Gastautor / 08.06.2012 / 08:17 / 0 / Seite ausdrucken

Die Zukunft von Auschwitz

Filipp Piatov

Eine unheimliche Welle der Empörung geht durch Deutschland, dringt ein in alle Köpfe und bringt jegliches gesellschaftliche Leben zum Stillstand. Zunächst schien es, als würde die von Bierhoff und dem DFB begangene Gräueltat unbemerkt an der Menschheitsgeschichte vorbei streifen, doch durch eine glückliche Fügung bemerkte Dieter Graumann das abscheuliche Verbrechen.

Es handelt sich um den Besuch Bierhoffs und einiger Nationalspieler im ehemaligen KZ und jetzigen Ausflugsort für jung und alt, Auschwitz. Der erste Verstoß gegen Moral und Würde bestand in der geringen Anzahl der Spieler, die Bierhoff ins Lager begleitete. Nur Klose, Lahm und Podolski besuchten Auschwitz und nicht – wie Graumann bereits seit geraumer Zeit fordert – das gesamte Team.

Der zweite Tritt in die Gedärme des jüdischen Vermächtnisses war der Vorschlag Bierhoffs, das Thema mit den Spielern in Form eines Vortrages oder eines Kamingespräches zu behandeln. Unglücklicherweise war ihm nicht bewusst, dass Kamine eine mörderische Erfindung der Nationalsozialisten waren und der Begriff ‚Kamin‘ seit 1945 nicht mehr verwendet wird.

Doch Bierhoff ging noch weiter. Er beklagte die Vorgehensweise Graumanns, sich zuerst an die Öffentlichkeit anstatt an den Verband gewendet zu haben und somit als Initiator des Besuchs da zu stehen, wo man doch auch ohne Aufforderung nach Auschwitz gegangen wäre. Eine unverschämte und niederträchtige Äußerung, wo doch jeder genau weiß, dass es dem Zentralrat der Juden nie um die Erregung medialer Aufmerksamkeit geht. So konterte Graumann, dass Bierhoff „haufenweise Porzellan zerschlagen“ und „brutal nachgetreten“ habe.

Nun aber genug der Ironie. Dass der DFB, ebenso wie der Rest der Welt, nichts in Auschwitz zu suchen hat, habe ich bereits http://klarelichtung.wordpress.com/2012/03/22/tel-aviv-statt-auschwitz/" title="hier ">hier dargelegt. Dass Graumann ein erneutes Täter-Opfer-Verhältnis schafft, ist jedoch nicht akzeptabel. Mit Inhalt und Wortwahl betont er die ganze Niederträchtigkeit des Bierhoff’schen Handelns, als ginge es Bierhoff darum, den Holocaust gezielt zu verharmlosen und die jüdische Gemeinde zu diffamieren. Dabei wollte der DFB-Vertreter lediglich die Selbstständigkeit und Ehrlichkeit des Besuchs betonen. Eine Unverschämtheit? Nur, wenn Herr Graumann die Rolle der Juden darin sieht, den Deutschen nach Auschwitz zu führen. Offenbar wollte der DFB kein willenloses Lamm sein. Mein Porzellan ist noch heil.

Noch irrsinniger ist die – hoffentlich gespielte – Aufregung über Bierhoffs Wortwahl. Dass ‚Kamingespräch‘ zu den verbotenen Wörtern gehört, war selbst mir nicht bewusst und ich lehne es ab, jedes Wort auf seine historische Korrektheit zu überprüfen. Auch wenn Herrn Graumanns Vorfahren „durch den Kamin gejagt“ wurden, ändert es nicht an der Tatsache, dass die Mannschaft möglicherweise ein Kamingespräch führen wird. Oder sollte man den verdammten Kamin abreissen?

Graumanns Botschaft ist eine furchtbare. Zum einen will er, dass Juden mit zartesten Samthandschuhen angefasst werden und bestärkt den bestehenden Mythos des zerbrechlichen, an der Verarbeitung des Holocaust scheiternden Juden, der bei suboptimaler Wortwahl hilflos betroffen zu Boden blickt. Zum anderen tut Graumann so, als wäre der Holocaust immer noch ein dauerhafter sowie aktiver Bestandteil des deutsch-jüdischen Alltags und versucht somit, jegliche Normalisierungen ebendieses Alltags zu stören.

Dieter Graumann geht es darum, den Holocaust auf ewig mit dem Judentum zu verknüpfen. Natürlich ist die Shoa ein unvergesslicher Bestandteil der jüdischen und deutschen Geschichte. Wenn man jedoch wieder jüdische Kultur à la Stefan Zweig und Max Liebermann in Deutschland sehen will, sollte man in eine Holocaust-freie Zukunft blicken. Denn auch des wichtigsten Themas wird man mal überdrüssig, vor allem in so kreativen und vielfältigen Bereichen wie Kunst, Musik, Literatur und Lyrik, die an aufgezwungener Monothematik im Keime ersticken.

In dem Graumann jedoch druckvoll auf das pausenlose Gedenken pocht, tut er genau dies. Er beschränkt das jüdische Volk auf Auschwitz, Treblinka und Sobibor. Aber wie soll es weitergehen? Was wird in zehn oder zwanzig Jahren sein, wenn der Holocaust noch weiter zurückliegt,  keine Überlebenden mehr unter uns sind und die Juden selbst ihrer Geschichte weniger gedenken. Wird der Zentralrat uns auffordern, den Judenstern wieder ans Hemd zu nähen, um den Deutschen visuell ins Gewissen zu reden und sein historisches Ich zu finden, um ja nicht zu vergessen, was sowieso nicht vergessen wird?

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