Oswald Metzger, Gastautor / 23.02.2014 / 23:31 / 7 / Seite ausdrucken

„Diebstahl im Kapitalismus!“

Es ist schon skurril: Das Handelsblatt, „Deutschlands Wirtschafts- und Finanzzeitung“, macht eine Wochenendausgabe mit der wie immer rot kostümierten Sarah Wagenknecht auf, neben sich eine güldene Büste von Ludwig Erhard und der Frage: „Die Linke und die Marktwirtschaft – Wem gehört Ludwig Erhard?“

So weit sind wir in der gesellschaftspolitischen Debatte in Deutschland gekommen, dem Land, in dem in einem vierzigjährigen Praxisversuch zwei konkurrierende Gesellschafts- und Wirtschaftssysteme ihre unterschiedliche Leistungsfähigkeit doch anschaulich bewiesen haben!  Die Linke Wagenknecht, mit ihrer Partei politische Erbin der maroden SED-Staatswirtschaft, stilisiert sich heute als Wahrerin ordoliberaler Positionen und zitiert nur zu gern deren Köpfe wie Walter Eucken, Wilhelm Röpke oder eben Ludwig Erhard. Unternehmer und Wirtschaftsverbandsvertreter beklatschen ihre gut bezahlten Vorträge, die Wirtschaftspresse hofiert sie und sie besitzt eine Dauerkarte in den TV-Talks.

Es ist ein Stück aus dem Tollhaus des linken Zeitgeistes, der sich spätestens mit Ausbruch der Finanz- und Bankenkrise 2008 endgültig manifestiert hat. Kapitalismuskritik gehört zum guten Ton - von der FAZ bis zum Papst! In der Tat sind die größten Totengräber unserer marktwirtschaftlichen Ordnung durchaus in der globalen Finanzwelt zu finden. Eine Branche, die sich immer wieder aufs Neue durch exzessive Spekulation und systematische Manipulation in Mißkredit bringt, liefert laufend die Bestä-tigung für den berechtigten Vorwurf, dass Gewinne privatisiert, Verluste aber sozialisiert werden.

Ich werde nie eine Veranstaltung in Hamburg vergessen, lange vor Ausbruch der Bankenkrise, bei der mich der Repräsentant einer angelsächsischen Investmentbank als Redner mit einem kleinen State-ment ankündigte, das ich komprimiert zitieren will: „Hier sitzen Portfoliomanager von Pensionsfonds und anderen institutionellen Anlegern, die rund 3 Billionen US-Dollar Anlagevermögen verwalten. Damit wir von unseren Kunden ihr Geld anvertraut bekommen, versprechen wir ihnen Jahresrendi-ten von zehn und mehr Prozent. In der Realwirtschaft in Deutschland wird seit Jahrzehnten im Mittel ein Wert nach Steuern von durchschnittlich rund 3 Prozent verdient. Was wir versprechen, das nen-ne ich Diebstahl im Kapitalismus!“

Die liberalen Verteidiger unserer Wirtschaftsordnung dürfen sich nicht in die Büsche schlagen, son-dern müssen selbst auf die Barrikaden gehen und kämpfen, damit auch für Banken und ihre Anteil-eigner und Gläubiger (jawohl, das sind auch ihre Kunden!)endlich gilt, was in der Realwirtschaft ziem-lich konsequent praktiziert wird: Spekuliert wird auf eigene Rechnung! Wer scheitert, bezahlt seine Zeche selbst und lässt sich nicht vom Steuerzahler nachträglich die fällige Risikoprämie bezahlen.

Unser erfolgreiches marktwirtschaftliches Modell lebt nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis unserer mittelständisch geprägten Wirtschaftsstruktur vom Leitbild des ehrbaren Kaufmanns. Man ist stolz auf das eigene Produkt oder die angebotene Dienstleistung. Mitarbeiter und Kunden erfahren eine Wertschätzung, die sie langfristig an das Unternehmen binden. Gewinne verbleiben häufig und überwiegend im Unternehmen. In schwierigen Phasen stehen Unternehmer und Mitar-beiter zusammen. Im Fall des Scheiterns tragen alle Akteure ihre Last in jeweils eigener Verantwortung.

Wenn diese Verantwortungsethik nicht in die Finanzwelt implementiert wird, wenn die schärfste Waffe im Kapitalismus, das Scheitern auf eigene Rechnung, in der Finanzbranche weiter systematisch außer Kraft gesetzt ist: Dann wird diese Branche endgültig zum Totengräber unserer marktwirtschaftlichen Ordnung. Dann kann die Linke mit ihrer staatlichen Planwirtschaft triumphieren und sich ganz schnell wieder von Ludwig Erhard verabschieden.

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Leserpost

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Axel Wahlder / 25.02.2014

Erhard hin oder her, was mich wirklich interessiert ist, wie der Deutsche Bundestag samt Regierung und deren Chefin die Ökonomischen Gesetze auszuhebeln vermag, soweit die Zeit gekommen ist. Ich meine so was wie Zypern-Fall, wo das Land Bankrott wird und seine Gläubiger enteignet. Da ist meine Neugierde aber groß.

Thomas Rießinger / 24.02.2014

Es läuft immer auf das Gleiche hinaus: man muss mehr Kapitalismus wagen - einschließlich des Risikos zu scheitern - und nicht etwa weniger. Statt dessen könnte etwas weniger Europa nicht schaden.

Johann Prossliner / 24.02.2014

Man muss eigentlich nur ein paar Seiten in dem Buch “Freiheit statt Kapitalismus” von Sahra Wagenknecht lesen, um Folgendes zu greifen: Erstens schützt Bildung und Intelligenz nicht vor idealistischen Illusionen (bei Frauen noch weniger als bei Männern), und zweitens sind die sanften Flintenweiber Kipping und Wagenknecht durchaus in der Lage, propagandistische Mittel einzusetzen, z.B. eine Ludwig-Erhard-Büste als Überraschungs-Blickfang. Diese gebildeten und intelligenten Damen sind einfach im sozialistischen Idealismus zuhause und sehen keinen Grund, die Wohnung zu wechseln.

Karl Helger / 24.02.2014

Leider ein irreführender Artikel. 3% Wachstum bedeutet den DURCHSCHNITT aus allen wirtschaftlichen Aktivitäten. Von dem selbständigen Zeitungsausträger über den lokalen Bäcker über den Mittelständler bis zu Daimler AG & Co, also auch über alle Branchen. Studien zeigen aber bspw., daß größere Firmen - vor allem Marktführer - eine erheblich höhere Rendite als der Durchschnitt erwirtschaften. Pensionsfonds und andere institutionellen Anleger werden regelmäßig einen großen Teil ihres Portfolios in den Marktführern der jeweiligen Branche investiert haben. Der obige Teil bezieht sich auch erst einmal nur auf Aktieninvestments. Pensionsfonds legen auch in Private Equity- uind Hedge Fonds an (sog. Fund of Fund Investments). Private Equity Gesellschaften steigern ihre Rendite zum einen über den Leverage, zum anderen über operativen Einfluss, der größer und kompetenter als durch Aktionäre bei börsennotierten Gesellschaften ist. (Ja, es gibt auch noch die “Multiple Expansion”, sprich relativ “billiger kaufen als verkaufen”, das ist aber sehr abhängig vom Marktzyklus und kann kaum den Gesellschaften zugeordnet werden). Hedge Fonds setze u.U. auch Leverage ein und haben inzwischen eine unüberschaubare Vielzahl von Strategien, die eine Überrrendite erwirtschaften können. Wenn man jetzt glaubt, wie der angelsächsische Banker, daß die totale Efficient Market Hypothesis zutreffend ist (der Markt weiß alles und man kann den Markt nie schlagen) so sollte doch darauf hingewiesen sein, daß die EMH an unzähligen Einzelbeispielen falsifizierbar ist. Es handelt sich folglich nicht um “Diebstahl im Kapitalismus”.

Theodor Borgwart / 24.02.2014

Wer das Geld hat, hat die Macht. Und das sind nun mal die Banken, weil wir ja imner mehr unsere Industrie abschaffen. Natürlich sollte man auch die Verluste privatisieren. Aber wer setzt das durch?

Michael Genniges / 24.02.2014

Ach, da hat die Wagenknecht also Recht mit ihrer Kritik, sie müsste nur statt den Kapitalismus die “globale Finanzwelt” attackieren? Geht der Autor den Linken auf den Leim oder wechselt er gerade die Seiten? Was kann der von ihm geschmähte “Repräsentant einer angelsächsischen Investmentbank” dafür, dass die herrschende Bürokratenkaste des Westens sich bei ihm Unmengen Geld borgt (das er nicht mal hat), um mit Schulden ihre angeblichen Segnungen fürs Volk zu finanzieren und ihn dann nicht Pleite gehen lassen kann (oder will), wenn er seinen Job macht und auf der Jagd nach Geld selbst in Schwulitäten kommt. Wer ist die Henne, wer das Ei? Irre ich mich, oder ist die Wagenknecht nicht selbst Teil dieser Bürokratenkaste? Wo aber steht Oswald Metzger?

Dr. Albert Krause / 24.02.2014

Herr Metzger, Mit Ihrem Landsmann Schiller und ganz ohne Häme: Sonderbarer Schwärmer!

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