Gastautor / 11.06.2012 / 13:34 / 0 / Seite ausdrucken

Die Voraussetzungen der Integration

Eran Yardeni

Wenn es darum geht, sich selbst zu täuschen, übertrifft die Vorstellungskraft der politischen Linke jeden bekannten Maßstab. Solange aber die Selbsttäuscher in ihrem eigenen Wunderland leben und den Regeln ihrer umgekehrten Logik gehorchen, wäre das nicht weiter schlimm. Die Demokratie lebt von falschen Ansichten und jeder hat das Recht, die Pyramide auf den Kopf zu stellen, Ost mit West zu verwechseln und gewissenlose Terroristen mit dem Titel „Freiheitskämpfer“ zu krönen. Das Problem aber beginnt in dem Moment, wo ein lokalpolitischer Fraktionswahn sich zum Volksfest entfaltet, wo der gesunde Menschenverstand vor einer umgekehrten Logik kapituliert, die Ursachen mit Wirkungen ständig verwechselt. 

Ein gutes Beispiel für eine solche parteiübergreifende Sinnenvernebelung bildet der unerschütterte Glaube an die Richtigkeit der folgenden Aussage: „Sprache ist der Schlüssel zur Integration“. Diese sechs Worte gehören zu den Selbstverständlichkeiten der deutschen Politik, genau wie die hysterische Dringlichkeit des Atomausstiegs und die Notwendigkeit der Nachhaltigkeit. Wer hat sie nicht in den Mund genommen? Ab dem 8. März 2012 kann man auf der Internetseite der Bundesregierung lesen, dass „die Kanzlerin und die Ständige Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland (KMK) bei ihrem ersten Treffen das Erlernen der deutschen Sprache als Schlüssel für Integration und Bildung bezeichneten“.

Das war auch die Reaktion der CDU und des damaligen Vorsitzenden der FDP, Guido Westerwelle, auf die umstrittene Rede des türkischen Premierministers, Recep Tayyip Erdogan, in Düsseldorf am Ende Februar 2011.  Das Erlernen der deutschen Sprache sei der “Schlüssel zur Integration”. (FAZ, 28.2.2011). Dieses Klischee ist auch in dem „Arbeitsprogramm der Grünen für Schleswig-Holstein“ zu finden, in dem „gute Kenntnisse der deutschen Sprache“ nicht nur als Schlüssel sondern als „zentraler Schlüssel für Integration“ verstanden werden, sowie auf der Titelseite des Hefts „Wieso-Diskurs“ der Friedrich-Ebert-Stiftung (November, 2010).
Tausende Zeitungsberichte wurden mit dieser Parole dekoriert und niemand weiß, in wie vielen Salongesprächen sie als die einzige logische Schlussfolgerung der Integrationsdebatte gilt.
   
Interessant ist vor allem die Logik, die diesem Klischee zugrunde liegt. Um sie zu verstehen, muss man zuerst die Metapher analysieren. Der Migrant steht vor den himmelhohen Mauern der Aufnahmegesellschaft und will rein. Wenn er es nicht schafft, ist es vor allem darauf zurückzuführen, dass er den Torschlüssel noch nicht gefunden hat. Natürlich kann er auch versuchen, die Mauer illegal durchzubrechen oder über sie zu klettern.

Dann aber soll er sich nicht wundern, wenn er durch solche Initiativen nur Zorn erntet. Ganz herzlos ist die Aufnahmegesellschaft aber nicht, und um solche widergesetzliche Durchbruche zu vereiteln, erklärt sie sich bereit, dem Migranten bei seiner Suche nach dem Schlüssel zu helfen. Bis jetzt tickt alles ganz richtig im Wunderland, abgesehen von einem kleinen nebensächlichen Detail, welches die Schlüsselmetapher außer Acht ließ: Keiner hat den Migranten gefragt, ob er überhaupt rein will. Diese Frage ist aber von enormer Wichtigkeit, denn wenn er nicht rein will, warum soll er sich überhaupt Mühe geben um den Schlüssel ausfindig zu machen?

Die Aufnahmegesellschaft lässt sich aber von solchen kleinen Tatsachen nicht täuschen und sucht weiter nach dem Schlüssel. Dass sie vom Helfer zum einsamen Sucher wird, scheint sie dabei nicht zu stören.

Lassen Sie uns jetzt versuchen, die Pyramide zurück auf die Basis zu stellen. Nicht die Sprache ist der Schlüssel zur Integration, sondern die Integration ist der Schlüssel zur Sprache. Anders formuliert: Integrationsbereitschaft ist eine notwendige (wenn auch nicht hinreichende) Vorbedingung zum Erlernen der deutschen Sprache. Nur wer sich integrieren will, nur wer die Wichtigkeit der Integration und seine Pflicht der Aufnahmegesellschaft gegenüber anerkennt, bemüht sich auch seine Sprachkenntnisse zu vertiefen. Solche Migranten benötigen keine große Unterstützung vom Staat, sie unterstützen sich selbst.

Integration, so wie ich als Migrant diesen Begriff verstehe, ist kein administrativer oder bürokratischer Status sondern Grundeinstellung zum Leben. Integrationsbereitschaft ist eine moralische Position, die nur auf einer ehrlichen Wahrnehmung des Migrationszustands basieren kann. An der Wurzel fast jeder Migrationsgeschichte liegt nicht nur die Hoffnung auf eine bessere Zukunft, sondern vor allem eine in vielen Fällen verdrängte Erkenntnis der kulturellen Überlegenheit der westlichen Welt: Migranten übersiedeln nach Deutschland, weil sie wissen, dass sie hier besser leben können. Und sie können hier besser leben dank den moralischen Werten, auf denen der Wohlfahrtstaat errichtet wurde. Politik, Wirtschaft und Kultur bilden eine Einheit.

Integrationsverweigerung soll deshalb als eine Art von gesellschaftlicher Schizophrenie betrachtet werden: Auf der einen Seite will man die Früchte der demokratischen liberalen Gesellschaft genießen, auf der anderen Seite lehnt man die Werte ab, dank denen diese Gesellschaft existiert und gedeiht. Mit anderen Worten: Nicht die Sprache ist der Schlüssel zur Integration sondern eine westlich- demokratische Weltanschauung. Nur wer die Regeln des demokratischen Spiels anerkennen und akzeptieren will, kann sich in eine demokratische Gesellschaft integrieren, und nur wer sich integrieren will, gibt sich auch Mühe, die deutsche Sprache zu lernen.
   
Die verheerende und unerklärbare Neigung vieler jungen Menschen in Deutschland, die westliche Kultur auf Pornografie, Umweltverschmutzung und Coca-Cola zu reduzieren sowie ihre Neigung, kulturelle Rückständigkeit zu romantisieren, als wäre sie eine Tugend, bilden die andere Seite der Medaille. Hier genießen die antidemokratischen Tendenzen unter bestimmten Migrationsgruppen eine unerwartete Unterstützung von progressiven Aufklärern. Vor diesem antiwestlichen ideologischen Hintergrund werden misslungene Integrationsgeschichten mit kultureller Unterdrückung und systematischer Diskriminierung erklärt. Die Krux an diesem Erklärungsmuster ist, dass es bestimmten Migrationsgruppen die Gelegenheit bietet, sich in der Opferrolle zu verschanzten und dadurch jeder Verantwortung für ihr Leben zu entziehen.

Dieser verwirrte Umgang mit der Tradition der westlichen Grundideen führt die Aufklärer immer wieder tief in das Labyrinth der Widersprüche. Nur um ein Beispiel zu nennen: Auf der einen Seite setzen sie sich für Gleichberechtigung von Mann und Frau ein, auf der anderen Seite aber fordern sie die Anerkennung kultureller Unterschiede. Sie vergessen aber, dass diese Forderung auch die Anerkennung von Kulturen einschließt, in denen die benachteiligte Position der Frau als natürlich gilt. Dieses Phänomen ist überhaupt nicht neu. Auf der außenpolitischen Ebene finden sich eine Menge Beispiele von Intellektuellen, die im Namen der Freiheit die schlimmsten Despoten der Welt unterstützten. Philotyrannen nannte sie der amerikanische Politikwissenschaftler, Mark Lilla. Diesen Orientierungsverlust versuchte er durch den Begriff des platonischen Eros zu erklären. Auf der heutigen innenpolitischen Ebene und im Zusammenhang mit der Integrationsdebatte würde ich mich mit einer anderen bescheideneren Erklärung begnügen: ein tragisches Missverständnis von zwei sich ausschließenden Begriffen: Multikulturalismus und Pluralismus.

Sowohl der Multikulturalismus als auch der Pluralismus beziehen sich auf eine Gesellschaft, die aus mehreren Kulturen besteht. Doch damit erschöpft sich die Gemeinsamkeit. Im Rahmen einer multikulturellen Gesellschaft leben verschiedene Kulturen nebeneinander. Sie kommen miteinander nicht in Berührung, was ein friedliches Nebeneinanderleben garantiert. Als die höchste bürgerliche Tugend gilt in dieser gesellschaftlichen Konstellation die Gleichgültigkeit. Ich störe nicht und will auch nicht gestört werden. Was da hinter der kulturellen Mauer des Nachbarn passiert ist mir egal, solange ich davon nicht betroffen bin.

Pluralismus hingegen sieht die Beziehungen zwischen den verschiedenen Kulturen völlig anders. In einer pluralistischen Gesellschaft leben die verschiedenen Kulturen miteinander und kommen auch ständig miteinander in Berührung. Pluralismus kann aber nur funktionieren, wenn die beteiligten Kulturen einen ideologischen gemeinsamen Nenner haben. Um konkret zu sein: Nur im Rahmen der westlichen Demokratie und unter der Bedingung, dass die beteiligten Kulturen diese demokratische Weltanschauung auch teilen, kann eine pluralistische Gesellschaft entstehen und gedeihen.

Wenn die Grünen von einer „pluralistischen multikulturellen Einwanderungsgesellschaft“ reden, reden sie eigentlich von zwei unterschiedlichen und sich ausschließenden Zielen (Beschluss der 16. BDK BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN in Stuttgart). Weil in demselben Dokument behauptet wird, dass „das Grundgesetz keine Leitkultur kennt, sondern im Gegenteil auf Toleranz, gleiche Rechte und Pflichten für alle setzt, die im Geltungsbereich des Grundgesetzes leben“, soll man sich wirklich überlegen, wie es sein kann, dass die Meister der Mülltrennung die Grundkategorien der Aufklärung und der westlichen politischen Tradition im Grundgesetzt übersehen können. Würden alle heute in Deutschland lebenden Kulturen das Grundgesetz anerkennen und respektieren, würde sich die öffentliche Diskussion über Migration und Integration erübrigen. Die Grünen ignorieren die bloße Tatsache, dass das deutsche Grundgesetz von bestimmten Kulturen abgelehnt wird, genau weil es, mit Recht, die Umsetzung der westlich- demokratischen Lebensweise fordert. 

Ein kulturelles Vakuum gibt es nicht. Wer behauptet, dass das Grundgesetz eines demokratischen Staates keine Leitkultur kennt, der versteht nicht, was Kultur ist. Und wer nicht wirklich versteht, was Kultur ist, soll vielleicht ein bisschen bescheidener sein, wenn er über Multikulturalismus spricht. Nur ein solches begriffliches Missverständnis kann erklären, warum so viele Leute auf Sprachkenntnisse einen solchen enormen Wert legen. Wer sich zur Demokratie nicht bekennen will, den werden auch Tausend Sprach- und Orientierungskurse nicht helfen.

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Paypal via Direktüberweisung
Leserpost

netiquette:

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Gastautor / 24.03.2024 / 10:00 / 48

Kunterbunt in die Katastrophe

Von Florian Friedman. So ziellos er auch mittlerweile durch die Geschichte stolpert, auf eine Gewissheit kann der Westen sich noch einigen: Unser aller Erlösung liegt…/ mehr

Gastautor / 12.03.2024 / 06:15 / 106

Europa 30 Grad kälter? Ein wissenschaftlicher Amoklauf

Von Andreas Zimmermann. Kürzlich machten Panikmeldungen die ganz große Runde, die Temperaturen in Europa könnten um 30 Grad absinken. Bereits schlichtes Nachrechnen entlarvt das ganze Szenario…/ mehr

Gastautor / 06.03.2024 / 06:15 / 147

SOS eines Berliner Lehrers

Von Piotr Kowalski. Hilferuf eines Lehrers, der bereit ist, viele Demütigungen zu ertragen, aber nicht jene, sich nicht mehr als Pädagoge zu betrachten. Nachdem ich…/ mehr

Gastautor / 04.03.2024 / 06:00 / 52

Corona-Aufarbeitung: Skandal-Antworten der Bundesregierung

Von Andreas Zimmermann. Die Bundesregierung beantwortete eine parlamentarische Anfrage zu eklatanten Impfrisiken: Arrogant, ignorant und inkompetent. Und genauso geht sie mit der Gesundheit der Bürger um.…/ mehr

Gastautor / 19.02.2024 / 06:00 / 88

Wasser sparen im Dauerregen

Von Andreas Zimmermann. Wassersparen ist in Deutschland zu einem Fetisch geworden, der sich von den realen Verhältnissen völlig losgelöst hat. Wer die Niederschlagsmengen anschaut, kommt…/ mehr

Gastautor / 18.02.2024 / 10:00 / 30

Die rituale Demokratie

Von Florian Friedman. Letzter Check: Die Kokosnussschalen sitzen perfekt auf den Ohren, die Landebahn erstrahlt unter Fackeln, als wäre es Tag – alle Antennen gen…/ mehr

Gastautor / 07.01.2024 / 11:00 / 18

Was hat das ultraorthodoxe Judentum mit Greta zu tun?

Von Sandro Serafin. Gehen Sie einfach mit dem Publizisten Tuvia Tenenbom auf eine kleine Reise in die Welt der Gottesfürchtigen und nähern sich Schritt für…/ mehr

Gastautor / 03.01.2024 / 06:15 / 61

Ja, wo ist es denn? Impfkommission auf Vertrauens-Suche

Von Andreas Zimmermann.  Wie bekommt man das verlorene Vertrauen der Bevölkerung in offizielle Impf-Empfehlungen zurück? Das war Thema eines Fachgesprächs über die Neuausrichtung der Ständigen…/ mehr

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com