Henryk M. Broder / 19.09.2018 / 14:00 / 43 / Seite ausdrucken

Doktor Gniffkes gesammeltes Schweigen

Es ist ja nicht alles übel, was die Tagesthemen und das heute-journal senden. Die Berichterstattung über die Hurricanes, die über die Philippinen und die Ostküste der USA hinweggefegt sind, war zum Beispiel ganz ordentlich. Dafür ist vieles nicht einfach schlecht, es ist manipulativ, selektiv und wird als Nachricht angeboten, obwohl es reine Meinung ist, wogegen nichts zu sagen wäre, wenn es als Meinung präsentiert würde. Und dort, wo "Meinung" drauf steht, ist es meist präpotentes Gelaber von Leuten, die ihren Traum, Regierungssprecher zu werden, noch nicht aufgegeben haben.

Nachfolgend ein kurzer und zugegeben recht einseitiger Briefwechsel zwischen mir und Dr. Kai Gniffke, dem Ersten Chefredakteur von ARD aktuell, zuständig für Tagesschau, Tagesthemen, Brennpunkt und andere.

broder an Gniffke, 3. September

guten abend, lieber herr Gniffke, 

ich habe soeben die 20-uhr-tagesschau gesehen, in der sie über das konzert in chemnitz berichtet haben. in dem bericht hieß es, das konzert sei "gratis" gewesen. der eintritt für die besucher frei. - davon abgesehen ist so ein konzert mit erheblichen kosten verbunden. die bühne muss auf- und abgebaut, die technik gemietet und bedient werden. der verkehr muss umgeleitet, der müll nach dem konzert abtransportiert werden. das alles kostet geld. hinzu kommen die ausgaben für die vielen dixie-klos, das security-personal und die sanitäter vor ort. auch die polizisten, die aus sieben bundesländern angereist sind, wollen versorgt werden. alles in allem dürften die kosten für ein konzert dieser größenordnung bei mindestens 500.000,- euro liegen. 
wäre es da nicht angemessen gewesen, wenn sie  - und sei es nur in einem kurzen nebensatz - darauf hingewiesen hätten, statt den eindruck zu erwecken, das ganze sei "gratis" gewesen? von dem geldwerten vorteil, den eine live-übertragung im ZDF für die musiker bedeutet, nicht zu reden. 

ich wäre ihnen sehr verbunden, wenn sie mir diese unterlassung erklären würden. 
mit den besten grüßen von der deutsch-ungarischen grenze. 
ihr hb

broder an Gniffke, 10. September

lieber herr Gniffke, 
ich möchte nicht aufdringlich sein, aber sie schulden mir noch eine antwort auf meine mail vom 3.9. vielleicht könnten sie mir bei dieser gelegenheit auch sagen, ob sie ihre zusammenarbeit mit der "antifa zeckenbiss" ausbauen und vertiefen wollen. 

viele grüße aus der wilmersdorfer antifa-ortsgruppe 
ihr hb

broder an Gniffke, 16. September

lieber herr gniffke, 
es ist mir ein wenig unangenehm, aber ich muss sie darauf hinweisen, dass in der "Demokratieabgabe" von 17,50 euro, welche die ARD und die anderen ö-r anstalten erheben, auch ein entgelt für die beantwortung von zuhörer- und zuschaueranfragen enthalten ist. und da wir uns grade so schön unterhalten, hätte ich noch eine frage: 
sowohl in der tagesschau wie in den tagesthemen hieß es heute in einem bericht über zwei demos in köthen, "Anlass der Demonstrationen" sei "der Tod eines 22jährigen Deutschen vor einer Woche, der Schwerkranke war nach einer Auseinandersetzung mit zwei Afghanen an einem Infarkt gestorben".

ist ihnen bekannt, dass "herzversagen" die häufigste und beliebteste todesursache in einigen der renommiertesten deutschen ferienlager wie buchenwald, dachau und sachsenhausen war, solange die todesfälle noch einzeln gezählt wurden? 
andererseits kann man natürlich nicht ausschließen, dass der schwerkranke  inzwischen auch gestorben wäre, wenn es die "auseinandersetzung" mit den zwei vom himmel gefallenen afghanen nicht gegeben hätte. möglicherweise vor aufregung über die berichterstattung der tagesschau aus chemnitz und köthen. auch dann wäre er eines natürlichen todes gestorben. 

kommen sie bitte gut in die neue woche 
beste grüße aus dem plänterwald 
ihr hb 

Gniffke an broder, 17. September

Lieber Herr Broder, 
danke für Ihre Mail. Natürlich haben Sie auch als gesetzlich Fernseh-Versicherter Anspruch auf Chefarzt-Behandlung. Allerdings muss ich diesmal gestehen - und das ist jetzt keine Ironie - dass ich Ihre Frage nicht verstanden habe. Bitte helfen Sie mir. Oder war es von Ihnen eher als eine rhetorische Frage gemeint? 
Herzliche Grüße 
Dr. Kai Gniffke

broder an Gniffke, 17. September

lieber herr gniffke,

ich habe nicht studiert und deswegen keine ahnung, was eine rhetorische frage ist. sie dagegen scheinen mir ein meister der rhetorischen antwort zu sein. als erstes fällt mir da ihre stellungnahme auf die frage ein, warum die TT nicht über den zwischenfall in freiburg berichtet haben, bei dem eine junge frau vom rad gefallen und ertrunken ist. ich könnte noch weitere beispiele anführen, aber nicht jetzt. mein blutdruck sinkt, und ich muss deswegen die TT gucken. während sie, nehme ich an, grade auf der seite von "antifa zeckenbiss" nach anregungen suchen.

haben sie eine ruhige nacht

ihr hb

Das wäre es für heute. Mich erinnert diese Geschichte an ein Frühwerk von Heinrich Böll aus dem Jahre 1958. Falls Sie an Dr. Gniffke schreiben möchten, versuchen Sie es unter dieser Adresse: kai.gniffke@tagesschau.de. 

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Anna Kasperska / 19.09.2018

@Martin Wessner; Eine Belehrung, die ins Leere geht. Ich denke, Sie unterschätzen Herrn Broder gewaltig, wenn Sie glauben, er hätte eine ernsthafte Antwort von Herrn Gniffke erwartet. Darum ging es wohl nicht…

Helmut Steinig / 19.09.2018

Sehr geehrter Herr Broder, im Interesse Ihrer Gesundheit sollten Sie auf die Chefarztbehandlung verzichten, da doch mit einer Verschlechterung des Befindens durch die Maßnahmen des Herrn Dr. zu rechnen ist .  Ihnen ist zu wünschen, daß Sie von Krankheit verschont bleiben, da eine Behandlung vom Oberartz/Stationsarzt bei der von Ihnen angeschriebenen Anstalt gleichfalls gleichfalls keine Genesung zu erwarten ist; denn nimmt man die Leistungen dieser Institute in Anspruch, bedarf es eines gerüttelt Maß an Leidensfähigkeit bei recht stabiler Gesundheit. Krank sollte man auf keinen Fall sei.  Man sollte daher doch so weit wie möglich auf die Dienste dieser Quacksalber verzichten.

Lutz Herzer / 19.09.2018

Dr. Gniffke steht gerade mit dem Rücken zur Wand und versucht mit Witzeleien den Bud Spencer unter den Publizisten milde zu stimmen. Den lassen Sie aber nicht so schnell laufen, Herr Broder.

Frank Mertes / 19.09.2018

Mich würde bei der ganzen Geschichte brennend interessieren, ob sich der Herr Gniffke nicht wenigstens ein bisschen so fühlt wie weiland der Herr von Schnitzler vom DDR-Fernsehen. Gewisse Parallelen sind jedenfalls nicht zu leugnen.

Sebastian Laubinger / 19.09.2018

Und wieder wurde Herr Gniffke von Herrn Broder mit einer Leichtigkeit und einer Eleganz an die Wand genagelt, dass ich mir die Lachtränen abwischen musste. Das sollte Herrn Gniffke eigentlich unheimlich peinlich sein (mir wäre es das!), aber mir deucht, solche Menschen kennen das Wort “Schamgefühl” nur aus dem Duden…

Hans Weiring / 19.09.2018

Herr Broder, “gratis” gibt’s nix im Leben, einer zahlt immer. Dass der Zahler (ob Steuer-, GEZ-Knecht oder wer auch immer) nicht immer freiwillig mit Wonne zahlt, dürfte klar sein. Dass der Chefarzt der ARD-Bundesaufklärung sich auf keine Diskussion einlassen wollte, ob es gerechtfertigt ist, Konzerte der Lieblings-Bands unseres BP und Maas-Männchens aus öffentlichen Mitteln zu fördern, kann ich verstehen. Dr. Gniffke will ja schließlich weiterhin (mindestens) Chefarzt bleiben. Obwohl, die neuesten Vorgänge aus der Anstalt Berlin zeigen, dass Querschlagen auch zur Aufbesserung der monatlichen Bezüge führen kann. Wenn das man nur nicht Schule macht und ausartet ...

Wolfgang Kaufmann / 19.09.2018

Zunftgerechter Journalismus macht es sich zur Aufgabe, den Leser zu befähigen, sich einen eigene Meinung zu bilden, so wie gute Erziehung die Kinder zum Selberdenken erzieht. Derzeit aber spielen viele Ideologen lediglich ihre Macht aus, um die Klientel zu willenlosen Zombies zu machen. Sie haben nicht verstanden, dass im Liberalismus von der Konkurrenz letztlich alle profitieren, bei den Produktivkräften wie bei der Wahrheitssuche.

Arnd Siewert / 19.09.2018

Es ist doch erstaunlich wie die Aroganz der Macht in Ihren Spiegel schaut und dann als Dr. Ihren Fragen keinen Sinn entnehmen kann. Der arme Hans Wurst. Bravo Herr Broder!

N. Schneider / 19.09.2018

Chefearzt, wohl als Chefe-Spin-Doctore zu verstehen (c. 150.000 € jährlich, Stand 2016), nix verstehen gemeine Zwangsgebührenzahler (gesetzlich Fernseh-Versicherter).

Sabine Reith / 19.09.2018

Lieber Herr Broder, Ein köstlicher Beitrag und brillant formuliert. Dagegen möchte Herr Kniffke bestimmt nicht abschmieren und hat deshalb nicht geantwortet. Das Konzert war für die Teilnehmer kostenlos, zudem eine kostenlose Werbeveranstaltung für Flixbus, Coca Cola und co., aber wie immer zulasten der Steuerzahler, die alles bezahlen müssen. Wäre die Veranstaltung zugunsten des Getöteten und seiner Familie gegangen, hätte man noch Verständnis zeigen können, so aber bleibt ein mehr als böser Nachgeschmack.

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