Milliarden fließen in die Digitalisierung der deutschen Verwaltung, doch das Ergebnis ist oft kein Fortschritt, sondern elektronisch betonierter Irrsinn. Wer heute wichtige Dokumente beim Jobcenter abgibt, schickt seine Papiere unfreiwillig auf eine mehrtägige Reise quer durch die Republik – nur um am Ende im digitalen Labyrinth zu stranden. Wenn schon bürokratieerprobte Muttersprachler an 10-Megabyte-Limits und dem darauffolgenden Behörden-Koma verzweifeln, bleibt eine Frage unbeantwortet: Wie soll das eigentlich jemals ein Mensch schaffen, der der deutschen Sprache kaum mächtig ist? Ein Erfahrungsbericht aus dem Land des High-End-Amtsschimmels.
Der Endgegner am Empfang
Wenn man ein gewisses Alter erreicht hat – nennen wir es respektvoll das Rentenalter –, ist man eine Sorge los: Das Jobcenter ist für einen nicht mehr zuständig. Man könnte sich also entspannt zurücklehnen. Aber weil ich das Elend nicht mitansehen kann, gehe ich eben für andere hin. Als familiärer Vorhut-Späher im Dickicht der deutschen High-End-Bürokratie.
Unser jüngstes Projekt: Ein existenzieller Antrag für die Familie. 90 Seiten stark. Jedes Dokument penibel geprüft, chronologisch sortiert, liebevoll gestapelt und in einen dicken Umschlag gebettet. Ein Manifest des guten Willens. Da die Sache brennt – und zwar lichterloh –, beschließe ich, das Werk persönlich am Schalter abzugeben. Sicher ist sicher. Dachte ich.
„Schmeißen Sie es bitte in den Briefkasten“, tönt es mir am Schalter entgegen. Der Zeigefinger der Dame schnellt nach vorne, unerbittlich wie ein preußisches Bajonett, und deutet auf den grauen Schlitz in der Wand.
„Die Sache ist aber eilig für die Familie“, versuche ich es mit Logik. „Sehr eilig.“ – „Schon okay, der Briefkasten wird täglich geleert.“ – Nun bin ich kein Anfänger im Behörden-Bingo. Es ist 11 Uhr vormittags. „Ist der Kasten denn heute schon geleert worden oder kommt das noch?“, frage ich. Eine durchaus berechtigte Frage. Denn wenn die Leerung für heute durch ist, geht mein Umschlag erst morgen auf die Reise. Ein verlorener Tag im bürokratischen Koma.
Die Antwort? „Datenschutz!“ Welches Staatsgeheimnis die Uhrzeit einer Briefkastenleerung berührt, bleibt das Geheimnis der Bundesagentur. „Letzte Woche“, bleibe ich hartnäckig, „hat Ihre Kollegin mir einen Umschlag noch freundlicherweise abgenommen.“ – „Machen wir nicht!“ Akte zu. Vorhang runter.
Da sehe ich zufällig die zuständige Sachbearbeiterin auf dem Flur. Sie erkennt mich. Ich jage ihr mein supersüßes Premium-Lächeln rüber, sie lächelt zurück. Der kürzeste Weg zwischen zwei Menschen, Sie wissen schon.
„Darf ich Ihnen den Umschlag direkt geben?“, frage ich, den Blick flehend zwischen ihr und der wartenden Familie hin und her bewegend. Doch das System hat sie bereits assimiliert. Ihr Zeigefinger zuckt. Dieselbe Geste, dieselbe Richtung: „Müssen Sie in den Briefkasten schmeißen.“ So viel zum Thema kürzester Weg. Ich füge mich dem Schicksal und lasse den Umschlag in den Orkus gleiten. Klapp. Weg ist er. Sie muss mein Lächeln dann wohl doch nachträglich erweicht haben, denn sie dreht sich noch einmal um: „Online geht das übrigens viel schneller. Sie haben doch die Zugangsdaten der Familie.“ – „Schon“, rufe ich demütig, „aber das sind an die neunzig Seiten. So viel Zeit zum Scannen habe ich nicht.“ Sie zuckt die Achseln. „Müssen Sie wissen. Dann dauert es halt noch länger. Viel länger. Denn so ein Dokument geht erst mal auf Deutschlandreise, bevor es gescannt wird.“
Das Digitalisierungs-Märchen: Die Große Post-Rundreise
Was sie mir dann in aller Kürze über das „Moderne Regieren“ erzählt, klingt wie das Drehbuch für eine Satireshow, ist aber bittere, steuerfinanzierte Realität im besten Deutschland aller Zeiten. Wenn Sie einen Brief ins Jobcenter werfen, passiert folgendes: Die Mitarbeiter vor Ort öffnen Ihren Brief nicht etwa. Wo kämen wir da hin? Die ungeöffnete Post wird in großen Transportboxen gesammelt. Dann kommt der Kurier und fährt diese Boxen quer durch die Republik in eines der zentralen High-Tech-Scanzentren der Deutschen Post – je nach Region nach Böblingen, Halle, Berlin oder Köln. Hunderte Kilometer Fahrt, um den CO2-Abdruck der Bürokratie zu optimieren. Dort angekommen, bricht das Zeitalter der menschlichen Roboter an: Wildfremde Menschen öffnen im Akkord die Briefe, entfernen Büroklammern, glätten Eselsohren und jagen die Blätter durch industrielle Hochleistungsscanner. Eine OCR-Software sucht nach der Bedarfsgemeinschaftsnummer und lädt das Ganze als PDF in die „e-Akte“. Erst dann – nach etwa drei bis sieben Werktagen – ploppt das Dokument auf dem Monitor meiner Sachbearbeiterin auf.
Dieselbe Frau, die fünf Meter neben dem Briefkasten steht, in den ich es gerade geworfen habe. Das Originalpapier wird übrigens nach ein paar Wochen geschreddert. Mir dämmert das Absurde der Situation. „Das heißt“, frage ich die Sachbearbeiterin fassungslos, „wenn ich Ihnen den Umschlag jetzt in die Hand gedrückt hätte, hätten Sie ihn auch nur in den Briefkasten geschmissen, damit er nach Köln reisen kann?“ – „Ja!“ – „Kann ich den Umschlag dann bitte wieder herausholen? Ich scanne es doch selbst!“ – „Geht nicht. Datenschutz!“
Ich muss laut lachen. Datenschutz. Die heilige Kuh. Wenn ich meine intimsten Finanz- und Lebensdaten in einen Kasten werfe, damit sie von Fremden in einem Scanzentrum in Sachsen-Anhalt oder im Rheinland händisch sortiert werden, ist das „vollkommen korrekt“. Wenn ich meinen eigenen Umschlag zurückhaben will, droht der Systemkollaps. Wenn ein Dokument zwei Wochen lang auf Wanderschaft gehen muss, um auf einem Bildschirm sichtbar zu werden – nennt man das dann eigentlich „Digitalisierung“ oder einfach nur staatlich verordneten Arbeitsbeschaffungsirrsinn?
Zuhause angekommen, packt mich der Ehrgeiz. Ich schmeiße den Heim-Scanner an. 90 Seiten. Es dauert gefühlte Ewigkeiten. Am Ende prallt die Realität des deutschen Cyberspace frontal auf meine Bemühungen: Das Online-Portal des Jobcenters beschränkt die maximale Sendekapazität pro Nachricht auf lachhafte 10 Megabyte. Meine gerade noch lesbaren Dokumente wiegen im PDF-Format aber stolze 140 Megabyte. Die Lösung? Ich zerhacke die Existenz der Familie in zwölf mundgerechte digitale Häppchen. Mail 1 von 12, Mail 2 von 12 ... Ein digitaler Terrorakt gegen mein eigenes Nervenkostüm. Aber geschafft. Ein Hoch auf die schöne neue Online-Welt!
Das furiose Finale
Schnitt. Vier Wochen später. Ein offizieller Brief vom Jobcenter flattert ins Haus. Die Familie ruft mich an. Wir treffen uns in der Stadt. Ist es der erlösende Bescheid? Die Rettung für die Familie? Ich öffne den Umschlag. Es ist ein Schreiben zur „Mitwirkungspflicht“. Aufgelistet werden mit deutscher Gründlichkeit exakt jene Dokumente, die ich vor vier Wochen per digitaler Zwölftonmusik hochgeladen habe – und die vermutlich gleichzeitig noch als Papierversion auf der Route Köln-Böblingen im Stau standen. Nichts ist da. Nichts wurde gefunden. Und hier schließt sich der Kreis zum ganz großen politischen Schauerstück. Seit Jahren überbieten sich die Regierungen in Berlin mit immer neuen Digitalisierungsbudgets. Sondervermögen hier, Modernisierungspakete dort – Milliarden fließen in die Verwaltung. Doch diese Posse zeigt: Mit Geld allein ist es nicht getan.
Wenn Deutschland digitalisiert, dann eben auf „Deutsche Art“: Das Papier wird zwar abgeschafft, aber der dahinterstehende bürokratische Irrsinn wird nicht vereinfacht, sondern elektronisch betoniert. Aus dem analogen Formular-Dschungel wird ein digitales Labyrinth. Kompliziert bleibt es immer – jetzt nur mit höherer Prozessorleistung. Die Klärung des Sachverhaltes – natürlich unter strengster Beachtung aller Datenschutzrichtlinien, steht bis heute aus. Kafka hätte in diesem Land keine Romane schreiben müssen. Er hätte einfach nur versucht, einen Antrag online einzureichen.

Jetzt mal aus Sicht des Steuerzahlers, der den ganzen Zirkus bezahlt: Jobcenter-Sachbearbeiter sind teurer als Hilfskräfte in zentralen Scan-Zentren. Es ist also sinnvoll, Unterlagen billig zentral zu scannen, statt vor Ort per Hand in die elektronische Akte zu nuckeln.
Wären die Unterlagen nicht lokal abgegeben worden, sondern per Post verschickt, dann hätten sie auch keine Rundreise gemacht, sondern wären direkt beim Dienstleister gelandet.
Das ist in großen Firmen übrigens Standard.
Etwas seltsam ist es auch, sich über mangelnde Digitalisierung zu beschweren, wenn es ausdrücklich um analoge Kommunikation geht. Der digitale Weg ist das Online-Portal. Darüber kann man sich durchaus beschweren, aber das hat nichts mit Umschlägen und Postgeheimnis (nicht jeder hat einen Briefkastenschlüssel) zu tun.
Für 90 Seiten komme ich im übrigen auf 20 MB. In der Regel ist es ohnehin sinnvoll, Unterlagen logisch in mehrere Dateien aufzuteilen. Viele Unterlagen liegen heutzutage auch schon digital vor – da gäbe es keinen Medienbruch und die Dateien sind deutlich kleiner.
Datenschutz, die Lachnummer schlechthin.
Was meinen sie wohl, wer alles Zugriff auf die Serverdaten der Behörden hat?
Meist ausgelagert an einen privaten Betreiber…..
Korrekt wäre, alle Unterlagen sind verschlüsselt und der Sachbearbeiter muß gemeinsam mit dem Dateneigentümer, nur zum Bearbeiten, auf dem Client-Arbeitsplatz freischalten und danach wieder verschlüsseln.
Dazu eine Historie (Metadaten) wer Zugriff hatte und wer wann was wozu kopiert hat.
Letztendlich funktioniert Datenschutz genauso wenig wie Zensur.
Schon die DDR Grenzer konnten die Inhalte der Röhrenmonitore der Grenzer West mitlesen.
Viel schlimmer ist die Willkür vieler Sachbearbeiter.
Ich habe selbst erlebt, wie der LK die 20jährige Irakerin aufforderte, sie möge doch höchstpersönlich nach Mossul reisen um sich einen irakischen Personalausweis zum hier Einbürgern lassen zu besorgen… wo das Mädchen doch, als sie 13 war, vor der IS Zwangsverheiratung von der Familie per Flucht bewahrt worden war.
Die SBin kennt nicht mal den Unterschied „und“ zu „oder“ im Formularabarbeiten und lässt die Dokumentenprioritätenvorgaben völlig ausser acht. Von der Flüchtingsgeschichte mal ganz abgesehen.
Das selbe Spiel dann mit ihrem Bruder, der war bei der Flucht gerade drei Jahre alt.
Pech mit dem Landkreis. In Bremen wären alle längst eingedeutscht. Bei der Integrationsleistung verdient. Alle in Arbeit, Ausbildung absolviert. Nur der Kleine, der geht noch zur Schule.
Und so zahlt der Vater schön Schmiergeld im Botschaftsbetrieb und bekommt genau: nichts.
Da muss man zu „Vertrauensleuten“ gehen und die besorgen dann einen Termin (gg Knete).
Läuft bei der deutschen Botschaft in Irak auch so. Der Bruder des Vaters ist dann zur französischen Botschaft und bekam sein EU Visum Schmiergeldfrei.
Deutschland, die Altparteien schaffen dich (ab).
Der Grund liegt doch so offensichtlich auf der Hand : Die Welt der Beamten will NICHT digitalisiert werden ! Warum ? Der Grund ist ebenso einfach und offensichtlich ! Die „ Arbeit “ der Beamten soll und darf auf keinen Fall kontrolliert werden ….. von Was bitte sollen dann überflüssige Staatsdiener denn leben ?
Sehr geehrter Herr Dener, wie wollen Sie so einem Land helfen? Das beste Deutschland aller Zeiten hat viel Luft nach oben, springt aber immer klassisch untendurch. Ich habe keine Ahnung, was man auf 90 Seiten wissen will, ist aber bestimmt ganz, ganz wichtig. Die spinnen, die Römer….
Mfg
Nico Schmidt
Aber lieber Herr Dener, Sie übersehen einen gewaltigen Fortschritt. Ein Scan eines Dokuments wird von der Behörde anerkannt, früher wäre das Original zwingend erforderlich gewesen. Köstlich auch immer der Hinweis auf den „Datenschutz“, hinter dem man sich so schön verstecken kann. Sie können anrufen wo sie wollen, ob bei Ausfall der Müllabfuhr oder einem medizinischen Notfall, als erstes erhalten sie den Hinweis auf den Datenschutz. Wenn sie aber ein Ticket für einen Parkverstoß erhalten, werden sie feststellen, daß die Digitalisierung auf diesem Sektor super funktioniert. Es geht schließlich um Einnahmen für den Haushalt.
Der größte Fehler der Politik seit geraumer Zeit ist und war zu sagen: DE ist ganz toll, kommt, das Paradies (auf Erden) ist so nahe. Freut mich, dass Herr Dener hier etwas gegensteuert … . Schließlich berät er die Deutschen seit Jahr&Tag;.
Wenn die „deutsche Art“ dazu führen könnte, dass keiner mehr kommt, dann wäre das eine gute Sache. Denn sie nerven bloß und kosten. Allah wird sie schon herdigitalisieren.