nun beraubt, hoffentlich nur vorläufig. Einer der wenigen umfassend Gebildeten in unserem Lande, der immer wieder im Umkreisen von Themen zum Wesentlichen durchdrang—mit Nachsicht, gleichwohl konsequent, mit mildem Spott und Selbstironie und gelegentlich ein wenig Boshaftigkeit. Meinem eigenen Denken tat das gut.

Thomas Wentingmann / 07.03.2018

Eine traurige Nachricht.

Petra Moldenhauer / 07.03.2018

Vielen Dank für ihre Recherche zum Don, mit der ich 1:1 mitgehe. Als ich gestern wie gewohnt in seinem Twitteraccount stöbern wollte, hat es mich nicht ganz überraschend getroffen, denn seine Artikel waren schon abseits vom gewohnten Mainstreaming. Und dann in der linken faz! Man hat auch gespürt, dass sich der Don darüber klar war- nicht umsonst berichtete er zuletzt gern über sein zukünftiges Leben als Vermieter. Ich mache mir um ihn auch keine Sorgen- die unheimliche Geschwindigkeit, mit der wir der Meinungsvielfalt beraubt werden, die schon!

Joachim Singer / 07.03.2018

Kann die Achse nicht Don Alonso eine neue Heimat bieten?

Weitere anzeigen Leserbrief schreiben:

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Roger Letsch / 03.12.2019 / 08:50 / 130

Sie schämen sich nicht

Es gibt zwei Möglichkeiten, sich in Deutschland anstrengungslos ins moralische Recht und das Gegenüber ins moralische Unrecht zu setzen. Man bezeichnet den Anderen einfach als…/ mehr

Roger Letsch / 29.11.2019 / 06:00 / 74

Der Planet kippt just in time

Der Schelm Hans Joachim Schellnhuber hat pünktlich zur nächsten Klimakonferenz in Madrid (2. bis 13. Dezember) einen Kipppunkt entdeckt. Kurz vor Klimakonferenzen ist das Klima traditionell besonders instabil.…/ mehr

Roger Letsch / 08.11.2019 / 10:00 / 8

England: Labour-Intrige vor Wahlen?

Dem Rugby sagt man nach, dass die Brutalität auf dem Rasen stattfinde, während auf den Rängen ein olympischer Friede herrsche. Im Fußball sei es genau…/ mehr

Roger Letsch / 02.11.2019 / 12:00 / 34

Ablasshandel: Echtes Geld für imaginierten Klimaschutz

Zum Bettelmönch fehlt es mir an Glauben, für den Ablasshandel an Skrupellosigkeit und Geschäftssinn. Ich bin ein Fan der Vernunft, und diese findet im Denken…/ mehr

Roger Letsch / 29.10.2019 / 13:00 / 18

Das Klima parkt in Weißenfels. Für 1,78 Millionen Euro

Zugegeben, um die Segnungen von Marktwirtschaft und Digitalisierung zu erleben, fährt man nicht ausgerechnet nach Weißenfels in Sachsen-Anhalt. In der Gegend fliegt eine Brieftaube schneller…/ mehr

Roger Letsch / 26.10.2019 / 15:30 / 7

Öko-Mythen und Irrtümer: Ein Update

Im Märchen ist die Sieben eine magische Zahl. Ebenso im Marketing, wo man postuliert, dass durch penetrante, aber mindestens siebenfache Wiederholung einer Botschaft Kaufentscheidungen beeinflusst…/ mehr

Roger Letsch / 18.10.2019 / 06:25 / 40

Weltrettungs-Labels: Grünwaschen und Geld drucken

Stellen Sie sich vor, Ihr Lebenstraum wäre es, einen Eisladen aufzumachen. Der perfekte Standort ist gefunden, der Businessplan ausgearbeitet und die Bank hellauf begeistert. Sie…/ mehr

Roger Letsch / 07.10.2019 / 16:30 / 17

Die Klimaindustrie und ihre Hinterzimmer

Spricht man am Rande der Klima-Demos mit Teilnehmern, ist man oft überrascht von der inhaltlichen Ahnungslosigkeit und Naivität. Haltung und Moral sitzen zwar perfekt, sind…/ mehr

Meine Favoriten.

Wenn Ihnen ein Artikel gefällt, können Sie ihn als Favoriten speichern.
Ihre persönliche Auswahl finden Sie Hier
Favoriten

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com