Die Kritiker der Berliner Konferenz “Feindbild Jude - Feindbild Muslim” haben zwar einige aus dem Zusammenhang gerissene Zitate und Unterstellungen präsentiert - gipfelnd in der Behauptung, das Zentrum für Antisemitismusforschung könne sich zu “einem trojanischen Pferd” für den Islamismus entwickeln. Was bisher nicht präsentiert wurde, sind Programm und Ergebnisse der Konferenz. Also Fakten. Hier zum Beispiel ist das Programm. Daraus geht hervor, dass “Judenfeindschaft des radikalen Islamismus” von vornherein eines der vier Tagungsthemen war. Das wurde von den Kritikern der Veranstaltung verschwiegen. Auch der hier zitierte Bericht in der “Jerusalem Post” unterschlug diesen Tagesordnungspunkt - ebenso wie die Tatsache, dass das Zentrum bereits 2005 eine eigene Konferenz zum Thema “Islamistischer Antisemitismus” veranstaltet hat. “German Center Ignores Iranian Threat”: Fairer Journalismus? Oder Germanophobie?
Man kann sich fragen, warum sich das Zentrum für Antisemitismusforschung überhaupt mit dem Phänomen Islamophobie beschäftigt. Allerdings nur, wenn man die Mission Statement des Zentrums nicht kennt. Da die Hüter der einzig wahren Wahrheit über den Antisemitismus sie nicht zitieren: Hier ist sie.
Ein Wörtchen noch zu Matthias Küntzel: ich begreife seine Erwiderung auf meine Kritik als Beitrag zur ideologischen Abrüstung. Wir hatten uns ja vor dieser öffentlichen Austragung unserer Differenzen im Rahmen eines Mail-Austauschs darauf geeinigt, dass es ihm ja nicht darum geht, den Rassismus gegen Muslime herunterzuspielen, und mir nicht darum, diejenigen in Schutz zu nehmen, die Islamkritik mit Islamophobie gleichsetzen. Insbesondere unterschreibe ich jedes Wort in der folgenden Passage, in der Matthias Küntzel vom Rassismus “im post-nationalsozialistischen Deutschland” schreibt, “der nach wie vor nicht nur auf Massenebene sondern auch institutionell verankert ist. Ich kenne zum Beispiel keine andere Demokratie, die indirekt – durch das Verbot der Doppelstaatsangehörigkeit – einen relevanten Teil der Bevölkerung vom „allgemeinen Wahlrecht“ ausschließt. Die Selbstverständlichkeit, mit der hierzulande „Polenwitze“ goutiert werden, gehört dazu und natürlich auch das rassistische Ressentiment gegen „die Muslime“. Dieses Ressentiment existiert in Internet-Foren ebenso, wie in den Texten eines Hans-Peter Raddatz – Texte, die Peter Widmann in diesem „Jahrbuch“ (des ZfA, apo) einer streckenweise lesenswerten und soliden Kritik unterzieht. “
Meine Differenz beginnt bei der anschließenden Passage, in der Matthias Küntzel schreibt: “Es ist aber eine völlig andere Sache, diesen zu bekämpfenden Rassismus mit dem historischen und gegenwärtigen Antisemitismus auf eine Stufe zu stellen.”
Das Problem ist, dass es historisch eben verschiedene Spielarten des Antisemitismus gab (darunter denjenigen des assimilierten jüdischen Bürgertums in Deutschland, dessen sich mein Vater in seinen Memoiren bezeichtigt), und eben nicht nur den eliminatorischen Antisemitismus der Nazis. Auch der gegenwärtige Antisemitismus reicht von, sagen wir, Martin Walser zu Mahmud Ahmadenidschad, und - man mag mich dafür verachten - ich kann mit Walser leben, ja ich mag ihn irgendwie, obwohl ich die meisten seiner Bücher furchtbar finde, und wer weiß, vielleicht wird auf ihn einmal mehr Verlass sein als auf manche heute politisch Ultrakorrekten. Und natürlich gibt es verschiedene Spielarten der Islamophobie, vom Massaker in Srebrenica bis hin zum alltäglichen milden Rassismus, von dem jedes türkische und arabische Kind in Deutschland zu berichten weiß.
Was also wird - durch die Konferenz des ZfA - womit gleichgesetzt?
Meine zweite Differenz besteht in der Wahl der Gegner. Ich betrachte das Zentrum für Antisemitismusforschung eben nicht, wie die “Jerusalem Post” als “deutsches Zentrum, das die iranische Bedrohung ignoriert”, sondern als eine Institution, die in Deutschland und in der Europäischen Union (! ist das schon vergessen, Freunde?) ungeheuer wertvolle Aufklärungsarbeit geleistet hat und leistet. Deshalb ist das Zentrum natürlich nicht über Kritik erhaben, aber sie sollte solidarisch sein, nicht denunziatorisch.