Walter Schmidt / 24.12.2006 / 19:18 / 0 / Seite ausdrucken

Die Weihnachtsgeschichte in gerechter Sprache

Weihnachten ist im allgemeinen eine problematische Jahreszeit für die Kinder Israels. Während aufrechte Christenmenschen die Ankunft ihres vermeintlichen Messias unter dem durch Mutation aus der Chanukkia entstandenen Weihnachtsbaum freudig und in Saus und Braus begehen, indem sie am Heiligabend zunächst Fisch und anschließend am ersten Weihnachtstag Gänsebraten essen, der dann am zweiten und dritten Weihnachtstag wieder aufgewärmt wird, müssen sich die Kinder Israels mit ihren alles in allem doch recht bescheidenen Sufganiot und Lattkes sowie mit insgesamt nur acht bzw. neun Chanukkahkerzen begnügen, die zu allem Überfluß auch noch der Kaschrut unterliegen und ein Armeleuteessen zu sich nehmen, das man ansonsten alle Tage genießen kann, das man aus Ersparnisgründen jedoch mindestens ein bis zwei Mal in der Woche zu sich nehmen sollte. Hinzu kommen permanente, quälende Nachfragen, warum denn der Heiland aus Bethlehem angeblich nicht der richtige Messias gewesen sei, wo er doch mehr als alle 613 Mitzwot in seinem Leben erfüllt habe und warum die Kinder Israels alle Jahre wieder die zahlreichen Pilger nach Bethlehem mit Waffengewalt bzw. durch schikanöse Kontrollen an der “Mauer” durch Palästina am Betreten der Geburtskirche in Bethlehem zu hindern trachten. Hieran schließt sich in der Regel die Frage an, warum es fast sechzig Jahre nach der Gründung des “zionistischen Gebildes” im Nahen Osten immer noch keinen freien und unabhängigen Palästinenserstaat im Nahen Osten gibt, wo doch Fatah und Hamas sich seit Jahren mit zahlreichen Finanzspritzen aus EU-Mitteln sowie mit nahezu ausschließlich friedlichen Mitteln um die eriichtung eines solchen Staates in den Grenzen des historischen Palästinas bemühen.

Insofern gibt es sie eigentlich schon seit Jahren, die Weihnachtsgeschichte in gerechter Sprache, die sich politisch um das Schließen der Gerechtigkeitslücke zwischen Israelis und Palästinensern im Nahen Osten bemüht und die sich permanent Sorgen um die armen, benachteiligten Palästinenser macht, die sozusagen ständig von den Zionisten diskriminiert und unterdrückt werden.

Nun ist jedoch eine zweite “Weihnachtsgeschichte in gerechter Sprache” hinzugekommen, die sich auch im religiösen Bereich um das Schließen der Gerechtigkeitslücke zwischen den Geschlechtern bemüht. Nicht genug mit dem “Vatermutterunser” von Bärbel Wartenberg-Potter und ihren Gesinnungsgenossinnen mit Doppelnamen (“Ehret ihren Namen!”), nein, auch Ochs und Esel, die Hirten auf dem Feld und der Herr müssen noch durch den Fleischwolf der sog. “Genderforschung” gedreht werden, damit die Weihnachtsgeschichte den mittlerweile hohen Standards der Gleichstellungsbeauftragten in sämtlichen Behörden und Ämtern hierzulande gerecht zu werden vermag.

Und hier mein Vorschlag für eine geeignete Neufassung der Weihnachtsgeschichte:

“In jenen Tagen erließ KaiserIn Augustus/Auguste den Befehl, alle BewohnerInnen des Reiches in Steuerlisten einzutragen. Dies geschah zum ersten Mal; damals war Quirinius/Quirinia StatthalterIn von Syrien. Da ging jeder/jede in seine/ihre Stadt, um sich eintragen zu lassen.
So zog auch Josef von der Stadt Nazareth in Galiläa hinauf nach Judäa in die Stadt Davids, die Bethlehem heißt; denn er war aus dem Haus und Geschlecht Davids. Er wollte sich eintragen lassen mit Maria, seiner Verlobten, die ein Kind erwartete. Als sie dort waren, kam für Maria die Zeit ihrer Niederkunft, und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war.
In jener Ggend lagerten HirtInnen auf freiem Feld und hielten Nachtwache bei ihrer Herde. Da trat ein Engel des Herrn/der Herrin zu ihnen und der Glanz des Herrn/der Herrin umstrahlte sie. Sie fürchteten sich sehr, der Engel aber sagte zu ihnen: Fürchtet euch nicht, denn ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteil werden soll: Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Messias, der Herr/die Herrin. Und das soll euch als Zeichen dien: Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt. Und plötzlich war bei dem Engel ein großes himmlisches Heer, das Gott und Göttin lobte und sprach:
Verherrlicht sind Gott und Göttin in der Höhe, und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner/ihrer Gnade.
Als die Engel sie verlassen hatten und in den Himmel zurückgekehrt waren, sagten die HirtInnen zueinander: Kommt, wir gehen nach Bethlehem, um das Ereignis zu sehen, das uns der Herr/die Herrin verkünden ließ. So eilten sie hin und fanden Maria und Josef und das Kind, das in der Krippe lag. Als sie es sahen, erzählten sie, was ihnen über dieses Kind gesagt worden war. Und alle, die es hörten, staunten über die Worte der HirtInnen. Maria aber bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen und dachte darüber nach. Die HirtInnen kehrten zurück, rühmten Gott und Göttin und priesen ihn/sie für das, was sie gehört und gesehen hatten; denn alles war so gewesen, wie es ihnen gesagt worden war.”

Soweit mein Vorschlag zur Neufassung der Weihnachtsgeschichte in gerechter Sprache. Dieser Vorschlag besitzt gegenüber der inzwischen vorliegenden “Bibel in gerechter Sprache” den eindeutigen Vorzug, daß der Herr nicht gänzlich im Orkus der Neuübersetzung verschwindet, sondern sozusagen in transsexueller Perspektive zur HerrIn mutiert und damit die ursprüngliche heilige Dreifaltigkeit zur bunten, vielfarbig schillernden Vierfaltigkeit werden läßt. Natürlich könnte man nach der Einführung des sog. “Elterngeldes” durch Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen noch zusätzlich die durchaus berechtigte Frage stellen, warum denn nach wie vor aussschließlich die Frauen die Kinder wickeln sollen. Außerdem müßte man im Sinne einer vollkommenen Gleichberechtigung sicher noch die Anrede Gott/Göttin in die richtige Reihenfolge bringen, um dem Artikel 3 des Grundgesetzes vollends genüge zu tun. Dennoch bleibt der o.g. Vorschlag ein eindeutiger Fortschritt gegenüber der bisherigen Fassung, bringt er doch mit Auguste und Quirinia zwei virtuelle Frauen in Führungspositionen, von denen diese bislang nur zu träumen wagten. Natürlich ist es ein Kreuz, daß letztlich nach wie vor die Frauen die Kinder bekommen und austragen müssen, aber vielleicht schafft in diesem Punkt ja eine weitere Neubearbeitung der “Bibel in gerechter Sprache” durch Bärbel Potter-Wartenberg und ihre zahlreichen MitstreiterInnen in naher Zukunft auch noch Abhilfe.
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