Wolfgang Röhl / 06.10.2014 / 22:49 / 6 / Seite ausdrucken

Die Wolke. Pausewang reloaded

Fast sah es danach aus, islamistischen Terrorbrigaden sei ein Giftgasanschlag auf die Hansestadt geglückt. Ende letzter Woche liefen in Hamburg die Notruftelefone heiß. Eine große Rauchwolke hatte sich an einem warmen Spätsommerabend über einige hafennahe Quartiere gelegt. Aufgeregte Anwohner meldeten Ruß auf ihren Fensterscheiben und Gartenmöbeln. Wirte von Lokalitäten an der Elbe beklagten, manche in der Außengastronomie servierte Speisen und Getränke seien durch Rußpartikel ungenießbar geworden. In einem Krankenhaus schlugen Feuermelder an. Und beim „Hamburger Abendblatt“ war was los! Dann Großeinsatz von Polizei und Feuerwehr mit tatütata, das ganze Programm. Was war geschehen?

Verursacher war das Containerfrachtschiff „Yang Ming Utmost“ einer taiwanesischen Reederei, welches die schwarze Wolke beim Verlassen des Hafens aus seinen Schornsteinen geblasen hatte. Was, wie die Umweltfreunde vom Nabu sofort witterten, an der Verbrennung von billigem Schweröl (Schwefelgehalt bis zu 3,5 Prozent) gelegen habe. Erlaubt ist das nur auf hoher See - davor darf der verheizte Treibstoff nur einen Schwefelgehalt von maximal einem Prozent besitzen. Die Hamburger Hafenpolizei widersprach dieser Version. Sie vermutet einen technischen Defekt. Die Wolke verflog. Tote oder Verletzte wurden nicht aufgefunden. An der Elbe ging das Futtern, Bechern und Flanieren am langen Einheitswochenende weiter, nachdem hier und dort ein paar Putzlappen zum Einsatz gekommen waren. Die zuständigen Behörden gaben kund, so ein Fall sei sehr selten und speziell in Hamburg seit vielen Jahren nicht vorgekommen. Aufregung abgeblasen? So einfach geht das natürlich nicht.

Flugs hatten sich die oppositionellen Grünen des Themas mittels einer Kleinen Anfrage im Hamburger Senat bemächtigt („Giftiger Gruß aus der Hafenküche“). Der mit ihnen verbandelte Nabu sprach gar von einer „kriminellen“ Aktion und beschwor die üblichen Krebsfolgen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Asthma- und verwandte Malaisen herauf, welche die Schwerölverbrennung begünstige. Die Grünen monierten zudem, man hätte den bereits ausgelaufenen Containerriesen stoppen müssen, um alles genau zu klären. Was einiges über die schifffahrtsmäßige Kompetenz der Grünen verrät. Kriminell oder absolut fahrlässig, jedenfalls komplett hirnrissig wäre es nämlich gewesen, einen in einem Fluss fahrenden Containerriesen zu stoppen, um an Bord langwierigen Investigationen nachzugehen, die eben so gut in aller Ruhe bei nächsten Halt des Schiffes im Rotterdam durchgeführt werden konnten. Was dann auch geschah. Über Strafen für die Reederei und mögliche Entschädigungen für die bedauernswerten Rußopfer wird man sicher bald lesen.

Die politischen Hintergründe des Gezeters sind für Nicht-Hamburger uninteressant. Nur so viel: Es geht dabei im Kern um eine seit langem geplante Vertiefung der Elbe, die den Hamburger Hafen international konkurrenzfähig halten soll. Die in Hamburg alleinregierende SPD ist dafür, die Grünen natürlich dagegen – alles, was dieselt, rußt und sonst noch Dreck macht, soll aus der Hafenmetropole möglichst verschwinden. Auch die vielen Kreuzfahrtdampfer, die Hamburgs Touristenboom nicht unwesentlich befördern, sind den Grünen ein Dorn im Auge. Woher das Geld kommt, mit dem sich Hamburg seine ausgedehnten Sozialprogramme leisten kann? Die jeder genießt, der sich als Flüchtling bezeichnet, die jeden alimentieren, der sich als Künstler in mietfreien Räumlichkeiten der Innenstadt verwirklichen möchte? Einem echten Grünen ist das schnurz. Das Geld druckt die Bank, und Frachter könnten doch auch mit Solarkraft fahren, oder?

Zum Reihern, auch ohne Schiffsdieselwolke, ist allerdings dies: Die in Hamburg zwischenzeitlich mal regierende CDU entblödete sich nicht, zusammen mit den Grünen bei dieser durchsichtigen Betroffenheitsshow (Anfang nächsten Jahres wird gewählt) mitzusingen.

Alles wegen einer Wolke, die kam, stank und verschwand.

Auf älteren Gemälden, die man zum Beispiel in der Hamburger Kunsthalle besichtigen kann, ist der Hafen abgebildet, immer der ökonomische Motor der Stadt. Es rauchte da reichlich, aus Fabrikschloten und Schiffsschornsteinen. Die Botschaft der Bilder war keine kritische, im Gegenteil. Der Schornstein muss rauchen, hieß das, und es war durchaus affirmativ gemeint.

Der Hafen ist noch heute Hamburgs großer Bringer. Zum Glück ist es mit dem Rauch und Ruß immer weniger geworden. Obwohl die Schiffe weiter ein- und auslaufen, viel größere Schiffe sogar. Ich habe zehn Jahre im Hamburger Großneumarktviertel gewohnt, nicht sehr weit vom Hafen. Mein weißer Peugeot war in den frühen Siebzigern nach drei Tagen reif für eine Wäsche – alles voller Ruß. Heute kann man sein Auto dort zehn Tage abstellen, ohne dass es zu Mr. Wash muss. Außer, man parkt unter Linden.

Die Hamburger sind ein seltsamer Stamm. Aber auch nicht anders als andere deutsche Stämme. Alle wollen, dass der Schornstein raucht. Aber bitte nur sinnbildlich! Wenn mal was kommt, und sei es die kleinste, etwas stinkende Wolke, schreien sie, als befänden sie sich in Bhopal. 1984, man erinnert sich.

 

 

 

 

 

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Leserpost

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Gerhard Sponsel Lemvig / 08.10.2014

Ach so ! Ich dachte die schwarze Wolke kam zustande weil Hamburgs grüne Gutbürger-Community ihre nun absolut wertlos gewordenen Genußschein von Prokon gemeinsam verbrannten. Nun war es halt ein Containerfrachter. Alles hat seine Zeit !

Bernd Ufen / 07.10.2014

Die technische Kompetenz scheint bei Grünen und dem Nabu ziemlich unterentwickelt zu sein. Wenn der Frachter schwarz gequalmt hat, hat das nichts mit dem Schwefelgehalt im Brennstoff zu tun. Die Ursache ist in den meisten Fällen Luftmangel des Dieselmotors, also Probleme mit den elektrischen Vorgebläsen für Start und niedrige Drehzahl oder es wurde bei langsamer Fahrt zu viel Füllung gegeben. (Laienhaft ausgedrückt, es wurde zu viel Gas gegeben). Die Polizei lag mit ihrer Vermutung also schon ungefähr richtig. Der Vorgang wirft aber ein Schlaglicht auf die Sachkenntnis der Politiker gewisser Kreise und der Medien. Es wäre ja keine schlechte Idee, sich kundig zu machen, bevor man eine kleine Anfrage startet und groß an die Öffentlichkeit geht.

Klaus Kalweit / 07.10.2014

“Alles wegen einer Wolke, die kam, stank und verschwand.” Nein, das scheint nur so. Es ist alles noch da, es hat sich nur verteilt. Eigentlich sollte doch jeder wissen, daß Schiffe auch heute noch zu der größten Luftverschmutzern überhaupt gehören. Man vergleiche nur mal mit der Entwicklung bei Autos und Kraftwerken. Wären die so behandelt worden wie Schiffe, könnte man die Luft schneiden. Ich bin kein Grüner, nicht einmal ein Sympathisant. Doch eine solche die Umwelt belastende Sauerei nenne ich beim Namen.

George Urbanski / 07.10.2014

Ach, und weshalb, Herr Röhl, wohnen Sie in einem Kaff außerhalb von Hamburg in einem “Reetdach-Bauernhaus im Nassen Dreieck zwischen Elbe und Oste” (Werbung Ihres Verlages MCE)? Weil dort die Luft so schön verschmutzt ist? Beste Grüße George Urbanski

Sirion Pistorius / 06.10.2014

“und beschwor die üblichen Krebsfolgen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Asthma- und verwandte Malaisen herauf, welche die Schwerölverbrennung begünstige.” Wenn der Autor wenigstens “begünstigt” geschrieben hätte, aber nein….Ich wünsche diesem viele Schiffe, die mit Schiffsdiesel an dessen Wohnsitz vorbeiziehen. Ach wo, ich inhaliere den staubigen Diesel und die von Kaminfeuern geschwängerte Winterluft täglich zur Gesunderhaltung. Wer braucht schon einen Luftkurort, wo es Schiffsdiesel gibt.

Thomas Müller / 06.10.2014

Die Hamburger Elbvertiefung bringt zudem über 10.000 neue Arbeitsplätze und sichert die bestehenden. Aber das kann diesen Wohlstandsgrünen ja egal sein, was interessiert diese Ökobonzen die Interessen der normalen Bevölkerung. Zudem heißt Wirtschaftswachstum und Arbeitsplätze auch immer Steueraufkommen, was der Stadt und dem Bund zu gute kommt. Außerdem werden die zusätzlichen Hafenarbeiter ihr Geld ausgeben, was zudem der Binnenwirtschaft nützt. Die Elbe ist schon zig mal vertieft worden, ohne dass es der Umwelt geschadet hat, und trotzdem klagen die Ökoverbände beim Bundesverwaltungsgericht in Leipzig dagegen. Die machen sich dann Sorgen, dass durch die größeren Schiffe irgendwelche Brutkästen von irgendwelchen Vögeln weggeschwämmt werden könnten. Dieselben finden nichts dabei, wenn Vögel in Windkraftanlagen reinfliegen und sterben. Und immer mit dem Argument des Eingriffes in die Natur zu kommen. Das ist bei Windkraftanlagen nicht anders. Es gibt bei der geplanten Vertiefung keine Gefahren - also muss man nicht irgendwelche erfinden. Gewisse Auswüchse der Ökoideologie - was nicht heißt, dass alles daran schlecht ist - bringen in der Tat die Gefahr mit sich, Deutschlands Wohlstand zu gefährden.

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