Vera Lengsfeld / 25.11.2007 / 20:09 / 0 / Seite ausdrucken

Die vergessenen Erfolge der DDR-Opposition

Heute vor zwanzig Jahren stürmte ein Stasi-Kommando die Kellerräume der Zionskirche in Ostberlin, um endlich einen entscheidenden Schlag gegen die immer stärker und selbstbewusster werdende DDR-Opposition zu führen. Der Schlag misslang. Dabei hatte sie alles so sorgfältig eingefädelt: Seit Jahren hatte der gefürchtete Staatssicherheitsapparat nahezu ohnmächtig zusehen müssen, wie sich die Bürgerrechtsbewegung in den Räumen der Kirche entwickelt hatte. Seit der Gründung der ersten so genannten Friedens-, und Umweltkreise Anfang der achtziger Jahre war die Zahl der Aktiven auf etwa 3000 angestiegen, mit einem Unterstützerumfeld von fast zehnmal so vielen Menschen. Seit einem Jahr erschienen sogar zwei kleine Zeitungen, die „Umweltblätter“ mit dem schützenden Vermerk „Nur für den innerkirchlichen Dienstgebrauch“ versehen und der „Grenzfall“, dessen Redaktion bewusst darauf verzichtete, um zu demonstrieren, dass sich ein kleiner Teil der Opposition entschlossen hatte, ohne den Schutz der Evangelischen Kirche auszukommen.
Mit der Aktion „Falle“ wollte die Stasi zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Durch einen Spitzel in der Redaktion des „Grenzfall“ war die Stasi darüber informiert, dass die Zeitung in den Räumen der Umweltbibliothek gedruckt werden sollte, wo auch die „Umweltblätter entstanden. Das war notwendig geworden, weil die Wohnung, in der das Blatt bisher hergestellt wurde, nicht mehr sicher war. Der Stasi -IM sollte dafür sorgen, dass die verbotene Zeitung gerade gedruckt wurde, wenn der Überfall stattfand. Außerdem sollte die Redaktion des „Grenzfall“ anwesend sein. Die Stasi hätte dann guten Grund gehabt, sowohl die Grenzfall-Redaktion zu verhaften, die ja eine illegale Zeitung herstellte, als auch die Leute von den „Umweltblättern“, die beim Druck eines illegalen Blattes geholfen hätte. Die Kirchgemeinde hätte nicht protestieren können, denn in ihren Räumen hätten illegale Aktivitäten stattgefunden. Man hätte sogar anschließend Druck auf die Gemeinde ausüben können, ihre Räume der Opposition nicht mehr zur Verfügung zu stellen.
Aber als die Stasi nach Wildwest-Manier die Umweltbibliothek stürmte und die Anwesenden mit vorgehaltener Pistole zwang, sich in eine Ecke des Raumes zu stellen und sich während er Durchsuchung nicht vom Fleck zu bewegen , bekam sie in ihrem Siegesrausch nicht mit, dass der „Grenzfall“ gar nicht gedruckt wurde und die Redaktion des Blattes auch nicht anwesend war. Man hatte sich in letzter Minute entschlossen, dem Druck fern zu bleiben und statt dessen in einer Kneipe ein Bier zu trinken. Der IM erfuhr von dieser Veränderung so spät, das er seinen Führungsoffizier nicht mehr benachrichtigen konnte. Schließlich gab es in der DDR noch keine Handys und kaum funktionierende öffentliche Telefone. Die Stasi verhaftete die Falschen bei der falschen Tätigkeit, denn weil noch zu viele Uneingeweihte anwesend waren, hatte man mit dem Druck der ebenfalls ungeliebten, aber legalen „Umweltblätter“ begonnen.
Nach der Pleite und dem Pech kam noch eine Panne .Als der Pastor der Zionsgemeinde, geweckt von dem Lärm, in den Keller kam, um nachzuschauen, was los war, gelang es den Festgenommenen, ihm zuzurufen, dass er die bekannte Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley von dem Vorgefallenen unterrichten solle. Bärbel rief Roland Jahn in Westberlin an, der informierte die Medien. Wenig später war der Stasiüberfall auf die Umweltbibliothek auf allen Sendern. Roland Jahn tat noch mehr. Er rief alle Flügel der tief zerstrittenen Opposition an. Alle kamen, so schnell sie konnten, in Bärbel Bohleys Atelier. Sehr schnell war man sich einig, das diesmal Protestbriefe und Berichte an die Westmedien nicht genug seien. Zum ersten mal entschloss sich die Opposition zu einer demonstrativen Aktion gegen den Staat, einer Mahnwache vor der Zionskirche, als Protest gegen die Verhaftungen. Zwar wurden fast alle Initiatoren der Mahnwache noch am selben Tag festgenommen. Auch ich musste 24 Stunden in Gewahrsam der Staatssicherheit verbringen. Aber als ich freigelassen wurde und sofort zur Zionskirche fuhr, war die Mahnwache in vollem Gange. Der Eingang der Kirche war über und über mit Blumen und hunderten brennenden Kerzen geschmückt . Auf Transparenten, die außen an der Kirche angebracht worden waren, wurde die Freilassung der Inhaftierten und die Rückgabe der beschlagnahmten Druckgeräte gefordert. Die Stasi konnte alles filmen, musste aber hilflos zusehen, wie der Protest von Stunde zu Stunde größer wurde. Erstmals solidarisierten sich „normale“ Ostberliner offen mit den Bürgerrechtlern. Ein Bäcker brachte täglich frische Schrippen. Bewohner der umliegenden Häuser kamen mit Kaffee und Kuchen vorbei.
Auch die Kirchenleitung musste sich dem Protest anschließen. Entgegen den Vereinbarungen zwischen Staat und Kirche war es zu Verhaftungen und Beschlagnahmungen in Kirchenräumen gekommen. Eine illegale Tätigkeit konnte nicht nachgewiesen werden. Nach wenigen Tagen musste die Stasi dem öffentlichen Druck nachgeben. Die verhafteten Mitarbeiter der Umweltbibliothek wurden aus dem Stasigefängnis Hohenschönhausen entlassen. Die baldige Rückgabe der Druckgeräte wurde in Aussicht gestellt und später auch vollzogen. Die Staatssicherheit hatte vor den Augen der Öffentlichkeit eine Niederlage einstecken müssen. Die Opposition hatte eine weitere Kraftprobe erfolgreich bestanden.
Nach zwanzig Jahren ist nur die Frage, warum es nicht gelungen ist, die Erinnerung an diese erfolgreiche Auseinandersetzung mit einem als unüberwindlich angesehenen Unterdrückungsapparat wach zu halten.

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