Günter Ederer / 01.05.2020 / 06:02 / Foto: Achgut.com / 115 / Seite ausdrucken

Die Würde, sterben zu sollen  

Ave Caesar – Morituri te salutant, Heil Caesar – die Todgeweihten grüßen Dich. So jedenfalls soll es gewesen sein, wenn die Gladiatoren in der Arena Caesar gehuldigt haben, bevor sie sich zur Gaudi der Römer gegenseitig umbringen mussten. Wenn ich zurzeit so manchen Politiker, Philosophen, Wirtschaftsfunktionär oder Publizisten höre, dann fühle ich mich in der Position der Todgeweihten. Ich gehöre zu der Bevölkerungsgruppe, die durch das Coronavirus besonders gefährdet ist. Ich bin bald 79 Jahre alt, habe altersgemäße Vorschädigungen und lebe alleine, bin also auf Hilfe fremder Menschen angewiesen. Habe ich doch schon gehört, dass es gerecht ist, wenn jetzt die Älteren sterben müssen. Ist das doch nur die „Rache der Natur“, die wir zerstört haben und wir deshalb gerechterweise zu den Todgeweihten einsortiert werden? Ob das eine Satire sein sollte, wie das Spottlied im WDR über die alte Umweltsau Oma, konnte ich noch nicht herausfinden.

Direkt wird es mir keiner persönlich ins Gesicht sagen, dass ich halt Pech hätte mit meinem Alter und daher zu den Kollateralschäden des Virusüberfalls gehöre. Sie sagen es aber indirekt und sind so zu identifizieren. Da wurde vor kurzem Heribert Prantl, Ex-Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung interviewt. Den Lockdown kritisierte er gnadenlos. Zum Beispiel sei es unerträglich, dass Angehörige nicht Abschied von ihren sterbenden Eltern oder Partnern nehmen dürften. Das verstoße gegen Paragraph 1 des Grundgesetzes: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Recht hat er!

Aber was ist mit meinem Leben, das der Staat noch nicht einmal schützen will, weil er die „Freiheitsrechte“ einer anderen Personengruppe höher einstuft? Was also ist mit meiner Würde, weiter leben zu können, ohne, in einem sterilen Käfig eingesperrt, auf einen natürlichen Tod warten zu dürfen? Die das anders sehen, sind vor allem die jungen Fridays Demonstranten, die keine Angst vor dem Virus, wohl aber vor dem Weltuntergang durch den Klimawandel haben. Diese in der Überflussgesellschaft Aufgewachsenen repräsentieren die Zukunft, haben das Leben noch vor sich, während ich und meine Altersgenossen sowieso bald abtreten werden, mit Covid-19 nach einem langen Todeskampf durch Ersticken oder einem gnädigen schnellen Herzinfarkt. In den Talkshows kann dann darüber vortrefflich diskutiert werden, ob durch das Coronavirus eine Übersterblichkeit vorliegt oder tatsächlich ein Virustod unterstellt werden kann. 

Die Alten beißen die Hunde

Die Suspendierung fast aller in einem demokratischen Staat verfassten Freiheitsrechte muss vorübergehend im Notfall, bei einer Entscheidung zwischen Leben und Tod, möglich und notwendig sein. Die Wirtschaft fast komplett lahm zu legen, verbunden mit der Zerstörung von Existenzen und Milliardenverlusten kann gerechtfertigt sein, wenn dadurch tatsächlich Menschenleben gerettet werden können. Aber trotz der Mobilisierung von fast allen Virologen, Epidemiologen und schließlich Ethikprofessoren und Verhaltensforschern ist mir trotzdem nicht klar geworden, was das Ziel des Lockdowns, des Stillstandes in Deutschland ist. Um es gleich vorweg festzuhalten: Ich kritisiere nicht, dass die Politiker mehrfach ihre Aussagen und Entscheidungen zur Attacke des Covid-19 Virus änderten. Zu wenig war bekannt – und ist es immer noch –, um genau zu wissen, wie das Virus entstand und wie es sich verhält. Es war und ist teilweise immer noch ein Blindflug durch ein Virenmeer, wie mein Sohn es am 26. März auf der Achse des Guten beschrieben hat.

Aber gerade weil es sich um einen Blindflug handelt, ist die Anmutung, dass wir die Alten und Gefährdeten zu ihrem eigenen Schutz wegsperren müssten, um so niederträchtiger. Sie waren es nicht, die sich beim Après-Ski ansteckten, Karneval in überfüllten Sälen feierten, sich noch zu Bundesligaspielen grölend in die Nasskälte stellten, und die laut aufschrien, als Gesundheitsminister Jens Spahn die heimkehrenden Skienthusiasten aufforderte, sich freiwillig in eine 14-tätige Quarantäne zu begeben. Das hätte viele Infektionswellen verhindert. 

Auswahl zwischen Horrormodellen

Weltweit gibt es alles: Die totale Blockade mit dem Zuschweißen von Haustüren, damit die Bewohner garantiert nicht ins Freie kommen können, wie in Wuhan, bis hin zu Turkmenistan, wo es unter Strafandrohung verboten ist, das Virus überhaupt zu erwähnen. Hier alle Variationen im Umgang mit dem Virus aufzuzählen, würde nur von den grundsätzlichen Erfahrungen ablenken und die lauten: 

1. Das Virus trifft alle. 

2. Die Egomanen und Abwiegler haben ihrem Volk mehr Schaden zugefügt, als dezentrale weitgehend rationale Demokratien. 

3. Versäumnisse in der Gesundheitsversorgung eines Landes wirken sich jetzt verstärkt durch hohe Todesfälle aus.

Ob das jetzt angesichts der Probleme in Deutschland angebracht ist oder nicht: International hat die Bundesrepublik einige Probleme bisher relativ gut überstanden. Eine große Gefahr ist mittlerweile auch, dass verantwortliche Politiker und Mediziner zu oft betonen, dass Deutschland ein Vorbild sei und wir ein hervorragendes Gesundheitswesen hätten. Die latente Neigung zum Größenwahn der deutschen Überlegenheit verstärkt sich gerade.

Dabei war eine gewisse Überheblichkeit von Anfang an sichtbar, als in China schon eine ganze Provinz abgeriegelt wurde und in Italien die ersten Gemeinden den Notstand ausriefen. Statt sich selbstzufrieden auf die Schulter zu klopfen, weil viele Staaten wie Spanien, Großbritannien, Italien und jetzt auch die USA mehr Probleme haben als wir, sind wir gleichzeitig unfähig, die Beispiele zum Vorbild zu nehmen, die mit dem Virus noch besser zurecht kommen und dabei weniger Schäden an der Wirtschaft verursachen als die Bundesrepublik. Und damit sind wir wieder bei der Frage angekommen: Was ist eigentlich das Ziel des Lockdowns in Deutschland?

Was gilt denn nun? Regierungswirrwarr um den Lockdown

Am Anfang, so habe ich es verstanden, ging es darum, die Kurve der Infizierten abzuflachen, damit unser Gesundheitssystem nicht überfordert wird. Das würde erreicht, wenn sich die Zahl der Infizierten nur noch alle fünf Tage verdoppele. Dafür wurden Krankenhäuser umgebaut, um genügend Isolierstationen und Betten für Covid-19-Fälle zu haben, wenn eine Welle losgeht. Bilder aus Bergamo, wo die Ärzte Todesurteile fällen mussten, weil sie nicht genügend Behandlungskapazität hatten, machten deutlich, wie wichtig und richtig die deutsche Zielvorgabe damals war. Dieses Ziel wurde erreicht. Deutschland konnte sogar Schwerkranke aus Italien und Frankeich übernehmen. Die nächste Etappe lautete, die Zahl der Neuinfizierten darf sich nur alle 10 Tage verdoppeln. Am 20. April war die Verdoppelung der Infizierten auf 39,4 Tage angestiegen. Aber das interessierte bei der Diskussion um eine Erleichterung des Lockdowns plötzlich niemanden mehr. 

Ein neuer Begriff wurde jetzt als Ziel angegeben: „R“. Damit wird bezeichnet, wieviel weitere Personen von einem Covid-19-Infizierten angesteckt werden. Sehr eindrucksvoll schilderte die Kanzlerin Angela Merkel, warum R unter 1 gesenkt werden müsse, bevor der Lockdown gelockert werden könne. Schon zwei Tage später wurde vermeldet, R sei bei 0,7 angekommen. Aber wieder entpuppte sich auch dieses Ergebnis als irrelevant. Da niemand weiß, wieviele Corona-Infizierte es in Deutschland gibt, kann unmöglich festgestellt werden, wieviele von wem angesteckt werden. 

Die wechselnden unklaren Zielvorstellungen nähren natürlich die Hoffnung, dass Schulen, Kindergärten, Gaststätten, Hotels, kleine und große Läden usw. schnell wieder öffnen dürfen. Dabei ist es logischerweise zu einem Wettlauf zwischen den einzelnen Ministerien und Ministerpräsidenten gekommen, die so viel wirtschaftlichen Schaden wie möglich von ihrem Land abwenden wollen. Die bisherigen erreichten Etappen haben nicht dazu beigetragen, den Konflikt aufzuheben, der automatisch entsteht, wenn Franziska Giffey zum Beispiel aus berechtigter Sorge um die Kleinen aus benachteiligten Familien wieder die Kitas öffnen will, aber gleichzeitig damit verbunden ist, dass die Großeltern noch mehr eingesperrt werden müssen. Das Gleiche gilt für alle Dienstleistungen, in denen Menschen miteinander in Kontakt treten. Den Friseur kann ich noch arbeitslos machen, aber die Altenpflegerin nicht. Sie wird ihren gefährlichen Job weitermachen, sie ist nicht zu ersetzen.

In einer der letzten Talkshows hat der Arzt und SPD-Abgeordnete Karl Lauterbach ausgesprochen, was wahrscheinlich alle verantwortlichen Politiker ahnen, aber nicht laut sagen wollen: Die jetzigen medizinischen Attacken des Coronavirus werden höchstwahrscheinlich bis ins Jahr 2022 weitergehen. Die Entwicklung eines Impfstoffes gestaltet sich schwieriger, als vordergründig suggeriert wird. Zurzeit hangeln sich Politik und Interessensvertreter von Woche zu Woche, vom täglichen Robert-Koch-Institut Bulletin zum nächsten Virologenpodcast. Ich will hier nicht über die Kosten der Wirtschaftsprogramme spekulieren, die nötig sind, wenn es bis 2022 keinen Impfstoff gibt. Schon jetzt reicht meine Phantasie nicht aus, die Folgen für die weltweiten Billionenprogramme abzuschätzen, die den Globus heimsuchen werden. Wir brauchen dringend eine klar definierte und wirksame Strategie, wie ein einigermaßen soziales, wirtschaftliches und medizinisch verantwortungsvolles Miteinander möglich ist. Und das gibt es. 

Ein Beispiel aus Venetien

Vergessen wir die abwegigen Überlegungen, die Menschheit so lange der Durchseuchung auszusetzen, bis das Virus kein neues Opfer mehr findet. Für Deutschland schätzen einige Virologen, wäre dies mit bis zu 300.000 Toten verbunden. Dass die sich über eine längere Zeit verteilen, tröstet mich nicht unbedingt.

Bleibt also nur die Möglichkeit, Infizierte von Nichtinfizierten zu trennen. Bis auf wenige Staaten (Südkorea, Taiwan, Hongkong, Neuseeland und Australien) wird das bisher mit Lockdowns verschiedener brutaler Methoden versucht, ist aber nicht ausreichend erfolgreich. Aber auch in Europa gibt es ein Beispiel, das erstaunlicherweise kaum erwähnt wird. Es handelt sich um die Stadt Vò Euganeo in der Provinz Venetien. Zusammen mit der lombardischen Stadt Codogno war sie als erste von dem Virus befallen.

Am 21. Februar meldete Vò Euganeo den ersten Virus-Toten Italiens. Von den 3.400 Einwohnern waren 88 Einwohner infiziert. Zusammen mit neun weiteren Dörfern wurde die Stadt zu einer Roten Zone erklärt und total abgesperrt. Die Menschen durften auch ihre Wohnungen nicht verlassen. 95 Prozent der Bevölkerung wurde dann getestet. Er stellte sich heraus, dass 2,5 Prozent der Bevölkerung von dem Virus befallen waren, die meisten Infizierten aber kaum wahrnehmbare Krankheitssymptome zeigten. Drei Wochen nach der Totalblockade gab es keine weiteren Erkrankungen mehr bis heute. Der Gouverneur von Venetien, Luca Zaia wollte daraufhin alle 4,5 Millionen Einwohner der Provinz testen lassen, was die Zentralregierung in Rom aus Kostengründen ablehnte. 

Trotzdem wurde in Venetien dreimal mehr getestet und wirksamere Quarantänen durchgesetzt als in anderen norditalienischen Provinzen, mit dem Ergebnis, dass Venetien heute nur ein Fünftel der Infektionsraten hat. Während in der Lombardei 18,3 Prozent der Infizierten starben, waren es in Venetien nur 6,4 Prozent. Obwohl beide Provinzen gleichstark betroffen waren, hat die eine Provinz es durch Testen und Quarantäne geschafft, fünfmal weniger Fälle zu haben, von denen dreimal weniger starben. Diese Erkenntnisse wurden von italienischen Wissenschaftlern bereits in der dritten Märzwoche veröffentlicht. Erhebt sich für mich die Frage: Warum berichten wir ausführlich über die katastrophalen Zustände in Bergamo, übergehen aber die Erfahrungen von Vò Euganeo? Die Lehren aus Vò und Venetien sind eindeutig ein Dreiklang: Einsatz moderner Technologie (zum Beispiel Massentests), wirksame Quarantäne und Disziplin.

Rostock: Eine Stadt ohne Virus

Aber nicht nur der Erfolg in Vò wird in Deutschland weitgehend ignoriert. Auch in der Bundesrepublik gibt es ein Beispiel, das übergangen wird. Am 24. April meldete die FAZ, dass Rostock die erste Großstadt Deutschlands sei, die vom Coronavirus befreit ist. Diesen Erfolg verdankt die Stadt dem dänischen unkonventionellen Oberbürgermeister Carl Ruhe Madsen und dem engagierten Chef Arndt Rolfs des Biotech-Unternehmens Centogene. Madsen reagierte konsequent gleich auf den ersten Coronafall am 10. März, als andere noch zum Skifahren nach Tirol aufbrachen.

Er schloss alle 44 Schulen und schickte 2.000 der 2.500 Stadtbediensteten nach Hause zum Arbeiten. Centogene ist eigentlich (Massentests) weltweit auf seltene Genkrankheiten spezialisiert, aber hatte das Know-how und die Maschinen, dem Oberbürgermeister zusagen zu können, mit 7.500 Coronatests auszuhelfen. So wurden in Rostock flächendeckend Krankenschwestern, Ärzte, Feuerwehrleute etc. getestet, unabhängig davon, ob sie Krankheitssymptome zeigten oder nicht. So wurden die Infektionsketten frühzeitig unterbunden. Da mag es viele Mitbürger verwundern, dass der Rostocker OB nicht in den Talkshows herumgereicht wird, um ihm zu seinem Erfolg zu gratulieren und vielleicht auch als Vorbild zu dienen. Das Gegenteil ist der Fall.

Als OB Madsen den Massentest organisierte, wurde er heftig angegriffen, weil das Robert-Koch-Institut doch Massentests ausdrücklich ablehnt. Die ganze politische Gesundheitsorganisation griff ihn an. 

1. Die Fachleute aus den Universitätskliniken und der Verband der Ärzte im Öffentlichen Gesundheitsdienst warfen ihm vor, er würde nicht nur gegen die Richtlinien des RKI verstoßen, sondern auch noch die knappen Ausrüstungsressourcen unnötig strapazieren. 

2. Es wurden Bedenken gestreut, dass Centogene mit den Ergebnissen der Untersuchungen nicht gesetzeskonform umgehe. Der Datenschutzbeauftragte legte einen ausführlichen Fragebogen vor. 

3. Das Innenministerium von Mecklenburg-Vorpommern wies alle Beschäftigten der Landespolizei an, nicht an den Tests teilzunehmen, weil diese Tests eine unerlaubte Vorteilsnahme wären. Schließlich bot Centogene die Tests für die Polizei kostenlos an.

RKI und Politik: Die Scheu vor Massentests

Centogene-Chef Arndt Rolfs engagiert sich weiter in der Corona Bekämpfung. Er ist davon überzeugt, dass es möglich ist, mit deutschen mittelständischen Unternehmen eine Million Tests pro Tag zu organisieren, die relativ kurzfristig auf vier Millionen pro Tag ausgeweitet werden könnten. Unterstützung findet er bisher von Patrick Adenauer, der den Verband der Familienunternehmer mobilisiert. Auch erste Unternehmen zeigen sich interessiert. Aber von den politischen Gesundheitsinstitutionen und Politikern greift bisher kein Schwergewicht diese Chance auf, die eine wirkungsvolle Bekämpfung des Virus verlangt: Testen, testen, testen.  

Ein Einwand gegen Massentests allgemein und auch dem in Rostock vom RKI lautet: Wer heute positiv getestet wird, kann sich schon morgen wieder infizieren. Es würde nur eine Momentaufnahme festgestellt. Das ist richtig, macht aber vor allem ein weiteres Versagen in der Bekämpfung der Pandemie deutlich. Der Leitartikel der FAZ vom 25. April auf der ersten Seite war überschrieben: Die größte Peinlichkeit der Corona-Krise. Kritisiert wird die sich ewig dahinziehende Einführung einer Contact-Tracing-App, um die Infektionsketten schnell und zuverlässig unterbinden zu können.

Es hat bis zum 26. April gedauert, bis sich die Regierung für eine dezentrale Tracing App entschieden hat. Aber wann sie zur Verfügung steht, konnte und wollte Gesundheitsminister Spahn nicht sagen. Das lässt neue Verzögerungen vermuten. Vielleicht sind die Anforderungen der deutschen Datenschützer mit einer effizienten App nicht möglich. Vor die Wahl gestellt, mich zwischen einer sicheren Tracing App mit löchrigem Datenschutz und einer weiteren Isolation entscheiden zu müssen, würde ich mich sofort für die Tracing App entscheiden. Statt immer neue sich widersprechende Zielvorgaben für eine teilweise willkürliche Öffnung zu verkünden, sollten die Verantwortlichen in Wissenschaft und Politik aus den besten bestehenden Modellen (vor allem Südkorea, Taiwan) lernen, wie eine kurz- und langfristige Lösung der Corona-Attacke aufgebaut werden könnte, die das soziale und wirtschaftliche Leben erträglich macht, auch wenn es noch bis 2022 dauert, bis ein Impfstoff gefunden ist, der weltweit eingesetzt werden kann.

Stattdessen nehmen die Darbietungen des Zahlenwirrwarrs teilweise groteske Züge an. Am 28. April verkündete das RKI, dass die Infektionsrate jetzt R = 0,96 sei. Das grenzt an hellseherische Fähigkeiten, denn niemand weiß, wie viele Infizierte als „R“ herumlaufen. Also ist auf zwei Stellen genau hinter dem Komma eine Zahl angegeben, bezogen auf eine unbekannte Größe, die aber den Vorteil hat, unter der Zahl 1 zu liegen, die ja leichte Öffnungen bedeuten könnte. Die sind dann das Schlupfloch für alle möglichen politischen Profilierungen und finanziellen Versprechen, über deren Bezahlungen parteienübergreifend geschwiegen wird.

Der Weg aus der Massenquarantäne

Das Modell der Übergangszeit müsste aus einem Dreipunktsystem bestehen. 

1. Massentests, um möglichst alle Infizierten zu finden, bevor sie das Virus verbreiten können.

2. Alle entdeckten Infizierten in strikte Quarantäne-Einrichtungen unterbringen. 

3. Eine effiziente Tracing App, die potenzielle Neuinfizierungen schnell anzeigt.

Wenn auch nur ein Glied dieser Kette vernachlässigt wird, steht eine neue Krankheitswelle bevor. Schmerzlich musste dies Singapur erfahren. Dort mussten die Infizierten zwar eine 14-tätige Quarantäne einhalten, konnten diese aber zu Hause absitzen, wo sie Familienmitglieder anstecken konnten, die weiter auf die Straße durften. Gleichzeitig nutzten nur 17 Prozent der Singapurianer nur noch eine Tracing App, weil sie das Virus in ihrem Stadtstaat für besiegt hielten. Eine massive Welle von Neuerkrankungen war die Folge. Japan mietet Hotels an, in denen Infizierte ihre Quarantäne verbringen müssen. Alle drei Schritte werden in Deutschland nur halbherzig oder gar nicht unternommen. 

Gesundheitsminister Jens Spahn will den Pharmafirmen den Absatz eines Impfstoffes garantieren. Den gibt es noch nicht. Wie wäre es, wenn er den Absatz der millionenfach benötigten Tests garantieren würde? Das hätte sofort einen Einfluss auf „R“. Dazu einen Finanzierungsvorschlag: Statt jedem Bürger einen Gutschein von 250 Euro in die Hand zu drücken, damit er einheimische Lebensmittel kaufen kann (die von importierten Feldarbeiter geerntet werden), wie das die Grünen vorschlagen, bekommt jeder Bürger einen Gutschein in der gleichen Höhe für Virentests.

Das dürfte für sechs Tests reichen.

Moral ist, wenn Alte freiwillig sterben

Als anerkannte moralische Instanz hat sich auch Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble zu Wort gemeldet und dabei die These vertreten, dass dem Schutz des Lebens nicht alles geopfert werden kann. Aber wird zurzeit wirklich alles unternommen, um das Leben zu schützen oder wenigstens erträglich zu machen? Im Moment habe ich eher den Eindruck, dass es nicht um den Schutz des Lebens geht, sondern um politische Machtkämpfe und Volkserziehung.

Was spricht dagegen, dass ich mich testen lasse und dann eine App besitze, die mir sagt, dass ich keinem Infizierten zu nahe gekommen bin? Mein Friseur ist ebenso nachweislich virenfrei und wir können ganz ungezwungen miteinander umgehen. Wer ohne App zu ihm kommt, wird abgewiesen. Das Gleiche gilt für das Restaurant, das ich besuche. Wer sich nicht testen lässt und keine App besitzt, wird abgewiesen. Das ist dann seine Entscheidung. Der Zwang, sich testen zu lassen und eine App zu besitzen, ist dann eher indirekt wirksam, aber nicht so menschen- und wirtschaftsfeindlich wie in der jetzigen Situation. Wir Alten wären dann auch nicht mehr die Aussätzigen des 21. Jahrhunderts. Denn, wie ich es auch drehe und wende: Ich sitze auf der Anklagebank und zähle zu den Überflüssigen. Als noch Überlebender des Coronavirus werde ich aussortiert, was ja auch gerechtfertigt ist, weil ich die Zukunft meiner Enkel als Klimaschädling gefährde. Und da sind wir wieder am Anfang: Als zum Abdanken freigegebener Morituri grüße ich – nicht Cäsar, sondern jene, die den Tod Anderer nicht fürchten. 

Eine ketzerische Idee fällt mir noch ein. Kann es sein, dass die Gleichsetzung der Corona-Pandemie mit dem lebensgefährlichen Klimaschutz, wie die Kanzlerin Angela Merkel es am 28. April anlässlich der Petersberger Gespräche in ihrer Rede machte, ein geschicktes Ablenkungsmanöver von dem tödlichen Virus ist? Um die Pandemie unter Kontrolle zu halten, müssen jetzt schwerwiegende Eingriffe in unser Sozial- und Wirtschaftsleben unternommen werden. Und das Coronavirus lässt sich auch nicht wegreden. Es verbreitet heute Angst, wütet heute, nicht erst morgen oder 2050. Vielleicht relativiert sich ja die Virusangst, wenn dahinter noch ein viel größerer Angstmacher auftaucht: der nicht greifbare Klimaschutz. Wie gesagt, das ist nur eine persönliche Spekulation, oder eine Angst vor dem Größenwahn des Menschen, auch noch dem lieben Gott das Wetter streitig machen zu wollen. Die Klimaangst ist jedenfalls politisch ein dankbareres Gesprächsthema als die tödliche Pandemie.  

Foto: Achgut.com

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Max Blank / 01.05.2020

>>Die Fachleute aus den Universitätskliniken und der Verband der Ärzte im Öffentlichen Gesundheitsdienst warfen ihm vor, er würde nicht nur gegen die Richtlinien des RKI verstoßen, sondern auch noch die knappen Ausrüstungsressourcen unnötig strapazieren.<< . Was kann es Wichtigeres geben, als in einer unsicheren / unklaren Lage, dafür zu sorgen, die nötigen Informationen zu erhalten, um faktenbasierte Entscheidungen treffen zu können? . Das RKI und die Regierung WOLLEN die Panik, sie wollen die Unsicherheit - warum auch immer. Als Zeichen, dass wir alle gute Untertanen sind, tragen wir dann stolz unsere Maske und vertrauen unserer Regierung.

herschelmann jörg / 01.05.2020

werter Herr EdererI Ihr Beitrag zeigt leider eine verbreitete Angewohnheit in Deutschland sich auf das “Gesundheitssystem” zu verlassen und darauf zu vertrauen ,das “man geholfen wird”. Niemand kann einem die Verantwortung für das eigene Leben abnehmen , und die Notwendigkeit sich zu informieren. In dem Land ,in dem ich seit zehn Jahren lebe , ist das absolut nötig, will man nicht mittellos dastehen . Es gibt die Möglichkeit der Selbstmedikation mit Chlordioxid -lösung ( 6 tropfen mit 30 tropfen zitronensaft mischen und 3 min aktivieren dann 200 ml wasser auffüllen -fertig und dann trinken) Funktioniert garantiert und für die Lunge kolloidale Silberlösung ( 20 ppm) mit der Sprühflasche in die Nase gesprüht . Chlordioxid-lösung wird übrigens als Bleichmittel diffamiert , dieses ,und kolloidales Silber ist ein Allroundmittel bei Virusinfekten und gegen Bakterien. Und als letztes : es wirkt ! bei einer Corona -Infektion mit Krankheitsausbruch (bei mir und meiner familie   ,älteste ist 79 jahre alt ).

Wilfried Cremer / 01.05.2020

Eine App als Stempel der Gesellschaftsfähigkeit? Setzen: 6! Dass aus einem Nichts an Wissen Weltgebäude sprießen können, kennen wir doch vom Islam.

Herbert Frankel / 01.05.2020

“dass es nicht um den Schutz des Lebens geht, sondern um politische Machtkämpfe und Volkserziehung”. So wie immer. Politiker sind durchweg nicht an Sachproblemen und deren Lösungen interessiert. Und schon gar nicht interessiert sie ihr Amtseid (gelle, Frau M.?). Das geht ja auch gar nicht, denn wichtigste Voraussetzung für ein politisches Amt in D ist - seit Jahrzehnten - keinerlei Sachqualifikation. Nicht verwechseln: Politiker sind keinesfalls dumm, sie sind nur unermeßlich korrupt, in allen vorstellbaren Variationen (Ausnahmen gibt es noch bei den “Anfängern” in den unteren Ebenen wie Gemeinderat). Business as usual!

Ricardo Sanchis / 01.05.2020

Leider werden die durchaus nachdenkenswerte Überlegungen am Ende zum wenig durchdachten Unfug. Eingeleitet mit dem Brüller: “Als anerkannte moralische Instanz hat sich auch Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble zu Wort gemeldet .” Wie komm der Autor denn darauf, das der Herr - ups da hab ich doch glatt einige zig tausende Spendengelder schlicht in der Schublade vergessen - eine anerkannte moralische Instanz wäre?  Ist das satirisch gemeint? Um dann anschließend alle Menschen zu einer App zwingen zu wollen. Was denn dagegen spricht, wird gefragt: Alle zu einer App zu zwingen?, Wer das nicht wolle wird isoliert und von der gesellschaftlichen Teilhabe ausgeschlossen? Dagegen spricht z.B.  das durchaus angebrachten Misstrauen gegen einer politischen Kaste die schon vor Covit ganz ungeniert angefangen hatte Menschen- und demokratische Freiheitsrechte abzuräumen. Ein wichtiger Grund übrigens warum es auch heutzutage Menschen ohne smartphone gibt. Dagegen spricht das ca 20% der Bevölkerung ( über 16 Jahren ) keinen tragbaren Kleinćomuter besitzt. Die meisten Menschen ohne smartphone befinden sich übrigens in der Altersgruppe des Autors. Die werden also dann nach seiner Vorstellung vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen und dürfen isoliert verhungern?  Vielleicht bekommen sie ja aber auch gnädig Lebensmittel zugeteilt und vor die Haustür gestellt ? Oder sollen sie mit einem smartphone zwangsbeglückt werden?  Ist das etwa auch satirisch gemeint ? Die so Isolierten und Todgeweihten App- und Smartphonelosen grüßen sicher ganz ergeben den Autor dieser Idee.

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