Thomas Rietzschel / 21.06.2019 / 16:15 / 7 / Seite ausdrucken

Die Wahl ist der Rummelplatz des kleinen Mannes!

Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Bereits 1930 erzählte Kaspar Hauser, alias Kurt Tucholsky, die Geschichte „eines älteren, aber leicht besoffenen Herrn“. Sonntagmorgens. eine Woche vor der Neuwahl des Reichstags am 14. September, geht der kleine Mann, Besitzer eines „selbständjen Jemieseladns“ in Berlin, aus dem Haus, um sich bei den Parteien umzuhören, „wat die Leite so wählen dun“: „Es is eine patt… pathologische Flicht!“ 

Erst schaut er „bei die Nazzenahlsosjalisten“ vorbei, danach „bei die Katholschen, die Demokratns, die Sozis“ und zum Schluss „noch bei die kleinern Pachteien“. Überall wird ihm kräftig eingeschenkt. Es gibt Reden, dazu „Brauselimmenade mit Schnaps,  hellet Bia, Molle, Schwedenpunsch, Kimmel und Asbach Uralt“. 

Als der brave Mann abends wieder daheim ist und „blau wien Ritter“ aus dem Fenster fällt - „Hochpachterr“ -, hat er „staatspolitische Einsichten jewonn“. „Alle Rechte“, weiß er, „jehn vom Volke aus. Na, un wenn eener ausjejang is, denn kommt a ja sobald nich wieda“. Deshalb: „Halten Sie die Fahne hoch! … rejiert wern wa doch … Die Wahl ist der Rummelplatz des kleinen Mannes! … Jute Nacht!“ 

So war es nicht gemeint

Soweit die alte Geschichte. Und nun zurück in die Gegenwart, in die demokratisch gefestigten Verhältnissee unserer Tage. Knappe vier Wochen erst sind seit der letzten Direktwahl zum Europäischen Parlament vergangen. Die Beteiligung lag höher als je zuvor. Hatten 2014 gerade mal 48,1 Prozent der Deutschen von ihrem Wahlrecht Gebrauch gemacht, glaubten jetzt 61,4 Prozent mit ihrer Stimmabgabe etwas ausrichten zu können.

Versprochen war ihnen die Legitimierung der EU-Politik durch das Volk, damals, als die Parteien ihre Buden auf dem Rummelplatz aufschlugen. Nun, da die Stände wieder abgebaut sind, die Plakate im Papiercontainer liegen, die Wahl abgefeiert ist, zeigt sich, was ein Tucholsky hätte vorhersagen können: So ernst, wie wir das Spektakel nehmen sollten, war es nicht gemeint. 

Kein Gedanke mehr daran, dass die „EU-Spitzenämter“ entsprechend dem erzielten Stimmenanteil vergeben werden könnten. Vielmehr haben sich die Staats- und Regierungschefs zu einem „geheimen Treffen“ versammelt. Unter sich wollten sie auskungeln, wer die Ämter des EU-Kommissionspräsidenten, des EU-Ratspräsidenten und einige weitere Spitzenpositionen besetzen soll. Was kümmert sie die Wahl von gestern? Das Parlament hat die Entscheidung abzunicken. Die Völker haben ihren Spaß gehabt. Sie durften ihre Stimmen abliefern; dass sie damit etwas bewegen würden, war nie vorgesehen. Schluss mit lustig, Klappe halten. Basta! 

Turmbau zu Brüssel

Jetzt gestalten wieder die politischen Showmaker das Programm. Das Volk sitzt im Parkett. Als Publikum darf es den Hahnen- und Hennenkämpfen zuschauen, darüber staunen, wie sich die üblichen Verdächtigen beim Wettrennen um Posten und Ämter in die Haare kriegen. Merkel mit Macron und beide zusammen mit Orban oder Conte und so weiter, immer weiter. Beim Turmbau zu Brüssel macht ohnehin jeder sein eigenes Ding, komme, was da wolle. 

Die Berichterstattung über nächtelange „Sondergipfel“ – der nächste ist für den 30. Juni angesetzt – wird nachher schon dafür sorgen, dass die Wahl bei den Bürgern schnell in Vergessenheit gerät. The show must go on. „Rejiert wern wa doch“, wusste bereits ein älterer, aber leicht besoffen gemachter Herr im Jahre 1930: „Jute Nacht!“

PS: Als Gott merkte, worauf es beim Turmbau zu Babel hinauslaufen würde, stiftete er nicht nur eine Sprachverwirrung, die das Bauwerk zum Einsturz brachte. Er sorgte zugleich auch dafür, dass sich die Hochmütigen über die ganze Erde verstreuen. (1. Buch Mose) Was den Nachfahren droht, müsste ihnen schwanen, wenn sie noch halbwegs bibelfest wären, während es den Wählern helfen könnte, sich nicht länger an der Nase herumführen zu lassen, würden sie wieder gelegentlich Tucholsky lesen. 

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Leserpost

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Timo mayer / 21.06.2019

Gab es jemals eine Wahlveranstaltung, bei der es anders gewesen wäre, als hier beschrieben? Besonders in Deutschland geschah die letzte Wahl, durch die sich etwas veränderte, im Jahre 1933. Die Veränderung war nicht unbedingt in Richtung des Guten, aber Anhänger der Demokratie müssten eigentlich dennoch mit einem gewissen Wehmut auf diese Wahl zurückblicken, weil damals zumindest bewiesen worden ist, dass Wahlen überhaupt etwas verändern können. Selten und in Ausnahmefällen. Allerdings scheint man sich heute, 90 Jahre nach dem letzten nicht belanglosen Wahlergebnis, sogar davor zu fürchten, dass sich etwas auch nur bewegen könnte. Ich erinnere an den Umgang mit dem sogenannten Populismus, dessen Werbestrategie ja darauf basiert, auf Fehler hinzuweisen, deren Verantwortung er den Eliten zuschiebt, um auf diese Weise seinen eigenen Anhängern die Positionen jener geschmähten Eliten zu verschaffen. Macht stinkt ebensowenig, wie Geld, ganz gleich, woher beides kommt. Wahlen laufen wie beschrieben ab, und selbst wenn Politiker abgesetzt werden, werden sie durch andere ersetzt. Die Erhaltung ihrer neu gewonnen Macht werden sie genau so umsetzen, wie ihre Vorgänger es taten. Man erhält Macht nicht mit den selben mitteln, mit denen man sie gewinnt. Angesichts dieser Situation stelle ich die Frage: Wozu überhaupt noch Demokratie? Warum sollte nicht wieder ein Kaiser eingesetzt werden, oder wahlweise auch ein Diktator? Dann würde sich doch zumindest etwas ändern, und dass Demokratien stets zum Guten streben, und Monarchien/Diktaturen stets zum Schlechten, ist ausgemachter Humbug, den ein Blick aus dem Fenster widerlegt.

Gabriele Schäfer / 21.06.2019

Da kann man nur noch sagen: „ Jute Nacht „ ..... Mir stinkt dieser unnötige, aufgeblasene und seeehr teure „ Schwellkopp“ in Brüssel ungeheuer. Ein Selbstbedienungsladen erster Güte….und der Bürger ist wahrhaftig das verar…..Stimmvieh….

Martin Lederer / 21.06.2019

Ich finde das gut. Ich hoffe die Findung der Kommission dauert mehrere Jahre. Das ist für Europa und alle Länder das beste.

Werner Lange / 21.06.2019

Sehr geehrter Herr Rietzschel, ich vermute, dass der von Ihnen zitierte Betrunkene schließlich der Wahl fernblieb. Ich vermute weiterhin, dass Sie - mit Verlaub - dieses Fernbleiben wegen der Folgen des Alkoholgenusses und einer schon zuvor wirksamen verwirrten Dumpfheit für verständlich halten. Aber nein, das ist kein Jahrmarkt! So enttäuschend das Ergebnis auch sein mag: Niemals darf man seinen Mitmenschen deshalb einreden, ihr Wort, ihre Entscheidung, ihr Wahlschein seien nichts wert, sie seien Begleitmusik zum Jahrmarktstrubel, weil sie schließlich doch nichts bewirken würden. Es mag gänzlich anders ausgehen, doch Wahlenthaltung bedeutet Verlust der Selbstachtung.

Karla Kuhn / 21.06.2019

Heute konnte ich lesen, daß die Kanzlerin ihren Lieblingskandidaten nicht durchdrücken konnte aber auch selber nicht antreten will. Nein ?? Nachtigall ....???  Ich finde, daß sie schlecht aussieht aber schon länger.

Hans Weiring / 21.06.2019

Nun, Herr Rietzschel, bitte fair bleiben. Die Besetzung der Spitzenpositionen scheint mir diesmal doch besonders schwierig und anspruchsvoll zu sein, stehen doch anscheinend keine Kandidaten zur Verfügung, die “Rücken“ haben. Da braucht es noch die eine oder andere Sondersitzung; vielleicht kristallisiert sich noch ein bisher verkannter Kandidat mit Eignung heraus.

P. F. Hilker / 21.06.2019

Die Wahl war ein einziges Possentreiben.

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