David Eickhoff
Eine Wand durchschneidet das Bistro der iranischen Nationalbibliothek in Teheran. Sie ist zwei Meter zwanzig hoch und aus Glas. Sie teilt den Essbereich in zwei Teile. Rechts von ihr stehen Tische und links von ihr stehen Tische. Solche, die bis an die Scheibe herangerückt sind, bilden mit ihren Gegenstücken auf der anderen Seite eine lange Tafel. Nur die Stühle unterscheiden sich der Farbe nach.
Die Scheibe reicht von der Rückwand bis an den Tresen, an dem man seine Bestellung aufgibt. Nur hier bleibt ein kleiner Spalt, durch den man auf die andere Seite schlüpfen kann.
In diesem Bistro gibt es Sandwiche und Salat, Fritten und Fingerfood, Chips und Flips und Kaffee und Kuchen. Auch Mineralwasser kann man kaufen. Das Mineralwasser unterscheidet sich nicht der Farbe nach. Es ist klar und durchsichtig auf beiden Seiten.
Hat man bestellt, bekommt man eine Nummer. Die wird nach kurzer Zeit aufgerufen, man holt sich seine Bestellung und setzt sich an einen der Tische. Da sitzt man dann an seinem Tisch an der Glaswand und packt erst mal das Sandwich aus, das man sich gekauft hat. Dann fährt man sich vielleicht mit der Zunge über die Lippen, öffnet den Mund und will herzhaft zubeißen, da merkt man, wie sich hinter der Scheibe plötzlich etwas bewegt. Man hält einen Augenblick inne, überlegt, was da wohl los ist, wie man reagieren sollte und in der Zwischenzeit ist die Hand mit dem Sandwich schon wieder aufs Tablett hinabgesunken.
Man besinnt sich, hebt den Arm ein zweites Mal, führt das saftige Sandwich zum Mund, denkt sich „Hmmm, dieser knackige Salat!“ und will gerade wieder zubeißen, da dreht sich auf der anderen Seite der Scheibe jemand unverwandt um und starrt zu einem herüber. „Guckt sie jetzt auf mein Essen oder auf den Mann dort hinten in der Ecke?“, fragt man sich und ist perplex. Das Sandwich liegt schon wieder unten auf dem Tablett.
Da sitzt also eine Frau auf der anderen Seite hinter der Scheibe und schaut zu einem heraus. Oder sitzt man selbst hinter Glas und sie schaut zu einem herein? In jedem Fall wird man das Gefühl vom Schaufensterblick nicht los. Und das ist das Stichwort, das die Bombe platzen lässt.
Aufmerksame Lese hatten’s schon lange geahnt: Die Glasscheibe im Bistro der iranischen Nationalbibliothek trennt nicht nur den Raum, sie trennt auch – oder gerade – Männer und Frauen voneinander. Sie ist kein Inneneinrichtungselement, sie ist eine ideologische Waffe, eine Klinge, die den öffentlichen Raum durchschneidet, ein Geschütz, das aufgefahren wurde, um der Zügellosigkeit und den Unsitten Einhalt zu gebieten, die sich nach Meinung einiger in Irans Gesellschaft breit gemacht haben.
All das ist diese Glasscheibe. Außerdem sagt sie einem Westen, der die Frau zur Ware, zur reizenden Schaufensterpuppe degradiert, den Kampf an und bewirkt paradoxerweise doch genau dies: Dass die Frau zur Figur im Schaukasten wird, der Lebenswelt entrissen, der Freiheit beraubt.
Vielleicht ist es ja, will ich mir einreden, einfach eine Geste des Trotzes, ein Innenarchitekt, der sagen möchte: „Schaut her, wir kopieren zwar eure Bistros, aber wir machen sie islamisch, islamisch machen wir sie!“ Und der dazu mit der Faust auf den Tisch schlägt.
Aber welchen Sinn hätte so eine Geste in der Nationalbibliothek, wo doch die denkende Elite des Landes selbst verkehrt? Also ist es wahr, die meinen’s erst! So oberflächlich und unergründet das auch klingen mag. Diese Scheibe ist wie die unsichtbare Hand mit der irgendwelche Moralstrategen (Den Innenarchitekten könnte man bestimmt ausfindig machen, aber der ist ja bei Weitem nicht der einzige von seinem Schlag hier im Iran. Man denke an das Verbot von weiblichem Sologesang, wenn Männer im Publikum sind.), mit der irgendwelche Moralstrategen also den Iranern ihre Vorstellung von Tugendhaftigkeit aufzwingen.
Das ist kein Gestalten, das ist pure Schikane. Wie eine Glasscheibe eben, die vom Himmel fällt und, anstatt in tausend Glück bringende Scherben zu zerspringen, sich zwischen zwei Menschen, zwei Geschlechter schiebt und mitten in ihr Leben dringt.
Man selbst wird aus alledem auch einfach nicht schlau, sitzt immer noch hungrig auf dem Stuhl an dem Tisch neben der Glasscheibe. Soll man seine Tischnachbarin jetzt ignorieren, so tun, als wäre sie Luft?
Man schaut sich um und guckt, wie es die anderen tun. Man kann sich ja an vieles gewöhnen. Haben sich die Iraner auch daran schon gewöhnt? Die Studenten sitzen lässig auf ihren Stühlen, kauen an ihren Sandwichen und schlürfen ihren Tee. Genauso sieht es also aus.
Na dann: Guten Appetit!
David Eickhoff hat Friedens- und Konfliktforschung an der Universität Pisa studiert. Zur Zeit hält er sich für ein Praktikum im Iran auf.