Ralf Schuler / 13.02.2017 / 17:14 / Foto: Tim Maxeiner / 12 / Seite ausdrucken

Die Welt ist aus den Fugen. Wir machen weiter.

Auch Frank-Walter Steinmeier verwendete in seiner Rede vor der Bundesversammlung wie zuvor schon verschiedentlich die Kanzlerin Hamlets Fugen-Zitat („time is out of joint“) und wollte sich auf die Suche nach dem Kitt machen. Gesagt hat er das Gegenteil. Seine Botschaft: Seien WIR mutig, halten WIR Kurs. Doch wer ist WIR? Die AfD wollte er mutmaßlich nicht ermutigen.

Es ist schon bemerkenswert: Da gehen den großen Parteien reihenweise Wähler von der Fahne, wollen nicht mehr in Europa sein (Brexit), finden einen ruppigen Trump hoffnungsvoller als den eingespielten Kompromissbetrieb mit seinen Floskeln und Fingerhakeleien, da setzt sich die AfD zweistellig im deutschen Parteiensystem fest, und in Frankreich, Italien, Österreich, Holland wachsen rechts der Mitte kräftige Bewegungen auf – und Steinmeier ruft dazu auf, dass „WIR“, die anderen, mutig sein sollen. Merke: Wir lassen uns beim Rechthaben nicht von den politischen Schmuddelkindern stören.

Selbstgespräche aus dem Gestern

Motto: Das geht schon weg. Das wird schon wieder verschwinden. Wohl kaum.

An jene, die ganz rechts von ihm im Plenum saßen, die nicht aufstanden und nicht klatschten, an die AfD, hatte er keine Botschaft. Vielleicht war es der Schulz-Rausch, die Trump-Angst oder das wärmende Gefühl, in der Bundesversammlung unter sich zu sein...? Fakt ist: Wer Fugen kitten will, darf nicht nur sich selbst bestärken, sondern muss auch auf die anderen zugehen, zumindest zuhören, verstehen wollen. Das Undenkbare denken: Könnten womöglich die anderen mit anderen Augen auf meine Welt sehen?

In gewissem Sinne war die Bundesversammlung da durchaus repräsentativ: Es waren die Gleichen, die in Bundestag und Länderparlamenten die Dinge ohnehin unter sich ausmachen, dazu ein paar schrille Vögel, Sportler, Künstler, Wirtschaftsleute, die ohnehin mit im demokratischen Boot sind. Und die Störenfriede am rechten Rand. Wer aber – wie Steinmeier – den Zustand der Welt beklagt, darf nicht nur mit und für sich sprechen.

Wenn der Wunsch, Präsident aller Deutschen zu sein, nicht nur eine leere Formel bleiben soll, wird Steinmeier auch für, über oder gar mit jenen sprechen müssen, die ihm nicht applaudiert haben und die er gerade nicht ermutigen, aber hoffentlich doch erreichen will. 

Foto: Tim Maxeiner

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Max Haberer / 14.02.2017

Herr Schuler, da sind Sie aber schön der MSM-Propaganda auf den Leim gegangen: die Bewegungen in Frankreich, Italien, Österreich, Holland sind mitnichten “rechts der Mitte” - sie SIND die bürgerliche Mitte!  Nur, aus der links-grünen Perspektive, aus der auch Sie das Ganze zu betrachten scheinen, wirken sie natürlich “rechts”. Immer eine Sache des Stand-Punkts;  so werfen bei niedriger Sonne auch Zwerge lange Schatten…

R.Richter / 14.02.2017

Die paar von der Nomenklatura einberufenen Alibi-Abstimmer können doch nicht das ganze Volk (Pack) darstellen? Mich hat jedenfalls keiner gefragt, was ich denke. Also, was heißt hier gewählt? Steinbeißer vor, es lebe der Tor. Mehr ist dazu nicht zu sagen.

Herbert Garbe / 14.02.2017

Sagen WIr es ganz einfach, mein “Bundespräsident” ist er, wie heisst er noch, nicht, wie viele seiner Vorgänger.. Da musst doch noch das demokratische System in der BRD weiterentwickelt werden…

Stefan Schultz / 14.02.2017

Es ist ein frommer Wunsch. Die aktuelle Politikerklientel in Berlin wird nie auf den Teil der Bevölkerung zugehen, der ihre Politik ablehnt. Nur im Falle krachender Wahlniederlagen wird es Bewegung geben. Und diese Bewegung wird verlogen sein. Es ist mittlerweile offensichtlich, dass diese Politiker nicht mehr für den Souverän stehen, sondern ihre eigenen Ansichten und Meinungen politisch verfolgen. Wer diesen Leuten weiterhin unreflektiert seine Stimme gibt, hat nicht verstanden, welche Stunde es auf der Uhr gechlagen hat.

Andreas Rochow / 14.02.2017

Es ist tatsächlich immer dasselbe: Vom “Wir” haben diejenigen, die es so gewichtig im Munde führen, offenkundig nicht die geringste Ahnung. Missachtung und Verachtung liegen dicht beieinander.

Wolfgang Richter / 14.02.2017

Man wird kaum von jemandem, der Andersdenkende und “Tickende” von außerhalb des eigenen Biotops als “Haßprediger” oder ähnlich bezeichnet, ernsthaft erwarten können, daß er mental in der Lage sein könnte, gerade mit diesen in eine ernsthafte Diskussion über die Gründe ihres Denkens einzutreten. Dazu dürfte ihm und Gleichgesinnten neben der erforderlichen geistigen Beweglichkeit und Phantasie auch schlicht der Wille fehlen, wie auch die Einsicht der Notwendigkeit, wo es sich im Kreise Gleichgesinnter so wohlig und harmonisch einrichten läßt.

Ulla Smielowski / 14.02.2017

Fakt ist, wir haben die Politiker zu lange sich selbst überlassen… bzw. haben sie alles getan, um uns außen vor zu halten… Wir müssen den Mut haben, denen zu zeigen, wie sehr sie auf dem Holzweg sind…  Allerdings lullen die sich lieber in ihrem konkon ein, erzählen ihren Parteimitgliedern was siezu denken haben…. Wer da ausschert ist draußen, bei jeder Partei… Selbst denken ist nicht angesagt

Karla Kuhn / 13.02.2017

“Seien WIR mutig, halten WIR Kurs.”  Was ist das für einen Aussage. Genau wie Merkels wir schaffen das.  Wer sollen denn die WIR sein und wohin sollen wir den Kurs halten?  Erstens, ich hatte nicht die Wahl ihn zu wählen oder nicht zu wählen, also kann er gar nicht “mein” BP sein.  Auch wenn er nicht “mein” BP ist, erwarte ich klare Botschaften. Und wenn Herr Steinmeier “Wir” sagt, so ist er doch als BP angehalten alle Parteien, auch die, die ihm vielleicht nicht so in den Kram passen zu akzeptieren.  Das ist seine Pflicht als Bundespräsident. Da kann er nicht sortieren,  ob er eine Partei haben möchte oder nicht. Er muß sie ja nicht mögen aber muß sie mit den Respekt behandeln, den auch er einfordern kann.  Wenn er Steinmeier alle Bürger dieses Landes erreichen will, was ja eigentlich der Sinn eines Bundespräsidenten ist, dann muß er sich auch allen öffnen.

Heinz Bannasch / 13.02.2017

“Lasst uns mutig sein” klingt so Konzeption wie “wir schaffen das”

Matthias Braun / 13.02.2017

“Wir”-ein endlos dehnbarer Begriff. Nur ich und “meinesgleichen”? Oder doch auch wir,die dem Staat angehören, aber mit den “Lenkern"zur Zeit unzufrieden sind? “Wir"sollen doch mutig sein,sagt Herr Steinmeier.

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