Die Börsen laufen heiß. Mein Freund Carl, der bis zum Sommer noch nie eine Aktie besessen hatte, schickt mir nun fast täglich Screenshots seiner Tagesgewinne per WhatsApp.
Er ist investiert in alles, was gerade gefragt ist: Künstliche Intelligenz, Chipaktien, Quantencomputer – und auch in Gold und Silber. Seine Tipps bekommt er aus einem kostenlosen Newsletter.
Allein im September hat er 25 Prozent Gewinn gemacht. Wenn er das jeden Monat schafft, wären das 1355 Prozent pro Jahr. In zehn Jahren würden tausend Euro zu 33 Milliarden. Kurz: Aktiengewinne zu machen, wirkt derzeit zu einfach, als dass es lange gut gehen könnte. Die Geschichte kennt viele Episoden, in denen sich ganze Länder in einen kollektiven Börsenwahn steigerten. Und jedes Mal folgte auf die Euphorie der Absturz.
Die „schicken 50" Aktien von 1970
Ein eher Insidern bekanntes Beispiel waren die Nifty-Fifty-Aktien („schicke fünfzig“) der frühen 1970er-Jahre. Damals galt an der Wall Street: Es gibt Aktien, die kann man einfach kaufen – und nie wieder verkaufen. Coca-Cola, McDonald’s, IBM, Xerox, Disney, Johnson & Johnson oder Polaroid – das waren Unternehmen mit scheinbar grenzenlosem Wachstum, zuverlässigem Gewinn und weltbekannter Marke. Man sprach von „one-decision stocks“. Die Bewertungen waren astronomisch – Kurs-Gewinn-Verhältnisse von 50, 60, teils über 100 waren keine Seltenheit. Die Erzählung: Diese Unternehmen sind „too good to fail“, also zu gut, als dass sie in Schwierigkeiten geraten könnten.
Dann kam die Rezession. Ölkrise, Inflation, steigende Zinsen. Viele der gefeierten Titel verloren 70, 80 oder 90 Prozent ihres Werts. Einige wie Coca-Cola erholten sich (und stiegen sehr viel höher), andere wie Polaroid verschwanden in der Bedeutungslosigkeit. Nehmen wir zur Illustration den Kurs des bekannten Unternehmens Xerox.
Zwischen 1962 und 1972 stieg der Kurs des Pioniers bei Fotokopierern auf das 25-Fache. Dann sank er in den folgenden zehn Jahren um 75 Prozent. Sehr viel später ging es vor allem in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre noch ein letztes Mal steil bergauf. Heute steht der Kurs wieder dort, wo er Ende Oktober 1965 notierte. Die Lektion: Selbst exzellente Unternehmen können schlechte Investments sein – wenn man sie zu teuer kauft.
Der Eisenbahnboom
Mitte des 19. Jahrhunderts erlebte Großbritannien die große Eisenbahneuphorie. Um 1843 erholte sich die Wirtschaft von einer Rezession, Zinsen fielen, die Kosten für Eisenbahnbau sanken, und die Einnahmen der Eisenbahngesellschaften stiegen. Anleger witterten eine Revolution. Es war von „Eisenbahngeschwindigkeit“ die Rede. Die Zahl der Eisenbahnpapiere an der Londoner Börse verdreifachte sich binnen zwei Jahren. Die Euphorie war nicht unbegründet – die Technologie war tatsächlich revolutionär. Doch das hinderte die Blase nicht daran zu platzen.
Das gleiche Muster wiederholte sich in den 1920er-Jahren. Die Zukunftstechnologie damals: das Radio. Die Firma Radio Corporation of America (RCA) wurde zur Symbolaktie der Ära. Zwischen 1924 und 1929 verzwanzigfachte sich ihr Kurs – obwohl RCA nie Dividenden zahlte. Anleger sahen im Radio die Zukunft und ignorierten die Bewertungen. Nach dem Crash 1929 verlor RCA den Großteil ihres Werts.
Ähnlich erging es des dem Taxibetreiber Yellow Cab Company, der vom Boom der Automobilstädte profitierte, oder Anaconda Copper, dem damals größten Kupferproduzenten der Welt. Kupfer galt als „Metall der Moderne“ – gebraucht für Elektrifizierung, Motoren, Telefonleitungen und Radios. Banken priesen die Aktie aggressiv an, oft verbunden mit Margin-Krediten an Kleinanleger. Der Kurs explodierte – und brach nach dem Crash 1929 um über 90 Prozent ein.
Man könnte diese Episoden als Kuriositäten der Wirtschaftsgeschichte abtun – wenn sich die Mechanismen nicht in fast identischer Form immer wieder wiederholen würden. In den späten 1990ern etwa, während des Dotcom-Booms, waren es Internetfirmen, die für grenzenloses Wachstum standen. Viele verschwanden nach dem Platzen der Blase oder wurden billig übernommen. Nur wenige Titel wie Amazon oder Microsoft erholten sich langfristig – auch sie brachen aber zunächst drastisch ein. Die Amazon-Aktie etwa fiel zwischen Anfang 2000 und Oktober 2001 um über 90 Prozent. Wer auf dem Höhepunkt im Jahr 2000 eingestiegen wäre und das Papier bis heute gehalten hätte, hätte trotzdem mehr als 1000 Prozent Gewinn gemacht. Doch bei weitem nicht alle Aktionäre werden die nötigen Nerven gehabt haben.
Die psychologische Logik blieb stets gleich: Die Zukunftstechnologie überzeugt – und wird zur Blaupause für grenzenlosen Optimismus. Anleger ignorieren fundamentale Kennzahlen und konzentrieren sich nur noch auf das Narrativ. Es entsteht ein kollektiver Glaube an eine neue Ära, die alte Regeln vermeintlich überflüssig macht.
Heute ist es die Künstliche Intelligenz, die diese Rolle übernimmt. Firmen wie Nvidia, Microsoft oder AMD gelten als die Gewinner des KI-Zeitalters. Der Aktienkurs von Nvidia hat sich in drei Jahren etwa verfünfzehnfacht. Das Unternehmen ist inzwischen über vier Billionen Dollar wert. Dass KI das wirtschaftliche Leben grundlegend verändern wird, ist unbestritten – doch das rechtfertigt nicht automatisch jede Bewertung.
Historisch betrachtet ist es sogar ein Warnsignal, wenn mehrere Assetklassen gleichzeitig im Boom sind – wie derzeit bei Hightech-Aktien und Gold. Das eine steht für Risikofreude, das andere für Sicherheit. Derzeit lautet das Motto offenbar: Hauptsache raus aus Papierwährungen.
Heute: die „Magnificent Seven“
Ein weiteres Warnsignal ist die zunehmende Konzentration. Die sogenannten „Magnificent Seven“ – Apple, Amazon, Alphabet, Meta, Microsoft, Nvidia und Tesla – machen inzwischen über ein Drittel des gesamten S&P 500 aus. Vor zehn Jahren waren es noch 12 Prozent. Diese Unternehmen profitieren vom Narrativ der Unantastbarkeit. Ihre Marktstellung scheint so dominant, dass viele glauben: Diesmal ist es tatsächlich anders.
Doch genau das ist gefährlich. Auch in den 1920er-Jahren sprach man von einer „neuen Ära“. Ein berühmter Yale-Ökonom, Irving Fisher, verkündete im Oktober 1929: „Aktien haben ein dauerhaft hohes Plateau erreicht.“ Kurz darauf kam der Crash.
In einem Artikel der New York Times vom November 1929 – nur Wochen nach dem großen Crash – wurde analysiert, wie zahlreiche ökonomische Theorien der Boomzeit sich plötzlich als Illusion erwiesen hatten. Die Euphorie war dermaßen stark gewesen, dass sogar eine eigene ökonomische Denkschule entstand: die „Jazz-Ökonomen“, die das Ende konjunktureller Zyklen proklamierten.
All diese Beispiele zeigen: Technologische Revolutionen führen nicht automatisch zu ewigen Börsenbooms. Die Eisenbahn hat die Welt verändert – ebenso das Radio, das Auto, das Internet. Und auch die Künstliche Intelligenz wird das tun. Aber nicht jede Firma, die mit diesen Technologien in Verbindung steht, wird auf Dauer zu den Gewinnern gehören. Und schon gar nicht bedeutet Innovation, dass Aktienkurse nur steigen können.
Wenn am Ende sowohl Hightechaktien als auch Gold boomen, wenn Unternehmensmeldungen aus der KI-Sphäre bei Aktien wie AMD oder Oracle zu Tageskursgewinnen von 20 oder 30 Prozent führt – dann ist Vorsicht angebracht. Vielleicht ist diesmal wirklich alles anders. Aber meistens ist genau das der gefährlichste Satz an der Börse.
Stefan Frank, geboren 1976, ist unabhängiger Publizist und schreibt u.a. für Audiatur online, die Jüdische Rundschau und MENA Watch. Buchveröffentlichungen: Die Weltvernichtungsmaschine. Vom Kreditboom zur Wirtschaftskrise (2009); Kreditinferno. Ewige Schuldenkrise und monetäres Chaos (2012).
Beitragsbild: Cjp24 - Own work, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Seit Trump wiedergewählt wurde sind meine Hermés-Aktien über 400 Euro gefallen. Gerade etwas erholt, da geht der Kurs wieder runter, weil Trump China mit Zöllen besiegen will. Trump wirtschaftet nur in seine eigene Tasche. Solch US-Präsident ist der Undertaker der USA und der westlichen Welt. Wenigstens ist mein USA-Rüstungs-ETF kontinuierlich am Steigen.
„nachdem von der US-Autoindustrie nur ein Rostgürtel übrig ist“, unser Russenstusser mal wieder. Immerhin noch die größte Automobilindustrie der Welt.„ Menschenskind, Herrmännchen. Größter Automobilhersteller der Welt ist Toyota (Japan). Gefolgt – noch – von VW (Futschland). Dahinter bereits Hyundai (Südkorea). Riesenschritte machen die Chineskis. Ein “Amerikanski„, die nach der Finanzkrise aus der Insolvenz wieder auferstandene General Motors, (noch) auf Platz 4. Asiatische Hersteller (Japan, China, Südkorea) stehen hinsichtlich ihrer Produktionsvolumina deutlich höher als Europa und die USA zusammen. Qualität, US-Karren: geht einigermaßen. Die fetten SUVs, als Benziner, halten bei ordentlicher Pflege ewig. Saufen halt. Sonstiges: Detroit, vormals Herz der US-Automobilindustrie, ist ein trauriger Haufen Schrott. Selbst nach Mitternacht in Kiew ist es wohnlicher. Den Rust Belt wiederum will ja The Donald wieder hinbekommen – deshalb Deindustrialisierung Deutschlands usw., und Verlagerung der Produktion dorthin. Ob diese Absaugpumpe funktioniert, ist aber nicht sicher. Da Sie, Herrmann, wohl kaum jemals den USA waren, empfehle ich Ihnen eine Reise dorthin. Und zwar in den Rust Belt. Kleine “Event-Tour„. 2 Wochen. Sehr interessant. Mich erinnerte einiges in der Region sehr an Charleroi in Belgien. Abgegammelt, wirklich viel Rostbraun, Zäune, Brachen, Ecken in die man nicht reingehen soll (na ja, teils übertrieben), Drogenproblematik, in Vororten viele Bruchbuden. ABER zugleich viele nette Leute dort. Die sind ganz ok, man kommt gut mit denen ins Gespräch, kann mit ihnen was essen gehen. Auch die Schwarzen sind umgänglich, wenn man selbst nicht wie Graf Rotz aus Deutschland auftritt (wobei die meisten Amerikaner ja größte Mühe hätten, Dschörmänni auf einem Globus zu zeigen, und Österreich liegt in Australien, aber das kollidiert nicht mit dem an und für sich freundlichen Charakter). Herzl. Gruß aus Oberbayern!
@Lars Tragl @Hans-Joachim Gille … mein Kommentar hat nichts mit Schläue zu tun, sondern mit Risikoabwägung. Aktionäre & Landbesitzer im Westen besaßen mehr als 40 Deutschmark.
@Herrmann : Die KI weiß es besser: >>China ist der mit Abstand größte Autoproduzent weltweit: Im Jahr 2023 wurden dort etwa 30 Millionen Fahrzeuge hergestellt. Die Vereinigten Staaten folgen mit rund 10,6 Millionen produzierten Fahrzeugen im Jahr 2022. Japan belegt Platz drei mit etwa 7 bis 9 Millionen produzierten Fahrzeugen pro Jahr. Indien ist die Nummer vier der Welt, mit zuletzt etwa 4,8 Millionen produzierten Fahrzeugen. Südkorea rangiert auf Platz fünf mit rund 3,9 bis 4,2 Millionen Autos jährlich. Deutschland folgt an sechster Stelle mit etwa 3,4 bis 3,5 Millionen produzierten Autos.<< Weiter: >>In den USA wird allerdings sind die Wertschöpfungskette oft durch grenzüberschreitende Produktion mit Mexiko und Kanada verlängert.<<
Speziell die Autostadt Detroit: >>Aufstieg und Boomjahre: In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war Detroit als „Motor City“ das Herz der US-Automobilbranche. Die „Big Three“ (Ford, General Motors, Chrysler) produzierten Millionen Fahrzeuge und machten die Stadt weltbekannt. Die Einwohnerzahl wuchs auf bis zu zwei Millionen, es entstanden Hunderttausende Jobs. Krise und Niedergang: Ab den 1970er Jahren begann durch die Ölkrise, internationale Konkurrenz und Managementfehler der langsame Abstieg. Jobs gingen verloren, Fabriken wurden geschlossen – insbesondere die Automatisierung und der internationale Wettbewerb beschleunigten den Rückgang. Die „white flight“ trieb viele wohlhabende Einwohner in die Vororte und massive soziale Probleme sowie Leerstand prägten das Stadtbild. Um 2009 mussten General Motors und Chrysler wie Ford Staatshilfe beantragen, und Detroit litt weiterhin unter hoher Arbeitslosigkeit und einer schrumpfenden Bevölkerung.<< Sie beweisen immer wieder ihr Unverständnis der englischen Sprache. Oder Sie haben kein Interesse?
Zwei Minuten Googeln nach „Rust Belt“ erledigt das. Wonach googeln Sie denn immer? Wenn man Ihnen sogar die Stichworte gibt. Das ist doch gar nicht mehr mit normaler Ignoranz erklärbar.
@Hans-Joachim Gille, warum sind nicht alle so schlau wie sie, wo es doch so einfach ist? Meine Anlage ist real, wenig Papier, oder gar virtuell , wie digitale Depots, bald auch der Euro. Meine Vorfahren waren nicht reich an Geld oder gar Aktien, aber sie hatten immer mehr als genug zu essen, und konnten die reichen Verwandten durchfüttern, als sie aus der Stadt geflüchtet kamen, nur reale Werte waren gefragt, am Ende hatte jeder 40 Mark.
@L.Luhmann, nein, Gold und Diamanten kann man nicht essen. Und mit Gold und Diamanten kann man sich auch kein Eintrittsticket für den Himmel kaufen. Wenn die Teuerung eintritt, die in der Bibel für die Zeit des Gottesgerichts prophezeit ist, wird es trotz Goldvorräten ganz schnell ganz eng. Laut Offenbarung/Apokalypse 6, Verse 5 und 6, wird der Tagesbedarf an Weizen (= ein Maß) den Tageslohn (ein Silbergroschen) eines Tagelöhners kosten, alternativ drei Maß ernährungsphysiologisch weniger wertvoller Gerste. Da kriegt man ganz schnell Hunger, wenn die Goldvorräte schwinden. Wenn die „Schalen voll vom Zorn Gottes“ über der Menschheit ausgegossen werden (Kapitel 15 und 16), ist sowieso alles zu spät. Jeder wird ernten, was er gesät hat.
@Lao Wei, „Jeder ist seines Glückes Henker“, lautet der Spruch bei mir.