Roger Letsch / 24.01.2018 / 16:07 / 17 / Seite ausdrucken

“Die Weber” 4.0

Ich bin wenig zimperlich, wenn es um Anleihen bei den Klassikern der deutschen Sprache geht. Nur bei Heinrich Heine habe ich dabei stets „Respekts-Manschetten“. Und doch geht mir ausgerechnet eine Zeile seines Gedichts „Die schlesischen Weber“ seit Sonntag nicht mehr aus dem Kopf, seit ich die Zerrissenheit der SPD mit ansah und deren finalen Entschluss, als Garant des politischen Überlebens von Angela Merkel erneut zur Verfügung zu stehen, kopfschüttelnd zur Kenntnis nehmen musste.

Einige Formulierungen im Sondierungspapier zur GroKo könnten, sollten sie es tatsächlich in einen Koalitionsvertrag schaffen, in Sachen Massen-Migration die letzten tropfenden Ventile aus dem lecken Boot Deutschland schlagen. Kann man die Wassereinbrüche der letzten Jahre noch auf eklatante Rechtsverletzungen zurückführen, die man abstellen kann, würde das Wasser in Zukunft „mit Recht“ einströmen. Für die Einordnung der europarechtlichen Zusammenhänge empfehle ich den Artikel von Stefan Aust in der Welt, auch wenn er hinter der Bezahlschranke liegt.

Zitat Aust: „Die Kernpunkte der Änderungen [der EU-Gesetzgebung] haben es gerade für Deutschland, das Hauptziel der Masseneinwanderung, in sich. Die Drittstaatenregelung wird gestrichen. Bei jedem Zuwanderer, der eine besondere Beziehung zu einem EU-Staat – zum Beispiel Deutschland – besitzt oder dort Angehörige hat, wird dieser Staat automatisch zuständig für den Asylantrag. Eine Überprüfung ist vorab nicht vorgesehen. Die bloße Behauptung des Asylbewerbers, zum Beispiel in Deutschland Angehörige zu haben, genügt als Beleg.”

„Wir bekommen an einem einzigen Tag mehr neue Zuwanderer nach Deutschland hinein, als wir im ganzen Monat aus Deutschland herausbekommen, betont der Polizist, der jeden Tag die Lagemeldungen aus allen Bundespolizeidirektionen auf den Schreibtisch bekommt..."

Das „Leichentuch“, an dem die Weber in Heines Gedicht mit zusammengebissenen Zähnen webten, beschreibt einen Aufstand von unten. Meine Abwandlung – und der von mir hochverehrte Heine möge mir meine Stümperei vergeben – betrachtet die galoppierende Werte-Erosion, die wir seit einigen Jahren erleben, von oben: Eine Veränderung dieses Landes ohne Sinn und Verstand und ohne Berücksichtigung der Folgen, nicht zuletzt auch für die wunderbare Idee einer europäischen Gemeinschaft, welche heute auf dem besten Weg in Richtung einer zentralistischen Kolchose ist. Ich bin mir ziemlich sicher, dass dieser Weg auch Heine nicht gefallen hätte, egal ob er darüber aus Paris oder Düsseldorf berichtet hätte.

Die GroKo-Weber

Im düstern Auge keine Träne,
Sie sitzen im Reichstag und fletschen die Zähne:
Deutschland, sie weben dein Leichentuch,
Sie weben hinein den dreifachen Fluch:
Sie weben, sie weben!

Ein Fluch dem Lande, in dem sie geboren,
durch Wahlen man hatte sie auserkoren.
Wir haben vergebens gehofft und geharrt,
man hat uns geäfft und gefoppt und genarrt –
sie weben, sie weben!

Ein Fluch der Freiheit, die einst wir erkämpften,
die Hoffnung darauf mit Verbot jene dämpften,
die den letzten Euro von uns nun verprassen,
und uns wie Hunde beschimpfen lassen:
Sie weben, sie weben!

Ein Fluch des freien Unternehmens,
Verteilung statt Leistung sei Sinn des Lebens!
Die Weber zum Sozialismus blicken,
Wo Fäulnis und Moder den Wurm erquicken:
Sie weben, sie weben!

Die Rede fliegt, die Verachtung lacht,
Sie weben emsig Tag und Nacht –
Deutschland, sie weben dein Leichentuch –
sie weben hinein den dreifachen Fluch:
Sie weben, sie weben!

(Sehr frei nach Heinrich Heine)

Dieser Beitrag erschien auch auf Roger Letschs Blog Unbesorgt.

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Leserpost

netiquette:

Chr. Kühn / 24.01.2018

Es hat schon immer drei Gruppen Deutsche gegeben: Eine erste Gruppe, die kleinste, die es machen lässt. Die zweite, etwas grössere Gruppe, die es macht. Und die ganz grosse dritte Gruppe…die, die es mit sich machen lässt. War im Kaiserreich so, war unter’m Adolf so, war in West und in Ost so, und es ist jetzt wieder bzw. immer noch so.

Elke Albert / 24.01.2018

Ich denke Heinrich Heine hätte gegen diese Variante keinen Einwand gehabt. - Mir treibt es gerade die Tränen in die Augen!

Rolf Lindner / 24.01.2018

Ich antworte darauf mit einem der schlimmsten Rechtspopulisten, den Deutschland je hervor gebracht hat. Man braucht den Text fast nicht verändern. Wird sicherlich bald auf die Maasliste gesetzt. Doch ach! Was hilft dem Menschengeist Verstand, Dem Herzen Güte, Willigkeit der Hand, Wenn’s fieberhaft durchaus im Staate wütet Und Übel sich in Übeln überbrütet? Wer schaut hinab von diesem hohen Raum Ins weite Reich, ihm scheint’s ein schwerer Traum, Wo Mißgestalt in Mißgestalten schaltet, Das Ungesetz gesetzlich überwaltet Und eine Welt des Irrtums sich entfaltet. Der raubt sich Herden, der ein Weib, Kelch, Kreuz und Leuchter vom Altare, Berühmt sich dessen manche Jahre Mit heiler Haut, mit unverletztem Leib. Jetzt drängen Kläger sich zur Halle, Der Richter prunkt auf hohem Pfühl, Indessen wogt in grimmigem Schwalle Des Aufruhrs wachsendes Gewühl. Der darf auf Schand’ und Frevel pochen, Der auf Mitschuldigste sich stützt, Und: Schuldig! hörst du ausgesprochen, Wo Unschuld nur sich selber schützt. So will sich alle Welt zerstückeln, Vernichtigen, was sich gebührt; Wie soll sich da der Sinn entwickeln, Der einzig uns zum Rechten führt? Zuletzt ein wohlgesinnter Mann Neigt sich dem Schmeichler, dem Bestecher, Ein Richter, der nicht strafen kann, Gesellt sich endlich zum Verbrecher. J. W. v. Goethe, Faust II, Kaiserliche Pfalz - Thronsaal

R.Hirsch / 24.01.2018

Sehr geehrter Herr Letsch, schon in der Schule hat mich dieses Gedicht bedrückt und zugleich mit Wut und Mut angesteckt. Ihre sehr gelungene Abwandlung bewirkt das gleiche. Ich vertraue jedoch darauf, dass “das Leichentuch Deutschlands” nie fertig gestellt wird. Letztlich werden wir trägen Deutschen aufstehen und unsere Freiheit zurück gewinnen. Ich hoffe inständig, dass uns das ähnlich friedlich gelingt, wie beim Sturz der DDR. Damals waren die Intelektuellen die ordnende Kraft, die Kirche die behütende, wir Bürger die ausführende. Sollte dies heute nicht gelingen, so wird mir Angst und Bange. Der Preis, den Freund und Feind zu zahlen hätten, wäre unermesslich. Bitte weiter nachdenklich und analytisch sein, aber schnell lauter werden!

Richardt Rosenhain / 24.01.2018

Liebe Frau Kuhn, zu Ihrer Frage, warum nichts geschieht. Sehen Sie, wenn Deutsche einen Bahnhof besetzen wollen, dann kaufen sie zuerst eine Bahnsteigkarte. Nun gibt es seit längerer Zeit keine Bahnsteigkarten mehr. Deswegen wird nichts passieren. Was haben Sie übrigens im September 2017 gewählt?

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